Von Frau zu Frau: Wissenschaft und Familie

Der Schlüssel für eine erfolgreiche Kleinkindphase: exzellent organisiert sein, getaktet wie exakte Laserpulse.

Kirsty Renfree Short ist wenig überrascht. Als sich zeigte, dass auf der diesjährigen 64. Lindauer Nobepreisträgertagung mehr junge Forscherinnen als Forscher vertreten sind – zum ersten Mal seit es diese Tagung gibt! – zuckte sie nur mit den Schultern. „Wieso, Frauen stellen in den Graduate Schools doch die Mehrheit, warum also nicht auch hier?“, meint die Postdoc-Studentin von der University of Queensland, Australien, und eingeladene Nachwuchsforscherin in Lindau. Short ist eine von sechs Nachwuchsforscherinnen, die sich am Morgen des 30. Juni vor dem Science Breakfast, gesponsert von der australischen Regierung, um ein kleines Tischchen versammelt hatten.  „Mich würde wirklich interessieren: Warum es so viele Forscherinnen in den Graduate Schools gibt, aber nicht auf der Führungsebene?“, fragte Tracy Norman, eine Doktorandin vom Georgia Institute of Technology, USA. Hier hakte ich nach: „Wie sieht es denn mit Kindern aus – wollen Sie alle Kinder haben?“, fragte ich in die kleine Runde. Drei junge Frauen hoben sofort die Hand, drei waren unschlüssig.

Eine Gruppe der eingeladenen Nachwuchsforscherinnen © Kathleen Raven

Adam Spencer moderierte die Frühstücks-Debatte mit folgenden Teilnehmern: Suzanne Cory, letzte Präsidentin der Australian Academy of Science; Emma Johnston, Direktorin des Sydney Harbour Research Programs/Sydney Institute of Marine Science; Brian Schmidt (Physik-Nobelpreisträger 2011) von der Australian National University; und Elizabeth Blackburn (Medizin-Nobelpreisträgerin 2009) von der University of California, San Francisco.

In ihrer Einleitung erinnert sich Suzanne Cory an ihre ersten Wissenschaftskonferenzen, genauer: an die wenigen Rednerinnen dort. „Damals dachte ich, in der heutigen Zeit wäre das alles völlig anders. Aber das stimmt leider nicht“, meinte die Molekularbiologin. Alle Diskussionsteilnehmer nickten heftig. Die drei Frauen auf dem Podium entschieden sich für eine wissenschaftliche Karriere zu einer Zeit, als der bloße Gedanke an eine solche Karriere für eine Frau für völlig absurd gehalten wurde. Schnell ergab sich im Gespräch eine Gemeinsamkeit: Alle drei hatten sich eine „Denen werd’ ich’s zeigen!“-Haltung zugelegt.

Blackburn erinnert sich noch zu gut an die Reaktion einer Lehrerin: „Warum möchte denn ein nettes Mädchen wie Du in die Forschung gehen?“ Damals hatte sie den Mund gehalten, und strengte sich dafür noch um so mehr an.

Johnston erinnert sich noch gut an das Misstrauen, das ihr entgegen schlug, als sie ihre Liebe zur Forschung erklärte. „Du solltest lieber Jura studieren“, wurde ihr damals geraten. Nach dieser Bestandsaufnahme wandten sich die TeilnehmerInnen der Frage zu, wie diese „Löcher“ in der „undichten Pipeline“ geschlossen werden könnten – die Schlupflöcher, durch die talentierte junge Forscherinnen in andere Berufe verschwinden. (In einem Artikel auf Slate.com mit dem Titel „The Old Boys’ Lab“ beschreibt die Autorin Jane Hu das „leaky pipeline problem“. Sie zitiert dort eine Statistik, wonach 53 Prozent der Biologie-Doktortitel in den USA an Frauen vergeben werden, jedoch nur 39 Prozent der Postdoc-Forscher Frauen sind, und nur 18 Prozent der Lehrstuhlinhaber.)

Elizabeth Blackburn in Lindau 2014 ©Lindau Nobel Laureate Meetings / Ch. Flemming

Bekämpfen Sie das nachlassende Interesse!
Jungen und Mädchen interessieren sich bis ungefähr zur sechsten Klasse ähnlich stark für biologische und sonstige Forschung, erzählte Brian Schmidt. Blackburn und Cory gaben ihm sofort recht – sie hatten beide dieselbe australische Mädchenschule besucht. Dieses nachlassende Interesse kann nämlich zum Teil durch sozialen Druck ausgelöst werden – dieser Druck kann bewusst oder unbewusst ausgeübt werden, aber er wirkt immer. Blackburn: „Junge Frauen können so eingeschüchtert werden, und wissen dann nicht mehr, wie sie ihren Interessen nachgehen sollen.“ Eine mögliche Lösung wären Wissenschafts-AGs und Science-Clubs nur für Mädchen der Klassenstufen 6-12, meinte Schmidt. Cory fügte hinzu, dass Frauen auf jeder Karrierestufe Unterstützung bräuchten. Ans überwiegend weibliche Publikum gewandt, fügte sie hinzu: „Sie sind gerade in einem ganz wichtigen Alter, geben Sie nicht auf!“

Der Impact-Faktor von Familie
Ein Problem im modernen Wissenschaftsbetrieb sei laut Schmidt das Dranbleiben-Müssen, das sogenannte Tracking: Publikationen, Zitierstatistiken mit Impact-Faktor, Konferenzen und Patente gehörten dazu. In dieser simplen Betrachtungsweise komme allerdings der Fall eines sehr guten Papers nicht vor, das mehr als drei Mal so viel Einfluss haben kann wie eine durchschnittliche Veröffentlichung. Schmidt weiter: „Wir müssen die wirklich guten ForscherInnen herausfiltern und mit Forschungsgeldern versorgen.“
Blackburn ging noch einen Schritt weiter und meinte, dass alle, die nur auf den Impact-Faktor ihrer Publikationen schielen würden, im Grunde „bottom feeders“ wären – also entweder kurzsichtig denken würden oder schlichtweg Idioten wären. Das Publikum musste herzhaft lachen. Blackburn fuhr fort, dass Frauen die Zeit der Kindererziehung als vorübergehende Phase in einer vielleicht 40-jährigen wissenschaftlichen Karriere sehen sollten. „Es geht hier nur um ungefähr 18 Jahre Ihres Lebens“, fuhr sie fort – im Publikum wurde gekichert. Doch als sie sagte, dass Karriere und Kinder sich keinesfalls ausschließen würden, waren sich alle Frauen auf dem Podium einig. „Und bis zur allerletzten Minute mit dem Kinderkriegen zu warten, ist aus biologischer Sicht auch nicht die besten Idee“, fügte Blackburn noch hinzu. Die Podiumsteilnehmer waren sich außerdem einig, dass das Wichtigste in der Vereinbarkeit von Forschung und Familie ein Partner wäre, der mitzieht und auch mal zurücksteckt.

Als Spencer nachfragte, ob junge Forscherinnen einen Erziehungsurlaub von zwei oder drei Jahren nehmen könnten, lautete die einhellige Antwort „Nein!“. „Die moderne Wissenschaft ist unglaublich schnelllebig“, erklärte Cory. „Wenn Sie dort rausgehen, und sei es nur für drei Jahre, dann ist es sehr schwer, den Wiedereinstieg zu schaffen. Außerdem verlieren Sie an Selbstvertrauen, sie verlieren in dieser Zeit Kontakte und Wissen.“ Die Frauen waren sich einig, dass die Kleinkindphase neben einer Karriere nur bewältigt werden kann, wenn die Frauen exzellent organisiert sind und eine geradezu Laser-artig getaktete Konzentration haben, sowohl auf ihre Ziele als auch auf das Kind. Blackburn erzählt von ihrer eigenen Familienphase: Für sie gab es kein Ausgehen oder Essengehen mehr: „Mein Leben bestand nur noch aus Forschung und Familie“.

Setzen Sie doch auf Frauen!
Cory erzählt zum Schluss noch ein Gleichnis. Wenn man sich vorstelle, dass ein Junge einfach ins tiefe Wasser springe, ohne groß nachzudenken und auf diese Weise schwimmen lernte, so stehe ein Mädchen gleichzeitig im flachen Wasser und traue sich erst ins tiefe Wasser, wenn sie sicher ist, dass sie schwimmen kann. Zu den jungen Nachwuchsforscherinnen sagt sie: „Sie müssen ins tiefe Wasser springen!“ Schmidt wandte an dieser Stelle ein: „Manchmal muss aber derjenige, der ins tiefe Wasser springt, vom Bademeister gerettet werden“ – das Publikum lachte. Er schlug vor, dass es Mentorenprogramme für beide Geschlechter geben solle und alle Beteiligten sich klar machen müssten, was es hier für Probleme geben kann. Außerdem solle es strukturelle Veränderungen sowohl in der Forschung als auch in der Industrie geben, meinte Schmidt. Ein Beispiel wäre, dass die Bewährungszeit von Professoren auf Zeit, auch „tenure clock“ genannt, für Frauen mit Kindern verlängert würde. Blackburn fügte hinzu, dass die Kinderbetreuung verbessert werden könnte, so wie die Princeton University das vormacht: Wenn dort ein Kind von Forschern plötzlich krank wird und nicht in den Kindergarten kann, stellt die Universität kurzfristig einen fähigen Babysitter zur Verfügung. Außerdem sollten Frauen auf jeder Stufe der Karriereleiter in der Lage sein, selbstbewusst zu sagen: „Ich bin die Richtige für diesen Job. Nehmen Sie mich!“


Der Text im englischen Original. Übersetzung von Susanne Dambeck

Kathleen Raven

About Kathleen Raven

Kathleen Raven reports on cutting-edge solid tumor cancer drug developments and clinical trials for BioPharm Insight, owned by The Financial Times Group, in New York City. She’s previously written for Reuters Health, Scientific American, MATTER, Nature Medicine and other U.S. publications. She has been a recipient of the following short-term reporting fellowships: National Academies Keck Futures Initiative, Goethe Institute, Fulbright Berlin Capital and Falling Walls. She has two master’s degrees from the University of Georgia in Ecology and Health & Medical Journalism.

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