Robert Koch: ein Gigant wankte

Er bekämpfte Seuchen, gilt als Begründer der Mikrobiologie und erhielt vor 110 Jahren den Nobelpreis – Koch hatte jedoch auch eine dunkle Seite.

Im Sommer 1890 stand der Entdecker des Tuberkulose-Erregers Robert Koch unter Druck. Mehr als acht Jahre waren seit seiner gefeierten Entdeckung verstrichen: Am 24.03.1882 hatte er bei einem Vortrag in Berlin verkündet, das Mycobacterium tuberculosis gefunden zu haben. Deshalb wählte die WHO dieses Datum für den heutigen Welttuberkulosetag.

Der Arzt und Forscher Koch hatte zuerst Meerschweinchen infiziert, anschließend Bakterienkulturen gezüchtet und diese mikroskopiert. Die Nachricht wurde euphorisch aufgenommen, weil man mit einem baldigen Heilmittel rechnete. Nun wollte Koch als der Erlöser von dieser verheerenden Seuche in die Geschichte eingehen. Tuberkulose war damals in Europa und Amerika weit verbreitet – Schätzungen gehen davon aus, dass jeder siebte Deutsche an Tbc starb. Es gab aber keine wirksame Behandlung, und auch Kochs Arbeiten hatten bislang keine ergeben.

Robert Koch, 1843-1910, Fotogravur nach einer Fotografie von Wilhelm Fechner um 1900, public domain

Robert Koch, 1843-1910, Fotogravur nach einer Fotografie von Wilhelm Fechner um 1900, public domain

So verkündete Robert Koch am 04. August 1890 auf dem X. Internationalen Medizinischen Kongress in einem umgebauten Zirkuszelt in Berlin, ein Heilmittel gefunden zu haben. Wie ein Paukenschlag ging diese Nachricht um die Welt. Aus ganz Europa reisten Tbc-Kranke an, Wohnungen wurden in Behelfs-Lazarette umfunktioniert – alle wollten eine Dosis „Tuberkulin“ ergattern. Wer das Mittel bekam, wurde zunächst fürchterlich krank, manche erholten sich wieder, andere starben. Auch privat durchlebte Robert Koch einige Turbulenzen: Im selben Jahr begann er eine Liaison mit einer 17-jährigen Kunststudentin und ließ sich von seiner Frau Emmy scheiden – Ehescheidungen waren zwar seit 15 Jahren möglich, führten jedoch oft ins soziale Abseits. Er testete Tuberkulin an seiner Geliebten Hedwig und sich selbst, beide waren vorher gesund. Sie erkrankte daraufhin schwer.

Robert Koch mit seiner zweiten Frau Hedwig um 1908. Die beiden hatten 1893 geheiratet. Fotograf: unbekannt. Quelle: 1908, Library of Congress, gekauft von der George Grantham Bain Collection , public domain

Robert Koch mit seiner zweiten Frau Hedwig um 1908. Die beiden hatten 1893 geheiratet. Fotograf: unbekannt. Quelle: Library of Congress, gekauft von der George Grantham Bain Collection, public domain

Nach anfänglichen Berichten über Heilungserfolge drehte sich die öffentliche Meinung, als klar wurde, dass Tuberkulin kein Durchbruch in der Tbc-Bekämpfung darstellte. Kochs Lehrer und Konkurrent Rudolf von Virchow konnte nachweisen, dass Verstorbene, die man zuvor mit Tuberkulin behandelt hatte, große Bakterienmengen im Körper hatten – sie waren keinesfalls von dem Wundermittel ausgerottet worden. Im Herbst desselben Jahres musste Koch das Geheimrezept preisgeben: Tuberkulin bestand aus einem Extrakt von Tuberkulosebazillen in Glycerin.

Wie war Koch überhaupt auf die Idee gekommen, dass diese Mischung die Tuberkulose heilen könnte? Er hatte infizierte Meerschweinchen damit behandelt, die daraufhin erstaunlich lang überlebten. Zu seiner Verteidigung muss man hinzufügen: Es gab damals keine verbindlichen Regeln für Arzneimitteltests und -zulassungen. Diese wurden erst nach dem Tuberkulin-Skandal entwickelt, unter anderem von seinem Schüler Emil von Behring. Das von ihm entwickelte Diphtherie-Serum wurde systematisch getestet und vorsichtig klinisch eingeführt – eine direkte Folge des Skandals. Von Behring erhielt dafür 1901 den ersten Medizinnobelpreis, sehr zum Ärger Robert Kochs.

Choleraexpedition nach Indien 1884, Koch ist der dritte von rechts. Fotograf: unbekannt, Quelle: Paul de Kruif: Mikrobenjäger, Zürich, 1927, public domain

Choleraexpedition nach Indien 1884, Koch ist der dritte von rechts. Fotograf: unbekannt, Quelle: Paul de Kruif: Mikrobenjäger, Zürich, 1927, public domain

Im Dezember 1890 floh Koch vor der schlechten Presse nach Ägypten, wo er wenige Jahre zuvor versucht hatte, den Choleraerreger zu beschreiben; dort war er jederzeit ein gern gesehener Gast. In Ägypten war es 1883 zu heiß gewesen, das von Koch entwickelte Trägermedium schmolz in der Wüstenhitze. Er reiste damals weiter nach Indien und konnte 1884 den Choleraerreger in Kalkutta endlich beschreiben, außerdem entdeckte er den Übertragungsweg: verseuchtes Trinkwasser. Diese Entdeckung ermöglichte ihm, die letzte große Choleraempidemie in Deutschland, 1892 in Hamburg, erfolgreich einzudämmen.

Nach seiner Rückkehr nach Berlin 1891 bekam Koch immerhin sein eigenes Institut für Infektionskrankheiten, das heutige Robert-Koch-Institut, dessen Gründung nach dem X. Medizinischen Kongress beschlossen worden war. Er war also nicht so weit in Ungnade gefallen, dass man ihm das Institut entzogen hätte. Allerdings wurde Robert Koch verboten, die Ergebnisse seiner Forschung als Patent anzumelden – ebenfalls eine Konsequenz des Tuberkulin-Skandals.

In seinem neuen Institut befasste sich Koch intensiv mit der Bekämpfung von Typhus und Cholera in Deutschland. Er fand heraus, dass auch nicht-erkrankte Personen ansteckend sein können und leitete daraus umfangreiche Quarantäne-Maßnahmen und systematische Untersuchungsreihen ab. Damit gilt er als einer der Begründer der Epidemiologie. Auf seinen weiten Reisen nach Afrika und Neuguinea bekämpfte er auch die Pest und die Malaria, an letzterer litt er selbst. Schließlich, 1905, erhielt Koch den ersehnten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für seine Entdeckung des Tuberkulose-Erregers.

Tuberkulose-Erreger im Elektronenmikroskop. Die stabförmigen Bakterien teilen sich extrem langsam, was ihre Bekämpfung stark erschwert. Photo: CDC/PHIL, public domain

Tuberkulose-Erreger im Elektronenmikroskop. Die stabförmigen Bakterien teilen sich extrem langsam, was ihre Bekämpfung stark erschwert. Photo: CDC/PHIL, public domain

Spätestens in den 1960er Jahren schien ein Sieg über die Tuberkulose mit wirksamen Antibiotika-Kombinationstherapien nur noch eine Frage der Zeit. Leider ist sie heute immer noch nicht besiegt, die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass allein im Jahr 2012 mehr als eine Millionen Menschen an dieser Krankheit starben, ein Viertel war zusätzlich HIV-positiv, überwiegend in Entwicklungs- und Schwellenländern. Da sich das Bakterium sehr langsam teilt, dauert die Standardtherapie mindestens sechs Monate, falls Resistenzen vorliegen, noch länger, und Resistenzen erfordern vor allem neue, teure Medikamente. Deshalb kommt es in ärmeren Ländern eher zu Therapieabbrüchen, was wiederum Resistenzen befördert.

Multiresistente Bakterienstämme stellen auch die Ärzte in entwickelten Ländern vor große Herausforderungen, weil Patienten mit solchen Keimen heute schnell um den ganzen Globus reisen können. Forschungsgruppen in aller Welt versuchen, neue Schwachstellen des Erregers zu finden, damit dieser besser bekämpft werden kann. Ein Beispiel: Die Forschungsgruppe von Prof. Caroline Kisker greift in den Cholesterin-Stoffwechsel des Bakteriums ein, um neue Wirkstoffe zu entwickeln.

Robert-Koch-Statue vor der Charité in Berlin. Foto: Andreas Steinhoff

Robert-Koch-Statue vor der Charité in Berlin. Koch starb 1910 mit 76 Jahren in einem Sanatorium in Baden-Baden. Foto: Andreas Steinhoff

Susanne Dambeck

About Susanne Dambeck

Susanne Dambeck is a science writer in English and German, and author of several nonfiction childrens' books. A political scientist by training, she has worked in politics, television and as a biographer. Apart from scientific findings, she is interested in people and in storytelling in different languages.

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