Alexander Gerst: Der Duft des Weltalls

Wenn Alexander Gerst heute planmäßig mit einer Sojus-Kapsel in der Kasachischen Steppe landet, hat er 166 Tage im Weltall hinter sich. Der Geophysiker lebte dort auf der Internationalen Raumstation ISS in einer bunt gemischten Sechser-WG. Mit seinen Mitbewohner hatte er monatelang trainiert: „Danach kennt man die Macken der anderen und weiß auch, wie man selbst reagiert. Wir sind Freunde“, kommentiert der sympathische 38-Jährige. Extremsituationen, in denen alle zusammenhalten, kennt er schon von seiner Expedition zum antarktischen Vulkan Mount Erebus, dem Thema seiner Doktorarbeit.

Mit Reid Wiseman und Maxim Surajew hat Alexander Gerst monatelang trainiert. Foto: ESA/NASA

Mit Reid Wiseman und Maxim Surajew hat Alexander Gerst monatelang trainiert. Foto: ESA/NASA

Seine jetzige Mission hat er „Blue Dot“ genannt, blauer Punkt, um darauf aufmerksam zu machen, wie klein und verletzlich die Erde aus dem Weltall wirkt. In einer Live-Sendung mit dem Bayrischen Rundfunk erläuterte er die Namenswahl:

„Wir leben auf einer kleinen blauen Steinkugel, die durchs schwarze Universum fliegt. Alles was wir haben, ist auf dieser Kugel. Wenn wir diese Ressourcen verschwenden, dann ist es mit uns vorbei.“

Gerst fotografierte viele Polarlichter von der ISS. Er sagt selbst: „Hätte nie gedacht, dass ich mal mitten durch eine Aurora fliegen würde.“ Foto: ESA/NASA

Gerst fotografierte viele Polarlichter von der ISS. Er sagt selbst: „Hätte nie gedacht, dass ich mal mitten durch eine Aurora fliegen würde.“ Foto: ESA/NASA

Die Liebe zur Raumfahrt hat er seinem Großvater zu verdanken, einem Amateurfunker. Dieser lies den kleinen Alexander ein paar Sätze aufsagen, während die Antenne auf den Mond gerichtet war – der Spruch wurde am Mond reflektiert und kam verzerrt zurück. „Das fand ich faszinierend, dass ein kleiner Teil von mir gerade auf dem Mond gewesen war.“ Als junger Vulkanforscher hatte sich Gerst gegen mehr als 8.400 Bewerber für das ESA-Astronautenprogramm durchgesetzt. Rund drei Jahre trainierte er auf seinen ersten Raumflug. Dazu gehörte nicht nur Survival-Training in Sibirien bei minus 30 Grad, sowie ein Meeresüberlebenstraining, sondern auch ein Intensivkurs Russisch: 40 Stunden die Woche, danach ist die Bedienung der Sojus-Kapsel und die Verständigung mit der russischen Bodenkontrolle kein Problem mehr. „Das war hart“, erinnert er sich.

Die Mühe hat sich gelohnt: Die Füße von Gerst bei seinem Weltraumspaziergang am 07. Oktober auf einem Roboterarm stehend, die Erde 400 km unter sich. Foto: ESA/NASA

Die Mühe hat sich gelohnt: Die Füße von Gerst bei seinem Weltraumspaziergang am 07. Oktober, fest geschnallt auf einem Roboterarm, die Erde 400 km unter ihm. Foto: ESA/NASA

Kein deutscher Raumfahrer war bislang derartig aktiv in den sozialen Medien: Jeden Tag zwitscherte Gerst in mehreren Tweets, und neue Videos von der ISS gab es nicht nur bei allen großen TV-Sendern, sondern auch fast täglich auf Facebook, Twitter und Youtube.

Live-Feed von @Astro_Alex:

[dpSocialTimeline id=7] Irgendwie logisch: Geschriebene Artikel und Interviews gab es vor dem Start zahlreiche, aber seit seiner Ankunft in 400 km Höhe äußert er sich vor allem mit Video-Botschaften und regelmäßigen Video-Pressekonferenzen. Und der Eröffnungsveranstaltung des 64. Nobelpreisträgertreffens in Lindau schickte er ebenfalls ein Video – ein Jahr zuvor war er selbst als Ehrengast in Lindau gewesen. Videos sind eindeutig das Leitmedium seiner Weltraumreise!

Spiegel-Online hat die häufigsten Leserfragen an Gerst geschickt, der sie dann per Video beantwortete. Meist ging es um das Leben in der Schwerelosigkeit. Zum Beispiel berichtet er über seine erste große Überraschung: Nach dem Start in Baikonur am 28. Mai und einem sechsstündigen Flug nähert sich die Sojus-Kapsel mit drei Astronauten langsam der ISS. Das Funkgerät wird auf Empfang geschaltet – und die drei Raumfahrer hören plötzlich die Wetterberichte aller irdischer Flughäfen unter ihnen.

Ankunft von Gerst auf der ISS am 29.05.2014. Er und seine Kollegen sind froh, endlich am Ziel zu sein. Foto: ESA/NASA

Ankunft von Gerst auf der ISS am 29.05.2014. Er und seine Kollegen sind froh, am Ziel ihrer Träume zu sein. Foto: ESA/NASA

Bei der Ankunft auf der ISS nahm er im ersten Moment einen technischen Geruch wahr, es roch nach Schmiermittel und Elektronik; nach wenigen Minuten hatte er sich daran gewöhnt. Überrascht hat Gerst allerdings die Tatsache, dass es einen Weltraumgeruch gibt – Raumanzüge, die von Außeneinsätzen zurück sind, riechen durchdringend nach Walnuss, „nur technischer“. Gerst vermutet, dass es sich um Oxidierungsprozesse auf der Außenhaut der ISS handelt, die durch die Hochatmosphäre fliegt, wo es noch Sauerstoffatome gibt.

Alexander Gerst beim Durchführen eines Experiments, mit Temperatursensor auf der Stirn. Foto: ESA/NASA

Alexander Gerst beim Durchführen eines Experiments, mit Temperatursensor auf der Stirn. Foto: ESA/NASA

An die Schwerelosigkeit gewöhnt sich der Körper laut Gerst erstaunlich schnell, allerdings bleiben Reflexe aus der Schwerkraft erhalten. Er berichtet zum Beispiel, dass er nach wie vor seinen Kollegen Gegenstände bringen würde – er könne sich einfach nicht daran gewöhnen, sie dorthin fliegen zu lassen. Seine Crew führte insgesamt 160 wissenschaftliche Experimente durch, oft waren die Astronauten dabei selbst der Versuchsgegenstand, zum Beispiel beim Thema Knochenschwund. Es gab auch Experimente zur Materialforschung im einzigen Labor in der Schwerelosigkeit, und zu Verbrennungsprozessen.

Gerst in seiner Schlafkoje: Für Kost und Logis fliegt niemand ins Weltall, der Komfort hält sich in Grenzen. Die Raumfahrer sind trotzdem mehr als zufrieden. Foto: ESA/NASA

Gerst in seiner Schlafkoje: Für Kost und Logis fliegt niemand ins Weltall, Komfort gibt es eher auf der Erdoberfläche. Die Raumfahrer sind trotzdem froh, so einen aufregenden Arbeitsplatz zu haben. Foto: ESA/NASA

Gerst durfte nur 1,5 kg privates Gepäck mit auf die Raumstation nehmen, Kleidung wird dort nicht gewaschen, sondern lange getragen und dann vernichtet. Also entschied er sich hauptsächlich für private Fotos. „Meine Familie hat mich immer unterstützt: Egal ob ich auf Vulkanen forschte, in der Antarktis oder eben jetzt im Weltraum. Sie würden am liebsten mitfliegen.“ Nach seiner Landung wird Gerst sofort nach Europa fliegen und seine Reha in Köln absolvieren; früher blieben die ESA-Astronauten zunächst in Kasachstan. Dann kann er nicht nur seine Lieben wiedersehen, sondern sich auch endlich wieder eine Pizza bestellen – ein Gericht, das er laut Tagesschau im All sehr vermisst hatte.

Gerst in der Cupola, der Aussichtskuppel der Raumstation. Foto: ESA/NASA

Gerst in der Cupola, der Aussichtskuppel der Raumstation. Foto: ESA/NASA

Gersts Traum von einer Weltraumreise ist in Erfüllung gegangen. Vor vielen Jahren wettete er, dass er es schaffen würde, Astronaut zu werden. Und auf der ISS macht er kein Geheimnis daraus, dass er gerne noch weiter fliegen würde als zur ISS, zum Beispiel zum Mond oder Mars. Ob er darüber auch schon Wetten abgeschlossen hat? Das können ihn die Reporter oder die Bürger seiner Heimatstadt Künzelsau fragen, wenn er wieder am Boden ist.

Susanne Dambeck

About Susanne Dambeck

Susanne Dambeck is a science writer in English and German, and author of several nonfiction childrens' books. A political scientist by training, she has worked in politics, television and as a biographer. Apart from scientific findings, she is interested in people and in storytelling in different languages.

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