Vom Urknall zu “The Big Bang Theory”: Interview mit George Smoot Teil II

Wie überall beim Lindauer Treffen ging es auch bei meinem Interview mit George Smoot nicht nur um die fachlichen Aspekte (siehe Teil I). Smoots Beschreibung des Beginns seiner wissenschaftlichen Karriere dürfte einigen Young Researchers bekannt vorkommen. Überspitzt gesagt der erste Tag an der Uni, und so viel interessante Wissenschaft, so wenig Zeit:

“Es gab so viele Dinge, für die ich mich interessiert habe, und ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es Studenten gab, die sagten ‘Müssen wir wirklich zu all diesen Kursen gehen?’ Für mich war das eine Chance, all diese interessanten Dinge zu lernen. Natürlich bildet man dann Vorlieben aus, und mich hat es in die Physik gezogen. Ich denke aber, es hätte genau so gut anders kommen können. Hätte ich einen Dozenten gehabt, der mich z.B. besonders für die Neurobiologie begeistert hätte, wäre ich vielleicht dort gelandet.”

 

Smoots Ratschlag an Studienanfänger, die sich fragen, in welche Richtung sie denn nun gehen sollten, ist entsprechend allgemein:

“Lernt, wie man lernt – das braucht ihr, weil sich alles so rasch verändert. Schafft euch Grundlagen, und macht dann Dinge, die ihr als besonders interessant und als besonders große Herausforderung empfindet. Man kann nicht sagen: ‘Entscheidet euch für diese bestimmte Fachrichtung’ – Fachrichtungen sind immer in Bewegung. Ein Fach, das sich über 15 Jahre hinweg nicht ändert, ist kein Fach, das man wählen sollte. [Wer jetzt zu studieren anfängt,] wird nicht sein ganzes Leben den gleichen Beruf ausüben. Vielleicht hat der Beruf nachher immer noch die gleiche Bezeichnung, aber es wird sich ändern, was man dabei tut. Insbesondere, da ihr alle 200 Jahre alt werdet, nicht wahr?”

Smoot ist in Bezug auf Steigerungen der Lebenserwartung sehr optimistisch. Auch wenn er zugibt, dass das Wettrennen zwischen Altern und medizinischem Fortschritt für ihn als jetzt 65jährigen schwieriger ist als für uns junge Spunde.

Nun gut, das mit der wissenschaftlichen Karriere hat Smoot rückblickend sehr gut hinbekommen. Für die heutigen Young Researchers sieht er da durchaus andere Probleme. Eines davon betrifft die Frage, wie große Gemeinschaftsprojekte damit zusammenpassen, dass junge Wissenschaftler nebenbei an ihrer individuellen Karriere und den dafür nötigen eigenen Veröffentlichungen basteln müssen: 

“Ich kann Dinge wie [die Durchmusterung des Weltalls nach leuchtender Materie] Big BOSS machen, weil es bei mir nicht so darauf ankommt, dass das Projekt zehn Jahre dauern wird. Wenn man Doktorand oder Postdoc ist, dann möchte man natürlich [vor Ablauf einer solchen Zeitspanne] seine Doktorarbeit fertig bzw. seinen nächsten Job angetreten haben. Ich kann solche Projekte anfangen, und auch Postdocs haben natürlich Vorteile davon, dass sie Teil eines solchen größeren Projekts sind, aber man muss ein Gleichgewicht finden: Zukunftsprojekte einerseits, die Notwendigkeit, immer wieder eigene Fachartikel zu veröffentlichen, andererseits.

“Ich habe schon bei COBE damit angefangen, Studenten ins Team zu holen. Die konnten dann einerseits ihre eigenen Experimente durchführen, etwa von einem Berggipfel aus das Spektrum der kosmischen Hintergrundstrahlung messen. Den anderen Teil der Zeit würden sie mit den anderen Experimentatoren an COBE arbeiten.” 

Über Fragen nach der Karriereplanung, der Gewinnung von wissenschaftlichem Nachwuchs, Projekten wie der Global Teachers’ Academy, in denen sich Smoot engagiert, und einer Ausstellung zu Energie, Klima und Kosmologie, für die er mit dem Venlo Science Center in Holland zusammenarbeitet, kommen wir dann zu einer Institution, die in meinen Lindau-Beiträgen zur kosmischen Hintergrundstrahlung regelmäßig auftaucht: Dem deutschen Museum. Dort steht nämlich nicht nur der Original-Empfänger von Penzias und Wilson:

“[Sobald klar war, dass ich den Nobelpreis bekommen würde,] kamen Anfragen von den Archiv- und Museumsleuten: Können wir Material haben? Das war eine sehr traurige Angelegenheit: Nachdem COBE in Betrieb war, wollten die [NASA-Leute] vom Goddard-Center die ganzen Prototypen wegwerfen. Ich hatte ihnen dann noch gesagt: Werft sie nicht weg, gebt sie mir. Dann waren sie zwei Jahre bei mir in der Garage, und als ich dann in ein anderes Haus zog und keinen Platz mehr hatte, zogen die Geräte in mein Labor und mein Büro um. Drei Monate vor dem Nobelpreis haben mir die Leute von der Universitätsverwaltung gesagt, ich müsse mein altes Büro und meine Laborräume abgeben. Und dann musste ich vieles wegwerfen.

“[Zumindest konnte ich] dem Smithsonian noch zwei Stücke geben, und das Deutsche Museum hat einen Prototyp der Radiometer [bekommen, mit denen wir die Fluktuationen der Hintergrundstrahlung gemessen hatten]. Das Deutsche Museum hatte mir Arnold [Penzias] empfohlen, ich habe mir dann die Besucherzahlen europäischer Museen angeschaut und mir gesagt: Das ist der richtige Ort.”

Ganz allgemein gilt: Jeder weiss, was ein Nobelpreisträger ist. Und kaum jemand kennt die einzelnen Nobelpreisträger. George Smoot hat sein Preis immerhin einen Gastauftritt in einer Fernsehserie eingebracht, passenderweise in “The Big Bang Theory”, einer Sitcom mit zwei Physikern in der Hauptrolle, die mit den klassischen Nerd-Vorurteilen (und, seien wir ehrlich, Urteilen) spielt. Smoot hatte die Sendung zunächst online auf Empfehlung eines seiner Studenten hin gesehen:

“Ich habe dann gesagt: Das ist ja eine nette Sendung! Der Student sagte: ‘Ich habe da einen Freund, den ich ansprechen und der dir vielleicht eine Einladung zu der Sendung verschaffen könnte.’ Da dachte ich mir: Das würde sich lohnen. Das ist die erste Sendung, die Wissenschaftler so darstellt, dass man sich als Wissenschaftler irgendwie wiedererkennt. “

Die Macher der Sendung haben sich die Laureaten-Mitwirkung natürlich auch ans Revers geheftet:

Smoot möchte jedenfalls ausdrücklich darauf hinweisen, dass der improvisierte alternative Episodenschluss, der in dem hier verlinkten “Making of” zu sehen, weit besser seinem Naturell entspricht als das Ende, das im Drehbuch stand.

  

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