Was online von echt unterscheidet – Beobachtungen nach den Lindau Online Science Days 2020

Besprechungen finden aktuell hauptsächlich digital statt. Photo/Credit: metamorworks/iStock

Vom 28. Juni bis 1. Juli fanden die Lindau Online Science Days 2020 statt. So musste trotz der Corona-Pandemie kein Jahr vergehen, in dem die Lindauer Nobelpreisträgertagungen nicht zu einem ‘Austausch’ zwischen Generationen, Kulturen und Forschungsdisziplinen einladen konnten. Nach der Verschiebung der 70. Lindauer Nobelpreisträgertagung und der 7. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften auf 2021 bot das diesjährige Online-Format eine Alternative für Diskussionen, Debatten und Vorträge auf einer Internetplattform.

Nachwuchswissenschaftler der naturwissenschaftlichen Disziplinen und der Ökonomie kamen mit Nobelpreisträgern und Lindau Alumni an einem digitalen Knotenpunkt virtuell zusammen. Und während diesmal niemand große Reisen unternehmen und mit einem Jetlag kämpfen musste, stellten doch die ganz unterschiedlichen Zeitzonen des weltumspannenden Teilnehmerfeldes die Organisatoren und manche Diskutanten ebenfalls vor besondere Herausforderungen.

Sowohl aus diesem Grund als auch zur technischen Absicherung vor Bandbreitenproblemen waren verschiedene Programmpunkte im Vorfeld aufgezeichnet worden, live trafen sich die Beteiligten dann im Anschluss an die jeweilige Ausstrahlung. Dabei wurde die Debatte untereinander fortgesetzt sowie Fragen von anderen Teilnehmern beantwortet, die oft ebenfalls per Video über die Eventplattform mitdiskutieren konnten – externe Interessenten konnten das Programm zudem per Livestream beobachten. Besetzt waren die Panels mit Nobelpreisträgern und ausgewählten Nachwuchswissenschaftlern und hinzu kamen diesmal in größerem Umfang auch Lindau Alumni. Und wie bei einzelnen Formaten klassischer Tagungen in der Lindauer Inselhalle übernahmen zahlreiche Moderatoren die Aufgabe, alle Diskussionsteilnehmer ins Gespräch einzubinden und den Verlauf zu strukturieren.

Insgesamt ging das Konzept der Lindau Online Science Days 2020 auf: Dafür sprechen eine größere Zahl an virtuellen Teilnehmern als bei einer Lindauer Nobelpreisträgertagung, aktuelle und spannende Diskussionen sowie der Austausch in den Diskussionsformaten, in kleineren Online-Foren, im Chat sowie auf Social Media.

Und dennoch: Veranstalter wie Teilnehmer – zumal diejenigen, die schon in Lindau waren, also Nobelpreisträger und Lindau Alumni, aber auch Journalisten – sind sich weitgehend einig: Der Austausch bei einem Online-Event ist nicht vergleichbar mit dem persönlichen Zusammentreffen bei einer klassischen Tagung in Lindau. Und so sehr die Teilnehmer durchaus von den technischen Online-Möglichkeiten beeindruckt waren, wünschen sie sich doch den möglichst uneingeschränkten Face-to-Face-Austausch schnell wieder zurück – im beruflichen freilich genauso wie im privaten Kontext.

Trotz Emojis: Virtuelle Emotionen Fehlanzeige

Der etwas genauere Blick darauf, wie ein solches Online-Format abläuft, offenbart, dass dieser Wunsch nach der Rückkehr zum Gewohnten kein romantisches Gefühl ist, sondern sich ganz konkret begründen lässt.

Gerade Diskussionen leben von Widerspruch und dem Austausch von Argumenten. Vor allem bei gegensätzlichen Meinungen, die aufeinandertreffen, entsteht nicht nur Spannung bei den Zuschauern, sondern auch ein Erkenntnisgewinn: Positionen werden in Frage gestellt, die Perspektiven gewechselt, eine Fragestellung schlicht von unterschiedlichen Seiten beleuchtet – für Wissenschaft und Forschung ein unerlässlicher Schritt, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. So weit, so gut, würde man denken, auch bei einem Online-Format.

Tatsächlich aber spielen – und das fehlte bei den Lindau Online Science Days genauso wie bei Zoom-Meetings oder Besprechungen über andere entsprechende Tools – menschliche Emotionen bei persönlich geführten Debatten eine sehr wichtige Rolle, auch unterbewusst.

Nicht nur Zahlen und Fakten dominieren die Diskussion, sondern auch nicht-verbale Rückmeldungen auf Redebeiträge. Bei Formaten mit mehreren Online-Beteiligten hingegen müssen Wortbeiträge abgesprochen oder beim Moderator angemeldet werden, spontane Zwischenrufe sind kaum möglich.

Hinzu kommt, dass die Bildregie im Sinne einer lebendigen Präsentation nicht dauernd alle Panel-Teilnehmer zeigt, sodass schon allein dadurch Reaktionen für die anderen Teilnehmer unbeabsichtigt verloren gehen. Und ein “Daumen hoch” per Emoji erfordert eine bewusst angestoßene Handlung – “soll ich?” –, während intuitive Gefühlsäußerungen per Bildschirm so gut wie nicht vermittelt werden können. In vielen digitalen Konferenzanwendungen sieht man zudem sich selbst auf dem Bildschirm: Am Ende wohl eher ein Grund, das Pokerface zu wahren, anstatt die eigene Mimik unbewusst zum Ausdruck zu bringen.

Online-Debatten verlaufen anders als vor einem Saal voller Publikum

Während bei einer Diskussion in der Lindauer Inselhalle Reaktionen aus dem Publikum wie ein Raunen, ein spontaner Applaus oder auch Zwischenrufe den Verlauf der Debatte durchaus verändern können, entfallen diese Reaktionen bei einer online geführten Diskussion – Rückmeldungen über den Eventchat sind im Vergleich dazu sehr viel mittelbarer und per se zeitverzögert, sofern die Diskutanten davon überhaupt etwas mitbekommen (die erwähnten Aufzeichnungen wirken in dieser Hinsicht ohnehin asynchron und machen die Rückkopplung mit dem Publikum unmöglich).

Im Ergebnis kann all dies dazu führen, dass ein starker Meinungsführer, der das Gespräch an sich reißt, mitunter schwerer zu stoppen ist, auch weil die anderen Diskussionsteilnehmer sich nicht mit einem gegenseitigen Blick abstimmen können oder sich – wenn sie denn versuchen, sich einzubringen –  gegenseitig unbeabsichtigt ins Wort fallen.

Was eine virtuelle Kaffeepause leisten kann – und was nicht

Schon diese wenigen Beispiele  verdeutlichen den fundamentalen Unterschied zwischen einem Online-Event und den Tagungen, wie sie seit 69 Jahren in Lindau stattfinden, ganz abgesehen von sämtlichem informellen Austausch in den Kaffeepausen und den als „Social Event“ gekennzeichneten Veranstaltungen des Rahmenprogramms.

Im Rahmen dessen, was online möglich ist, hatten sich die Organisatoren auch zum Ziel gesetzt, gerade in der schwierigen aktuellen Situation wissenschaftlichen Austausch innerhalb ihrer Community überhaupt anzustoßen und zu ermöglichen. Der Kontakt untereinander hatte somit auch in diesem Jahr eine besondere Bedeutung, wenn auch eine andere Qualität. Insgesamt mehr als 1.500 Nachrichten im Event-Chat der Hauptbühne und in den Unterhaltungen in kleineren digitalen Räumen zeugen von einer großen aktiven Beteiligung der Teilnehmer, die während der Lindau Online Science Days auf der Plattform unterwegs waren.

Laut einer Umfrage im Anschluss an die Veranstaltung gaben vier von fünf Teilnehmern der Online Science Days 2020 an, dass das Online-Format den Dialog vor allem zwischen Nobelpreisträgern, Lindau Alumni und Nachwuchswissenschaftlern bereits vor ihrer Teilnahme an der Lindauer Tagung 2021 und damit vor der persönlichen Begegnung gefördert hat. Ebenso groß war der Anteil der Befragten, die den Event Chat genutzt haben: jeder zweite hat persönliche Direktnachrichten versandt und zahlreiche  Kontaktdaten wurden ausgetauscht, nachdem sich zwei zufällig ausgewählte Teilnehmer über eine Networking-Funktion zuvor zwei Minuten lang, also in einer Art Speed-Dating, unterhalten hatten.

Alaina Levine, Lilian Tagume und Johannes G. Bednorz in der Online-Diskussion “Starting Careers” während der Online Science Days 2020.

Bewusstsein für die Grenzen der digitalen Begegnung schärfen

Die genannten Details sind quantitativ sicher ansprechend, die Qualität wird jeder Teilnehmer für sich beurteilen müssen. Einerseits gilt seit Corona, vieles ist besser als die „Alternative Null“, die – zuvor in vielerlei Hinsicht undenkbar – in den letzten Monaten leider oft Realität wurde. Andererseits, und viele haben es in diesen Wochen vermutlich in der ein oder anderen Team-Besprechung erlebt: Selbst auf wirklich bemerkenswerte Beiträge oder Neuigkeiten ist die Reaktion bei einem Online Meeting im Vergleich zum Erlebnis im Besprechungsraum sehr verhalten bis quasi nicht existent – es fehlt ganz offensichtlich ein wesentlicher Teil einer vollständigen und damit guten Kommunikation, die eben keine Einbahnstraße ist.

Beobachter des Online-Events, zum Beispiel Journalisten, berichten, dass für sie vor Ort echte Neuigkeiten viel leichter herauszufiltern sind  indem sie die Reaktionen der Teilnehmer beobachten oder die Sitznachbarn ganz einfach fragen, was denn von den Argumenten auf dem Podium zu halten war. Online fühle sich alles Besprochene sehr viel mittelbarer und damit gleichförmig relevant an, so die Schilderung von Medienvertretern, die beide Formate verfolgt haben, Lindau vor Ort und die Lindau Online Science Days.

Was also bleibt an Erfahrung im Rückblick auf die Lindauer Online-Aktivitäten in diesem Jahr? Ein Fazit von Kuratorium und Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertagungen lautet: Wir können virtuelle Räume in vielen Zusammenhängen für die Kommunikation nutzen, auch für den wissenschaftlichen Austausch – wenn wir uns der Grenzen dieser digitalen Begegnung bewusst sind. Derzeit befinden wir uns alle auch in dieser Hinsicht in einem Lernprozess, der uns deutlich macht, dass das persönliche Aufeinandertreffen nicht mit sämtlichen Facetten online, digital oder virtuell nachgestellt werden kann. Es ist im eigentlichen Wortsinn einzigartig – und das soll auch so bleiben. Aber wir können, wenn die Umstände wie große Entfernungen, persönliche Einschränkungen oder eben eine Pandemie es erfordern, auf die Möglichkeiten der onlinebasierten Kommunikation zurückgreifen und danach streben, auch bei dieser Art des Austausches immer besser zu werden.

About Wolfgang Lubitz

Wolfgang Lubitz is member of the Council for the Lindau Nobel Laureate Meetings since 2004 and was scientific chairperson of the Online Science Days 2020. In 2015 he took over the position of Vice-President. He studied Chemistry and Physics at the Freie Universität (FU) Berlin where he also received his doctoral degree. After a postdoctoral stay in USA and professorships at Stuttgart and Berlin (TU), he was elected in 2000 as member of the Max Planck Society and director at the Max Planck Institute in Mülheim/Ruhr. Since 2017 he is director emeritus of the MPI for Chemical Energy Conversion. Professor Lubitz is also honorary professor at the Heinrich Heine Universität Düsseldorf.

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