Die erste chinesische Nobelpreisträgerin: Youyou Tu

Malaria ist eines der größten Gesundheitsprobleme in Entwicklungsländern, dort sterben täglich Tausende Kinder an dem gefährlichen Parasiten Plasmodium. Doch still und leise hat in den letzten 15 Jahren eine Revolution stattgefunden: Die Malaria-Sterblichkeit wurde um erstaunliche sechzig Prozent gesenkt, die Hälfte dieser Reduzierung entfällt auf moderne Therapien wie die ‘Artemisin-basierte Kombinationtherapie’, kurz ACT, die andere Hälfte auf verbesserte Präventionsmaßnahmen. Allein im Jahr 2013 wurden fast 400 Millionen Dosen Artemisin ausgeliefert. Doch wie dieser Wirkstoff gefunden wurde, gleicht einem Wissenschaftskrimi: Er ist ein Produkt des Vietnamkriegs.

Youyou Tu mit Prof. Lou Zhicen im Labor im Peking. Seit Jahrzehnten forscht sie an der dortigen China Academy of Chinese Medical Sciences, heute ist sie Forschungsleiterin. Photo: Xinhua

Youyou Tu mit Prof. Lou Zhicen in ihrem Labor im Peking in den 1950er Jahren. Seit Jahrzehnten forscht sie an der dortigen China Academy of Chinese Medical Sciences, heute ist sie Forschungsleiterin. Photo: Xinhua

Im Vietnamkrieg starben auf beiden Seiten mehr Soldaten an Malaria als an den Kampfhandlungen. Da Nordvietnam über keine nennenswerten Forschungskapazitäten verfügte, bat die dortige Regierung den Verbündeten China um Hilfe. Mao etablierte daraufhin das militärische Geheimprojekt ‘Projekt 523’ (benannt nach dem Gründungsdatum am 23. Mai 1967). Dieses Projekt war im Grunde ein Widerspruch in sich: Einerseits wurden während der sogenannten Kulturrevolution Intellektuelle häufig deportiert, eingesperrt und teilweise gefoltert. Auch der Ehemann der Pharmakologin Youyou Tu war Gefangener eines Arbeitslagers, als sie für das Projekt rekrutiert wurde. Andererseits brauchte das Regime dringend kompetente Forscher für sein Malariaprojekt, zumal die gängigen Parasiten zunehmend gegen das  Medikament Chloroquin resistent waren. Also wurden über 500 Wissenschaftler aus sechzig Forschungsinstituten für das Projekt 523 abkommandiert.

Foto von Youyou Tu aus der offiziellen Nobelpreis-Presseerklärung. Tu ist ihr Nachname, Youyou ihr Vorname. In China steht der Familienname an erster Stelle, deshalb wird sie in westlichen Ländern manchmal 'Tu Youyou' und manchmal 'Youyou Tu' genannt. Foto: Nobelprize.org

Foto von Youyou Tu aus der offiziellen Nobelpreis-Presseerklärung 2015. Tu ist ihr Nachname, Youyou ihr Vorname. In China steht der Familienname an erster Stelle, deshalb wird sie in westlichen Ländern manchmal ‘Tu Youyou’ und manchmal ‘Youyou Tu’ genannt. Foto: Nobelprize.org

Youyou Tu hatte Pharmazie in Peking studiert und 1955 abgeschlossen, außerdem eine Ausbildung in traditioneller chinesischer Medizin absolviert. Als sie sich 1969 dem Malariaprojekt anschloss, sollte sie zunächst einen Malariaausbruch in Südchina studieren. Da ihr Mann weiterhin im Arbeitslager war, musste sie ihre kleine Tochter in ein Kinderheim geben – als sie diese nach einigen Monaten abholen wollte, erkannte das Kind seine Mutter nicht mehr. In der Zwischenzeit hatte Youyou Tu jedoch viele kleine Kinder im Endstadium von Malaria sterben sehen, eine Erfahrung, die sie nie wieder vergessen sollte. „Meine Forschung hatte damals Priorität“, erinnerte sie sich später. „Mein Privatleben musste ich dafür opfern.“

Aber nicht nur chinesische Forscher tüftelten an neuen Malariamedikamenten, von Malaria waren schließlich auch die südvietnamesischen und amerikanischen Truppen betroffen. Es wird berichtet, dass westliche Forscher über mehrere Jahre insgesamt um die 240.000 Substanzen auf ihre Wirkung gegen Malaria getestet hatten, anfangs ohne Erfolg. In den 1970er Jahren wurde dann Mefloquin entdeckt, das unter dem Markennamen Lariam noch heute vertrieben wird. Das Team von Youyou Tu hatte die Aufgabe, mehrere tausend alte chinesische Handschriften nach Malariamitteln zu durchforsten. In einem ‘Handbuch für Notfall-Behandlungen’ des chinesischen Gelehrten Ge Hong aus dem Jahr 340 n.Chr. fand sie schließlich ein Malariamittel, das aus Einjährigem Beifuß, botanisch Artemisia annua, zubereitet wird.

Die Forscher experimentierten in der Folgezeit mit verschiedenen Artemisia-Extrakten, aber der Erfolg war durchwachsen: Manchmal konnten diese Mittel die Parasiten in Mäusen abtöten, manchmal nicht. Youyou Tu ließ sich jedoch nicht entmutigen, vielmehr nahm sie sich die alten Handschriften noch einmal vor und studierte die dort beschriebene Zubereitung ganz genau. Sie stellte fest, dass man den Wirkstoff Artemisinin durch eine kältere Methode gewinnen muss als in ihrem Labor üblich, große Hitze zerstört ihn. Also verwendete sie Ether als Lösungsmittel, das einen geringen Siedepunkt hat. Mit diesem neu gewonnen Wirkstoff konnte sie an Malaria erkrankte Mäuse und Affen erfolgreich behandeln. Um zu testen, ob die Anwendung beim Menschen unbedenklich ist, schluckte sie das Mittel sogar selbst. Anschließend konnten rund zwanzig Malariapatienten geheilt werden – der lang ersehnte Durchbruch!

Im Westen hätte diese Entdeckung Youyou Tu über Nacht zu einem Wissenschafts-Star gemacht. Ihrem Forscherteam war jedoch verboten worden, die Ergebnisse zu publizieren, immerhin handelte es sich um ein militärisches Geheimprojekt. Erst im Jahr 1979, drei Jahre nach Maos Tod, veröffentlichte die ‘Qinghaosu Antimalaria Coordinating Research Group’ einen englischen Artikel im ‘Chinese Medical Journal’, aber ohne einen einzigen Autorennamen; Qinghaosu ist der chinesische Ausdruck für Artemisia annua. Der erste internationale Artikel folgte 1982, allerdings wurde Tu nicht als Autorin genannt. Sie hatte jedoch die Ergebnisse bereits einer WHO-Besuchergruppe ein Jahr zuvor in Peking präsentiert (aus dem Cell-Artikel von Louis Miller).

Aus Einjährigem Beifuß, botanisch Aremisia annua, wird der Wirkstoff Artemisin gewonnen. Novartis und Sanofi-Aventis produzieren ihn mittlerweile zum Selbstkostenpreis. Seit 2014 stellt Sanofi halbsynthteisches Artemisinin her. Wie alle Malariamittel muss dieser Wirkstoff mit anderen kombiniert werden, um Resistenzen zu verhindern. Foto: Jorge Ferreira, PD

Aus Einjährigem Beifuß, botanisch Artemisia annua, wird der Wirkstoff Artemisinin gewonnen. Novartis und Sanofi-Aventis produzieren ihn mittlerweile zum Selbstkostenpreis. Seit 2014 stellt Sanofi halbsynthetisches Artemisinin her. Wie alle Malariamittel muss dieser Wirkstoff mit anderen kombiniert werden, um Resistenzen zu verhindern. Foto: Jorge Ferreira, PD

Mehr als 25 Jahre nach dieser Präsentation erkundigten sich die amerikanischen Malariaforscher Louis Miller und Xinzhuan Su, beide am ‘National Institute of Allergy and Infectious Diseases’ in Rockville, Maryland, auf einem Wissenschaftstreffen 2007 in Shanghai nach dem eigentlichen Entdecker von Artemisin – und bekamen zunächst keine Antwort. Erst gründliches Quellenstudium in offiziellen Akten, meist mit einem Geheim-Stempel versehen, führte sie auf die Spur von Youyou Tu. Sie war damals unter chinesischen Kollegen als ‘Professorin der drei Keine‘ bekannt: keine Mitgliedschaft in der prestigeträchtigen Chinesischen Akademie der Wissenschaften, kein Doktortitel, keine Forschungserfahrung außerhalb Chinas. Miller und Su veröffentlichten ihre Entdeckung 2011 im Journal Cell.

Ich fragte Louis Miller vor wenigen Tagen, warum er sich überhaupt auf die Spurensuche nach der Artemisin-Entdeckerin gemacht hatte, und bekam eine überraschende Antwort: “Mich hat schon immer die Entdeckung von Chinin durch die Peruanischen Ureinwohner fasziniert. Sie berichteten den spanischen Jesuiten davon, die wiederum Chinin als Malariamittel einsetzten. Dies war eine der ganz großen medizinischen Entdeckungen, die half, zahllose Leben zu retten. Aber diese Zusammenhänge sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten, und ich wollte nicht, dass die Entdecker von Artemisin das gleiche Schicksal ereilt.”

Für die Entdeckung und Aufbereitung von Artemisin erhielt Youyou Tu 2011 den Lasker Award, die wichtigste amerikanische Auszeichnung für Medizinforschung, und schließlich den diesjährigen Medizinnobelpreis. Wenn aber eine Entdeckung erst Jahrzehnte später geehrt wird, erst recht wenn sie ursprünglich Teil eines Geheimprojekts war, gibt es immer Stimmen, die sagen, dass andere Forscher ebenfalls einen großen Anteil an der Entdeckung gehabt hätten – insbesondere, wenn man bedenkt, dass mehr als 500 Forscher an diesem Projekt beteiligt waren. Youyou Tu streitet dies nicht ab, sie sagte in einer Video-Botschaft anlässlich der Nobelpreisverkündung, dass die Entdeckung “die Leistung des ganzen Teams” war, und dass der Nobelpreis deshalb an “das gesamte Team, sowie an die traditionelle chinesische Medizin insgesamt” vergeben wurde.


Die chinesischen Kritiker sprechen ihr eine entscheidende Rolle in der Entdeckung gar nicht ab, sondern verweisen vielmehr auf andere Forscher und deren Leistungen, zum Beispiel auf Li Guoqiao, der Leiter der Klinischen Studien an der Universität für Chinesische Medizin in Guangzhou, oder Luo Zeyuan vom Institut für Pharmakologie in Yunnan, dessen Teams die reinsten Artemisin-Kristalle in großer Menge herstellen konnte, die anschließend für Klinische Studien benutzt wurden, sowie viele weitere. Doch wie Xinzhuan Su die Ergebnisse seiner Recherche zusammen mit Miller beschreibt: “Wir konnten eine ganz klare Linie feststellen, die ihre Arbeit von den Anfängen bis zum Schluss verbindet.” Vor allem hatte sie nicht aufgegeben, als erste Ergebnisse wenig vielsprechend waren. Und ihre Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt: Seit den frühen 1970er Jahren hat die Artemisin-Therapie Millionen Menschen das Leben gerettet.

Mit Youyou Tu wurde erstmals ein Nobelpreis vergeben, der sich auf wissenschaftliche Leistungen innerhalb Chinas bezieht, und zum ersten Mal bekommt eine chinesische Frau diesen Preis. Am Montag hielt sie ihren Nobelpreisvortrag in Stockholm mit dem Titel “Die Entdeckung von Artemisin – ein Geschenk der traditionellen chinesischen Medizin an die Welt”, heute bekommt sie den Medizinnobelpreis 2015 in einem Festakt verliehen.

Susanne Dambeck

About Susanne Dambeck

Susanne Dambeck is a science writer in English and German, and author of several nonfiction childrens' books. A political scientist by training, she has worked in politics, television and as a biographer. Apart from scientific findings, she is interested in people and in storytelling in different languages.

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