Susumu Tonegawa – Mit schönen Erinnerungen der Depression den Kampf ansagen

Susumu Tonegawa hält seine Lecture bei der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung 2015, Foto: LNLM

Susumu Tonegawa hält seine Lecture bei der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung 2015, Foto: LNLM

Tonegawa erhielt seinen Nobelpreis für eine bahnbrechende Entdeckung auf dem Gebiet der Immunologie: Er bewies, dass Proteine, die fremde Eindringlinge erkennen, von Hunderten getrennter Genteile codiert werden, die sich millionenfach miteinander kombinieren und abwandeln können. Darüber sprach er aber bei seiner ersten Lecture auf einer Lindauer Nobelpreisträgertagung nicht. Es ist viel Zeit seit seinem Nobelpreis vergangen, Tonegawa erhielt ihn 1987. So begrüßte er das Publikum mit einem beschwingten „hallo nach über 25 Jahren“ und hatte seine ganz aktuelle Forschung mit im Gepäck.

Da drängt sich einem der Gedanke auf, wie schön das doch ist, wenn Forschende den Nobelpreis nicht erst am Ende ihrer Karriere für eine unter Umständen lange zurückliegende Lebensleistung bekommen, sondern aktiv die damit verbundenen Mittel für weitere Forschung nutzen können. So berichtete Susumu Tonegawa also als Neurowissenschaftler von den Forschungsergebnissen seines Labs am MIT, nachdem er zuvor einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Gedächtnisforschung gab.

Die Laureaten-Kollegen Tsien und Betzig in der Lecture von Susumu Tonegawa, Foto: LNLM

Lecture Susumu Tonegawa, Foto: LNLM

„During the past few years, the advent of transgenics, optogenetics, and other technologies has allowed neuroscientists to identify memory engram cells. Furthermore engram engineering technology is allowing neuroscientists to implant new memory in the mouse brain.“

Der Arbeitsgruppe um seine Mitarbeiter Steve Ramirez und Xu Liu gelang es, mit Hilfe von schönen Erinnerungen depressionsähnliche Symptome bei Mäusen zu lindern. Dazu muss man zunächst die Neuronen beobachten, die bei den positiven Reizen aktiv sind. Im nächsten Schritt werden die entsprechenden Nervenzellen mit einem lichtsensitiven Molekül markiert – um sie später gezielt an- und ausschalten zu können. Dann werden die Tiere künstlich in Stress versetzt bis sie depressionsähnliche Zustände zeigen. Nun werden mit Hilfe von Licht die Neuronen aktiviert, die bei den schönen Erinnerungen aktiv waren und es lässt sich eine deutliche Besserung beobachten, die man beispielsweise durch das Nippen an schmackhafter Zuckerlösung beobachten kann, die zuvor von den lustlosen Mäusen verschmäht wurde. Wiederholte man diese ‚positive’ Aktivierung über einen längeren Zeitraum, bildeten die Mäuse sogar eine kurzzeitige Stressresistenz aus. Diese Forschungsergebnisse brachten den beiden Forschern den „2014 Smithsonian Ingenuity Award“ ein. Susumu Tonegawa gedachte dem erst vor Kurzem überraschend verstorbenen Xu Liu in seiner Lecture mit einer Würdigung seines herausragenden Talents.

Was die Frage nach der Übertragbarkeit dieser Forschungsergebnisse auf den Menschen angeht – sie muss noch offen bleiben. Denn das bei den Mausversuchen geschilderte optogenetische Verfahren müsste noch kabellos und minimalinvasiv weiterentwickelt werden. Diese Entwicklung steht aber erst am Beginn. Gezielte Manipulation von Neuronen beim Menschen könnte dann die Vision zur Heilung verschiedener Krankheitsbilder sein. Susumu Tonegawa hat uns die Vorgänge im Körper, wenn „negative Gefühle das Gehirn überschwemmen“ aber heute schon sehr viel näher gebracht. Anschaulich sprach er vom „Kampf der negativen und positiven Gefühle“, die jede Seite für sich entscheiden will.

Stephanie Hanel

About Stephanie Hanel

Stephanie Hanel is a journalist and author. Her enthusiasm for the people behind science grew out of her work as an online editor for AcademiaNet, an international portal that publishes profiles of excellent female scientists. She is an interested observer of new communication channels and narrative forms as well as a dedicated social media user and science slam fan.

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