Die Nachhaltigkeitsdiskussion ist strukturell ungerecht

Gestern früh war ich zu einem Wissenschafts-Frühstück eingeladen. Natürlich nicht allein, sondern zusammen mit ein paar Dutzend Nachwuchswissenschaftlern, und wie das in Lindau so ist, gab es nicht nur Croissants, sondern auch einen Nobelpreisträger. Nachdem wir unser erhebliches Koffeindefizit behoben und die großformatigen Architekturfotos an den Wänden (“Hey, that’s near Toronto! It was being built when I did my postdoc there!”) bewundert hatten, sahen wir eine Podiumsdiskussion unter anderem mit Physik-Nobelpreisträger und Ex-Energieminister Steven Chu, Thema: Wie kann die Wissenschaft Technologien vorantreiben, die die Ressourcen des Planeten besser nutzen? Eigentlich ist Chu da auch der Richtige für, weil er nicht nur das Herz am rechten Fleck, sondern auch eine Reihe wirklich hilfreicher Ansichten und Einsichten zu bieten hat. Ich empfehle sehr, die Aufzeichnung seines Vortrags anzugucken, wenn sie online ist. In letzter Zeit habe ich bei derartigen Diskussionen aber generell ein ungutes Gefühl. In der Diskussion ist ganz grundsätzlich etwas faul. Ich habe das mal in 140 Zeichen zusammengefasst: Das ist natürlich etwas unfair gegenüber den Ausrichtern solcher Veranstaltungen, schließlich können sie nicht wirklich etwas für die verfahrene Situation. Aber wie man an der Resonanz sehen kann, trifft es einen Nerv. Und das Problem war bei diesem Panel auch irgendwie besonders deutlich, das ist auch dem Publikum nicht entgangen. Chu und Howard-Yana Shapiro, Pflanzenforscher beim Ausrichter Mars Inc., haben da unter anderem empfohlen, der Nachwuchs solle über den Tellerrand des eigenen Faches blicken und Erkenntnisse aus anderen Disziplinen übernehmen. Seid kreativ! Und so. In der Fragerunde ist dann gleich als erstes eine Wissenschaftlerin aufgestanden und hat darauf hingewiesen, was mit Leuten passiert, die sowas machen: Die kriegen nämlich bei der Stellensuche gesagt, sie sollten sich gefälligst auf ihr eigenes Fach konzentrieren. Es ist schön einfach, Kreativität und unkonventionelle Herangehensweisen einzufordern, wenn man nicht selbst im Bewerbungsgespräch dafür gerade stehen muss. Aber das Problem geht noch tiefer. Da sitzen dann Leute aus gerade jener Generation, die in den letzten fünf Jahrzehnten ihre Karrieren und ihren Wohlstand auf den Segnungen der nicht-nachhaltigen Entwicklung aufgebaut haben, und empfehlen, wie die wissenschaftlichen Schwerpunkte und Laufbahnen der nächsten Generation idealerweise aussehen sollen, um den verursachten Mist wieder wegzumachen. Und das gleiche Spielchen haben wir im globalen Maßstab: Die westlichen Industrienationen haben das gesamte letzte Jahrhundert ihre private Ressourcenparty gefeiert und dabei Wohlstand und Privilegien angehäuft, und jetzt stellen wir auf einmal fest, oh, da gibt es ja ein Problem. Und jetzt müssen all jene in China, Indien, Südamerika oder sonstwo, die nach Jahrzehnten auch mal auf einen grünen Zweig kommen und ein Stück vom Kuchen wollen, sich plötzlich anhören, dass sie beim Entwickeln doch bitte vorsichtig und nachhaltig sein sollen. Und zwar überwiegend von älteren Herren aus den Industrieländern, die in den letzten paar Jahrzehnten in nicht-nachhaltiger Weise ziemlich gut prosperierten. Wir können davon ausgehen, dass es weltweit eine ganze Menge Leute gibt, die das nicht allzu lustig finden. Beim Thema Gerechtigkeit sind viele Menschen sehr empfindlich. Wir müssen dieses Problem offensiv angehen, schon wegen des erheblichen Konfliktpotenzials, das darin steckt. Denn in letzter Konsequenz sitzen wir alle im gleichen Boot, und niemand sollte das Gefühl haben, auf dem Weg in die Zukunft über Bord zu gehen.