GMOs: Missverständnisse aufklären

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GMO. Selten haben drei einzelne Buchstaben so viele Diskussionen, Ängste und Frustrationen ausgelöst wie diese. Sie stehen für “Genetically-Modified-Organisms” (gentechnisch veränderte Organismen). Solche Veränderungen lassen sich durch eine Vielzahl von Genom-Editierungs- oder Gentechniken wie Zink-Finger-Nukleasen (ZFN), transkriptionsaktivator-artige Effektornukleasen (TALEN) oder die viel diskutierte CRISPR-Cas-Genomeditierungsmethode erzielen.

Angesichts der hitzigen öffentlichen Debatte über diese Techniken überrascht es nicht, dass die 68. Lindauer Nobelpreisträgertagung diesem Thema gleich zwei Programmpunkte widmet: einen Agora Talk mit Sir Richard J. Roberts am Dienstagvormittag und ein von der Lindauer Nobelpreisträgertagung ausgerichtetes Science Breakfast, bei dem die Nobelpreisträger Sir Richard J. Roberts und Sir Tim Hunt sowie Peter Dabrock, der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, am Mittwochvormittag einleitende Worte sprachen.

Roberts erhielt den Nobelpreis für Physiologie und Medizin gemeinsam mit Philip A. Sharp 1993 „für ihre Identifizierung des diskontinuierlichen Aufbaus einiger Erbanlagen von Zellorganismen”. Hunt wurde 2001 gemeinsam mit Paul Nurse und Lee Hartwell der Medizinnobelpreis für ihre “Entdeckungen betreffend der Kontrolle des Zellzyklus” verliehen.

Richard Roberts während seines Agora Talks bei #LINO18. Photo/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

In seinem Agora Talk zum Thema setzte sich Roberts denn auch leidenschaftlich für GMOs ein, wobei er insbesondere geltend machte, dass sie die Bereitstellung von (nahrhaften) Lebensmitteln für die ärmeren und sich entwickelnden Länder der Erde gewährleisten. Als treibende Kraft der Initiative „Laureates Supporting Precision Agriculture” konnte er bereits 133 Nobelpreisträger davon überzeugen, diese Petition zu unterzeichnen. Sein Argument: „Es gibt 800 Millionen hungernde Menschen in der Welt. Für sie ist Nahrung Medizin!” Und tatsächlich, so führte er aus, kann man bei einem Blick auf unsere Feldkulturen und Gemüse feststellen, dass „bereits so ziemlich alles, was wir heute essen, gegenüber den Ursprungspflanzen genetisch verändert wurde.” Die meisten dieser Pflanzen wurden über viele Generationen hinweg selektiv gezüchtet. Zum einen geschah dies, um den Ernteertrag zu steigern, zum anderen, um die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegen widrige Wetterverhältnisse oder Schädlingsbefall zu erhöhen. Aber im Gegensatz zu den sehr gezielt einsetzbaren (präzisen) Interventionen der Genom-Editierungsinstrumente sind die herkömmlichen Züchtungsmethoden auf Trial-and-Error-Verfahren angewiesen. Zudem geht eine auf diesem Weg erreichte Ertragssteigerung oft mit anderen, manchmal unerwünschten, Veränderungen in der Physiologie der Pflanze einher. Die moderne Genom-Editierung wirkt also präziser und viel schneller – weshalb wird sie dann bisher noch nicht in großem Stil eingesetzt und angewendet?

Technisch und wissenschaftlich gesehen sind Genom-Editierungstools heute bereits sehr weit entwickelte und funktionale Methoden. Verbesserungspotenzial besteht immer, aber diese Techniken sind mit Sicherheit auf dem besten Weg. Wesentlich schwerer ist jedoch ihr Image in der öffentlichen Wahrnehmung, weil viele Fehlinformationen über GMO-Kulturen im Umlauf sind. Zahllose Anti-GMO-Initiativen und Organisationen wie Greenpeace schüren die Unsicherheit in der breiten Öffentlichkeit, indem sie Angst verbreiten und gentechnisch veränderte Feldfrüchte sowie die Gentechnik generell skandalisieren. Leider haben diese öffentlichen Kampagnen gegen GMOs die Anwendung vieler lebensrettender Erfindungen wie den Goldenen Reis (Golden Rice) – eine neue Reissorte mit erhöhten Mengen an Beta-Carotin, der Vorstufe des essentiellen Vitamins A – bisher verhindert. Fehlt dieser Nährstoff, leiden Embryonen und Kinder an schwerwiegenden Beeinträchtigungen, die sich durch Anbau, Ernte und Verzehr von mit Vitamin A angereichertem Reis einfach vermeiden ließen. Obwohl die wissenschaftlichen Ansätze und Techniken für den Anbau von Goldenem Reis bereits seit Ende der 1990er Jahre zur Verfügung stehen, haben Anti-GMO-Kampagnen und Ängste in der Öffentlichkeit die Realisierung dieses Ansatzes verhindert, sodass dieser Weg erst jetzt, wenn auch nur langsam, zur Realität wird. Währenddessen mussten Millionen Kinder weiterhin unter Mangelernährung leiden und sterben.

Wir müssen die Herzen der Menschen erreichen

Obwohl es dem Naturell von Wissenschaftlern eigentlich widerspricht, weist Roberts darauf hin, dass man in einer solch hitzigen Debatte Menschen wohl kaum von der Sicherheit der Technik überzeugen kann, indem man einfach wissenschaftliche Daten und Fakten herunterrattert. „Natürlich sind Fakten wichtig. Aber wenn wir die Menschen überzeugen wollen, müssen wir die Herzen der Menschen erreichen und Emotionen einsetzen. Die Wahl zu haben, keine gentechnisch veränderten Lebensmittel zu essen, ist ein Luxus der westlichen Welt. Haben Sie ein Herz und bedenken Sie die Probleme und die Armut in den Entwicklungsländern.”

 

Tim Hunt sprach während des #LINO18 Science Breakfasts zum Thema Gentechnik. Photo/Credit: Christoph Schumacher/Lindau Nobel Laureate Meetings

Die Frage, wie man ein solch umstrittenes Thema wie GMOs in der Öffentlichkeit am besten kommuniziert, wurde bei der Frühstücksveranstaltung am Mittwoch erneut aufgegriffen. In seinen einführenden Bemerkungen unterstrich Sir Tim Hunt: „In der Biologie sind die Dinge niemals einfach schwarz oder weiß. Selbst die besten Techniken verursachen manchmal Fehler – wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen das verstehen.” Peter Dabrock ergänzte: „Die fundamentale Währung für die Wissenschaft ist das Vertrauen in der Gesellschaft. Junge Wissenschaftler haben eine Verantwortung für zukünftige Generationen. Wir alle müssen auf die breite Öffentlichkeit zugehen und Brücken bauen!” Im Anschluss an diese Impulse waren die Studenten eingeladen, verschiedene Aspekte der Genom-Editierung für Medizin und Landwirtschaft miteinander zu diskutieren und ihre Erkenntnisse zum Abschluss der Veranstaltung zu präsentieren.

Interessanterweise lautete die Antwort der jungen Wissenschaftler auf die Frage, ob genetisch veränderte Feldfrüchte eine gute Strategie zur Bekämpfung der weltweiten Ernährungsprobleme sind, überzeugend und einhellig: „Ja!”. Wesentlich schwieriger gestalteten sich die Fragen zur Nutzung von Genom-Editierungstools als Behandlungsoption oder Präventivmaßnahme im Gesundheitswesen. Chelsea Cockburn, angehende Medizinerin an der Virginia Commonwealth University (BCU), sprach sich für Screenings und die mögliche Exzision von Mutationen aus, die stark-behindernde Krankheiten wie die Huntington-Krankheit und die dafür ursächliche Mutation im Huntingtin-Gen verursachen. Aber wo ist die Grenze zu ziehen? Für welche Krankheiten und Mutationen sollten Screenings im Hinblick auf Exzisions- und Behandlungsoptionen durchgeführt werden? Brett Trost vom Toronto Hospital for Sick Children schlug ein Algorithmus-Konzept vor: „Wir müssen eine Krankheitslast definieren, die Methoden wie genetische Screenings und gentechnische Veränderungen rechtfertigt. Ein solcher Algorithmus könnte dies auf der Grundlage der Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer bestimmten Krankheit sowie eines bestimmten genetischen Profils und der Krankheitsschwere oder -last berechnen.”

 

Nachwuchswissenschaftlerinnen während des #LINO18 Science Breakfasts. Photo/Credit: Judith Reichel

Wir müssen bei uns selbst anfangen

Solche Algorithmen oder klar definierten Grenzwerte könnten Ärzte sicherlich bei ihrer Entscheidungsfindung unterstützen, wann oder ob sie in ihrer Behandlung Genom-Editierungstools einsetzen sollten. Wenn es aber darum geht, gentechnische Methoden in der breiten Öffentlichkeit zu kommunizieren, helfen diese Ansätze nicht weiter. Jasmin K. Pape vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Deutschland wies auf die Menge an Fehlinformationen hin, die nach wie vor in der Öffentlichkeit kursieren und nur schwer aus dem Weg zu räumen sind. Aber vielleicht muss man auch an einer ganz anderen Stelle ansetzen und sollten die Wissenschaftler zunächst in ihren eigenen Kreisen offener und mehr über die ethischen Konsequenzen sprechen. Korrie Mack von der University of Pennsylvania stimmt dem zu: „Wissenschaftler haben normalerweise einen Informationsvorsprung gegenüber der breiten Öffentlichkeit. Aber wir nehmen uns kaum die Zeit, unsere Arbeit und ihre weitreichenden Auswirkungen zu reflektieren.” Cockburn ergänzt: „Wenn wir die öffentliche Debatte deutlich verbessern wollen und in der Öffentlichkeit mehr Vertrauen gegenüber Ärzten und Wissenschaftlern schaffen wollen, müssen wir bei uns selbst anfangen. Wir müssen lernen zu kommunizieren und zugänglich zu werden, statt auf die Patienten oder die Öffentlichkeit einzureden.”

Diese Einschätzungen spiegelten sich auch in den abschließenden Erklärungen wider: Wissenschaftler sollten sich nicht frustrieren lassen und dürfen niemals den Versuch aufgeben, im Gespräch mit den Bürgern zu bleiben. Letztendlich gibt es nur einen einzigen gangbaren Weg, den sich rasch verbreitenden Fehlinformationen über GMOs entgegenzuwirken und die Möglichkeiten der Genom-Editierung im Gesundheitswesen bekannt zu machen: Kommunizieren. Kommunizieren. Kommunizieren.

Judith M. Reichel

About Judith M. Reichel

Judith M. Reichel, Ph.D., is a science communicator in English and German. A neuroscientist by training, she fully transitioned to the communication side after a 2-year Postdoc in New York. Now based in Berlin she covers applied research in biotechnology and bio-based economy on a daily basis, while keeping up with science policy issues on her blog brainandbeyond.

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