Der Nobelpreis für Astronomie

Es gibt Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden. Warum sich Alfred Nobel gerade für diese Kategorien entschieden hat, ist nicht bekannt. Mit Physik, Chemie und Medizin ist die Naturwissenschaft natürlich nicht komplett abgedeckt. Viele Wissenschaftler müssen beim Rennen um den Nobelpreis daher zwangsläufig leer ausgehen.

In der Physik werden die Nobelpreise gerne für Entdeckungen auf dem Gebiet der Teilchenphysik vergeben. Andere Teilgebiete werden viel seltener ausgezeichnet. Die Geophysik hat beispielsweise noch nie eine Entdeckung hervor gebracht, die mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Geophysik unwichtiger wäre als die Teilchenphysik. Auch hier wurden fundamentale und revolutionäre wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen – man denke nur an die Theorie der Plattentektonik! Die Astronomie teilte lange Zeit das Schicksal der Geophysik.

Einen eigenen Nobelpreis für Astronomie gibt es nicht und man kann darüber streiten, ob die Astronomie ein Teil der Physik ist und astronomische Leistungen daher prinzipiell ebenfalls nobelpreiswürdig sind oder ob die Astronomie eine eigene Wissenschaft und daher für das Nobelpreiskommitee nicht von Interesse ist (so wie zum Beispiel auch die Mathematik). Ich persönlich neige zu der Ansicht, dass Astronomie tatsächlich eine andere Wissenschaft ist als die Physik. Das liegt schon allein an der unterschiedlichen Ausgangssituation: Die astronomischen Forschungsobjekte sind alle unvorstellbar weit entfernt und keiner direkten Untersuchung zugänglich. Im Gegensatz zu Physikern können Astronomen nicht in Labors direkt experimentieren, ihnen stehen nur indirekte Beobachtungen zur Verfügung. Auch das Nobelpreiskommitee war lange der Ansicht, dass Astronomie und Physik zwei unterschiedliche Dinge sind und verlieh keine Preise für astronomische Entdeckungen.

Deswegen erhielt zum Beispiel Edwin Hubble nie einen Nobelpreis, obwohl seine Entdeckungen ihn absolut verdient hätten. Er fand heraus, dass unsere Galaxie nur einen kleinen Teil des gesamten Universums ausmacht und das sich das Universum ausdehnt und einen Anfang hatte und er legte damit den Grundstein für die komplette moderne Astronomie und Kosmologie. Hubble selbst setzte sich immer dafür ein, den Physikpreis auch für Astronomen zugänglich zu machen. Als das Kommitee endlich bereit dazu war, konnte Hubble nicht mehr davon profitieren. Er starb kurz bevor ihm der Nobelpreis für Physik des Jahres 1953 verliehen werden konnte.

Seitdem sind aber auch astronomische Leistungen preiswürdig. Die Astronomen kommen zwar nicht oft an die Reihe, aber doch immer wieder. 1983 wurden Subrahmanyan Chandrasekhar und William Fowler für ihre Arbeit zur Entwicklung der Sterne und der Entstehung der Elemente in den Sternen ausgezeichnet (Fred Hoyle, der Partner von William Fowler der die eigentliche Grundlagenarbeit geleistet hatte, wurde aber seltsamerweise übergangen). 1974 wurde die Entwicklung der Radioastronomie durch Martin Ryle und Antony Hewish ausgezeichnet und 2002 erhielt Riccardo Giacconi den Preis für seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der Röntgenastronomie. Die meisten Preise wurden aber für Leistungen auf dem Gebiet der Kosmologie vergeben. Zum Beispiel letztes Jahr, als die Entdecker der dunklen Energie ausgezeichnet wurden. 

So wie die Teilchenphysik scheint auch die Kosmologie vom Nobelpreiskommitee bevorzugt behandelt zu werden. Natürlich mit einer gewissen Berechtigung. Wenn es darum geht, das Universum in seiner Gesamtheit besser zu verstehen, dann müssen wir mehr über seine Bestandteile herausfinden (Teilchenphysik) oder seine Entwicklung besser verstehen (Kosmologie). Aber das bedeutet nicht, dass die “klassischen” Disziplinen nichts beizutragen hätten. Die Entdeckung, dass auch andere Sterne von Planeten umkreist werden und unser Sonnensystem nicht das einzige seiner Art ist, ist mindestens so revolutionär wie die Entdeckung der dunklen Energie. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, dann sollten also in den nächsten Jahren auch Michel Mayor und Didier Queloz (die 1995 den ersten Planeten eines sonnenähnlichen Sterns fanden) mit einem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet werden.

Nobelpreisträger sind ohne Zweifel große Wissenschaftler die Großes geleistet haben. Man kann von ihnen viel lernen und genau das ist der Grund, warum jedes Jahr hunderte Nachwuchswissenschaftler nach Lindau kommen. Das ist der Grund, warum die Medien jedes Jahr anwesend sind und warum wir darüber bloggen: Wir erhoffen uns von den ausgezeichneten Wissenschaftlern informative, spannende und relevante Aussagen über die es sich zu berichten lohnt. Aber wie Blogkollege Markus Pössel kürzlich festgestellt hat, sollten wir uns nicht hinreißen lassen. Der Nobelpreis ist ein wichtiger Preis. Aber Nobelpreisträger sind auch nur Menschen. Und andere Wissenschaftler haben ebenso wichtige Forschungsergebnisse gewonnen, ohne dafür mit einem Preis bedacht zu werden. Wenn sich in 10 Tagen in Lindau die Nobelpreisträger treffen, dann wird das ein großartiges Ereignis werden! Ich freue mich schon sehr darauf zu hören, was die großen Vertreter ihres Faches zu sagen haben. Man darf nur nicht den Fehler machen, den Rest der Wissenschaft darüber zu ignorieren.

2 comments on “Der Nobelpreis für Astronomie

  • Anton Maier says:

    So weit ich weiß ging es Nobel darum nützliches und praktisches zu fördern. Er selber hat bspw. einen sichereren Sprengstoff entwickelt, da damals Unfälle mit Schwarzpulver häufig waren. Die Wahl der Disziplinen folgt dem ganz normalen holistischen Weltbild, bei dem das nützliche vom unnützlichen getrennt wurde.
    Holistisches Weltbild in dem jeweils die nächste Wissenschaft in die andere eingebettet ist:
    Philosophie->Physik->Chemie->Biologie->Zivilisationwissenschaften(->Kunst)
    die Analogie von Nobel:
    Physik->Chemie->Medizin->Frieden->Literatur

    Biologie wird gegen Medizin getauscht, weil die praktischen Implikationen in der damaligen Biologie nicht annähernd so groß waren wie in den restlichen.
    Der Friedensnobelpreis impliziert die Sozialwissenschaften und knüpft daran ein Zielvorgabe an, die in Physik und Chemie so nicht zu treffen ist. (Kalkülproblem des Utilitarismus, bsp. Dynamit).
    Und die Literatur zu letzt, da die mit Abstand den größten Impact hat.
    Die Implikationen von Philosophie verteilen sich auf die anderen Fächer…

    Aus damaliger Sicht vollkommen NACHVOLLZIEHBAR.

    Im Umkehrschluss muss man sich fragen, ob die Nützlichkeit einiger Teilchenphysiknobelpreise nicht überschätzt wird. relativ gesehen.

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