Mehr als nur HPV: Impfungen gegen Krebs

Der späte Vormittag gehörte in Lindau den Medizinern: Zunächst erzählte Harald zur Hausen von den Zusammenhängen zwischen Infektionen und Krebs, dann legte Luc Montagnier seine Forschungsergebnisse zur Physik und Biologie der DNA vor – böse Zungen behaupteten, der Mann sei nun unter die Homöopathen gegangen. Zuletzt sprach Francoise Barré-Sinoussi über die Entdeckung von HIV und weshalb sie ohne translationale Forschung nie möglich gewesen wäre.

Bezüglich der Geschichte der Zusammenhänge zwischen Infektionen und Krebs hat Martin vor ein paar Wochen schon einen großartigen Artikel geschrieben. Professor zur Hausens Vortrag ließ das Publikum zeitweise vor Ehrfurcht erstarren, als er die Rolle von Infektionen bei der Krebsentstehung auf vielfältigste Weise erklärte. So begann er zwar natürlich mich dem Humanen Papillomavirus (HPV), für dessen Erforschung der 2008 den halben Nobelpreis erhielt (die andere Hälfte ging an Montagnier/Barré-Sinoussi). Darüberhinaus aber zeigte er weitere Beispiele, wie Viren und Bakterien indirekt Krebs auslösen können, so zum Beispiel den Zusammenhang von Helicobacter Pylori und Magenkrebs, Hepatitis B und seine Rolle bei Leberkrebs, HIV 1 und 2, die durch die Schwächung des Immunsystems ebenfalls die Krebsentstehung begünstigen, Tuberkulose, die an der Entstehung von Lungentumoren beteiligt sein kann und Borrelia burgdorferi, das mit der Entwicklung von B-Zellen-Lymphomen assoziiert wird. Insgesamt kommt zur Hausen damit auf 21 Prozent aller Krebserkrankungen, die durch Infektionen ausgelöst werden – wobei viele von ihnen vermeidbar wären.

Außerdem zeigte zur Hausen einen weiteren interessanten Aspekt, der möglicherweise helfen könnte, zukünftige Krebsraten zu senken. Im Vergleich diverser Risikofaktoren für Leukämien im Kleinkindalter ist zwar zu erkennen, dass Infektionen in diesem Alter das Erkrankungsrisiko insgesamt senken. Treten die Infektionen jedoch gehäuft im ersten Lebensjahr auf, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit – vermutlich kann das Immunsystem so gar nicht erst ausreifen. Dieses Beispiel zeigte auch wie Kinder mit höherem sozioökonomischen Status – zumindest unter diesem Aspekt – ausnahmsweise benachteiligt sind.

Um solche durch Infektionen ausgelösten Krebsarten zu reduzieren forderte zur Hausen zu mehr Forschung an Impfstoffen auf. Gemeinsam mit seiner Frau Prof. Ethel-Michele de Villiers erforscht er so momentan auch das TT-Virus – ein Virus, das per se zwar “nur” die Leber angreift, zugleich jedoch der Entstehung von Gehirntumoren und Autoimmunerkrankungen wie Asthma oder Multipler Sklerose zugeschrieben wird.

Die vergangenen Jahrzehnte haben eine Vielzahl an Forschungsergebnissen zu den Verknüpfungen zwischen Krebs und Infektionen gebracht. Harald zur Hausen forderte die jungen Forscher nicht nur auf, an Impfstoffen gegen solche Erkrankungen zu forschen sondern auch weitere Viren, Bakterien und Parasiten auf ihre Folgeerkrankungen zu untersuchen.

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