Wilhelm Conrad Röntgen und die Angst vor der Öffentlichkeitsarbeit

Als Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1901 als Erster mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde, war das eine nachvollziehbare Entscheidung. Seine Entdeckung der heute nach ihm benannten Strahlung hat ohne Zweifel der “Menscheit größten Nutzen erbracht”, so wie Alfred Nobel es in seinem Testament gefordert hatte und Röntgen müsste sich mit seiner Leistung vor den Preisträgern der Gegenwart nicht verstecken. Aber auch wenn er nicht schon im Jahr 1923 gestorben wäre, hätte man ihn vermutlich nie auf einem Lindau Nobel Laureate Meeting angetroffen. Im Gegensatz zu den 65 Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern, die sich in diesem Jahr am Bodensee versammelt haben um der Welt und dem wissenschaftlichen Nachwuchs von ihrer Arbeit zu erzählen, war Röntgen kein großer Freund öffentlicher Auftritte.

Röntgens Nobelpreisurkunde (Bild: Sofia Gisberg, Manfred Neureiter, gemeinfrei)

Röntgens Nobelpreisurkunde (Bild: Sofia Gisberg, Manfred Neureiter, gemeinfrei)

Röntgen fiel in der Zeit vor seiner großen Entdeckung im Jahr 1895 kaum groß auf. Er publizierte vergleichsweise wenig, besuchte kaum wissenschaftliche Konferenzen und war bei den von ihm gehaltenen Vorlesungen immer sachlich und korrekt aber kaum inspirierend. Er war ein introvertierter Mensch und blieb das auch, als die Entdeckung der Röntgenstrahlen ihn schlagartig weltweit berühmt machten. Natürlich erhielt er aus aller Welt Einladungen zu Vorträgen um über seine Arbeit zu sprechen. Die meisten davon schlug er aus und nicht einmal die Verleihung des Physik-Nobelpreises konnte seine Abneigung gegen öffentliche Auftritte überwinden.

In den Statuten der Nobelstiftung wird in Paragraph 9 gefordert:

Es ist die Pflicht eines Preisträgers, wann immer möglich, einen Vortrag über denjenigen Gegenstand zu halten, der in der mit dem Preis ausgezeichneten Arbeit behandelt wurde.

Dieser Vortrag sollte spätestens sechs Monate nach dem Tag der Preisverleihung in Stockholm gehalten werden und Röntgen versicherte auch, alles tun zu wollen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Sein Vortrag sollte am 21. Mai 1902 stattfinden – aber schon im April erkundigte sich Röntgen, ob sich der Auftritt nicht vielleicht doch auf Juli oder August verschieben ließe (mit der Begründung, dass er nicht extra bei der Universität um Urlaub ansuchen wollte). Das stellte die Vertreter der Nobelstiftung vor ein Problem, denn im Juli und im August sind in Schweden Ferien an den Universitäten und die sechsmonatige Frist die laut Statuten einzuhalten war, wäre sowieso schon am 10. Juni 1902 abgelaufen. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als Röntgen zu erlauben, dass er seinen Preisvortrag auch im Herbst halten könne.

Der war nun für 12. Oktober geplant und je näher dieser Tag rückte, desto unwohler fühlte sich Röntgen. In einem Brief an den schwedischen Wissenschaftler und Vertreter der Nobelstiftung Svanthe Arrhenius schrieb Röntgen:

Ich wollte nur, die Sache wäre schon hinter mir; es ist der erste öffentliche Vortrag, den ich zu halten habe, und ich habe, was man darf, Lampenfieber!

Am Tag vor der Abfahrt nach Schweden erhielt Röntgen noch einen Brief aus Stockholm, in dem die letzten Details der Reise bestätigt wurde. Darin fand sich auch der – laut Statuten der Nobelstiftung nicht ganz korrekte – Hinweis, dass der Vortrag nicht verpflichtend sei. Diesen Ausweg nahm Röntgen sofort an, verschob die Abreise und schickte ein Telegramm mit der Frage, ob man es ihm übel nehmen würde, wenn er nicht käme. Die Antwort kam schnell und Röntgen wurde informiert, dass es wohl doch besser wäre, zu kommen. Aber Röntgen entschloss sich, die Reise endgültig abzusagen. Die goldene Nobel-Medaille, die ihm eigentlich nach dem Vortrag überreicht hätte werden sollen, wurde ihm aus Schweden mit der Post zugeschickt und im Jahrbuch “Les Prix Nobel en 1901” in dem alle Vorträge der Laureaten publiziert wurden, fand sich unter Röntgens Eintrag nur eine leere Seite mit dem Hinweis, das er keinen Vortrag gehalten habe.

Es ist nicht ganz klar, wieso Röntgen gerade dem Vortrag in Stockholm so eine große Abneigung entgegen gebracht hat. Immerhin hielt er regelmäßig Vorlesungen an seiner Universität und hat auch davor schon den einen oder anderen Vortrag in öffentlichen Rahmen gehalten. Vielleicht wollte er aber auch nur dem Konflikt mit dem Physiker Philipp Lenard entgehen. Bei der Entdeckung seiner Strahlen benutzte Röntgen von Lenard gefertigte Instrumente und der sah diesen Beitrag in Röntgens Publikation nicht ausreichend gewürdigt. Bei einem öffentlichen Vortrag über die Entdeckung hätte Röntgen darauf vermutlich eingehen müssen und dem Streit neue Nahrung geliefert.

Welche Gründe Röntgens Entscheidung auch immer zugrunde lagen: Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können das Unbehagen vor öffentlichen Auftritten vermutlich nachvollziehen. Die Forschungsarbeit scheint introvertierte Menschen besonders stark anzuziehen und die Präsentation der Ergebnisse vor einem großen Publikum stellt viele vor Schwierigkeiten. Dabei ist die Öffentlichkeitsarbeit ein unverzichtbarer Bestandteil der Wissenschaft: Wenn die Ergebnisse der Forschung einen nachhaltigen Wert haben sollen, müssen sie den Kollegen und vor allem dem wissenschaftlichen Nachwuchs vermittelt werden.

Wenn sich die Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger jedes Jahr in Lindau versammeln, dann tun sie dabei genau das. Sie sprechen vor hunderten Nachwuchswissenschaftlern aus aller Welt über ihre Arbeit und diese Vorträge dienen nicht nur der Information sondern auch der Inspiration. Große Entdeckungen wie die von Wilhelm Conrad Röntgen sind natürlich auch für sich alleine bedeutend. Aber ihr volles Potential können sie erst dann entfalten, wenn sie in der Öffentlichkeit diskutiert und präsentiert werden. Nur dann besteht die Möglichkeit, die der Wissenschaft innewohnende Faszination auch der nächsten Generation der Forscherinnen und Forscher zu vermitteln.


Slider-Grafik: Hersson Piratoba (CC BY-NC-ND 2.0)

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