Veröffentlicht 14. November 2014 von Susanne Dambeck
Zehn überraschene Fakten über Diabetes
Heute ist Weltdiabetestag – blau angestrahlte Gebäude machen auf diese globale Epidemie aufmerksam. Lesen Sie hier erstaunliche Fakten über diese unterschätzte, tückische und häufig unentdeckte Krankheit.
Geschätzte 347 Millionen Menschen leiden an Diabetes, mehr als acht Prozent der Weltbevölkerung. Noch vor zwanzig Jahren ging die WHO von 135 Millionen Betroffenen aus. Sowohl Typ-1 als auch Typ-2-Diabetes nehmen zu, letztere allerdings schneller, Hand in Hand mit dem zunehmenden Übergewicht. Millionen Todesfälle gehen jedes Jahr auf das Konto dieser tückischen Krankheit – damit ist sie ähnlich tödlich wie die globale HIV/Aids-Epidemie.
Vor mehr als zwanzig Jahren hat die International Diabetes Federation sich den 14. November für ihren Weltdiabetestag ausgesucht: Es ist der Geburtstag des kanadischen Arztes Frederick Banting. Er konnte erstmals einen Patienten erfolgreich mit tierischem Insulin behandeln. 1923 erhielt er dafür den Medizinnobelpreis, im Alter von nur 32 Jahren. Damit ist er bis heute der jüngste Nobelpreisträger dieser Kategorie.
Zehn überraschende Fakten zum Thema Diabetes
1. Bei Typ-1 und Typ-2 sind völlig verschiedene molekulare Mechanismen am Werk. Typ-1 ist eine Autoimmunerkrankung, die zur Zerstörung der Insulin-produzierenden Beta-Zellen in der Bauspeicheldrüse führt. Die Betroffenen sind ihr Leben lang auf Insulin-Spritzen oder -Pumpen angewiesen. Die genaue Ursache ist unbekannt, es gibt aber bei der Entstehung genetische Komponenten. Typ-2 zeichnet sich durch eine Insulinresistenz in verschiedenen Körperzellen aus: Der Körper produziert zwar Insulin, aber reagiert nicht mehr darauf. Irgendwann stellt der Körper die Produktion ein.
2. Rund 90 Prozent aller Diabeteskranken haben Typ-2. Bei diesem Typ fehlen häufig eindeutige Symptome wie extremer Durst und häufiges Wasserlassen, weshalb die Krankheit oft nicht erkannt wird. Man schätzt, dass ein Drittel der Typ-2-Diabetiker nichts von ihrer Erkrankung weiß. Erst bei irreparablen Schäden der Netzhaut, bei Herz- oder Nierenproblemen, oder bei Nervenschäden in den Füßen wird diese erkannt.
3. Die Krankheit heißt zwar fast gleich, aber Typ-2-Diabetiker müssen nicht zwingend Insulin spritzen, häufig reicht eine Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und moderne Medikamente, um die Insulinresistenz zu senken. Bei Typ-1 helfen dagegen Diät und Bewegung weniger.
4. Diabetiker erhalten ähnliche Ernährungsratschläge wie Gesunde: viel Obst und Gemüse, komplexe Kohlenhydrate wie zum Beispiel in Vollkornbrot, mageres Fleisch und Fisch, wenig Fett und Zucker und wenige Kohlenhydrate mit einem hohen glykämischen Index, der also den Blutzuckerspiegel für kurze Zeit stark ansteigen lässt, wie zum Beispiel Weißmehl.
5. Diabetes ist nicht nur eine Plage der westlichen Welt – viele Schwellen- und Entwicklungsländer sind ebenfalls stark betroffen, etwa Indien, China, Mexiko oder Brasilien. Dort stieg der Wohlstand für manche Bevölkerungsschichten schnell an, weshalb sie mehr industriell gefertigte Nahrung zu sich nehmen und sich weniger bewegen. Die Gesundheitsaufklärung nimmt aber nicht im gleichen Maße zu.
6. In entwickelten Ländern sind Migranten oder Minderheiten häufiger betroffen: In den USA Afroamerikaner, Indianer und Lateinamerikaner (siehe Schaubild unten). In Deutschland wurde festgestellt, dass Kinder türkischer oder osteuropäischer Herkunft häufiger Diabetes haben als deutsche Vergleichsgruppen.
7. Die relativ meisten Diabeteskranken leben im kleinen Inselstaat Nauru im Südpazifik: über 30 Prozent der ca. 10.000 Einwohner sind hier erkrankt, hauptsächlich an Typ-2. Das liegt vor allem am verbreiteten Übergewicht, über neunzig Prozent der Erwachsenen gelten als übergewichtig. Nach der Unabhängigkeit 1968 erlebte Nauru einen Aufschwung durch die Erträge des Phosphatabbaus, der wiederum zu Nahrungsmittelimporten und einem Lebensstil mit wenig Bewegung führte.
8. Den höchsten Prozentsatz an Typ-1-Diabetikern hatte jahrzehntelang Finnland, inzwischen sind die Zahlen der Neuerkrankungen rückläufig. Ob dieser Rückgang auf die Anreicherung der Frischmilch in Finnland mit Vitamin D zurückzuführen ist, wird zurzeit diskutiert. Obwohl man bei der Entstehung von Typ-1 von einer genetischen Komponente ausgeht, könnte es einen Zusammenhang mit der Vitaminversorgung geben. (Vitamin-D wird überwiegend in der Haut unter Einwirkung von Sonnenlicht gebildet; im dunklen finnischen Winter stellt sich daher schnell ein Mangel ein.)
9. An neuen Medikamenten zur Linderung von Typ-2 wird beständig geforscht – es handelt sich um einen Riesenmarkt. Moderne Techniken gibt es auch für Typ-1, zum Beispiel Insulin-Pumpen, die mehrmals tägliches Spritzen ersetzen. Es werden auch Beta-Zellen transplantiert, aber die Nebenwirkungen der dabei nötigen Immunsuppressiva sind größer als ein modernes Insulinmanagement.
10. Letzten Monat veröffentlichte der Harvard-Stammzellenforscher Douglas Melton Versuchsergebnisse an Mäusen, deren Stammzellen erfolgreich zu Beta-Zellen umprogrammiert wurden und die dadurch ihre Diabetes überwinden konnten. Der lang erwartete Durchbruch? Ob dieses Verfahren auch mit menschlichen Stammzellen funktioniert, müssen weitere Forschungen zeigen.
Es gab bereits mehrere Nobelpreise zum Thema Diabetes: Neben dem Preis 1923 für Frederick Banting und John Macleod erhielt Frederick Sanger 1958 die begehrte Auszeichnung für die Entschlüsselung der molekularen Struktur des Insulins. Dorothy Hodgkin konnte 1969 die dreidimensionale Struktur mittels Kristallstrukturanalyse zeigen – für diese Methode hatte sie fünf Jahre zuvor den Chemienobelpreis bekommen. Angesichts der Größe der Epidemie und den weltweiten Forschungsanstrengungen kann man davon ausgehen, dass es weitere Preise zu diesem Thema geben wird.