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Veröffentlicht 20. Oktober 2022 von Daniela Thiel

Wiedersehen in Lindau

Am #LINOecon-Abschlusstag blickten Lukas Althoff und Jochen Hartmann während der Bootsfahrt zur Insel Mainau auf eine inspirierende Zeit in Lindau zurück.

Die Lindauer Tagungen fördern den Austausch zwischen Wissenschaftler*innen aus aller Welt. Dabei kann es neben vielen neuen Kontakten auch mal zu einem Wiedersehen kommen – so wie bei Jochen Hartmann und Lukas Althoff, Teilnehmer der 7. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften. Nachdem die beiden sich bereits während der Schulzeit im Rahmen eines Programms für besonders engagierte und begabte Schüler*innen der Claussen-Simon-Stiftung kennengelernt hatten, konnten sie sich im August 2022 in Lindau nach einigen Jahren überraschend wiedertreffen. Obwohl Jochen aus Hamburg stammt und Lukas in München aufwuchs, begegneten sich beide während ihrer Schulzeit regelmäßig bei Workshops der Stiftung, an denen Schüler*innen aus ganz Deutschland teilnahmen. Zwischen Lukas‘ Next Gen Economics Präsentation und Jochens Science Walk mit Joshua Angrist nahmen sich die beiden Zeit für einen Rückblick.

Bekanntes Gesicht im Lindau Alumni Netzwerk

„Kurz vor dem Start der Tagung habe ich per Mail eine Einladung ins Lindau Alumni Netzwerk (LAN) erhalten. Nach der Registrierung habe ich kurz gecheckt, welche anderen Teilnehmer*innen dabei sein würden. Bei einem Profilbild bin ich hängengeblieben – mir kam das Gesicht bekannt vor“, erinnert sich Jochen Hartmann, der aktuell an der Universität Groningen arbeitet. Lukas Althoff, zurzeit tätig an der Princeton University, meldete sich auf Jochens Direktnachricht via LAN sofort zurück. In Lindau folgte dann das persönliche Wiedersehen der beiden Wirtschaftswissenschaftler, die nicht nur gemeinsame Erlebnisse aus der Vergangenheit teilen, sondern wie sie schnell feststellten auch einige Berührungspunkte bei ihrer aktuellen Forschungsarbeit entdecken konnten. „Mir war klar, dass wir einiges zu bequatschen hätten“, freut sich Jochen über das überraschende Treffen.

Verschiedene Wege kreuzen sich in Lindau

Lukas on stage. presenting his research in front of Laureates and Young Economists
Lukas präsentierte sein Forschungsprojekt im Rahmen der Next Gen Economics Sessions.

Nach dem Abitur schlugen beide unterschiedliche Wege ein, wenn auch jeweils im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Lukas startete seine Laufbahn mit dem Plan, sich mit globalen Wertschöpfungsketten zu beschäftigen. Seit ihm beim Studienaufenthalt an der Princeton University Rassismus und Ungleichheit im Universitätsalltag bewusst wurden, fokussiert er sich aber auf diesen Themenbereich. „Ich hatte vorher ein völlig utopisches Bild von den USA im Kopf – dass dort alle Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe oder Herkunft glücklich zusammenleben. Als ich dann während meines Bachelors ein Jahr dort war, erlebte ich die Gesellschaft als ziemlich segregiert. Während die Studierenden in der Mehrheit weiß waren, arbeiteten in den Cafeterien zum Beispiel hauptsächlich Schwarze Menschen. Generell fiel mir auf, dass es viele einzelne Gruppen von Studierenden gab, die auf Merkmalen wie ethnischer oder sozialer Herkunft beruhten. Das hat dazu geführt, dass ich darüber nachgedacht habe, wie stark Diskriminierung und Ungleichheiten in der Geschichte bis heute nachwirken.“ So misst Lukas beispielsweise anhand von Daten die Effekte von Rassendiskriminierungen auf den sozioökonomischen Status von Familien über mehrere Jahrhunderte. Eine weitere Frage, mit der er sich beschäftigt, ist die sogenannte intergenerationale Mobilität. „Meist stützt man sich bei diesem Themenkomplex auf die Zahlen zu Vätern und Söhnen, weil sie anhand der gleichbleibenden Nachnamen leichter nachvollziehbar sind, aber Mütter haben natürlich einen sehr großen Einfluss auf ihre Kinder. Daher nutze ich bestimmte Steuerformulare, auf denen auch die Geburtsnamen beider Eltern eingetragen wurden.“

Inhaltliche und methodische Überschneidungen

Jochen talking to Joshua Angrist at Lindau harbour
Jochen beim Science Walk mit Joshua Angrist, dessen Bücher er teilweise „mehr als einmal“ gelesen hat.

Bei der Auswertung großer Datenmengen besteht eine wichtige Schnittmenge zwischen der Arbeit von Lukas und der Forschung von Jochen, der erklärt: „Gerade die Analyse von Daten im Längsschnitt ist auch für mich sehr interessant. So beantworte ich etwa in einem Projekt die Frage, wie Betrachtende auf Werbung reagieren, in der Schwarze oder weiße Fotomodelle abgebildet sind. Die Erhebung liefert Zahlen von 1970 bis 2022 und zeigt deutliche Veränderungen in der Wahrnehmung der Betrachtenden.“ Jochen forscht an Fragestellungen rund um digitales Marketing an der Schnittstelle zu maschinellem Lernen. Dazu nutzt er auch Datensätze zu Werbung in sozialen Medien. „Werbung hat großen Einfluss auf Menschen und prägt zwischenmenschliche Interaktion. Längsschnittdaten zeigten zum Beispiel tatsächlich einen Effekt der Black Live Matters-Bewegung nach der Tötung von George Floyd im Mai 2020 auf die Häufigkeit von Schwarzen Fotomodellen in der Werbung und deren Wahrnehmung. Obwohl Lukas eher aus der Mikroökonomie kommt und ich aus dem quantitativen Marketing, findet man zwischen unserer Arbeit sowohl thematisch als auch methodisch Anknüpfungspunkte. Inhaltlich geht es bei uns beiden um eins der drängendsten Themen unserer Zeit: soziale Ungleichheit. Wir haben daher in den letzten Tagen schon über mögliche Kooperationen gesprochen, auch was das Thema automatisierte Textanalyse historischer Daten angeht.“ Lukas fügt hinzu: „Maschinelles Lernen kann vor allem da helfen, wo man mit unstrukturierten Daten arbeitet, insofern könnten wir uns sicher gut ergänzen.“ Das wäre natürlich eine schöne Lindau Success Story.

Lukas and Jochen at the entrance of the Inselhalle
Nach über zehn Jahren trafen sich Lukas und Jochen in der Lindauer Inselhalle wieder.

Während der Tagung in Lindau freuen sich die beiden Wissenschaftler nicht nur über das unverhoffte Wiedersehen, sondern auch über die Begegnungen mit den Laureaten. „Richard Thalers Misbehaving liegt zum Beispiel auf meinem Nachttisch, gestern durfte ich ein Interview mit ihm führen. Das ist eine tolle Erfahrung“, fasst Jochen die Tage in Lindau zusammen. Lukas betont die Wichtigkeit der Gespräche mit anderen Ökonom*innen: „Häufig entdeckt man Gemeinsamkeiten in der Arbeit, trotz unterschiedlicher Themenfelder, das ist extrem bereichernd.“ Beide sind sich einig: Sie würden sofort wiederkommen. „Aber dafür muss man natürlich selbst den Preis erhalten.“ Das wäre eine besonders eindrückliche Lindauer Erfolgsgeschichte. 

Lukas Althoff

Lukas absolvierte den Bachelor in Computer Science and Finance an der TU München und einen zweiten Bachelor in Economics an der LMU München, bevor er den Masterstudiengang Econometrics and Mathematical Economics an der London School of Economics and Political Science anschloss. Seit 2018 promoviert er an der Princeton University. Zudem sammelte er Erfahrungen u.a. in Harvard, am Kiel Institut für Weltwirtschaft sowie im Bundesfinanzministerium.

Jochen Hartmann

Nach seinem Management-Bachelor und -Master an der WHU Otto Beisheim School of Management war Jochen bei McKinsey tätig und brachte ab 2017 in seiner Promotion die Themen Machine Learning und Marketing an der Universität Hamburg zusammen. Danach lehrt und forscht er weiterhin in Hamburg, an der Mannheim Business School und der Universität Groningen. Vor Kurzem wurde er ab Anfang 2023 für die Professur für Digitales Marketing an die TU München berufen.

Daniela Thiel

Daniela Thiel gehört zum Kommunikationsteam der Lindauer Nobelpreisträgertagungen.