Wissenschaft und Pharmaindustrie, oder: der Kampf um die Daten

Früher oder später verlassen wir uns alle auf die Resultate klinischer Studien.


In der Lebensmitte nehmen wir vielleicht Blutdrucksenker, und falls wir ernsthaft erkranken, gehen wir selbstverständlich davon aus, dass die Behandlungsmethode vorher gründlich geprüft wurde. Doch bis vor wenigen Jahren wurde nur ungefähr die Hälfte der Ergebnisse aller Klinischen Studien veröffentlicht – meist diejenigen, in denen der getestete Wirkstoff besonders gut abschnitt. Während einer Podiumsdiskussion auf der 64. Lindauer Nobelpreisträgertagung diesen Sommer kommentierte Peter C. Gøtzsche dies folgendermaßen: “Ärzte können heutzutage keine evidenzbasierte Medizin praktizieren, wenn wir nicht sämtliche Daten aus allen durchgeführten Klinischen Studien erhalten.” Gøtzsche ist Mitbegründer der Cochrane Collaboration, einem Netzwerk aus Forschern und Ärzten, die unabhängige Übersichtsarbeiten zur Bewertung medizinischer Therapien erstellen, und er leitet das “Nordic Cochrane Centre” in Kopenhagen.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion “Academia and Industry”: Moderator Adam Smith, Kemal Malik, Peter C. Gøtzsche, Renata Gomes, Bruce Beutler, Stan Wang, Michel Goldman (von links) #lnlm14. Foto: Ch. Flemming

Von Anfang an war die Podiumsdiskussion “Academia and Industry” auf die Arzneimittelforschung zugeschnitten. Die Themensetzung spiegelte sich in der Besetzung des Podiums nieder: Hier saßen Wissenschaftler aus der Medizinforschung, Industrievertreter und Kritiker wie Gøtzsche beisammen. Schnell konzentrierte sich die Debatte auf das umstrittene Thema Datenpublikation: Sollen sämtliche Daten veröffentlicht werden müssen? Negative ebenso wie positive Ergebnisse? Vielleicht kam dieses Thema auf, weil jeder im Saal die Bedeutung wissenschaftlicher Publikationen nachvollziehen kann, oder weil die Resultate potentiell jeden angehen. Doch das Thema ist aus einem weiteren Grund brisant: Es gibt eine regelrechte Bewegung, die sowohl auf Pharmafirmen als auch auf Regulierungsbehörden Druck ausübt, sämtliche Daten zu veröffentlichen. Die Hauptakteure sind Organisationen wie die Cochrane Collaboration, doch auch einzelne Akademiker haben sich dem Kampf um die Daten verschrieben. Und sie können in letzter Zeit große Erfolge vorweisen: Immer mehr “Big Pharma”-Firmen veröffentlichen jetzt sämtliche Daten, allerdings “screaming and kicking”, wie Kemal Malik, der neue Innovationsvorstand der Bayer AG während der Diskussion zugab, also sinngemäß “sich mit Händen und Füßen wehrend”.

Kemal Malik, Innovationsvorstand der Bayer AG, erklärt, dass es inzwischen sehr viele verschiedene Kooperationsformen zwischen Forschung und Industrie gibt. #lnlm14. Foto: Ch. Flemming

Kemal Malik, Innovationsvorstand der Bayer AG, erklärt, dass es inzwischen sehr viele verschiedene Kooperationsformen zwischen Wissenschaftlern und Industrie gibt. #lnlm14. Foto: Ch. Flemming

Sogar die europäische Zulassungsbehörde EMA hat angekündigt, alle eingereichten Zulassungsdaten zu veröffentlichen, aber wie so oft stecken die Probleme im Detail: Wer soll diese Daten erhalten? Wer entscheidet das? Dürfen Passagen in den Studien geschwärzt werden? Falls ja, von wem und in welchem Umfang? Der Kampf um die Daten ist noch keineswegs entschieden. Im vergangenen Juli wollte die EMA die Regularien der Datenpublikation bekanntgeben, diese Entscheidung wurde auf Oktober 2014 verschoben. Man kann davon ausgehen, dass hinter den Kulissen weiter heftig gestritten wird.

Wenn nun die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie in diesem Feld so schwierig und spannungsgeladen ist – die Spannung war selbst auf dem Podium zu spüren – weshalb macht man sich dann überhaupt die Mühe? Ganz einfach: Beide Seiten brauchen einander dringend.

Bruce Beutler. Nobelpreisträger aus dem Jahr 2011, betont die Bedeutung von

Bruce Beutler. Nobelpreisträger 2011, betont die Bedeutung von “Vertrauen” zwischen den Kooperationspartnern. #lnlm14. Foto: Ch. Flemming

Wissenschaftler sind oft auf die Forschungsgelder der Industrie angewiesen, und Pharmafirmen haben teilweise keine eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen mehr, sie machen nur noch “search and development”, wie Malik es ausdrückte: Die Firmen suchen an Universitäten, Forschungsinstituten und bei kleinen Firmen nach interessanten Wirkstoffen. Wenn also diese sehr unterschiedlichen Partner eine Zusammenarbeit anstreben, worauf sollten sie besonders achten? Bruce Beutler, der 2011 den Medizinnobelpreis erhielt, spricht an diesem Punkt viel über “Vertrauen” und darüber, dass die “Chemie” zwischen den Partnern stimmen muss. Michel Goldman, Direktor von IMI, der europäischen Innovative Medicines Initiative, betont, dass beide Seiten von Anfang an ihre Prioritäten, Rechte und Pflichten festlegen sollten, bis hin zu der Frage, wer das geistige Eigentumsrecht an den Ergebnissen bekommt, woran auch das Publikationsrecht hängt. Kemal Malik argumentierte in eine ähnliche Richtung: Wenn Kooperation scheiterten, wären meist fehlende Absprachen der Grund.

Michel Goldman leitet IMI, ein Projekt der Europäischen Kommission zusammen mit dem Verband europäischer Arzneimittelhersteller EFPIA. In dieser Rolle kennt er die Interessen aller Seiten ganz genau.

Michel Goldman leitet IMI, ein Projekt der Europäischen Kommission zusammen mit dem Verband europäischer Arzneimittelhersteller EFPIA. In dieser Rolle kennt er die Interessen aller Seiten ganz genau. Foto: Ch. Flemming

Erfreulicherweise gibt es auf diesem schwierigen Terrain zurzeit eine Menge Bewegung. Malik beispielsweise berichtet von Online-Plattformen der Industrie, wo sich Forscher um Fördergelder bewerben können, ohne dass sie Rechte an dieser Forschung abtreten müssen. Und Goldman berichtet von vorwettbewerblichen Forschungsprojekten, in denen normalerweise konkurrierende Pharmariesen versuchen, Arzneimittel gegen Krankheiten zu entwickeln, die sich bislang hartnäckig einer ursächlichen Therapie entziehen, wie zum Beispiel Alzheimer. Zusammenfassend kann man sagen: Wissenschaft und Pharmaindustrie sind sehr verschieden und haben unterschiedliche Ziele – Forscher möchten Ergebnisse veröffentlichen, Firmen wollten sie in der Vergangenheit regelmäßig zurückhalten. Aber es gibt nicht nur den wissenschaftlichen Fortschritt: Die hier genannten Beispiele zeigen, dass sich bei Bedarf auch die Formen der Zusammenarbeit weiter entwickeln können.

Die Podiumsdiskussion können Sie hier in voller Länge sehen:

 

Susanne Dambeck

About Susanne Dambeck

Susanne Dambeck is a science writer in English and German, and author of several nonfiction childrens' books. A political scientist by training, she has worked in politics, television and as a biographer. Apart from scientific findings, she is interested in people and in storytelling in different languages.

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