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Veröffentlicht 8. Dezember 2022 von Phil Thornton

Der Preis für Wirtschaftswissenschaften 2022: Für einen besseren Umgang mit Finanzkrisen

Der Wirtschaftspreis 2022 ehrt Erkenntnisse zur Abdämpfung von Finanzkrisen. Photo/Credit: marrio31/iStockphoto

Die drei US-Ökonomen, die sich den Preis der Sveriges Riksbank für Wirtschaftswissenschaften 2022 teilen, erhalten die Auszeichnung für den Nachweis, wie wichtig es ist, den Zusammenbruch von Großbanken zu verhindern, insbesondere während Finanzkrisen.

Ben S. Bernanke, ehemaliger Professor an der Harvard University und jetzt an der Brookings Institution tätig, teilt sich den Preis zu gleichen Teilen mit dem Chicagoer Booth-Professor Douglas W. Diamond und Philip H. Dybvig, Professor an der Washington University in St. Louis. Geehrt wird er für seine jahrzehntelange Arbeit, die die Grundlagen für die Beschäftigung mit Fragen rund um das Bankwesen gelegt hat. Warum haben Nationen Banken, wie kann man sie in Krisen weniger anfällig machen und wie verschlimmern Bankenzusammenbrüche Finanzkrisen?

Verbesserte Abmilderung von schweren Krisen

In der offiziellen Bekanntgabe erklärten die Mitglieder des Preiskomitees, der Ansatz der drei Ökonomen sei von großer praktischer Bedeutung für die Regulierung der Finanzmärkte und die Bewältigung von Finanzkrisen. Tore Ellingsen, Vorsitzender des Preiskomitees für Wirtschaftswissenschaften, sagte bei der Bekanntgabe des Preises: „Die Erkenntnisse der Preisträger haben unsere Fähigkeit verbessert, sowohl schwere Krisen als auch teure Rettungsaktionen zu vermeiden.“

Der Beitrag der Preisträger zum Verständnis der Wirtschaftswissenschaften über die Rolle der Banken in Finanzkrisen erfolgte auf zwei unterschiedlichen Wegen. Bernanke analysierte die Große Depression der 1930er Jahre, die schlimmste Wirtschaftskrise der jüngeren Geschichte.

In seinem klassischen Aufsatz von 1983 in der American Economic Review, „Nonmonetary Effects of the Financial Crisis in the Propagation of the Great Depression“, erklärte Bernanke, warum eine leichte Rezession in den Vereinigten Staaten Ende 1929 in die Große Depression der 1930er Jahre mündete.

Er zeigte, dass der Run auf die Banken ein entscheidender Faktor dafür war, dass die Krise sich so tief und langanhaltend gestaltete. Als die Banken zusammenbrachen, gingen wertvolle Informationen über die Kreditnehmer*innen verloren und konnten nicht schnell genug wiederhergestellt werden. Die Fähigkeit der Volkswirtschaft, Ersparnisse in produktive Investitionen zu lenken, wurde dadurch stark beeinträchtigt.

Bevor Bernanke seinen Artikel veröffentlichte, herrschte unter Expert*innen die Meinung vor, dass die Depression hätte verhindert werden können, wenn die US-Zentralbank mehr Geld gedruckt hätte. Seine Analyse zeigte, dass Faktoren, die direkt mit dem Zusammenbruch der Banken zusammenhingen, den größten Teil des Abschwungs der Wirtschaftstätigkeit ausmachten.

Das Diamond-Dybvig-Modell

Gebäude einer Bank im Gegenlicht
Die Banken sind ein wesentlicher Bestandteil des Finanzsystems und sollten entsprechend reguliert und geschützt werden. Photo/Credit: Vertigo3d/iStockphoto

Im selben Jahr veröffentlichten Diamond und Dybvig im Journal of Political Economy ihren bahnbrechenden Artikel „Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity“, der zur Entwicklung des Diamond-Dybvig-Theoriemodells führte, das erklärt, wie Banken Liquidität für Anleger*innen schaffen, während Kreditnehmer*innen Zugang zu langfristigen Finanzierungen haben.

Diamond und Dybvig präsentierten auch eine Lösung für das Problem der Anfälligkeit von Banken in Form einer Einlagensicherung durch den Staat. Wenn die Einleger*innen wissen, dass der Staat für ihr Geld bürgt, brauchen sie nicht mehr zur Bank zu eilen, sobald Gerüchte über einen Bank-Run aufkommen. Dadurch wird ein Bank-Run von vornherein verhindert.

Laut Tyler Cowen, Holbert L. Harris Professor für Wirtschaftswissenschaften an der George Mason University, handelt es sich um das grundlegendste Verständnis der Funktionsweise der Finanzintermediation in modellierter Form. „Es ist die Grundlage dafür, wie Ökonomen über die Einlagensicherung und die Funktion der [US-Notenbank] als Kreditgeber der letzten Instanz denken.“

Die beiden Forschungsarbeiten bilden zusammen einen umfassenden Leitfaden für den Umgang mit Finanzkrisen. Die theoretischen Erkenntnisse von Diamond und Dybvig über die Bedeutung der Banken und ihre inhärente Anfälligkeit bilden die Grundlage für eine moderne Bankenregulierung, die ein stabiles Finanzsystem schaffen soll. Bernankes Analyse gibt Aufschluss darüber, wie die Regulierung versagen kann und was die Länder tun können, um eine drohende Panik zu verhindern.

Umgang mit Schwachstellen

John Hassler, Mitglied des Preiskomitees und Wirtschaftsprofessor am Institut für Internationale Wirtschaftsstudien an der Universität Stockholm, sagte, beide Beiträge erläuterten die Rolle der Banken, ihre Anfälligkeit und was getan werden könne, um dieser Anfälligkeit zu begegnen.

„Die theoretische Arbeit und Bernankes Arbeit über die realen Geschehnisse in den 1930er Jahren passen sehr gut zusammen. […] Wir können lernen, wie wichtig es ist, dafür zu sorgen, dass die Dienstleistung der Banken, nämlich die Übertragung von Ersparnissen auf produktive Investitionen, nicht zusammenbricht. Denn wenn das passiert, hat das dramatische Folgen.“

Man in front of a screen with financial data
The financial crisis 2008/09 and the corona pandemic were recent critical situations. Photo/Credit: peshkov/iStockphoto

Bernankes Erkenntnisse zur Weltwirtschaftskrise 1929 wurden als entscheidend für seinen Umgang mit der globalen Finanzkrise 2008/09 angesehen, die in seine Zeit als Vorsitzender der US-Notenbank fiel. Als die Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 ausbrach, spielten die Forschungsarbeiten der Preisträger eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der umfangreichen Maßnahmen, die die politischen Entscheidungsträger ergriffen, um sicherzustellen, dass sich die Auswirkungen auf die Finanzmärkte nicht zu einer neuen Depression ausweiten.

Wie John Turner, Professor an der Queens University Belfast, und Anil Kashyap, ehemaliges Mitglied des Ausschusses für Finanzpolitik der Bank of England, in einem gemeinsamen Beitrag für Economics Observatory erklärten, kam die Auszeichnung „gerade zur rechten Zeit“. „Ihre Forschung hat unser Verständnis der Rolle der Banken – in normalen Zeiten und in Krisen – erheblich verbessert“, schrieben sie.

Das Komitee stellte aber klar, dass die Aktualität der Themen rund um Bankenzusammenbrüche kein relevanter Faktor für die Entscheidung über die Preisvergabe war. „Es gibt tatsächlich einen sehr aktuellen Bezug. Darüber sind wir natürlich nicht unglücklich, aber es war nicht der Grund für die Preisvergabe“, so Hassler.

Ben S. Bernanke

Ben S. Bernanke ist „Distinguished Senior Fellow, Economic Studies“ an der Brookings Institution in Washington DC. Von 2006 bis 2014 war er der 14. Vorsitzende der US-Notenbank. Er wurde 1953 in Augusta, Georgia, in den Vereinigten Staaten geboren. Im Jahr 1979 erhielt er seinen Doktortitel vom Massachusetts Institute of Technology.

Douglas W. Diamond

Douglas W. Diamond ist „Merton H. Miller Distinguished Service Professor of Finance“ an der University of Chicago, Booth School of Business, Illinois. Er wurde 1953 geboren und erhielt 1980 seinen Doktortitel von der Yale University. Diamond war Präsident der American Finance Association (2003) und der Western Finance Association.

Philip H. Dybvig

Philip H. Dybvig ist „Boatmen’s Bancshares Professor für Bankwesen und Finanzen“ an der Olin Business School der Washington University in St. Louis, Missouri. Er wurde 1955 geboren und promovierte 1979 an der Yale University. Von 2002 bis 2003 war er Präsident der Western Finance Association.

Phil Thornton

Phil Thornton ist leitender Berater auf freiberuflicher Basis bei Clarity Economics, einem Beratungs– und Schreibservice, den er nach seiner 15-jährigen Laufbahn als Zeitungsjournalist gründete. Clarity Economics (www.clarityeconomics.com) befasst sich mit allen Geschäfts– und Wirtschaftsbereichen, wie beispielsweise der Makroökonomie, dem Welthandel, den Finanzmärkten, der Fiskalpolitik sowie Steuern und Regulierung. Seine Artikel wurden in einer Reihe von namhaften Publikationen wie The Wall Street Journal, The Independent, Independent on Sunday, The Guardian, The Times, The Daily Telegraph, Financial Director, Emerging Markets, City AM sowie PM-Select veröffentlicht. Zudem schreibt er regelmäßige Wirtschaftskolumnen für Procurement Leaders. Jüngste Projekte beinhalten eine Reportserie für Business in the Community, die die Stellung von ethnischen Minderheitengruppen innerhalb der britischen Belegschaft thematisiert. Hinzu kommen die Ausarbeitung von Vorschlägen zur Reform des EU-Haushalts für Business for a New Europe sowie eine Auswertung des britischen Finanzsystems für The Centre for the Study of Financial Innovation (CSFI). 2010 gewann Thornton die Auszeichnung Future Journalist of the Year im Zuge der WorkWorld Media Awards. Drei Jahre zuvor wurde ihm der Titel Print Journalist of the Year verliehen. Bis 2007 war er acht Jahre lang Wirtschaftskorrespondent bei der Londoner Zeitung The Independent.