Der Deutsche Ethikrat und der Zugriff auf das menschliche Erbgut

Muss erst ein Unglück passieren, um einen gesellschaftlichen Diskurs anzuschieben? In Deutschland leisten wir uns eine Institution, um diese Frage mit „Nein“ beantworten zu können – den Deutschen Ethikrat. Er ist zwar eine durchaus bekannte, aber für viele trotzdem abstrakte Einrichtung. Dabei ist er von großer Bedeutung, nicht nur für die moderne Demokratie in Deutschland, sondern auch bei der schwierigen Frage, wie Freiheit und Verantwortung in den Wissenschaften abzuwägen sind. Wie man Risiken und Nutzen einschätzt. Und letztlich Forschung so gestaltet, dass sie von einem gesellschaftlichen Konsens getragen werden kann.

Ganz wichtig für die exponierte Stellung, die der deutsche Ethikrat einnimmt, sind die Unabhängigkeit der berufenen 26 Mitglieder, die interdisziplinäre Zusammensetzung des Gremiums und die Öffentlichkeit sowohl der Beratungen als auch der Ergebnisse. Der Ethikrat wird insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften tätig und ist ein Ausdruck für die große Bedeutung, die allen damit einhergehenden Fragen zugemessen wird. Neben der Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren, dienen die erarbeiteten Stellungnahmen und Empfehlungen als Grundlage des politischen und gesetzgeberischen Handelns. Der neue Vorsitzende Peter Dabrock drückt es pointiert aus: „…undifferenziertes Bedenkenträgertum ist per se genauso wenig die Aufgabe ethischer Reflexion wie die nachträgliche moralische Weihe schon längst etablierter Verfahren“.

Prof. Dr. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Copyright: Deutscher Ethikrat, Fotograf: Reiner Zensen

Prof. Dr. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Copyright: Deutscher Ethikrat, Fotograf: Reiner Zensen

Tatsächlich gibt es den deutschen Ethikrat erst seit August 2007. Seitdem agiert die Institution auf der Höhe der Zeit. So gab es 2011 eine Stellungnahme zum Thema Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung – aktuell wieder im Fokus durch die Züchtung von Schweine-Embryonen mit menschlichen Zellen – oder 2013 zur Zukunft der genetischen Diagnostik, sowie 2014 eine besonders umfangreiche Stellungnahme zum Thema Biosicherheit.

Folgerichtig beschäftigte sich die Jahrestagung des Ethikrats 2016 mit CRISPR-Cas9, ein Thema, das in der öffentlichen Wahrnehmung zwischen ‚Zauberschere’ und ‚Büchse der Pandora’ oszilliert. Mit CRISPR-Cas9 hatte zunächst die Wissenschaft und im zweiten Schritt die Industrie ein Werkzeug an der Hand, das in sämtlichen Mikroorganismen, Pflanzen, Parasiten und Einzellern bis hin zu Tieren und Menschen zur Manipulierung des Genoms eingesetzt werden kann. Die Entdeckerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna betrieben ursprünglich Grundlagenforschung (die Selbstverteidigung von Bakterien gegen Viren) und zielten dann auf die Heilung von genetisch bedingten Krankheiten ab. Beide warnen vor einer ungezügelten Weiterentwicklung und sind gegen Eingriffe in die menschliche Keimbahn.

Ein sensibler Spezialbereich ist die Gene-Drive-Methode, die ins Blickfeld rückte, weil man sich erhoffte, durch eine Beschleunigung der Evolution von genetisch veränderten Mücken die Verbreitung von Erregern massiv einzudämmen (Malaria, Zika-Virus). Hier hat es nun allerdings einen teilweisen Rückschlag gegeben: Bei einem Semifreilandversuch in Italien wurden Mücken entdeckt, die eine Resistenz gegen die Resistenzgene entwickelt hatten. Anscheinend kam es zu einer Gensequenzmodifizierung, so dass die Genschere nicht mehr andocken konnte. Es wird vermutet, dass sich die Probleme in freier Natur noch weiter potenzieren, weil sich dort automatisch die Genvariabilität der Mücken erhöht.

Bei der Anwendung am Menschen wird unterschieden, ob es sich um eine somatische Gentherapie handelt, oder ob man vererbbare genetische Veränderungen an der Keimbahn durchführen würde um dauerhaft Mutationen zu korrigieren. Ersteres ist sozusagen eine Gentransplantation, die nicht weitervererbt werden kann, also nur am Patienten ausgeführt wird. Von letzterem wird beim momentanen Stand der Forschung aufgrund des unabsehbaren Risikos für das Kind und seine Nachkommen abgeraten.

 

Artistic depiction of a DNA double helix. Photo: iStock.com/HAYWARDS

Künstlerische Darstellung einer DNA-Doppelhelix. Photo: iStock.com/HAYWARDS

Was trägt der Ethikrat zur Debatte bei? Er bittet hochrangige Expertinnen und Experten zum Vortrag, bildet Diskussionsgruppen und befördert den Austausch mit dem Publikum, legt Werkzeuge einer ethischen Betrachtungsweise zur konkreten Anwendung dar und versucht die Diskussion zu versachlichen. Darüberhinaus – denn Forschung ist nie nur national – sucht er den intensiven Austausch mit den Ethikräten anderer Länder, etwa beim Weltgipfeltreffen der nationalen Ethik-/Bioethik-Kommissionen, für das letztes Jahr der Deutsche Ethikrat Gastgeber war.

Der Global Summit 2016 wurde, in enger Zusammenarbeit mit der UNESCO, gemeinsam vom Deutschen Ethikrat und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorbereitet. Etwa zweihundert Vertreter nationaler Ethikräte, Mitglieder internationaler Organisationen und Regierungsvertreter aus rund 100 Ländern folgten dieser Einladung. Das Tagungsprogramm umfasste Themen wie Big Data und Genome-Editing ebenso wie Epidemien und globale Solidarität, ethischen Pluralismus, Biopolitik und –recht sowie die Verbesserung gesellschaftspolitischer Bewusstseinsbildung in bioethischen Fragestellungen. Den Ausgangspunkt für die Diskussionen bildeten Hintergrundpapiere, die im Vorfeld von ExpertInnen abgefasst wurden.

WHO Assistant Director-General

Dr. Marie-Paule Kieny, WHO Assistant Director-General. Copyright: Deutscher Ethikrat

Das klingt alles trocken, mühsam und aufwendig international – leichter wird es aber wohl kaum zu haben sein. Marie-Paule Kieny, die stellvertretende Generaldirektorin der WHO, brachte es im Rahmen der Tagung auf den Punkt: „… die drängendsten Fragen unserer Zeit von Epidemien bis hin zur Umweltverschmutzung, von Klimawandel bis hin zu Möglichkeiten neuer Technologien, sie alle erfordern eine ethische Reflexion und ethisch fundierte Antworten von uns allen“.

Der Ethikrat ist nicht dazu da, dem Einzelnen die Auseinandersetzung zu ersparen. Er bietet die Möglichkeit, profunde und ausführliche Information zu erhalten. Wollen wir hoffen, dass es beim großen Verantwortungsbewusstsein der Akteurinnen auf politischer und wissenschaftlicher Bühne bleibt und sich möglichst viele Menschen die Mühe machen, sich zu informieren und an der Meinungsbildung mitzuwirken.

 

Stephanie Hanel

About Stephanie Hanel

Stephanie Hanel is a journalist and author. Her enthusiasm for the people behind science grew out of her work as an online editor for AcademiaNet, an international portal that publishes profiles of excellent female scientists. She is an interested observer of new communication channels and narrative forms as well as a dedicated social media user and science slam fan.

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