Wie sieht die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens aus?

#LINO18 panel discussion ‘Publish or Perish’. Photo/Credit: Patrick Kunkel/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Publish or perish – jeder, der in der Forschung oder im akademischen Bereich tätig ist, kennt diesen Ausspruch nur allzu gut und hat schon einmal den damit verbundenen Druck und die Angst gespürt. Ursprünglich bestand der Sinn der Veröffentlichung neuer Erkenntnisse darin, Wissen zu verbreiten und zu erhalten. Schon immer war der Wissensaustausch ein wesentlicher Bestandteil von Forschung und Lehre. Aber die derzeitige Art der Wissenschaftler, sich dabei gegenseitig zu überbieten oder, noch schlimmer, ihre Ergebnisse so zu gestalten, dass sich daraus ein erfolgversprechendes Narrativ für eine Publikation in einer der angesagten Fachzeitschriften ergibt, ist untragbar. Dabei sind die Gründe hinter dem Wunsch nach einer „großen” Veröffentlichung nur allzu verständlich: Die Publikation eines Manuskripts in einem Fachjournal mit hohem Glamour-Faktor (eng mit dem Impact-Faktor der Fachzeitschrift verbunden) wie beispielsweise Nature, Science oder Cell verspricht eine große Öffentlichkeitswirkung für die Hauptautoren des Artikels und steigert vermutlich ihren Wert und ihre Aussichten bei der Bewerbung um ein neues Forschungsstipendium oder Fördermittel für Projekte.

Der Impact-Faktor wird jedoch für alle Artikel, die eine Fachzeitschrift in einem bestimmten Jahr veröffentlicht hat, gemittelt. Also bedarf es nur einiger weniger, sehr guter Artikel, die von der Community oft zitiert werden, um den Impact-Faktor der gesamten Fachzeitschrift und damit den wahrgenommenen Wert der anderen im selben Journal veröffentlichten Beiträge, die möglicherweise von einem vergleichsweise geringen Wert für den Fortschritt der Forschung sind, zu erhöhen.

In letzter Zeit gab es allerdings zunehmend Versuche, dieses System zu verändern und einen anderen Bewertungsansatz für wissenschaftliche Leistungen als über den Impact-Faktor zu finden. Aber was genau muss eigentlich passieren, um den Status quo zu verändern? Und wie lässt sich dieses Ziel erreichen? Das sind nur einige der vielen Fragestellungen, die bei der 68. Lindauer Nobelpreisträgertagung während der Podiumsdiskussion am Mittwochnachmittag erörtert wurden.

Das Podiumsgespräch selbst war nichts weniger als ein verbaler Schlagabtausch, bei dem die Moderatorin Alaina Levine ihr Bestes gab, um jede/r zum Zuge kommen zu lassen. Die Sparringpartner im Einzelnen:

  • Daniel Ropers, CEO of Springer Nature, Deutschland
  • Maria Leptin, Direktorin der EMBO, Deutschland
  • Randy W. Schekman, erhielt 2013 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entdeckung von Transportprozessen in Zellen; früherer Chefredakteur von PNAS und seit 2011 Herausgeber von eLife 
  • Amy Shepherd, Masterstudentin an der University of Melbourne, Australia
  • Harold E. Varmus, erhielt 1989 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für Untersuchungen der genetischen Grundlage der Krebsentstehung

Die erste Podiumsrunde begann harmlos: Ropers wies darauf hin, dass er relativ neu in der Welt der naturwissenschaftlichen Publikation ist, betonte aber, wie sehr er diese Welt und insbesondere die harte Arbeit der Forscher schätzt. Die anderen Podiumsteilnehmer fassten kurz die Geschichte des wissenschaftlichen Publizierens zusammen und Schekman hob dabei hervor, wie viel sich verändert hat: „Während meiner Studienzeit lagen alle Artikel als gebundene Exemplare vor und ich konnte sie in der Bibliothek nachschlagen. Heute ist alles online!”

 

Moderator Alaina Levine und Daniel Ropers. Photo/Credit: Patrick Kunkel/Lindau Nobel Laureate Meetings

Aber es dauerte gar nicht solange, bis die Podiumsteilnehmer schon beim heftig umstrittenen Thema der Impact-Faktoren angelangt waren. Schekman warf ein: „Der Impact-Faktor stellt eine Simplifizierung dar und ist häufig eine Fehlmessung der Wissenschaft!” Hierzu ergänzte Varmus:

„Wir dürfen nicht zulassen, dass der Publikationsprozess zu einem Surrogat für die Feststellung wissenschaftlicher Relevanz wird!” Man könnte einwenden, dass dies ja bereits der Fall ist, insbesondere aus der Perspektive von Nachwuchswissenschaftlern, die gerade erst am Anfang stehen. „Unsere Mentoren und Kollegen erzählen uns ständig, dass wir ein impact-starkes Papier brauchen, um unsere Karriere voranzubringen”, meinte Shepherd.

Wie könnte denn überhaupt eine alternative Messung von wissenschaftlicher Kompetenz aussehen? Obwohl das Thema schon seit vielen Jahren diskutiert und kritisiert wird, wurden bisher keine oder nur wenige Lösungen vorgeschlagen, wie John Tregoning, Immunologe und Senior Lecturer am Imperial College London, in einem kürzlich in Nature erschienene Kommentar schrieb.

Im Laufe der weiteren Diskussion schlug Varmus vor, den Impact-Faktor und die Zitierhäufigkeit für einzelne Artikel statt für die gesamte Fachzeitschrift zu ermitteln. Viele Verlage machen das auch bereits, aber die Anwendung dieser Metrik hat sich bei Bewerbungen um Stellen oder Stipendien noch nicht als gängige Praxis durchgesetzt.

Eine andere von Varmus und Schekman angesprochene Möglichkeit wäre es, Wissenschaftler um eine narrative Zusammenfassung der Relevanz ihrer neuesten Ergebnisse für ihr jeweiliges Forschungsgebiet in einem einzigen Absatz zu bitten. „Jede/r hat doch wohl die Zeit, einen einzigen Absatz zu schreiben oder zu lesen”, meint Schekman.

Leptin brachte eine weitere Initiative ins Gespräch, die empfiehlt, sich weniger auf den Impact-Faktor zu stützen und stattdessen bei der Beurteilung von künftigen Bewerbern durch Geldgeber und Institutionen andere Aspekte ihrer Arbeitsergebnisse, bspw. ihre Lehrtätigkeiten oder ihre wissenschaftliche Reichweite, stärker zu berücksichtigen: die San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA), die von einer Gruppe von Herausgebern und Verlegern für wissenschaftliche Fachzeitschriften während des Annual Meeting der American Society for Cell Biology (ASCB) im Dezember 2012 in San Francisco initiiert wurde.

Alle Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass sich etwas in der Art und Weise ändern muss, in der die Forschungsqualität gemessen wird. Leptin ergänzte: „Wir (d. h. der Fördermittelgeber EMBO) wissen natürlich, dass nicht jede/r am Ende seines Promotionsstudiums mit einem hohen Impact-Faktor aufwarten kann. Bei der Beurteilung potenzieller Kandidaten spielen für uns die persönlichen Aussagen und die Motivationsbeschreibungen der Wissenschaftler eine wesentlich größere Rolle als ihre Publikationsgeschichte.” Auch andere Förderer wie der Wellcome Trust Fund und Howard Hughes stützen ihre Entscheidungen immer weniger auf den Impact-Faktor.

 

Alaina Levine, Maria Leptin, Randy Schekman und Amy Shepherd. Photo/Credit: Patrick Kunkel/Lindau Nobel Laureate Meetings

Kurz darauf wurden die Themen Open Science und Open Access in die Diskussion eingebracht. Das löste eine lebhafte Debatte darüber aus, dass sich eine Handvoll Verlage als Hochburg der gesamten wissenschaftlichen Veröffentlichungen geriert. Hier wurde Ropers, bildlich gesprochen, in den tiefen Teil des Beckens geworfen und bekam die geballte Frustration eines Raumes voller junger Wissenschaftler, die um ihre akademische Zukunft bangen, und von erfahrenen Wissenschaftlern ab, die immer wieder zur Kasse gebeten und mit obskuren Veröffentlichungsmethoden konfrontiert werden.

So einfach es auch ist, ihn und sein Unternehmen zu verunglimpfen: Man sollte sich daran erinnern, dass Nature Springer mit Sicherheit nicht der einzige Verlag ist, der versucht, satte Gewinne zu erzielen – auch Wiley oder Elsevier, um nur einige zu nennen, sind keine Non-Profit-Organisationen. 

Das wissenschaftliche Verlagswesen insgesamt ist eine Milliarden-Dollar-Industrie. Geld zu verdienen ist nicht an sich schlecht, aber es ist schwer, der Forschungsgemeinschaft zu erklären, warum sie sowohl riesige Beträge für die Veröffentlichung als auch für das Lesen eines Artikels zahlen soll. Natürlich muss jedes Unternehmen Geld verdienen, denn schließlich arbeiten dort Menschen und muss eine gewisse Infrastruktur für den Betrieb vorgehalten werden. Aber die Frage ist doch: Warum soll das aus der Tasche der Wissenschaftler finanziert werden – und dann gleich zweimal?

Gewinnmargen und Open Science schließen sich aber nicht gegenseitig aus. Sie sind noch nicht einmal unbedingt zwei Seiten derselben Medaille, sondern zwei Aspekte eines gigantischen Wissenschaftsbetriebs. Während einige sagen “Open Science ist einfach Wissenschaft, die richtig gemacht wird”, meinte Ropers, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft wahrscheinlich akzeptieren muss, dass der Umstieg auf ein komplett offenes Publizierungssystem nicht so einfach sein wird. Darauf gab Leptin eine emotionale und leidenschaftliche Antwort: “Nein, die Stunde ist jetzt gekommen! Die Politiker haben bereits entschieden und die großen Verlage müssen sich so schnell wie möglich anpassen, um zu überleben!” Sie bezog sich dabei auf eine kürzlich verabschiedete EU-Richtlinie, nach der alle Ergebnisse, die aus öffentlich geförderten Projekten stammen, in einem Open-Access-Journal veröffentlicht werden müssen.

Dies ist zwar ein großer Anreiz und ein begrüßenswertes Beispiel, aber auch hier spielt Geld eine Rolle. Denn viele Open-Access-Journale verlangen ebenfalls viel Geld für die Einreichung eines Artikels, das ein unabhängiger Postdoc-Wissenschaftler nicht immer aufbringen kann. Die Lösung: Wenn finanzierende Agenturen solche Veröffentlichungen zur Auflage machen, müssen sie das auch in ihrer Finanzierung berücksichtigen.

 

Amy Shepherd  und Harold Varmus. Photo/Credit: Patrick Kunkel/Lindau Nobel Laureate Meetings

Ein weiterer Aspekt von Open Science ist der Bewertungsprozess, der lange Zeit hinter verschlossenen Türen erfolgt ist – die Autoren erfahren kaum jemals, wer sie begutachtet. Um diesem Problem zu begegnen, hat Schekman vor kurzem ein Experiment mit dem Journal eLife gestartet, bei dem die Peer-Reviews – einschließlich der Namen der Reviewer – mit dem Forschungsartikel zusammen veröffentlicht werden.

Kurz vor Ende der Debatte wurden weitere Probleme aufgeworfen: Die letztendlich in einem Artikel veröffentlichten Ergebnisse repräsentieren normalerweise nur einen Bruchteil der erfassten Daten. Üblicherweise gehen den „veröffentlichungsfähigen” Resultaten mehrere „negative“ Ergebnisse voraus. In diesem Fall bedeutet „negativ” nicht notwendigerweise ein gegenteiliges oder unerwartetes Ergebnis, sondern dass bestimmte Ansätze oder Modelle schlicht und einfach nicht funktioniert haben. Derzeit besteht die Tendenz, solche Daten unter Verschluss zu halten. Das Problem ist allerdings, dass dann jemand anderes versuchen könnte, exakt den gleichen Ansatz erneut auszuprobieren, und wieder damit scheitert, was zu unnötiger Zeit- und Geldverschwendung führt. Deshalb drängt Shepherd: „Wir sollten einen Weg finden, auch negative Ergebnisse zu veröffentlichen, um uns immense Summen an Geld- und Zeitaufwand zu ersparen!”

Schekman und Varmus votierten erneut dafür, Forschungsarbeiten direkt nach ihrer Fertigstellung in Preprint-Archiven zur Verfügung zu stellen. Solche Archive sind nicht unbedingt als Speicherort für negative Ergebnisse zu verstehen, aber die Bewertungen und Kommentare sind von unschätzbarem Wert.

Hier schloss sich schließlich der Kreis. Als erneut die Tatsache zur Sprache kam, dass viele Mentoren der Nachwuchswissenschaftler im Publikum ihren Studenten nach wie vor Artikel mit hohem Impact-Faktor empfehlen und diese als das oberste Ziel beschreiben, bringt Varmus das Hauptproblem auf den Punkt: „Veränderungen im Publikationsprozess müssen von der wissenschaftlichen Gemeinschaft selbst angestoßen werden. Wir können von unserem Nachwuchs erst erwarten, das Richtige zu tun, wenn wir selbst das Richtige tun!”

 

Sehen Sie sich die #LINO18 Podiumsdiskussion ‘Publish or Perish’ an.

Judith M. Reichel

About Judith M. Reichel

Judith M. Reichel, Ph.D., is a science communicator in English and German. A neuroscientist by training, she fully transitioned to the communication side after a 2-year Postdoc in New York. Now based in Berlin she covers applied research in biotechnology and bio-based economy on a daily basis, while keeping up with science policy issues on her blog brainandbeyond.

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