Ist es wirklich egal, wo Wissenschaftler publizieren?

Randy Schekman prangert an, dass Wissenschaftler darauf achten, wo sie ihre Ergebnisse publizieren. Ein Kommentar.

Wissenschaftliches Publizieren ist ein sehr akademisches Thema, das außerhalb des Wissenschaftsbetriebs niemanden sonderlich interessiert. Dabei haben Probleme der derzeitigen Publikationspraxis weitreichende Implikationen für die Wissenschaft der Zukunft und damit der globalen Gesellschaft.

Junge Wissenschaftler: Darf es ihnen egal sein, wo sie ihre Ergebnisse veröffentlichen? / Bild: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Junge Wissenschaftler: Darf es ihnen egal sein, wo sie ihre Ergebnisse veröffentlichen?    Bild: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Eine wichtige Frage wurde auf der 64. Nobelpreisträgertagung immer wieder aufgegriffen, nämlich, wie man als WissenschaftlerIn die eigenen Ergebnisse am besten in die Öffentlichkeit bringt.

„It matters what you publish, not where you publish.“

„Der Inhalt eurer Arbeit zählt, und nicht der Name der Zeitschrift“ wurde von einigen Laureaten während ihrer Vorträge betont und ist eigentlich eine ermutigende Botschaft an die jungen WissenschaftlerInnen. Dieser Rat nährt sich direkt aus der Erfahrung der Laureaten. Viele veröffentlichten ihre letztlich weltbewegenden Ergebnisse in relativ unbekannten Zeitschriften. Manche hatten Probleme, ihre Ergebnisse überhaupt zu publizieren, allen voran Barry Marshall, der das Bakterium Helicobacter pylori als Ursache für Magengeschwüre ausgemacht hat und dessen Ergebnisse zunächst von den Zeitschriften zurückgewiesen wurden. Auch Aaron Ciechanover musste seine letztlich preiswürdigen Ergebnisse in einem relativ unbekannten Fachblatt (BBRC) veröffentlichen. Jean Marie Lehn hat seine wichtigste Arbeit sogar auf Französisch publiziert – in einem Journal, von dem hier noch nie jemand etwas gehört hat.

Warum ist der Name der Zeitschrift überhaupt Gegenstand einer Diskussion? Die meisten Wissenschaftler versuchen, in eine handvoll begehrter Zeitschriften zu kommen. Diese Zeitschriften beschränken sich auf spektakuläre Ergebnisse, die scheinbar weitreichende Konsequenzen haben. Das erzeugt einen unglaublichen Druck auf die ForscherInnen, der in den letzten Jahren wahrscheinlich zu einer Zunahme von Fälschungen und anderem wissenschaftlichem Fehlverhalten geführt hat. Randy Schekman (Physiologie-Nobelpreis 2013) erläutert diesen Mißstand in der zweiten Hälfte seines Vortrags (ab Minute 22):

Wie er erklärt, liegt dem Begehrtsheitsgrad einer Zeitschrift der “Impact Factor” zugrunde, der die Zahl der Zitierungen in einer Zeitschrift mit der Anzahl der in ihr erschienen Artikel ins Verhältnis setzt. Daraus errechnet die Firma Thomson Reuters lange Tabellen und sortiert die Zeitschriften hierarchisch. Der so errechnete Faktor der Zeitschrift wirkt sich schließliche auf den „Wert“ der eigenen Veröffentlichung aus. Konzipiert wurde der Impact Factor in den siebziger Jahren von dem Bibliothekar Eugene Garfield, um die Lesegewohnheiten seiner Wissenschaftler beim Zeitschriftenkauf zu berücksichtigen. Er ist allerdings sehr umstritten und wird von vielen als völlig ungeeignet eingestuft, um die Qualität einzelner Arbeiten oder gar Wissenschaftler zu bewerten. Die Zeitschriften-Hierarchie ist eine Illusion.

Leider wissen das nur wenige, und so kommt es in der Praxis doch darauf an, wo man publiziert. Hat ein junger Wissenschaftler kein Paper in einer Zeitschrift mit hohem Impact Factor, bedeutet das oft das Ende der wissenschaftlichen Laufbahn: Er bekommt eine Stelle in dem erwünschten Labor nicht oder ein Förderantrag wird abgelehnt.

Schekman schlägt zwei Ansätze zur Lösung des Problems vor. Als erstes soll man sich öffentlich gegen die Nutzung des Impact Factors aussprechen. Er selbst hat das auf der Tagung mit sehr viel Nachdruck getan. Das kann auch im Rahmen der DORA-Initiative geschehen, die genau das zum Gegenstand hat. Problematisch an diesem Vorschlag ist, dass ein Aussprechen gegen den Impact Factor allein nicht reicht. Es muss ein Umdenken stattfinden und es müssen vor allem Alternativen gefunden werden. Hier gibt es noch keine guten Lösungen.

Als zweiten Ausweg schlägt Schekman vor, in seinem neuen Journal eLife zu publizieren. eLife ist von öffentlichen Geldgebern und Stiftungen finanziert und soll den kommerziellen Platzhirschen Nature, Science und Cell Konkurrenz machen. Leider wird sich das Problem mit eLife nicht lösen lassen, da es wie die großen nach spektakulären Ergebnissen selektiert und damit die selben Anreize für wissenschaftliches Fehlverhalten setzt. Zudem ist es den Lebenswissenschaften vorbehalten.

Kurt Wüthrich (Chemie-Nobelpreis 2002) meinte: „Wir mussten erst lernen, dass es einen Unterschied macht, in FEBS Letters oder in Nature zu publizieren“. Dorthin müssen wir zurück. Der Inhalt zählt, nicht das Etikett.

Martin Ballaschk

About Martin Ballaschk

Martin Ballaschk is a PhD candidate at a Leibniz research institute in Berlin. There he tries to solve a puzzling case of autoimmunity with the help of NMR spectroscopy. In his German SciLogs Blog “Detritus” he comments on topics ranging from plant science and transgenic organisms to pseudoscience and the current scientific publishing system.

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2 comments on “Ist es wirklich egal, wo Wissenschaftler publizieren?

  • Martin Ballaschk schrieb (04/07/2014):
    > Hat ein junger Wissenschaftler kein Paper in einer Zeitschrift mit hohem Impact Factor, bedeutet das oft das Ende der wissenschaftlichen Laufbahn: Er bekommt eine Stelle in dem erwünschten Labor nicht oder ein Förderantrag wird abgelehnt.
    > Schekman schlägt zwei Ansätze zur Lösung des Problems vor. […]

    Hier ist ein dritter:
    Man solle sich öffentlich dagegen aussprechen, das Vorhandensein einer wissenschaftlichen Laufbahn mit Anstellungen in einem “erwünschten Labor” oder Annahmen von “Förderanträgen” zu verknüpfen.

    p.s.
    Kommentarvorschau-Test:
    > Der so errechnete Faktor der Zeitschrift wirkt sich schließliche […]

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