Schweigen im Walde bei Paul Crutzen

Am Montagnachmittag im Forum am See: Gut 30 junge Wissenschaftler haben sich in einem kleinen Raum zusammengefunden um Paul Crutzens Vortrag zum Klimawandel zu lauschen. Hinter mir hat es sich Dr. Susanne Hintschich bequem gemacht – heute ist sie zwar Physikerin, aber als Ex-Meteorologin und Wissenschaftsbegeisterte interessiert sie das Thema sowieso. Crutzen ist ja nun auch nicht mehr der Jüngste, hält seinen Vortrag im Sitzen und als er mit einem Babyfoto von sich anno dunnemals beginnt, fürchten die Anwesenden doch kurz einen weiteren “Käseigel”-Vortrag. Wär ja schade. Dann aber kommt Crutzen zum Thema und damit, in einem seinem Alter entsprechenden Tempo, in Fahrt. 

Es geht ihm um das Anthropozän, das von ihm mit diesem Begriff geprägte Erdzeitalter in dem wir momentan leben und das wir per Definition selbst geschaffen haben. Das Zeitalter in dem die Auswirkungen des Menschen auf die Natur mit natürlichen Einflüssen auf eine Stufe gestellt werden können. Wie solche Auswirkungen aussehen, ist ja hinlänglich bekannt: Kohlenstoffdioxid und Methan halten die Wärmestrahlung fest, vormals zerstörten FCKWs die Ozonschicht. Allein im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich die Viehpopulation weltweit vervierfacht, während die Meere längst schon überfischt werden. Im selben Zeitraum ist der Wasserverbrauch um das neunfache gestiegen. Fast die Hälfte der Menschen lebt in Großstädten. Wir verändern die Natur und das leider meist nicht zum Guten.

Crutzens Frage an die jungen Wissenschaftler lautet ganz naheliegend: Was können wir dagegen tun? Klimaskeptiker sitzen zum Glück nicht im Saal, sodass man hier immerhin keine Zeit an Spinner verschwenden muss. Den Ausstoß der Treibhausgase verringern sollte man, das ist ja klar. Und Crutzen präsentiert, bevor es zur pressefreien Diskussion geht, noch ein paar weitere Ansätze: Man könnte ja Schwefelverbindungen in die oberen Luftschichten schießen oder ein riesiges Gebiet mit Bäumen bepflanzen. Schweigen im Walde. Was anschließend in der Diskussion geschieht, berichtet Susanne bei einem Post-Crutzen-Eiskaffee:

(Kein Foto von Herrn Crutzen, nicht minder ansehlich: Physikerin Susanne Hintschich mit Eisschokolade.)

Die Schwefel-Idee hält sie für Unfug. “Das kühlt die Erde vielleicht ab, aber es lässt auch weniger Licht durch. Wie würde sich das wohl auf die Natur auswirken?” Ihrer Meinung nach wertete die Diskussion dieser Möglichkeit bzw. die Untersuchung der Durchführbarkeit die Idee unnötig auf. Auch Crutzens Vorschlag eines gigantischen, künstlich angelegten Waldes hält sie für fraglich. “Ein so großes Gebiet zu finden und zu Bepflanzen wird doch in der Umsetzung immer schwierig bleiben. Die Treibhausgase zu verringern ist schon die beste Idee, ich hätte lieber mehr darüber geredet.” Susanne Hintschich arbeitet als Post-Doc am Institut für Angewandte Photophysik der TU Dresden. Aus Crutzens Vortrag hat sie trotz unnötigem Schwefel auch etwas Lehrreiches mitgenommen: “Wir haben noch ein wenig über Klimaskeptiker geredet. Wie soll man mit ihnen umgehen? Diskutieren oder ignorieren? Crutzen hatte dazu eine sehr klare Haltung. Wenn man über die Probleme nicht redet, verschwinden sie auch nicht. Darum ist es umso wichtiger, auf das Thema Globale Erwärmung aufmerksam zu machen – auch und vor allem in der Politik.”

2 comments on “Schweigen im Walde bei Paul Crutzen

  • Martin Holzherr says:

    Crutzen hat also in seinem Vortrag drei Optionen besprochen, wie man dem Klimawandel begegnen könnte:
    1) Treibhausgasemissionen reduzieren
    2) Geoengineering mit Schwefeldioxid
    3) Massive Aufforstung

    Der Vorschlag 2), Schwefeldioxid in die obere Atmosphäre zu blasen und damit die Erde zu kühlen, ähnlich wie das der Vulkan Pinatubo für ein paar Jahre getan hat, stammt ursprünglich von Crutzen. In der öffentlichen Diskussion stösst dieser Vorschlag generell auf Ablehnung und es wird auch befürchtet, man wolle sich damit vor der eigentlichen Aufgabe, der Reduktion von CO2-Emissionen, drücken.
    Dieses Problem hat Crutzen aber von Anfang an erkannt. Er denkt nur, dass Option 1), nämlich Treibhausgasemissionen reduzieren, möglicherweise von uns verschlampt wird, so dass wir schliesslich gezwungen sind Option 2) anzuwenden. Treibhausgase reduzieren, das bedeutet ja, den Aussstieg aus den fossilen Treibstoffen. Doch Aufrufe, dies zu tun sind mindestens schon 20 Jahre alt – ohne dass sie bis jetzt etwas gefruchtet hätten (siehe http://www.thedailyshow.com/…-independent-future). Offensichtlich ist es nicht so einfach auf Autos, Traktoren, dieselbetriebene Schiffe, Flugzeuge und selbst so profane Dinge wie Öl- oder Gasheizungen zu verzichten.

    Wenn Option 1): Emissionsreduktionen schon nicht realisiert wird, beziehungsweise immer in die Zukunft verschoben wird und nur eine der beiden Optionen 2) und 3) übriggbleiben, dann ist 3) die wohl beste, allerdings nicht ganz billige Option. Der Vorteil von massiven Aufforstunge: Es ist zwar sauteuer, jedoch muss sich niemand einschränken und keiner braucht seinen Lebensstil zu verändern. Es gibt einen Vorschlag, die Sahara und den australischen Outback künstlich zu bewässern und zu bepflanzen und die Berechnungen ergeben, dass man damit die menschlichen CO2-Emissionen mühelos kompensieren könnte. Allerdings wäre es nicht ganz billig. Es könnte beispielsweise mit einer Bezinsteuer von 1 Euro pro Liter Benzin finanziert werden. Hier der Vorschlag: http://www.springerlink.com/…t/55436u2122u77525/

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  • Schade, ich habe das erst jetzt gesehen:

    Ich bin prinzipiell ja auch für Aufforstungen. Den Vorschlag, dies im Outback bzw. in der Sahara durchzuführen, halte ich allerdings für sehr gewagt:

    1. Woher soll das Wasser kommen? Zur Auswahl stehen Grundwasser (überwiegend fossiles) oder entsalztes Meerwasser. Das eine ist Verschwendung von nicht zu ersetzenden Ressourcen, das zweite verschlingt Energie und belastet bei den benötigten Mengen das Meeresökosystem mit dem überschüssigen Salz.

    2. Auch wenn man es dem Outback nicht ansieht: Es ist ein artenreiches Ökosystem. Das sollte nicht einfach mit Aufforstungen – vielleicht auch noch mit exotischen Arten – zerstört werden.

    3. Es ist deutlich sinnvoller, dafür zu sorgen, dass im Hier und Jetzt natürliche Wälder erhalten bleiben, im Kongo, auf Sumatra, in Brasilien etc., bevor mit Unsummen neue Wälder gepflanzt werden.

    4. Wenn Aufforstung, dann in den genannten Gebieten mit einheimischen Baumarten: Riesige Flächen in Indonesien oder Brasilien sind heute mit dichten Grasbeständen bewachsen (Alang-Alang), die nicht mehr genutzt werden und wo früher Regenwald stand. Das eine Aufforstung und Regeneration des Tropenwaldökosystems gelingen kann, zeigen Beispiele aus Borneo (Lebenswald von BOS: http://www.bos-deutschland.de/…fftlebenswald.php) und Brasilien (Regua, Atlantikregenwald: http://www.regua.co.uk/restoration.html).

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