Von Viren, Krebs und dem Risiko bei Rotem Fleisch – Harald zur Hausen

Was ist für die Entstehung von Krebs verantwortlich? Die meisten werden relativ schnell auf kanzerogene Chemikalien kommen, also zum Beispiel Nitrosamine im Tabakrauch. Bekannt ist natürlich auch die krebsauslösende Wirkung ionisierender Strahlung. Daher cremt man sich in der Sonne ein, versucht die Anzahl der Röntgenuntersuchungen zu minimieren und möglichst den Kontakt zu radioaktiven Substanzen zu vermeiden. Harald zur Hausen hat 2008 den Nobelpreis für den Nachweis bekommen, dass auch Viren Krebs auslösen können. Zur Hausen konnte zeigen, dass fast 100% aller Zervixkarzinome durch die Infektion mit bestimmten Typen des humanen Papillomvirus (HPV) verursacht werden; und Gebärmutterhalskrebs ist die dritthäufigste Krebserkrankung bei Frauen.

Papillomviren sind DNA Viren, sie befallen Haut- und Schleimhautzellen. Es kommt zur Tumorbildung und zu unkontrollierte, Zellwachstum, wenn durch virale Proteine der normale, programmierte Zelltod (Apoptose) verhindert wird.

Derzeit wird davon ausgegangen, dass etwa 21% aller Krebserkrankungen auf Infektionen zurück zu führen sind, gut 60% davon auf Viren. Es wurde gezeigt, dass außer den Papillomviren noch Hepatitis B und C Vire, Epstein-Barr Viren, ein Typ des Herpesvirus und HIV-Viren Krebs auslösen können. Durch Viren ausgelöste Tumore haben im allgemeinen eine längere Latenzzeit, bei Gebärmutterhalskrebs etwa beträgt diese zwischen 15 und 25 Jahren, durch Hepatitis B und C Viren ausgelöster Leberkrebs tritt erst bis zu vierzig Jahre nach der Infektion auf.

Im Gegensatz zu Krebserkrankungen ausgelöst durch ionisierende Strahlen oder kanzerogene Chemikalien haben durch Viren ausgelöste Tumore einen großen Vorteil: Man kann durch Impfungen vorbeugen. Besonders die Impfungen gegen HPV-Infektionen sind beispiellos erfolgreich und Langzeitstudien haben gezeigt, dass der Impfschutz sehr lange vorhält, die Nebenwirkungen fast vernachlässigbar sind, und der Schutz vor Neuinfektion und vor detektierbaren Krebsvorstufen nahezu 100% beträgt. Einzige Bedingung ist, dass Kinder und Jugendliche vor dem ersten Sexualkontakt geimpft werden, dem häufigsten Übertragungsweg.

Zur Hausen warf die Frage auf, ob HPV-induzierte Tumore prinzipiell ausgerottet werden können, und hat sie gleich selbst beantwortet: Im Prinzip ja – falls flächendeckend über einen längeren Zeitraum geimpft wird, und zwar Jungen und Mädchen

Neue Verbindungen zwischen Viren und Krebs? Rotes Fleisch.

Nachdem der Zusammenhang zwischen HPV und Gebärmutterhalskrebs (sowie zu einem Teil zu Penis-, Anal- und Vaginalkrebs) gezeigt wurde, drängt sich die Frage auf, ob andere Krebsarten für die bislang keine spezifischer Auslöser bekannt sind, nicht auch durch Viren verursacht werden können. Dieser Frage ging zur Hausen im zweiten Teil seines Vortrags nach, insbesondere am Beispiel von Krebserkrankungen, die mit kulturellen und lokalen Ernährungsgewohnheiten korrelieren.

Seit einiger Zeit wird vermutet, dass rotes Fleisch ein Risikofaktor für bestimmte Krebsarten ist: Vor allem Darmkrebs, aber auch Brustkrebs und Lungenkrebs werden mit dem Genuss von Rindfleisch in Verbindung gebracht. Zur Illustration zeigte zur Hausen eine Weltkarte, farbig codiert nach Ländern und Krebsraten. Es fällt auf, dass beispielsweise in Indien, in denen Kühe eher verehrt als gegessen werden, die Darmkrebsrate deutlich niedriger ist als in Ländern, in denen Rindfleisch genossen wird – gerne auch nur teilweise gegart oder gebraten, zum Beispiel in Westeuropa, Australien oder Nordamerika.

Derzeit wird davon ausgegangen, dass hauptsächlich chemische Karzinogene für die erhöhten Krebsraten verantwortlich sind, die beim Zubereiten des Fleischs, beispielsweise beim Grillen, entstehen. Zur Hausen führte zwei Gründe an, warum er dennoch denkt, dass Viren eine Rolle spielen könnten: Zum einen sind die Krebsraten in Ländern in denen bevorzugt weißes Fleisch gegessen wird deutlich niedriger, obwohl sowohl Fisch also auch Hühnerfleisch gebraten und gegrillt wird. Zum anderen ist zu beobachten, dass in Ländern in denen erst in den letzten Jahrzehnten vermehrt Rindfleisch gegessen wird, beispielsweise Rinderfondue in Japan und Korea, die Darmkrebsraten entsprechend stark ansteigen.

Zur Hausen vermutet, dass es vor allem hitzestabile Tierviren sein könnten, wie Papillom- und Polyomviren sowie einzelsträngige DNA-Viren, die mit nicht durchgebratenem oder rohem Rindfleisch gegessen werden und für einen Teil der Krebserkrankungen verantwortlich sind.

Ich darf kein Blut spenden, da ich 1998, also vor dem BSE-Skandal für ein Jahr in Großbritannien gelebt habe und damit zur Risikogruppe der BSE-Überträger zähle. Falls sich zur Hausens Verdacht erhärtet werden wir vielleicht in ein paar Jahren beim Blutspendetermin vom Roten Kreuz gefragt, ob wir in den letzten Jahrzehnten Steak Tartar, Filet Mignon oder Rindercarpaccio gegessen haben. Unser Blut könnte Krebs auslösende Rinderviren enthalten.

Wie in meinem Artikel zum Vortrag von Elizabeth Blackburn ist auch hier der komplette Videomittschnitt des Vortrags von Harald zur Hausen eingebunden.

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