Werden wir irgendwann alle Krankheiten heilen können?

Wir warten ja schon seit Jahren auf den großen Paradigmenwechsel in der modernen Medizin. So lange, dass die großen Hoffnungen inzwischen durch mehrere Zyklen von Begeisterung und Enttäuschung gegangen sind. Zum Beispiel das Human Genome Project, das unser Verständnis des Menschen revolutionieren sollte, in letzter Konsequenz aber vor allem deutlich gemacht hat, was wir alles noch nicht wissen – auch das ein Erfolg, aber nicht der erhoffte. Ganz ähnlich sieht es bei der personalisierten Medizin aus. Methoden wie Genanalysen, Biomarker und dergleichen, sollten eigentlich dazu führen, dass Ärzte ihre Patienten besser verstehen und Therapien genau auf sie zuschneiden. Passiert ist allerdings in vielen Fällen etwas anderes: Die molekularbiologischen Verfahren haben zuerst einmal unerwartete Details über Krankheiten zutage gefördert. Es hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass Tumorkrankheiten, die unter einer einzelnen Diagnose wie Brustkrebs zusammengefasst werden, tatsächlich eine Sammlung unterschiedlicher Erkrankungen sind, mit teilweise sehr unterschiedlichen molekularen Ursachen. Das große Rätsel der früheren Krebsforschung, weshalb ein Tumor auf eine bestimmte Behandlung reagiert, ein sehr ähnlicher dann wiederum nicht, hat sich damit nahezu in Luft aufgelöst. Es ist alles in den molekularen Details. Und hier erleben wir tatsächlich einen Paradigmenwechsel, gleichsam direkt vor unseren Augen. Es ist noch gar nicht so lange her, da fand man Wirkstoffe gegen bestimmte Krankheiten nur durch eine gute Portion Glück – durch sorgfältige Beobachtung zufällig aufgetauchter Phänomene, oder später durch massives Screening zigtausender Leitstrukturen auf mögliche Funken pharmakologischer Aktivität. Erst lange nach der Entdeckung gelingt es in solchen Fällen, tatsächlich herauszufinden, wie solche Medikamente tatsächlich ihre Wirkung entfalten, an welchem Punkt sie in den Krankheitsverlauf eingreifen.

Kleine und große Untereinheit des Ribosoms von Haloarcula marismortui. Die Ribosomen von Bakterien und Säugetieren unterscheiden sich stark genug, um auf der Basis der Strukturdifferenzen neue Antibiotika zu gewinnen. Bild: David Godsell

Diese Reihenfolge kehrt sich derzeit um. Je mehr Wissenschaftler über Krankheiten auf molekularer Ebene erfahren, desto einfacher wird es, in Zukunft ein Medikament in allen seinen molekularen Details zu konzipieren und anschließend gezielt für den vorgesehenen Zweck zu entwerfen. Das sagt sich so einfach daher, aber natürlich sind auch da die Hürden noch immens – andererseits, die ersten Schritte sind gemacht, man kennt dank ausdauernder Forschung die molekulare Basis vieler lebenswichtiger Vorgänge in der Zelle. Für viele dieser entscheidenden Forschritte sind Nobelpreise vergeben worden: Für die Strukturaufklärung des Ribosoms, von der sich Forscher ganz neue und dringend benötigte Ansätze für Antibiotika erhoffen, der Transmembranrezeptoren oder auch die Erkenntnisse rund um Ubiquitin und Proteasom, den zellulären Entsorgungsprozessen. Ein beträchtlicher Teil der Forscherinnen und Forscher, die dieser schleichenden medizinischen Revolution den Boden bereitet haben, sind regelmäßige Gäste bei den Lindauer Nobelpreisträgerkonferenzen. Ihr Thema wird erheblichen Raum einnehmen, nicht nur in Form von Vorträgen wie jenen von Aaron Ciechanover und Brian Kobilka, sondern auch in den Masterclasses und Gesprächsrunden. Es ist das Treffen zweier Generationen: Die eine hat den Paradigmenwechsel auf den Weg gebracht, die andere wird ihn hoffentlich vollenden.