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Veröffentlicht 03/12/2020 von Phil Thornton

Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften 2020: Optimierung von Auktionen

Photo/Credit: Marilyn Nieves/iStock

Als Robert B. Wilson seinem langjährigen Kollegen und Freund Paul R. Milgrom mitteilen wollte, dass sie gemeinsam mit dem Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet werden, musste der US-amerikanische Wissenschaftler nur die Straße im kalifornischen Palo Alto überqueren, um seinem Nachbarn die Nachricht zu überbringen. Dieser besondere Moment, der sich um 2 Uhr morgens (Milgrom hatte seine Telefone abgeschaltet) ereignete, wurde von Milgroms Video-Türglocke aufgezeichnet.

Diese herzerwärmende Geschichte unterstreicht die enge Kooperation der beiden Professoren an der Universität von Stanford, wo sie in den letzten vier Jahrzehnten eng zusammengearbeitet haben. Gemeinsam erforschten sie die Entwürfe mathematischer Modelle, die zu großen Fortschritten in der Auktionstheorie und zur Erfindung neuer Auktionsformate geführt haben.

Eine Nobelpreis-Dynastie

Wilson fungierte als Betreuer Milgroms während dessen Promotion, die er 1979 in Stanford abschloss. Zu den weiteren Doktoranden von Wilson gehörten übrigens auch Al Roth und Bengt Holmström, die 2012 bzw. 2016 ebenfalls den Nobelpreis erhielten. „Bob kann als Patriarch einer Nobel-Dynastie bezeichnet werden“, sagte Roth über Robert B. Wilson in seinem Blog Market Design.

In der offiziellen Verkündung erklärten die Mitglieder des Preiskomitees, die Erkenntnisse der beiden hätten zur Entwicklung neuer Auktionsformate für Waren und Dienstleistungen geführt, die auf traditionelle Weise schwer zu verkaufen sind, etwa Funkfrequenzen. Ihre Entdeckungen seien Verkäufern, Käufern und Steuerzahlern auf der ganzen Welt zugute gekommen.

Wie Kevin Bryan, Assistenzprofessor für Strategie an der University of Toronto Rotman School of Management, in seinem Blog A Fine Theorem erläutert, wendete Wilsons frühe Arbeit die Fortschritte der Spieltheorie in den 1970er Jahren auf Fragen des Auktionsdesigns an.

Die Preisträger für Wirtschaftswissenschaften: Paul R. Milgrom, Robert B. Wilson, Photo: Nobel Media 2020, Illustration: Niklas Elmehed

Insbesondere befasste er sich mit dem sogenannten „Fluch des Gewinners“ bei der Versteigerung eines Gutes von „allgemeinem Wert“  – zum Beispiel eines Grundstücks, auf dem entweder Öl vorhanden ist oder nicht. Rationale Bieter neigen dazu, Gebote unter ihrer eigenen höchsten Schätzung des gemeinsamen Wertes abzugeben, aus Angst, unter dem Fluch des Gewinners zu leiden, zu viel zu bezahlen und zu verlieren.

„Wilson hat diese neuen spieltheoretischen Instrumente nicht nur angewandt, sondern auch viele davon entwickelt“, schreibt Bryan. Milgrom formulierte eine allgemeinere Theorie der Auktionen, die sowohl gemeinsame Werte als auch private Werte zulässt, die von Bieter zu Bieter variieren. Er analysierte die Bietstrategien in einer Reihe bekannter Auktionsformate und zeigte auf, dass ein Format dem Verkäufer höhere erwartete Einnahmen beschert, wenn die Bieter während des Bietens mehr über die Schätzwerte der anderen erfahren.

Umsetzung in die Praxis

Diese Umsetzung eines wissenschaftlichen Aufsatzes in die praktische Anwendung machte 1994 Schlagzeilen, als die US Federal Communications Commission (FCC) „Schönheitswettbewerbe“ zwischen Bietern durch eine Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen ersetzte, die auf einem von Wilson und Milgrom zusammen mit Preston McAfee entwickelten Modell basierte.

Milgrom und Wilson entwickelten ein neues Auktionsformat, die so genannte simultane Mehrrundenauktion. Bei diesen Auktionen werden alle Artikel gleichzeitig angeboten, und Bieter können auf alle Artikel bieten. Die Gebote beginnen niedrig, um den Fluch des Gewinners zu vermeiden, und die Auktion endet, wenn in einer Runde keine Gebote abgegeben werden.

Seitdem hat die FCC zwischen 1994 und 2014 aus 101 Frequenzauktionen fast 121 Milliarden US-Dollar für die Steuerzahler eingenommen. Laut Schätzungen haben andere Länder bei ähnlichen Auktionen weitere 80 Milliarden US-Dollar verdient.

Dieses Vorgehen hat sich seitdem auf den Verkauf von Zuteilungen innerhalb der Strom-, Gas- und Umweltmärkte ausgeweitet. „Die diesjährigen Preisträger begannen mit der grundlegenden Theorie und nutzten ihre Ergebnisse später in praktischen Anwendungen, die sich weltweit verbreitet haben“, sagte Peter Fredriksson, Vorsitzender des Preiskomitees. „Ihre Entdeckungen sind von großem Nutzen für die Gesellschaft“. Bryan fügte hinzu: „Da Auktionen heute häufig bei derartigen Zuteilungen eingesetzt werden, vom Recht auf Wasserentnahme bis hin zu Kohlenstoffemissionsrechten, die im Mittelpunkt der globalen Klimapolitik stehen, ist es nicht nur ein theoretisches Anliegen, sicherzustellen, dass sie korrekt gestaltet werden.“

Wichtiger Beitrag für die Wirtschaft

Der Präsident der Stanford University, Marc Tessier-Lavigne, würdigte die beiden im Namen der Universität: „Ihre Einblicke in die Angebots- und Preisgestaltung sind zu einem integralen Bestandteil unserer modernen Wirtschaft geworden. Ihre Arbeit ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie sowohl grundlegende Entdeckungen als auch ihre Anwendung auf praktische Lösungen enorme Beiträge zur modernen Gesellschaft leisten. Wir alle in Stanford sind ungeheuer stolz auf ihre Leistungen“.

Rudolf Müller, Professor für Quantitative Infonomics und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Business Intelligence und Intelligente Dienste an der Universität Maastricht in den Niederlanden, brachte nach der Verkündung seine Freude über den Preis für Milgrom zum Ausdruck, da er in der Vergangenheit gemeinsam mit ihm Workshops organisiert habe.

„Paul Milgrom und Robert Wilson haben mit ihrer Arbeit zu Frequenzauktionen in den neunziger Jahren wesentlich dazu beigetragen, sehr komplexe Auktionsformate in die Praxis umzusetzen“, so Müller. „Mit komplex meine ich nicht nur komplex in Bezug auf die Regeln für die Bieter, sondern auch in Bezug auf die algorithmische Komplexität, die mit der Ermittlung der Gewinner und der Preise, die sie zu zahlen haben, verbunden ist“.

Die Preisträger

Paul R. Milgrom ist „Shirley und Leonard Ely Jr. Professor für Geistes- und Naturwissenschaften“ in Stanford. Er wurde 1948 in Detroit, Michigan, USA, geboren. Er promovierte 1979 an der Universität Stanford in Wirtschaft. Er ist außerdem Vorsitzender und Mitbegründer von Auctionomics, das Unternehmen unterstützt Bieter bei Auktionen mit hohen Einsätzen.

Robert B. Wilson ist „Adams Distinguished Professor of Management“, inzwischen emeriertiert, an der Stanford University. Er wurde 1937 in Geneva, Nebraska, USA, geboren. Er erhielt seinen „Doctor of Business Administration“ 1963 an der Harvard University. Im Jahr 2018 wurde er mit dem „John J. Carty Award for the Advancement of Science“ ausgezeichnet.

Die Nobelpreiswoche findet vom 5. bis 13. Dezember 2020 statt. Viele der Veranstaltungen können via Stream verfolgt werden.

Phil Thornton

Phil Thornton ist leitender Berater auf freiberuflicher Basis bei Clarity Economics, einem Beratungs– und Schreibservice, den er nach seiner 15-jährigen Laufbahn als Zeitungsjournalist gründete. Clarity Economics (www.clarityeconomics.com) befasst sich mit allen Geschäfts– und Wirtschaftsbereichen, wie beispielsweise der Makroökonomie, dem Welthandel, den Finanzmärkten, der Fiskalpolitik sowie Steuern und Regulierung. Seine Artikel wurden in einer Reihe von namhaften Publikationen wie The Wall Street Journal, The Independent, Independent on Sunday, The Guardian, The Times, The Daily Telegraph, Financial Director, Emerging Markets, City AM sowie PM-Select veröffentlicht. Zudem schreibt er regelmäßige Wirtschaftskolumnen für Procurement Leaders. Jüngste Projekte beinhalten eine Reportserie für Business in the Community, die die Stellung von ethnischen Minderheitengruppen innerhalb der britischen Belegschaft thematisiert. Hinzu kommen die Ausarbeitung von Vorschlägen zur Reform des EU-Haushalts für Business for a New Europe sowie eine Auswertung des britischen Finanzsystems für The Centre for the Study of Financial Innovation (CSFI). 2010 gewann Thornton die Auszeichnung Future Journalist of the Year im Zuge der WorkWorld Media Awards. Drei Jahre zuvor wurde ihm der Titel Print Journalist of the Year verliehen. Bis 2007 war er acht Jahre lang Wirtschaftskorrespondent bei der Londoner Zeitung The Independent.