Forschung in Afrika

Die „mobile Revolution“ beflügelt auch die Wissenschaften.


Viele fragen sich jetzt bestimmt: Forschung in Afrika? Gibt es das überhaupt? Und ob! Die Zahl der Fachartikel von Afrikanern hat sich in einem Jahrzehnt sogar verdreifacht, laut einer Statistik des Wissenschaftsverlags Reed-Elsevier auf über 55.400 im Jahr 2013. Lehre und Forschung hat in Afrika eine über tausendjährige Geschichte: Die Al-Azhar-Universität in Kairo beispielsweise wurde schon im Jahr 975 gegründet und war weltweit und über Jahrhunderte die bedeutendste islamische Universität. Nur sieben Jahre nach Al-Azhar wurde die berühmte Universität von Timbuktu gegründet, an ihr studierten im elften Jahrhundert gleichzeitig bis zu 25.000 Studenten. Sie kamen nicht nur aus verschiedenen afrikanischen Regionen, sondern auch aus den Mittelmeerstaaten. Noch heute zeugen die mittelalterlichen Manuskripte von Timbuktu von dieser einmaligen Lehranstalt in der Oasenstadt.

 

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Mittelalterliche Manuskriptseiten aus Timbuktu, es handelt sich um astronomische Beobachtungen. Während der bewaffneten Auseinandersetzungen Anfang 2013 sind viele unersetzliche Manuskripte zerstört worden, andere konnten gerettet werden. Fotograf: unbekannt, public domain. Quelle: EurAstro Mission to Mali 2007

Doch nicht nur die Vergangenheit fasziniert: 2013 eröffnete IBM ein neues Labor in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die Forscher arbeiten hier an typisch afrikanischen Fragestellungen und versuchen, Probleme vor Ort mit ungewöhnlichen, aber einfachen Ansätzen zu lösen. Zum Beispiel beim Thema Transportwesen: Mit Hilfe von Webcams haben sie die Staus der Millionstadt Nairobi erfasst und anschließend einen Algorithmus programmiert, der Nutzern ermöglicht, ihnen bestmöglich auszuweichen. Da 70 Prozent aller Erwachsenen in Nairobi ein Handy dabei haben, sind sie nicht nur potentielle Nutzer dieser Technologie – mit den Handydaten kann auch eine Stau-Karte in Echtzeit erstellt werden. „Wir bilden hier Afrikaner aus, um Innovationen vor Ort zu fördern“, erklärt Dr. Osamuyimen Stewart, ein IBM-Ingenieur, der lange im IBM-Labor in Hawthorne, New York gearbeitet hat und heute Chef-Forscher in Nairobi ist.

Afrikas „mobile Revolution“ verändert den Kontinent schon seit mehr als zehn Jahren: Mit Hilfe von Handys können sich sowohl Produzenten als auch Verbraucher schnell informieren, ohne dass schlechte Telefon- und Internetverbindungen, langsame Transportwege oder Stromausfälle sie behindern – typische Infrastrukturprobleme. Per Handy können Bauern sich über aktuelle Marktpreise informieren, oder Patienten können einen Arzt fernmündlich kontaktieren, wenn ein Besuch in der Praxis oder Klinik zu weit oder unnötig erscheint. Vor 14 Jahren hat Cecilia Ciepiela-Kaelin einen SMS-Service in Uganda eingerichtet, der die Fischer am Viktoriasee über tagesaktuelle Fischpreise informiert. Das Projekt wurde durch eine Kooperation zwischen dem südafrikanischen Telekom-Anbieter MTN und der Grameen-Bank aus Bangladesch ermöglicht.

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Dr. Osamuyimen Stewart (links), wissenschaftlicher Leiter des neuen IBM Labors in Nairobi, mit dem Direktor Dr. Kamal Bhattacharya in der Lobby ihres Instituts. Foto: IBM (BBC-Interview mit Dr. Bhattacharya)

Schätzungen gehen davon aus, dass der Anteil von Smartphones zurzeit um ungefähr zwanzig Prozent pro Jahr wächst. Deren Nutzer gehören überwiegend der neuen afrikanischen Mittelklasse an – eine sehr attraktive Zielgruppe. Google beispielsweise hat die „Africa Android Challenge“ ins Leben gerufen: die besten Android-Apps aus Afrika erhalten Preise. Die Themen sind breit gefächert, sie reichen von Unterhaltung über Landwirtschaft bis zur Medizin.

In vergangenen Jahrzehnten haben viele afrikanische Forscher ihren Heimatkontinent verlassen, um in den USA oder Westeuropa Karriere zu machen. Ein prominentes Beispiel ist der südafrikanische Nobelpreisträger Max Theiler, der zwar in seinem Heimatland studierte, dessen Karriere sich aber zuerst in England, dann an verschiedenen US-Universitäten entfaltete. Theiler erhielt den Medizinnobelpreis 1951 für seine Entwicklung eines Gelbfieberimpfstoffs. Neugründungen wie das IBM-Labor sollen helfen, diesen sogenannten „brain drain“ zu stoppen, also das Abwandern von jungen, gut ausgebildeten Menschen. Sie können sogar helfen, Forscher aus dem Ausland zurückzuholen, wie Dr. Stewart nach Nairobi. Zudem bieten sie Beschäftigungsmöglichkeiten für die Absolventen der Universitäten vor Ort.

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Das ‘African Institute for Mathematical Sciences South Africa’ (AIMS) feiert hier die Abschlusszeremonie von 49 Studenten aus 21 afrikanischen Ländern, die im Jahr 2013 einen Master-Abschluss erreicht haben. Foto: AIMS

Traditionell wird in Afrika auf zwei großen Themenfeldern geforscht: Medizin und Landwirtschaft. Vier der 15 renommierten CGIAR-Forschungszentren (Consultative Group on International Agricultural Research) befinden sich auf dem afrikanischen Kontinent, zwei in Nairobi, eines in Nigeria und eines in Benin. Und natürlich werden tropische Krankheiten wie Malaria, unter denen viele Einheimische leiden, vor Ort erforscht. Typischerweise handelt es sich bei solchen Projekten um Kooperationen zwischen westlichen Wissenschaftlern und afrikanischen Forschern.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf dem Themenfeld Medizin und Gesundheitswesen, wo häufig erstklassige Arbeit geleistet wird. Dazu gehören beispielsweise die Malaria-Projekte von Nobelpreisträger Peter Agre in Simbabwe und Sambia, oder das renommierte AIDS-Forschungszentrum CAPRISA in Durban, Südafrika (Centre for the AIDS Programme of Research in South Africa). Sein Direktor Salim Abdool Karim ist gleichzeitig Professor für klinische Epidemiologie an der Columbia Universität in New York.

Aus manchen gemeinsamen Projekten dringt allerdings Kritik der afrikanischen Forscher nach außen: die westlichen Besucher würden sie wie Laboranten oder Hilfskräfte behandeln. Im schlimmsten Fall würden Westler sogar Blutproben und Ergebnisse stehlen. Bei der Veröffentlichung in einem angesehen Fachjournal würden sie dann ihre afrikanischen Kollegen bisweilen schlicht „vergessen“. Jetzt haben die Betroffenen angefangen, sich zu wehren. Der in Genf angesiedelte Rat für Gesundheitsforschung (Council on Health Research for Development, COHRED) hat kürzlich ein Label für faire Zusammenarbeit entwickelt, das Forschern als Orientierung dienen soll, ob es sich lohnt, mit diesen oder jenen westlichen Institutionen zusammen zu arbeiten. In einem sind sich afrikanische Forscher jedoch einig: So lange ihre Heimatländer wenig Geld in Forschung investieren, bleiben internationale Kooperationen die einzige dauerhafte Geldquelle.

Ein innovatives Beispiel für Forschungsförderung ist das AESA-Projekt (Alliance for Accelerating Excellence in Science in Africa): Hier werden Entscheidungen über finanzielle Förderung in die Hände von Afrikanern gelegt. „Es ist doch seltsam, dass die meisten Entscheidungen über Forschung in Afrika in den letzten vierzig Jahren in London, Seattle oder Genf getroffen wurden“, meint Kevin Marsh. Er ist Epidemiologe an der Universität in Oxford und berät das AESA-Projekt. Der britische Wellcome Trust, ein wichtiger Foschungs-Finanzier, plant, sein Programm für Führungskräfte an AESA zu übertragen, es umfasst immerhin 40 Millionen Pfund. Ein weiterer bedeutender Geldgeber ist die Melinda und Bill Gates Stiftung. Mit Gründung von AESA werden auch nationale Regierungen entlastet, die ohnehin oft andere Prioritäten haben und deren Verwaltungen nicht immer für das Treffen von Forschungsentscheidungen gerüstet sind.

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Dr. Muki Shey in dem neues AERAS-Labor in Kapstadt, das letztes Jahr eröffnet wurde. Das Labor ist eine Kooperation zwischen AERAS, einer NGO, die an einem neuen TB-Impfstoff arbeitet, und dem ‘HIV Vaccine Trials Network’, einer ähnlichen Organisation, die HIV-Impfstoffe entwickelt. Früher wurden Proben zur Analyse ins AERAS-Labor nach Rockville, Maryland geschickt. Foto: AERAS

Auch auf der diesjährigen Lindauer Nobelpreisträgertagung ist die afrikanische Wissenschaft prominent vertreten. Von den mehr als 650 jungen Forschern stammen 35 vom afrikanischen Kontinent, mehr als jemals zuvor. Deren Teilnahme wurde durch ein neugeschaffenes Afrika-Programm ermöglicht, das unter der Schirmherrschaft von Ex-Bundespräsident Horst Köhler steht. Außerdem veranstaltet der Bildungssender ARD alpha vor der offiziellen Eröffnung der Tagung am Sonntag, 28. Juni um 13 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema “Wissenschaftsstandort Afrika – Gegenstand oder Gestalter von Spitzenforschung?”. Ähnlich gelagert ist ein Pressegespräch mit dem Titel “African science: today and tomorrow”, an der am 30. Juni um 13:30 Uhr die Nobelpreisträger Francoise Barré-Sinoussi und Peter Agre sowie afrikanische Nachwuchsforscher teilnehmen.

Susanne Dambeck

About Susanne Dambeck

Susanne Dambeck is a science writer in English and German, and author of several nonfiction childrens' books. A political scientist by training, she has worked in politics, television and as a biographer. Apart from scientific findings, she is interested in people and in storytelling in different languages.

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