Lindau: Tipps und Erinnerungen einer Teilnehmerin des 2010er-Treffens

Rike Müller-Werkmeister hatte ich bereits während des Lindauer Treffens 2010 interviewt, an dem sie als Jungwissenschaftlerin teilnahm – einmal direkt am Anfang des Treffens, einmal gegen Ende. Daher habe ich sofort an Rike gedacht, als ich mich fragte, wer wohl den diesjährigen Teilnehmern ein Gefühl vom Ablauf und, ja, vom Geist der Lindauer Treffen vermitteln könnte. Rike hat freundlicher Weise gleich zugesagt.

MP: Hallo Rike – und danke, dass du dich noch einmal zu einem Interview bereitgefunden hast! Magst du unseren Lesern kurz sagen, wer du bist?

RM-W: Rike Müller-Werkmeister, (fast fertige) Doktorandin am Institut für Biophysik der Universität Frankfurt. Bei meiner Doktorarbeit geht es um “Unnatürliche Aminosäuren als neue Label für die zeitaufgelöste 2D-IR-Spektroskopie” – kurz gesagt: ich erforsche mit Hilfe von ultrakurzen Laserpulsen die Dynamik von Biomolekülen.

MP: Wer darüber Näheres wissen will, findet weitere Informationen in dem ersten Interview, das ich damals mit dir in Lindau geführt habe. Womit wir bereits beim Thema wären, nämlich bei deinen Erfahrungen mit dem Lindauer Treffen und der Frage, was sich davon vielleicht auf die diesjährigen Teilnehmer übertragen lässt. Wie bist du damals eigentlich nach Lindau gekommen?

RM-W: Der Fachbereich Physik hat mich vorgeschlagen. Wahrscheinlich, weil ich als Biochemikerin mit Doppelstudium in Physik viel zum Thema Interdisziplinarität zu bieten hatte. Finanziert hat meinen Aufenthalt die Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung.

MP: Was würdest du den Jungwissenschaftlern, die nächste Woche zum Lindauer Treffen 2012 kommen, raten?

RM-W: Sich mit begeisterten Augen einfach auf die Lindauer Welt einlassen, eintauchen… etwas poetischer ausgedrückt: Man sollte bereit sein, sich dem Zauber von Lindau hinzugeben.

MP: …und was sollten diese Jungwissenschaftler lieber vermeiden?

RM-W: Man sollte nicht mit vorgefertigten Erwartungen an die Tagung heran gehen. Auf gar keinen Fall sollte man einen “Laufzettel” mitbringen – den, den, den muss ich unbedingt sprechen, so etwas in der Art… stattdessen: sich einfach die Chance geben, Begegnungen zu machen, wie sie sich in Lindau dann ganz von selbst ergeben.

MP: Was hat dich bei deinem Lindau-Aufenthalt besonders beeindruckt?

RM-W: Bei meinem Sommermärchen 2010? Zum einen der Vortrag von Sir Harald Kroto, für den es ganz selbstverständlich ist, dass auch ernsthafte Wissenschaftler Outreach machen. Außerdem ein persönliches Gespräch mit Jack Szostak – über künstlich hergestelltes Leben und über Forschung im allgemeinen. Und die Vorträge von Oliver Smithies haben mich nicht nur beeindruckt, sondern ganz praktisch meine Arbeit beeinflusst!

MP: Wie das?

RM-W: Smithies hatte seine beiden Vorträge auf den Laborbuchaufzeichnungen seiner jahrzehntelangen Forschertätigkeit aufgebaut – und Seite auf Seite seiner Laborbücher als Folien gezeigt. Das hat mich damals extrem beeindruckt. Früher waren meine Laborbucheintragungen eher kurz gehalten. Heute sind meine Laborbücher ausführlich, mit Füller geschrieben, mit kleinen Skizzen, Graphen, mit Blei- oder Bundstift (und immer wieder kleinen “Comic-Zeichnungen”). Ich brauche jetzt zwar mindestens drei Laborbücher pro Jahr statt einem. Aber dafür kann ich jetzt z.B. auch wissenschaftlichen Gästen bei uns in der Gruppe einfach anhand meines Laborbuchs erklären – und vorzeigen! – woran ich gerade arbeite. Den vier Studenten, die ich seither bei ihren Bachelorarbeiten betreut habe, habe ich auch jeweils von Smithies Vorträgen erzählt. Bis ich auch einen ganzen Vortrag nur mit Scans meines Laborbuches halten kann, muss ich aber noch viel besser werden!

MP: Hat dir Lindau ganz konkret fachlich etwas gebracht?

RM-W: Nein, in fachlicher Hinsicht nicht soviel. Eher allgemein, etwa was mein wissenschaftliches Selbstverständnis angeht. Ich habe in Lindau begriffen – und dann auch auf einigen Tagungen danach gemerkt -, dass man als enthusiastischer Doktorand, der sein Fach mag, das durchaus auch so sagen darf. Vorher hatte ich vor anderen Doktoranden oft das Gefühl, dass der Mainstream die Promotion eigentlich vor allem wegen der zwei Buchstaben macht, und dass man negativ auffällt, wenn man selbst wegen seiner Begeisterung für die Forschung dabei ist. Vor allem habe ich in Lindau gemerkt, dass wir als Nachwuchswissenschaftler dort eben nicht nur “Schüler” waren, sondern doch schon “echte” Wissenschaftler.

MP: Die Laureaten sind, klar, Vorbilder, aber eben doch sehr entfernte Vorbilder – direkt auf den Nobelpreis hinzuarbeiten ist ja eher unrealistisch. Hat Lindau trotzdem beeinflusst, wie du deine eigene Karriere siehst?

RM-W: Die Laureaten, die über ihre Karrieren geredet haben, haben uns in Lindau durch die Bank gezeigt, dass keine Karriere, kein Preis etc. planbar ist. Ehrgeiz und Fleiß alleine reichen nicht aus – man muss zusätzlich noch Glück haben. Viel wichtiger finde ich, dass die Laureaten (und viele Teilnehmer!) mir bewusst gemacht haben, dass man als Wissenschaftler viel Freiheit hat – man kann in einem bestimmten Rahmen selbst entscheiden, was man weiterverfolgt, und man kann mit Spass und Freude Dinge entdecken – sozusagen “zum Spielen ins Labor gehen”. Immer, wenn ich das im Alltag vergesse (oder verdränge, weil mich genervte Doktoranden kurz vor Ende ihrer Doktorarbeit umgeben), dann versuche ich mich an Lindau und an die allgemein-begeisterte Stimmung dort zu erinnern. Das hilft gut! Ich gehöre auch zu denen, die einfach Spaß an ihrer Forschung haben. Und ich habe aus Lindau vor allem die Erkenntnis mitgenommen, dass ich keine echte Trennung zwischen privat und Arbeitsleben habe und brauche. Im Gegenteil: umso flexibler ich das Ineinandergreifen von privatem und Arbeitsleben gestalte, desto mehr Spaß habe ich an der Forschung!

MP: Jetzt noch ganz praktisch: Was sollte man unbedingt nach Lindau mitnehmen?

RM-W: Ein Notizbuch – ich hatte meins leider vergessen! Und gerade am Tag der Bootsfahrt wäre Sonnencreme sehr sinnvoll gewesen. Was noch? Schicke Klamotten für den Tanzabend (inklusive Schuhe!) und für das Dinner am Dienstag. Ein Handtuch und Schwimmsachen – wann geht man als Doktorand schon mal wieder um Mitternacht im Bodensee baden? Ganz wichtig sind bequeme Schuhe. Man läuft doch ganz schön viel durch die Gegend. Wir haben am Ende des Tages eigentlich nie den letzten Bus zurück ins Hotel genommen…

MP: Was sollte man umgekehrt lieber zuhause lassen?

RM-W: Als Frau: einen Anzug oder ähnliches; das ist viel zu warm. Und wenn ich dieses Mal wieder fahren könnte, würde ich ein iPad mitnehmen anstelle meines Laptops. Man sollte sowieso nicht dazu kommen, richtig zu arbeiten, und um einfach schnell etwas nachzulesen reicht das iPad.

MP: Hast du sonst noch einen besonderen Tip für die Teilnehmer?

RM-W: Ja – nutzt die Zeit auf der Bootsfahrt! Die bietet die besten Gelegenheiten, total unkompliziert mit den Laureaten ins Gespräch zu kommen. Ich erinnere mich an eine spannende Unterhaltung mit David Gross. Von dessen Foschung habe ich als Biophysikerin wirklich keine Ahnung, aber das Gespräch war sehr unterhaltsam, sehr… menschlich, und ich und der andere Jungwissenschaftler, der mit dabei war, haben uns sehr “angenommen” gefühlt. Ich hatte sowieso niemals den Eindruck, dass die Laureaten “von oben herab” mit den jungen Teilnehmern reden.

MP: Hast du noch Kontakt mit den Teilnehmern, die du 2010 in Lindau kennengelernt hast?

RM-W: Mit einer Reihe der Teilnehmer bin ich z.B. über Facebook in Kontakt; mit einigen wenigen habe ich engeren Kontakt. Und eigentlich habe ich bisher auf jeder größeren Tagung Leute aus Lindau wiedergetroffen: ob nun bei der Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, beim Biophysical Society Meeting oder bei der Physikerinnentagung. Außerdem war ich 2010 noch auf der Falling Walls-Konferenz in Berlin, wo wir sehr viele “Ex-Lindauer” waren. Einige Laureaten habe ich auch schon wieder gesehen – allerdings nur als Zuhörerin bei Vorträgen.

MP: Rike, ich weiss, dass du derzeit viel um die Ohren hast – umso herzlicheren Dank für das Gespräch!

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