Die Welt im Jahr 2200: Völlig anders und doch vertraut

Robert Laughlin, der Physik-Nobelpreisträger des Jahres 1988, hielt heute einen Vortrag über Science-Fiction. Echte Science-Fiction, keine Geschichte von Raumschiffen, Aliens und Laserschwertern. Laughlin sprach darüber, die die Welt in 200 Jahren aussehen wird. Und über die Frage, woher die Menschen der Zukunft ihre Energie beziehen werden.
Gleich zu Beginn machte Laughlin klar, dass es ihm nicht um den Klimawandel oder Umweltpolitik geht. Die Menschen sind kurzlebig, die Erde ist enorm alt und die Erde zu retten ist ein völlig anderes Problem als die Frage nach der Energie der Zukunft. Aus geologischer Sicht ist es unerheblich, ob wir versuchen, die CO2-Emissionen zu verringern oder nicht. Ob wir weniger Öl und Kohle verbrauchen oder nicht. Irgendwann wird alles Öl und alle Kohle verbrannt sein und alles CO2 in der Atmosphäre. Ob das nun ein paar hundert Jahre früher oder später passiert, macht aus geologischer Sicht keinen Unterschied. Die “Rettung der Erde” ist ein Problem, dass sich nur auf entsprechend langen Zeitskalen betrachten lässt. Das Energieproblem dagegen ist eines, das auch wir kurzlebigen Menschen tatsächlich überblicken können.

Das Problem, vor dem wir irgendwann stehen werden, sind die schwindenen Energieressourcen. Unsere Zivilisation basiert auf Erdöl und Kohle und von beidem ist nicht beliebig viel vorhanden. Je nach Prognose wird das Erdöl wird irgendwann im Laufe des aktuellen Jahrhunderts zu Ende gehen und die Kohle während des nächsten. Wenn dann also im Jahr 2200 die komplette Basis unseres derzeitigen zivilisierten Lebens weggefallen ist: Wie wird die Welt dann aussehen?

Laughlin fordert das Publikum auf, sich intesiv über diese Frage Gedanken zu machen. Die Menschen dieser nahen Zukunft werden nicht anders sein als wir. Sie werden denken wie wir, sie werden über das gleiche lachen und weinen wie wir und sie werden sich um ihre Kinder kümmern, so wie wir. Wenn wir all die politischen Aspekte des Themas einfach überspringen und uns nur auf die Wissenschaft konzentrieren: Wie sieht die Welt in 200 Jahren aus?

Laughlin stellt dem Publikum drei Fragen. Werden die Menschen dann immer noch Autos fahren? Werden die Menschen immer noch in Flugzeugen fliegen? Und wird das Licht immer noch angehen, wenn man den Lichtschalter betätigt? Die ersten beiden Fragen haben drei Viertel des Publikums mit “Ja” beantwortet; bei der letzten Frage waren es so gut wie alle, die mit “Ja” antworten. Das entspricht laut Laughlin auch dem internationalen Durchschnitt, den er auf seinen diversen Vortragsreisen erhoben hat.

Interessant war dann die detaillierte Betrachtung der einzelnen Fragen. Warum haben die Leute auf die erste Frage mit “Ja” geantwortet? Warum sind sie der Meinung, dass auch die Menschen der Zukunft noch mit Autos fahren? Die Antworten der Zuhörer fielen unterschiedlich aus. Weil man Autos auch mit elektrischen Strom betreiben kann. Weil man Autos für den Transport braucht. Weil man sich an das Autofahren gewöhnt hat. Aber Laughling wollte eine ganz bestimmte Antwort hören: Die Menschen werden auch im Jahr 2200 noch Auto fahren, weil sie Autofahren wollen! Die Zukunft wird von dem bestimmte werden, was die Menschen wollen. Das Energieproblem lässt sich laut Laughlin nicht durch Einsparungen und Verzicht lösen. Dem steht die menschliche Natur entgehen. Wenn wir weiterhin Autofahren wollen, dann wird sich auch ein Weg finden, der das ermöglicht.

Von denen, die auf die zweite Frage mit “Ja” geantwortet haben, wollte Laughlin wissen, was denn ihrer Meinung nach die Flugzeuge der Zukunft antreiben wird. Wieder waren die Antworten zahlreich: Brennstoffzellen, Kernergie, Solarzellen, etc. Aber das wird nicht klappen, meinte Laughlin. Brennstoffzellen und Kernreaktoren sind zu schwer und für genügend Solarzellen ist zu wenig Platz. Was die Flugzeuge angeht, haben wir derzeit schon den optimalen Treibstoff gefunden, der die meiste Energie pro Gewicht bereit stellt (Wasserstoff wäre noch besser, ist aber zu gefährlich um in Flugzeugen eingesetzt zu werden, meint Laughlin). Wenn die Flugzeuge auch im Jahr 2200 fliegen, dann muss es eine neue Industrie geben, die Treibstoffe erzeugt, die ebenso optimal sind. Die Flugzeuge werden also auch in der Zukunft noch CO2 freisetzen…

Bei der näheren Betrachtung der dritten Frage, muss sich Laughlin dann doch ein wenig mit der Politik beschäftigen. Warum sind alle davon überzeugt, dass es auch weiterhin Strom für alle geben wird? Weil den Politikern gar nichts anderes übrig bleiben, als für diesen Strom zu sorgen, sagt Laughling und bringt die Wahl von Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur von Kalifornien als Beispiel. In Kalifornien gab es Energieprobleme, eine vernünftige Versorgung war nicht sichergestellt und die Politiker bekamen die Schuld dafür und wurden abgewählt. Deswegen stellt Laughlin auch ziemlich selbstsicher eine Vorhersage für die Zukunft auf: Die Menschen werden nie für eine Energieform stimmen, die teurer ist als die Kernkraft. Alle wollen Strom haben. Und wenn die Politiker nicht dafür sorgen, dass auch alle billigen Strom bekommen, dann werden sie abgewählt. Auch in Deutschland sieht Laughling eine gute Chance für die Rückkehr zur Kernkraft, sollte der Preis für die erneuerbaren Energie nicht bald deutlich sinken.

Die Welt der Zukunft wird anders sein. Aber laut Laughlin wird es keine komplett andere Welt sein. Dafür wir der Mensch schon sorgen.

3 comments on “Die Welt im Jahr 2200: Völlig anders und doch vertraut

  • Der Schluss ist seltsam, wie da die Kernenergie hereingebracht (fast hätte ich geschrieben gedrückt) wurde. Das ist nämlich die einzige konkret genannte Energieform als Zukunftsvoraussage (vom Autor oder Referent, ist nicht klar.)

    Ebenso wie beim Erdöl muss man aber sagen, dass Uran nicht endlos vorhanden ist. Wenn wir jetzt voll auf die Kernenergie setzen wird das wohl auch in 200 Jahren alle sein.

    Aber sonst spannend: die Menschen werden auch dann noch Auto fahren, weil sie Auto fahren wollen. Das ist der Punkt!

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  • Ich möchte noch ergänzen, dass das Thema in der Diskussionsrunde mit Prof. Laughlin noch wesentlich tiefer behandelt wurde. Aus dieser Runde und auch aus weiteren Gesprächen mit ihm am Freitag habe ich den Eindruck gewonnen, dass er eine sehr differentierte Meinung von Kernenergie hat, auch weil er ja beim Lawrence Livermore National Laboratory auf dem Gebiet tätig war und viele “dirty little secrets” kennt.

    Dementsprechend ist ihm natürlich klar, dass es unglaublich schwierig ist, den “wahren” Preis der Kernenergie zu ermitteln. Daher auch sein Hinweis, Japan zu beobachen, da man dort gezwungen ist zu entscheiden, ob sich Kernkraft weiterhin rechnet.

    Das Problem an der Sache ist ja, dass für die Frage, ob erneuerbare Energien preislich konkurenzfähig zu Kernkraft werden nicht unbedingt der komplette Preis der Kernkraft inklusive aller Staatsausgaben zählt, sondern der Preis, der in der Wirtschaft ankommt.

    Übrigens schade, dass Sie am Freitag nicht mehr auf dem Boot dabei waren, Herr Freistädter, ich hätte mich eigentlich gerne noch mit Ihnen unterhalten.

    Bzgl. der Frage, wie lange das Uran reicht, kann man das ja ganz gut überschlagen. Lässt man die heutigen Kernkraftwerke mit ihrer ineffizienten Nutzung des Urans weiter laufen, reicht das Uran für ca. 50 Jahre, will man den gesamten Strombedarf (nicht Primärenergiebedarf) der Welt damit erzeugen, sind wir bei etwa 10 Jahren.

    Zukünftige brütende Kernkraftwerke könnten ca. 30 mal mehr Energie aus dem Uran rausholen, außerdem würde das den Atommüll deutlich veringern, da vieles davon noch als Brennstoff taugt.
    Somit wären wir bei ca. 300 Jahren heuten globalen Stromverbrauches.

    Solche Reaktordesigns haben allerdings das Problem, dass sie wesentlich schwieriger stabil zu halten sind und es kaum möglich ist, sie so zu konstruieren, dass die Kernreaktionen bei Kühlmittelverlust automatisch unterkritisch werden, wie bei Leichtwasserreaktoren der Fall ist.

    Weiteres Uran findet sich in den Weltmeeren, nach Schätzungen mehrere Mrd. Tonnen, die für mehrere Jahrtausende reichen könnten. Mit mehr als 1*10^(-12) Kubikilometern Wasser in den Weltmeeren ist das trotzdem eine sehr geringe Konzentration, so dass es wohl sehr energieaufwändig wäre, dieses Uran zu gewinnen.

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  • Ich halte das, was da prognostiziert wird für Quatsch. Erstens werden die Verknappung von natürlichen Ressourcen wie Wasser, Natur und Land nicht berücksichtigt. Zweitens die sozialen Veraenderungen durch diese Verknappung. ( Völkerwanderungen) und drittens wird Atomstrom als billig bezeichnet. Die realen Kosten des Atomstroms ( mit Entsorgung des Mülls ) sind so hoch, dass Atomstrom keine Option ist. Die Hauptkosten des Atomstroms sind nur noch nicht bei der Gesellschaft angekommen, die sie tragen werden muss. Dies sind Vorhersagen ohne Phantasie und wirkliche Visionen, die den Status Quo als naturgegebenes Gesetz annehmen. Von Paradigmenwechsel keine Rede. Möglicherweise wird es so kommen, wie er sagt, aber das ist dann schnell vorbei, mit der Menscheit.

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