Noble Sätze – Verraten Original-Publikationen den Nobelpreis?

Wie alle Wissenschaftler publizieren auch zukünftige Nobelpreisträger ihre Forschungsergebnisse in peer-revieweten Wissenschaftsmagazinen. Ihre ursprünglich veröffentlichten Ergebnisse, Thesen und Ideen sind in den digitalen Archiven der Wissenschaftsliteratur auch Jahre und Jahrzehnte später konserviert, als wären sie erst gestern publiziert worden. 

Lucas Brouwers, der Kollege im englischen Lindau Blog und dessen Blogpost ich hier frei übersetze, hatte eine nette Idee: Er hat sich die Originalveröffentlichungen der Laureaten angeschaut und untersucht, ob dort bereits Spuren der tiefen Einsicht oder der gloreichen Entdeckungen erkennbar sind, die zum Nobelpreis führen sollten. Gibt es Absätze in den Papers, die den Erfolg, welche die Autoren Jahre später hatten,  vorwegnehmen?  Gibt es den einen nobelpreiswürdigen Satz?


Natürlich nicht. Es ist lächerlich zu meinen das der wissenschaftliche Fortschritt auf ein einzelnes Paper oder gar einem einzelnen Satz kondensiert werden kann. Wissenschaftliche Einsicht ist ein Prozess und sie kommt nicht als Geniestreich. Sogar die Laureaten bauen auf das Wissen der Forscher vor ihnen.

Ich denke dennoch, dass es interessant ist, wie die Nobelpreisträger, die dieses Jahr am Treffen in Lindau teilnehmen ursprünglich von ihren Ergebnisse berichteten. Ich habe daher deren Schlüsselpublikationen gelesen und die Sätze ausgewählt, die meiner Meinung nach die Idee, die zum Nobelpreis geführt hat, am besten repräsentiert.

Aus den Zitaten wird klar, dass es nicht den einen Weg gibt eine Entdeckung oder Erkenntnis zu veröffentlichen. Zum Teil sind es technische Beschreibungen, zum Teil sind es klare Worte. Manche sind im Aktiv geschrieben, andere im Passiv. Aber sie haben eines gemein: Alle sind ausgezeichnete Beispiele hervorragender Wissenschaft und Teil der Speerspitze unseres Wissens.

Unten die Beispielsätze mit Links zu den Papers. (eventuelle Fehler sowie mehr oder weniger gelungene Wahl der Schlüsselveröffentlichung sind Lucas zu zu schreiben! :-))

Peter Agre gibt die Entdeckung von Wasserkanälen in Membranen bekannt:
“Our observations strongly suggest that CHIP28 is the functional unit of the constitutively active water channels of RBCs and proximal renal tubules.” (ref)

Werner Arber liefert den Schlüssel, das Restriktionsenzyme spezifische DNA Sequenzen erkennen:
“It is concluded that host specificity is carried on the bacteriophage DNA.” (ref)

Elizabeth Blackburn beschreibt zum ersten Mal ein Telomer:
“The results described in this paper show that at each end of the palindromic, extra-chromosomal rDNA molecules there is a tandemly repeating hexanucleotide sequence.” (ref)

Aaron Ciechanover und Avram Hershko über die Entdeckung des Ubiquitin-basierten Proteinabbaus:
“We now report that the ATP-dependent cell-free system is composed of complementing species, and describe the properties of one of the components.” (ref)

Christian de Duve entdeckt das Lysosom:
“Acid phosphatase is attached to a special type of cytoplasmic granules, differing both from the [..] mitochondria and from the [..] microsomes.” (ref)

Sir Martin Evans beschreibt die erste Isolierung embyonaler Stammzellen von Mäusen:
“We have demonstrated here that it is possible to isolate pluripotential cells directly from early embryos.” (ref)

Edmond Fisher beschreibt die reversible phosphorylierung als Regulationsmechanismus:
“The activation and inactivation of muscle phosphorylase, which results from the interconversion of phosphorylases b and a, constitutes an important mechanism by which the metabolism of carbohydrate in this tissue may be controlled.” (ref)

Robert Huber und Michel Hartmut geben bekannt, dass sie die Struktur des photosynthetischen Reaktionszentrums gelöst haben:
“In this letter we report the spatial arrangement of the prosthetic groups in the photosynthetic reaction centre as the first result of our structure analysis at 3 angstrom resolution” (ref)

Sir Harold Kroto witzelt über den Namen “buckminsterfullerene” oder “bucky balls”, die er und sein Team synthetisiert haben:
“We are disturbed at the number of letters and syllables in the rather fanciful but highly appropriate name we have chosen in the title to refer to this C60 species” (ref)

Jean-Marie Lehn beschreibt die Synthese von Cryptanden:
“In previous communications, we described the synthesis of a macroheterobicyclical compound.” (aus dem Französischen übersetzt: Dans la communication précédente nous avons décrit la synthèse de composés macrohétérobicycliques.) (ref)

Anmerkung: Das ist die erste Erwähnung der Cryptanden die ich von Jean-Marie Lehn finden konnte. Der Satz enthält einen Literaturverweis, der aber nur als “previous communication” im Literaturverzeichnis ausgeführt wird. 

Ferid Murad beschreibt wie einfache Stickstoffmonoxidmoleküle die Aktivität eines Enzyms regulieren können:
While the precise mechanism of guanylate cyclase activation by these agents is not known, activation may be due to the formation of nitric oxide. (ref)

Ei-ichi Negishi beschreibt zum ersten mal die Bindung einer organo-zink Verbindung an ein Halogen mit Hilfe eines Palladium-Katalysators (diese Reaktion wird später die “Negishi-Reaktion” genannt):
“We now report that organozinc compounds readily participate in the Ni- or PD-catalyzed cross-coupling reaction.” (ref)

Erwin Neher und Bert Sakmann beschreiben zum ersten Mal das Verhalten eines einzelnen Ionenkanals:

“We have formed the following picture of acetylcholine receptors [..]: a channel opens and closes rapidly.” (ref)

Hamilton Smith entdeckt TypII Restriktionsenzyme:
“We have made the chance discovery of what appears to be [..] an enzyme in Hemophilus influenza which specifically degrades foreign DNA.” (ref 1 and ref 2)

Oliver Smithies schreibt, dass er mit Hilfe der homologen Rekombination erfolgreich ein fremdes Gen in ein Wirbeltiergenom eingeführt:
“The experiments reported here establish that the planned modification of a specific human gene can be accomplished in mammalian cells by homologous recombination without detectably affecting other parts of the genome.” (ref)

Thomas Steitz  über die Aufklärung der Struktur des Ribosoms:
“The analysis of the 50S ribosomal subunit structure presented here describes the overall architectural principles of RNA folding and its interaction with proteins, but many exciting details remain to be explored.” (ref)

Roger Tsien sieht die Zukunft fluoreszierender Proteine in der biologischen Forschung voraus:
“The availability of several forms of GFP [..] should facilitate two-color assessment of differential gene expression, developmental fate or protein trafficking.” (ref)

Torsten Wiesel beschreibt seine Experimente über die Prozessieung visueller Reize im Gehirn von Katzen:
“The present investigation [..] includes a study of receptive field of cells in the cat’s striate cortex.” (ref)

Ada Yonath über die Kristallisation ribosomaler Protein in thermophilen Bakterien:
“The  information obtained from the studies described in this paper will be a valuable contribution to the current investigation on the spatial  structure of  the ribosome by chemical, physical, and immunological techniques.” (ref)

Anmerkung: Ich habe erfolglos versucht die online-Version eines früheren Papers zu finden, das zitiert wird (1980, Biochemistry International).

Harald zur Hausen  isoliert humane Papillomvirus-DNA aus Gebärmutterhalstumorproben:
“The data thus indicate that HPV 16 DNA prevails in malignant [cervical] tumors, rendering an accidental contamination with papillomavirus [..] unlikely” (ref

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