John Michael Bishop und die Entdeckung des ersten menschlichen Onkogen

Zum ersten Mal Teilnehmer der Lindauer Nobelpreisträgertagung: John Michael Bishop, einer der Entdecker des zellulären Ursprungs der retroviralen Krebsgene.

In den späten 70er Jahren treffen Harold Elliot Varmus und J. Michael Bishop aufeinander und es beginnt eine jener besonderen Arbeitsgemeinschaften, bei denen die daraus resultierenden Ergebnisse weit mehr sind als die schlichte Summe dessen, was zwei Menschen vermögen. Die Forschungsarbeit dieser beiden Wissenschaftler hat unsere Sicht der Krankheit Krebs grundlegend geprägt, denn sie konnten Forschungsansätze aus der Tiervirologie mit Hilfe der experimentellen Arbeit von Deborah Spector und Dominique Stehelin auf das Gebiet der Humanmedizin transferieren und für die Krebsforschung nutzbar machen.

Was damals eine revolutionäre Änderung des Blickwinkels auf die Erkrankung Krebs war, ist heute Teil unseres wissenschaftlichen Allgemeinwissens: Krebsgene sind keine fremden Eindringlinge, sondern lebenswichtige Zellgene, die unter bestimmten Umständen Amok laufen – aus Freund wird Feind.

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Zum ersten Mal in Lindau: J. Michael Bishop wird an der 64. Lindauer Nobelpreisträgertagung teilnehmen. Bild: Peter Badge

Die Hauptarbeitsgebiete Bishops sind Retroviren und Onkogene. Retroviren können fremde Gene in die DNA einer Zelle einschleusen. So können durch Veränderungen von Gensequenzen, die beim normalen Zellwachstum, der Zellteilung und der Zelldifferenzierung eine Rolle spielen, Onkogene, also Krebsgene, als Teil des Erbguts einer Zelle entstehen. Anfang der achtziger Jahre entdeckten Bishop und Varmus das erste menschliche Onkogen c-Src. Im Verlauf der weiteren Forschungsarbeit untersuchte Bishop nicht nur mehrere Onkogene, sondern auch deren Vorläufer, die sogenannten Protoonkogene. „Src is a wayward version of a normal cellular gene (which we would now call a proto-oncogene), pirated into retroviral genome by recombination (in a sequence of events known as transduction), and converted to a cancer gene by mutation”.

Varmus untersuchte neben dem Mechanismus der Tumorentstehung später auch Virenvermehrung, den HI- und den Hepatitis-B-Virus und Brustkrebstumore und ist seit 2010 Direktor des National Cancer Institute.

Bishop besitzt außer seinen exzellenten Forschungsqualitäten noch ein Talent, das bei der Wissensvermittlung überaus hilfreich ist: Er ist ein auffällig guter wissenschaftlicher Autor. Vielleicht eine Folge seiner Leseleidenschaft? Er ist laut eigener Auskunft ein Bücherwurm – nur Science-Fiction und Kriminalromane erreichen ihn nicht – und genießt das Schreiben. Und er erwähnt noch eine zweite Leidenschaft, die Musik. Mit der Musik schließt sich auch ein biographischer Lebensbogen, denn der 1936 in York, Pennsylvania geborene Bishop bekam als Kind jede erdenkliche Förderung in Form von Klavier-, Orgel- und Gesangsunterricht und sein von Städten und der Wissenschaft abgeschnittenes Leben ließ alles andere als eine Karriere in der biomedizinischen Forschung erahnen, wie er selbst anmerkt. Bishops weiterer Lebensweg zeichnet sich immer wieder durch überraschende Wendungen aus – vielfach dankt er Menschen, die ihm auf diesem Weg begegneten und unkonventionelle Lösungen für seine berufliche Zukunft fanden.

J. Michael Bishop, der zusammen mit Harald Elliot Varmus 1989 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt, nimmt an der kommenden Lindauer Nobelpreisträgertagung teil – hier sein Abstract zum Vortrag „Forging a Genetic Paradigm for Cancer“. Er ist zudem Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema Large Data and Hypothesis – Driven Science in the Era of Post-Genomic Biology“.

Stephanie Hanel

About Stephanie Hanel

Stephanie Hanel is a journalist and author. Her enthusiasm for the people behind science grew out of her work as an online editor for AcademiaNet, an international portal that publishes profiles of excellent female scientists. She is an interested observer of new communication channels and narrative forms as well as a dedicated social media user and science slam fan.

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