Große Tradition verpflichtet – Wissenschaftsland Frankreich

Sieben Nobelpreisträger aus Frankreich zu Gast in Lindau

Zwei berühmte Namen stehen auch heute noch für große Forschung: Louis Pasteur und sein Institut Pasteur und Marie Curie und das von ihr begründete Institut Curie.

Marie Curie mit vier ihrer Studentinnen (zw. 1910 und 1915). Quelle: Library of Congress, Fotograf unbekannt

Marie Curie mit vier ihrer Studentinnen (zw. 1910 und 1915).
Quelle: Library of Congress, Fotograf unbekannt

Sowohl Pasteur als auch Curie hatten dabei nicht nur ihre aktuelle Forschung, sondern die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und das Schaffen einer geeigneten Institution dafür vor Augen. Die historische Entwicklung der Institute ist eine Bestätigung dieser Bemühungen auf ganzer Linie. Das Institut Pasteur – dessen Gründung durch eine Spendenwelle nach der erfolgreichen Tollwut-Impfung eines Jungen möglich wurde – gilt auch heute noch als führende Einrichtung in der biomedizinischen Forschung Frankreichs.

Das Institut berät die französische Regierung und die Weltgesundheitsorganisation und fungiert zudem als epidemiologisches Überwachungszentrum. Das Institut Curie – heute ein auf Krebs spezialisiertes Krankenhaus und gleichzeitig Forschungseinrichtung – ist zu dem geworden, was Marie Curies Ziel war: Ein Zentrum, in dem Grundlagenforschung Hand in Hand mit der therapeutischen Anwendung geht. An die 2000 Wissenschaftler aus aller Welt arbeiten hier an ihrem gemeinsamen Ziel, dem Kampf gegen Krebs.

Die Geschichte des Institut Curie führt uns zurück zur Erforschung der Radioaktivität und mit ihr verbunden einer mehr als außergewöhnlichen Familiengeschichte, in deren Verlauf es zwei Ehepaaren in zwei Generationen gelang, insgesamt 5 Nobelpreise zu erhalten – zunächst Pierre und Marie Curie, dann Marie Curie noch einmal nach dem Unfalltod ihres Mannes und später ihrer Tochter Irène Curie-Joliot und deren Mann Frédéric Joliot.

Der Nobelpreis des jungen Paares für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität jährt sich in diesem Jahr zum achtzigsten Mal. Diese Entdeckung markiert den eigentlichen Beginn der Strahlentherapie. Heute gibt es im Institut Curie für jede Krebsart eine eigene Behandlungsmethode und für jedes befallene Organ eine eigene Therapie.

Eine prominente Nobelpreisträgerin der Gegenwart hingegen leitet uns direkt zum Institut Pasteur in Paris: Francoise Barré-Sinoussi – die Grande Dame der Aids-Forschung, Entdeckerin des HI-Virus (mit Luc Montagnier) und Leiterin der Abteilung zur Biologie von Retroviren am Institut Pasteur. Sie wird bei der aktuellen Nobelpreisträgertagung über die Gründung des Institut Pasteur in Paris und seine weltweiten Ableger sprechen und den Zuhörerinnen und Zuhörern das humanistische Weltbild Pasteurs und seinen überaus modernen Blick auf eine Wissenschaft ohne Grenzen und zum Wohle der Menschheit vermitteln. Barré-Sinoussi setzt dabei die Errungenschaften der Aids-Forschung in Bezug zur Behandlung von Epidemien wie Ebola.

Irène Curie-Joliot und Frédéric Joliot, Internationale Konferenz für Physik London 1934; Foto: GFHund, CC BY 3.0

Irène Curie-Joliot und Frédéric Joliot, Internationale Konferenz für Physik London 1934; Foto: GFHund, CC BY 3.0

„Pasteur’s humanist and very modern view of translational multidisciplinary science for the benefit of populations, and without borders, resulted in key breakthroughs in prevention, diagnosis and treatment of diseases, starting with vaccination against rabies to comprehensive research on Ebola today.“

Das französische Forschungssystem hat einen anderen Weg genommen als die der anderen bedeutenden Wissenschaftsnationen. Während meist schon früh der Wettbewerb zwischen Forscherteams stattfand und sich um die Universitäten und Institut herum entwickelte, gelang es den Universitäten in Frankreich am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht, sich zu emanzipieren und den modernen Erfordernissen entsprechend zu entwickeln. So nahm es die Regierung in die Hand und gründete 1939 das Nationale Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS). Das CNRS hatte 2013 einen Etat von 3,4 Milliarden Euro und 32.000 Beschäftigte und ist somit die größte Forschungsorganisation Europas. Ihren Aufschwung erlebte die französische Forschung nach dem zweiten Weltkrieg. Damals wurden neben gut ausgestatteten Laboratorien auch eine Reihe spezialisierter Einrichtungen gegründet. Neben den 83 Universitäten des Landes und etwas einhundert Elitehochschulen und Hochschuleinrichtungen, gibt es daher auch rund dreißig Forschungseinrichtungen mit schwerpunktbezogener Ausrichtung, sowie die beiden prestigeträchtigen Stiftungen Institut Pasteur und Institut Curie.

Frankreich investiert circa 2,25 % seines Bruttoinlandprodukts in Forschung und Entwicklung und steht damit auf Rang 4 der OECD-Liste (hinter USA, Japan und Deutschland). Mit der Zahl seiner Forscher nimmt es den 6. Platz ein. In der Forschung beschäftigt sind: 162.000 Personen in der öffentlichen und weitere 213.000 Personen in der privaten Forschung. Die private Forschung konzentriert sich auf die Sektoren Elektronik, Automobil, Informatikdienste und Pharmazeutik. Frankreich verfügt über ein auf die Verzahnung von Forschung und Unternehmen ausgerichtetes System der Nachwuchsförderung (Label „Institut Carnot“) und fördert das Wachstum innovativer Unternehmen durch Steuergutschriften auf Forschungsausgaben. Zudem existiert eine nationale Forschungsagentur (ANR), die wettbewerbsfähige Projekte aus Schwerpunktbereichen der Forschung mit über 600 Millionen Euro unterstützt.

All dies macht sich folgerichtig auch bei der Vergabe von hochrangigen Preisen an Forschende aus Frankreich bemerkbar. Stolz vermeldet das Wissenschaftsportal der Französischen Botschaft in Deutschland, dass die großen nationalen Anstrengungen mit Nobelpreisen und mehreren Fields-Medaillen belohnt würden. Mit ihrer Anwesenheit bei der diesjährigen Lindauer Nobelpreisträgertagung werden uns neben Francoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier auch die Physiknobelpreisträger Serge Haroche, sein Doktorvater Claude Cohen-Tannoudji, und Albert Fert, Entdecker des Riesenmagnetwiderstand beehren. Außerdem mit dabei: Medizinnobelpreisträger Jules A. Hoffmann (gebürtiger Luxemburger und seit 1970 französischer Staatsbürger), der für seine Entdeckungen zur Aktivierung des angeborenen Abwehrsystems ausgezeichnet wurde und Chemienobelpreisträger Jean-Marie Lehn, ein Pionier des neuen Forschungsfeldes der supramolekularen Chemie.

Von links im Uhrzeigersinn: Francoise Barré-Sinoussi, Luc Montagnier, Serge Haroche, Claude Cohen-Tannoudji, Albert Fert, Jules A. Hoffmann und Jean-Marie Lehn. Fotos: Peter Badge, LNLM

Von links im Uhrzeigersinn: Francoise Barré-Sinoussi, Luc Montagnier, Serge Haroche, Claude Cohen-Tannoudji, Albert Fert, Jules A. Hoffmann und Jean-Marie Lehn. Fotos: Peter Badge, LNLM

Wer sich für den Output an wissenschaftlichen Publikationen aus Frankreich interessiert, oder für die Länder, mit denen französische Wissenschaftler internationale Forschungsverbünde eingehen, der wird beim Nature Index fündig. Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum April 2014 bis März 2015. Bei den Top 10 der Kooperationspartner führen die USA das Ranking an, gefolgt von Deutschland und UK. Bei den Forschungsartikeln dominieren der Anzahl nach die Physical Sciences, gefolgt von Life Science und Chemie.

Frankreich ist dieses Jahr Gastgeber eines Science Breakfast und des International Get-Together. Die Young Scientists können sich auf eine Master Class von Albert Fert, Jules A. Hoffmann und Jean-Marie Lehn freuen. Lectures werden Francoise Barré-Sinoussi, Claude Cohen-Tannoudji, Serge Haroche und Jean-Marie Lehn halten.


Slider: Eiffelturm, Foto: R. Zinken

Stephanie Hanel

About Stephanie Hanel

Stephanie Hanel is a journalist and author. Her enthusiasm for the people behind science grew out of her work as an online editor for AcademiaNet, an international portal that publishes profiles of excellent female scientists. She is an interested observer of new communication channels and narrative forms as well as a dedicated social media user and science slam fan.

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