Künstliche Intelligenz und Neurorobotik

Manches reicht zu weit, manches greift zu kurz. Nein, die humanoiden Roboter werden nicht schon morgen die Weltherrschaft übernehmen. Ja, es ist im Bereich des Möglichen, dass eines Tages die ‚Maschine’, die uns da gegenüber steht, eine ‚Person’ ist. Oder, wie es der Philosoph und KI-Experten Klaus Mainzer beschreibt: Er hält den entscheidenden Sprung zu einer Superintelligenz an der Stelle für möglich, wo man evolutionäre und technische Strategien zusammenführt und einen ‚neuromorphen’ Computer’ erschafft – der die technische Effizienz und die evolutionären Vorteile koppelt.

Was ist damit gemeint? Der technische Fortschritt ging einher mit der Rechnergeschwindigkeit und der Erhöhung der Speicherkapazität. Doch um Vorgänge des menschlichen Gehirns automatisiert zu simulieren, entsteht ein hoher Energieaufwand. Ganz im Gegensatz zur natürlichen Methode des Lernzuwachses, bei der sich auf energiesparende Weise die Vernetzungsdichte erhöht. Diese Welten zusammenzubringen ist keine komplette Zukunftsmusik mehr, sondern wird zum Beispiel von Tony Prescott, Professor für kognitive Neurowissenschaften an der University of Sheffield, am Beispiel von iCub dargestellt.

iCub_iit

iCub, Copyright: Istituto Italiano di Tecnologia (“IIT”) 2016

iCub ist ein humanoider Roboter, der über sehen, hören und fühlen hinaus auch seine 53 Gelenke dank Lage-, Kraft- und Bewegungssinn koordiniert einsetzen kann. Er spricht, reagiert auf seine Umwelt und lernt unter anderem durch Nachahmung. „Seine Steuerung ist dem menschlichen Gehirn nachgebildet, so dass er ähnlich ‚denkt’ wie Sie und ich“, erklärt Prescott. Wie ist das möglich? Hieß es nicht immer, Roboter könnten nur das wissen, womit wir sie direkt füttern, also mit Erwachsenen-Wissen, das dann beispielsweise bei Wissens-Quiz-Sendungen abgefragt wird. Dabei wurden zwar auch schon erstaunliche Erfolge erzielt, aber bisher beinhaltete dieses Vorgehen auch klassische Fallstricke, in denen die künstlich intelligente Maschine die richtige, aber trotzdem falsche Antwort gab, weil sie nicht Abwägen konnte zwischen faktisch richtig und trotzdem nicht die gewünschte Antwort.

Doch auf dem Gebiet der Neurorobotik tun sich neue Dimensionen auf. Psychologie und Neurowissenschaften liefern wesentliche Erkenntnisse, die dann von den Ingenieurwissenschaften und der Programmierung aufgegriffen werden. Weitere Beiträge dazu kann auch die (Computer-)Linguistik liefern. Im Fall von iCub kamen die wesentliche Anstöße aus Fachgebieten, die der Funktionsweise des menschlichen Gehirns auf der Spur sind und sich mit der Zusammensetzung unseres Bewusstseins beschäftigen. So ahmt beispielsweise das Steuerungssystem von iCub Schlüsselprozesse im (Säuger-)Gehirn nach. Zudem lernt er wie ein Säugling, indem er kleine Bewegungen ausführt und deren Konsequenzen beobachtet. So bekommt der Roboter eine Art Körpergefühl. Denn iCub muss lernen, zwischen sich und dem Rest der Welt zu unterscheiden.

Copyright: A. Abrusci / Istituto Italiano di Tecnologia (

iCub wurde vor zehn Jahren am “Istituto Italiano di Tecnologia” in Genua (Italien) ‘geboren’. Software und Hardware laufen unter Open-Source-Lizenz und werden ständig weiterentwickelt. Copyright: A. Abrusci / Istituto Italiano di Tecnologia (“IIT”) 2016

Der entscheidende nächste Schritt ist, dass iCub vergangene Erfahrungen für die Gegenwart und Ereignisse, die erst noch passieren werden, nutzt. Dafür wird versucht, die Informationsverarbeitung in den entsprechenden menschlichen Gehirnregionen, die für autobiografische Erinnerungen zuständig sind, nachzuahmen. Für das iCub Projekt arbeiten übrigens Expertenteams aus vielen verschiedenen europäischen Ländern, vornehmlich Italien und Spanien, immer an einer bestimmten Schnittstelle. Vision ist, wenn alle Komponenten, aus denen auch das menschliche Bewusstsein besteht, perfekt nachgeahmt und zusammen gesetzt werden, ein Roboter entsteht, der Seite an Seite mit Menschen agieren kann.

Für Klaus Mainzer war der entscheidende Schritt auf dem Gebiet der KI die Weiterentwicklung der Sensoren. iCub könnte kein Erfahrungswissen sammeln, wenn er keinen Tastsinn hätte. Industrie 4.0. wäre ohne Sensoren undenkbar. Hierbei geht man nicht nur wie bereits umgesetzt davon aus, dass Fließbandarbeit durch partiellen Einsatz von Robotern unterstützt wird, sondern dass die Welt der Dinge mit Sensoren bestückt wird und dann beispielsweise Werkstück und Werkbank miteinander kommunizieren und die Produktion dadurch weitgehend vollständig automatisiert abläuft. Die Medizinische Forschung wiederum treibt die Vision von Nanorobotern an, die durch unsere Blutbahn steuern, bis sie ihre jeweilige Mission erfüllt haben und den Befehl zur Selbstzerstörung erhalten.

Ob solche „Babys“ wie iCub oder Nachfolger tatsächlich zum Wohle der Menschheit zum Leben erweckt wurden oder zur Geißel werden, wird die Zukunft zeigen. Oder wie Nobelpreisträger Eric Betzig sagt: „Jede neue Technologie ist wie ein Baby, Du hoffst, dass es einmal Präsident wird oder Krebs heilt, und bist am Ende froh, wenn es nicht im Knast landet.“

Stephanie Hanel

About Stephanie Hanel

Stephanie Hanel is a journalist and author. Her enthusiasm for the people behind science grew out of her work as an online editor for AcademiaNet, an international portal that publishes profiles of excellent female scientists. She is an interested observer of new communication channels and narrative forms as well as a dedicated social media user and science slam fan.

View All Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *