Die Nachhaltigkeit der Lindauer Tagungen

Wer tiefer in die Geschichte der Lindauer Nobelpreisträgertagungen einsteigt, wird feststellen, wie nachhaltig die Sorge um Mensch und Umwelt diese Tagungen prägt. Bereits seit der ersten Tagung 1951 kennzeichnen die Offenheit in den wissenschaftlichen Debatten und die gemeinsame Suche nach Lösungen den spezifischen Geist von Lindau.

Einer der Gründungsgedanken der Tagungen war der Wunsch nach einer Wiederherstellung der wissenschaftlichen Brücken zwischen den Völkern nach dem zweiten Weltkrieg. Diese neuen Brücken nutzten die Laureaten alsbald, um ihre Anliegen, auch ihre Sorge um die Menschheit und deren Umwelt weiterzutragen.

Im Jahr 1954 nahm Werner Heisenberg die Teilnahme des Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer zum Anlass, „die humanitäre Seite der Wissenschaft neu zu überdenken.“ Auf seine Initiative hin wurden zur Tagung der Chemiker im folgenden Jahr alle Nobelpreisträger eingeladen, die in der Atomforschung tätig waren. So kam es zur sogenannten Mainauer Kundgebung, die im Jahr 1955 von 18 Nobelpreisträgern unterzeichnet wurde und mit der diese sich gegen einen potenziellen Einsatz atomarer Waffen einsetzten.

Mainauer Kundgebung

  Auszug aus der Mainauer Kundgebung von 1955

Voller kriegerischer Einsatz der heute möglichen Waffen kann die Erde so sehr radioaktiv verseuchen, dass ganze Völker vernichtet würden. […] Wir leugnen nicht, dass vielleicht heute der Friede gerade durch die Furcht vor diesen tödlichen Waffen aufrechterhalten wird. Trotzdem halten wir es für eine Selbsttäuschung, wenn Regierungen glauben sollten, sie könnten auf lange Zeit gerade durch die Angst vor diesen Waffen den Krieg vermeiden. […] Alle Nationen müssen zu der Entscheidung kommen, freiwillig auf die Gewalt als letztes Mittel der Politik zu verzichten…

 

Die Brücken wurden im Laufe der Jahre immer weiter geschlagen. Umweltthemen begannen die Tagungsteilnehmer zunehmend zu beschäftigen. Nicht zuletzt eröffnete der Mitbegründer und Wegbereiter der jährlichen Konferenz, Graf Lennart Bernadotte (†2004), das Treffen im Jahr 1970 mit einem Appell an alle Wissenschaftler der Welt: „Machen Sie beim Wiederaufbau, bei der Pflege und Erhaltung einer gesunden und menschengerechten Umwelt mit“. Auch in diesem Jahr stehen zahlreiche Vorträge und Diskussionen im Zeichen der Nachhaltigkeit, was schließlich in dem die Tagung abschließenden hochkarätigem Forum zu “Energy and Sustainability” am 2. Juli 2010 auf der Insel Mainau gipfeln wird.

Die Verantwortung der Wissenschaftler für eine nachhaltige Welt wurde auch von Dennis Gabor (Physiknobelpreis 1971) in seinem Lindauer Vortrag von 1973 “The predicament of mankind” hervorgehoben. Gabor war ein Mitglied des Club of Rome und Co-Autor der Studie „Die Grenzen des Wachstums“. Der Bericht basierte auf einem Computermodell zur Hochrechnung fünf voneinander unabhängiger Variablen bis zum Jahr 2100 – Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung. Laut Gabor erfordert die Zwickmühle, in der die Menschheit zwischen Wachstum und Selbsterhaltung steckt, nicht zuletzt dringend die Suche nach neuen Energieformen und einen Wandel im Energieverbrauch. Er analysierte diverse Energiequellen und drückte seine Hoffnung aus: „Wir Wissenschaftler und Techniker müssen eine neue Technik entwickeln, eine, die ausschließlich unerschöpfliche und sich selbst erneuernde Ressourcen nutzt.“ Es lohnt sich sehr, in diesen Vortrag hineinzuhören (1).

 Dennis Gabor

Dennis Gabor, 1973 – 23th Meeting of Nobel Laureates
The Predicament of Mankind (2)

Seither haben zahlreiche Laureaten diese Thematik aufgegriffen und die Potenziale und Grenzen verschiedener Energiequellen in Lindau diskutiert. Rita Levi-Montalcini (Medizinnobelpreis 1986) forderte in Lindau 1993 von ihren Zuhörern deren Einsatz zum Schutz der Biosphäre sowie für eine gerechte Welt und skizzierte eine Magna Charta of Duties – wie hier ausgeführt, einer meiner Lieblingsvorträge! Dabei unterstrich sie die Notwendigkeit, dass Industriestaaten Soforthilfe für die armen Länder leisten und sie plädierte für eine Welt völliger Egalität. Da wissenschaftliche Kriterien Entscheidungen wesentlich untermauern können, sei es laut Levi-Montalcini eine besondere Pflicht junger Wissenschaftler, ihrer Deklaration Taten folgen zu lassen.

Ein spezieller Fokus richtete sich in den jüngsten Jahren auf erneuerbare Energien. 2007 etwa widmete sich Hartmut Michel (Chemienobelpreis 1988) den Biotreibstoffen: „Biofuels – sense or nonsense“; und 2009 beschrieb Walter Kohn (Chemienobelpreis 1998) “An earth powered predominantly by solar and wind energy“. Selbstverständlich und unermüdlich thematisieren die drei Chemienobelpreisträger des Jahres 1995 Paul Crutzen, Mario José Molina und Frank Sherwood Rowland den Schutz der Atmosphäre, Treibhausgase und den Klimawandel in Lindau. Sie hatten die Reaktionen aufgedeckt, die zum Abbau der Ozonschicht führten. Auch in diesem Jahr werden Crutzen und Rowland wieder in Lindau sein und nachmittags mit Jungwissenschaftlern über ihre Herzensthemen diskutieren.

Viele Laureaten folgen zudem dem Beispiel Rita Levi-Montalcinis und thematisieren jenseits ihrer eigentlichen Forschungsschwerpunkte die Sorge um Menschheit und Umwelt. In diesem Jahr lädt etwa Richard Ernst (Chemienobelpreis 1991) die Nachwuchsforscher ein, “Concepts for a beneficial global future” zu entwickeln; Robert B. Laughlin (Physiknobelpreis 1998) diskutiert, was passiert, “When coal is gone“; und Leland H. Hartwell (Medizinnobelpreis 2001) wird über “Developing a sustainable world” sprechen.

Die 60-jährige Tradition der Lindauer Nobelpreisträgertagungen ist in diesem Sinne eine Tradition der Nachhaltigkeit.


 (1) Zitate von Dennis Gabor (Physiknobelpreis 1971) in Lindau 1973

9:08 So what we scientists and technologists must create is a new technology. One which uses only unexhaustible or selve renewing resources.

38:37 We must realize we are living on an earth which is now becoming too small for us. Applied scientists and technologists must radically reverse their priorities. The first priority is to get our civilization going and not to continue with this irresponsible waisting of energy and material resources.

 (2) Die Lindauer Mediathek, ein Projekt, das durch die Gerda-Henkel-Stiftung ermöglicht wurde, umfasst inzwischen über 130 Video- und Audioaufnahmen.

Historische Vorträge III: Paul Dirac, der große Nicht-Kommunikator?

Paul Dirac war mir während meines Physikstudiums natürlich schon in körperloser Form, sprich: in Gestalt der von ihm entwickelten Gleichungen, mathematischen Objekte und Formalismen begegnet. Während des Studiums las ich dann sein Buch zur Quantentheorie, Principles of Quantum Mechanics, und war von seiner klaren Darstellung dieses notorisch schwierigen Themengebiets begeistert. Ich hatte den Eindruck, Dirac (der allerdings bereits gestorben war, während ich noch zur Schule ging, nämlich 1984) wäre jemand gewesen, mit dem ich mich gerne einmal über Quantenmechanik unterhalten hätte.

Dirac als Person — notwendigerweise aus mindestens zweiter Hand — begegnete mir erst während meiner Doktorarbeit, und zwar in den Anekdoten, wie man sie an Physiker-Mittagstischen zu hören bekommt. Leider legen Dirac-Anekdoten allesamt nahe, dass ein persönliches Gespräch recht unbefriedigend verlaufen wäre. Von einem Kollegen hörte ich beispielsweise die Geschichte des Physikers Bryce DeWitt (einigen Lesern vielleicht durch die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik bekannt): DeWitt hatte Dirac während eines gemeinsamen Spaziergangs begeistert von seinen neuesten Forschungsergebnissen erzählt, ohne dass von Dirac irgendeine Reaktion gekommen wäre. Nachdem die beiden zurückgekehrt waren, gab es endlich Anzeichen dafür, dass sich Dirac doch noch äußern würde — er räusperte sich, und der erwartungsfrohe DeWitt durfte sich dann anhören: “Wissen Sie zufällig, wo hier die Toilette ist?”

Zum wortkargen und unkommunikativen Dirac, dem jeder Smalltalk und auch andere Varianten normaler zwischenmenschlicher Kommunikation weitgehend fremd gewesen zu sein scheinen, kursieren noch eine Reihe weitererer Anekdoten, und der Wikipedia-Artikel über ihn zitiert eine Biografie, derzufolge die Kollegen in Cambridge das “Dirac” als physikalische Einheit mit dem Wert “ein Wort pro Stunde” (in anderer Version als “die minimale Anzahl von Worten, die ein Mensch binnen einer Stunde reden kann”) definiert hätten. Dementsprechend war mein Interesse geweckt, als ich in der Mediathek des Lindauer Treffens gleich auf zwei Tonaufnahmen von Vorträgen Diracs stieß, der sich ja zumindest dieser Überlieferung nach nicht als Idealkandidat für ein Treffen aufdrängt, bei dem die Kommunikation zwischen jüngeren und älteren Wissenschaftlern im Vordergrund steht.

Den ersten Vortrag, dessen Audiomitschnitt online verfügbar ist, hat Dirac auf dem Treffen 1976 gehalten. Er trägt den Titel “Basic beliefs and prejudices in physics”.

Dirac, zweiter Versuch

Der Vortragstitel ist aus meiner Sicht irreführend, aber ich muss zugeben, dass “Some history of physics, my own contributions, and some interesting things I heard about recently” zwar den Inhalt deutlich besser wiedergibt, aber ein wenig unhandlich sein dürfte. Vorurteile und grundlegende Überzeugungen werden jedenfalls nur ganz am Rande gestreift.

Der Vortrag beginnt als Überblick über die modernere Physikgeschichte: mit einem historischen Ausflug zu Newton und Einstein, zur Idee der Gleichzeitigkeit und zu spezieller und allgemeiner Relativitätstheorie, bevor es weitergeht zur Quantenmechanik und dann zu Diracs eigenen Arbeiten. Dirac erzählt so, dass sein Vortrag auch heutigen Anfängern im Physikstudium (oder aufgeweckten Schülern) zugänglich sein sollte.

Aus heutiger Sicht ist dies der klassische Dirac: Der Erfinder einer Gleichung für das Verhalten von Elementarteilchen wie dem Elektron, die erstmals sowohl die Prinzipien der Quantenmechanik als auch die von Einsteins Spezieller Relativitätstheorie berücksichtigt — und eine grundlegende, revolutionäre und seither tausendfach bestätigte Vorhersage macht, nämlich die Existenz von Antiteilchen. Der Dirac, der mit der heute nach ihm benannten Gleichung einen der Grundpfeiler der heutigen Teilchenphysik gesetzt hat und dafür mit ganzen 31 Jahren den Physik-Nobelpreis erhielt. So und durch einige seiner weiteren Schöpfungen (der Dirac’schen Deltafunktion mit ihrer Schlüsselrolle bei der Zerlegung von Wellen, der Fermi-Dirac-Statistik und der Bra-Ket-Notation für die Grundbausteine der Quantenmechanik) kannte ich Dirac aus dem Physikstudium: als Klassiker in mehr als einer Hinsicht.

Es gibt neben dem Klassiker aber noch einen anderen Dirac, der sich mit einer Reihe interessanter Fragestellungen beschäftigt hat, die weit weniger bekannt sind und deren Status zum Teil weit weniger klar ist.

Dieser andere Dirac war mir bereits während meiner Doktorarbeit über den Weg gelaufen: Die Arbeitsgruppe von Hermann Nicolai, in der ich am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) promovierte, sucht nach einer Antwort auf die Frage, wie eine Theorie der Quantengravitation beschaffen ist — eine Theorie, die die Quantentheorie mit Einsteins Theorie der Gravitation, der Allgemeinen Relativitätstheorie, vereint. Die meisten Kollegen gehörten dabei zu einer von zwei Fraktionen: Die einen beschäftigten sich mit der so genannten Stringtheorie, einem Kandidaten für eine Theorie der Quantengravitation, der aus der Elementarteilchenphysik kommt. Grundidee der Stringtheorie ist, dass Elementarteilchen letztlich winzige schwingende Saiten sind. Andere Kollegen forschten im Umkreis der Schleifen-Quantengravitation, deren Ansatz deutlich konservativer von der geometrischen Struktur der Allgemeinen Relativitätstheorie ausgeht. Auffällig war, dass beide Fraktionen, so sehr sich ihre Ansätze unterschieden, auf Arbeiten von Dirac zurückgriffen: Ein in der Stringtheorie jener Zeit (Ende der 1990er Jahre) brandneues Konzept war das der Branen — verallgemeinerter Verwandter der zweidimensionalen Membranen. So neu ihre Rolle in diesem Zusammenhang war, einen Teil der Vorarbeit hatte Dirac geleistet, der sich bereits 1962 mit der Frage beschäftigt hatte, wie sich solche zweidimensionalen Objekte im Rahmen der relativistischen Quantentheorie beschreiben lassen. Und auch die Kollegen von der Schleifengravitation gingen bei ihrer Formulierung von einem Formalismus aus, mit dem Dirac bestimmte Teile der klassischen Mechanik ins Reich der Quanten übertragen hatte.

Eine weitere Dirac-Idee, die nicht Teil der heutigen Standardphysik, aber hochinteressant ist, und deren Zeit durchaus noch kommen könnte, ist eine überraschende Konsequenz aus dem Elektromagnetismus. Den klassischen Modellen nach haben Magnete immer mindestens zwei Pole, nämlich einen Nord- und einen Südpol. Wer einen Magnet entzweibricht, hat anschließend nicht etwa zwei getrennte Magnetpole in der Hand, sondern hat es nunmehr mit zwei Magneten mit jeweils wieder einem Nord- und einem Südpol zu tun. Kann es isolierte Magnetpole, so genannte magnetische Monopole geben, also vereinzelte Nord- oder Südpole, ebenso, wie ja auch positive und negative elektrische Ladungen nicht notwendigerweise in Paaren auftreten? Die experimentellen Hinweise darauf sind allenfalls schwach, aber Dirac konnte zeigen, dass bereits die Existenz eines einzigen einzelnen Magnetpols irgendwo im Universum entscheidende Konsequenzen hat: Sie würde erklären, warum elektrische Ladungen in unserem Kosmos immer nur als ganzzahlige Vielfache ein und derselben Elementarladung auftreten, kurz: warum elektrische Ladungen gequantelt sind. Das ist eine so faszinierende Idee, dass mich nicht wundern würde, wenn sie uns als Teil zukünftiger Standardmodelle der Teilchenphysik wiederbegegnete, auch wenn es auf die Existenz solcher Monopole, wie gesagt, bislang keine überzeugenden Hinweise gibt. Auch von dieser Idee spricht Dirac in seinem Vortrag und äußert die (rückblickend nicht gerechtfertigte) Hoffnung, dass Monopole in zu jener Zeit gerade in der Durchführung befindlichen Experimenten nachgewiesen werden könnten.

Leider zeigt der Vortrag auch, dass nicht alles, was Dirac spannend fand, aus moderner Sicht interessant ist. Die zweite Hälfte ist Ergebnissen anderer Forscher der Florida State University, Diracs damaliger Wirkungsstätte, zu so genannten Radiohalos gewidmet, die aus heutiger Perspektive schlicht ein Sturm im Wasserglas waren. Zu Diracs Verteidigung muss man sagen, dass er dabei nicht über seine eigene Arbeit berichtet, sondern schlicht über die Arbeit von Kollegen außerhalb seines eigenen engeren Fachgebiets, die er zu jener Zeit höchst vielversprechend fand und daher den Lindauer Zuhörern vorstellen wollte. Als Lektion hat dies durchaus einen Wert, und es schadet sicherlich auch beim diesjährigen Treffen nicht, sich bewusst zu machen, dass das, was uns die Nobelpreisträger dort erzählen, durchaus visionär sein könnte — dass es in der Wissenschaft aber nun einmal keine Unfehlbarkeit gibt, und dass wir auch damit rechnen müssen, dass gerade die neuen, noch ungetesteten (und daher natürlich auch zunächst einmal sehr spannenden!) Ideen, die wir präsentiert bekommen, in ein paar Jahren schlicht überholt und allenfalls noch eine Fußnote der Wissenschaftsgeschichte sind. Die meisten Leser fahren in diesem speziellen Fall sicherlich am besten, wenn sie den letzten Teil von Diracs Vortrag (ab 33:15) schlicht auslassen.

Die Frage, ob Dirac abseits des Podiums mehrsilbiger war als in den Anekdoten, können die Vortragsmitschnitte natürlich nicht beantworten. Die Standbilder, die zum Audio-Vortragsmitschnitt eingeblendet werden, liefern faszinierende, aber notwendigerweise wenig schlüssige Zusatzinformationen. Eines davon zeigt Dirac 1959 beim “Get-Together Evening” als — nun, dem Foto nach: als Teilnehmer an einer Polonäse. Mit 57 Jahren kann man wahrscheinlich noch nicht von Altersmilde reden; jedenfalls ergibt sich ein interessanter Kontrast zu dem jungen Dirac, der den gleichalten Heisenberg verständnislos darüber ausgefragt haben soll, warum er, Heisenberg, denn mit jungen Frauen tanze. Jeder Betrachter des Fotos ist eingeladen, sich daran zu versuchen, den Gesichtsausdruck Diracs zu deuten. Möglicherweise handelt es sich um leicht amüsierte Toleranz des merkwürdigen Rituals, dessen Teilnehmer Dirac hier geworden ist. Wie dem auch sei: Ich würde liebend gerne Mitschnitte nicht nur von Diracs Vorträgen, sondern auch von seiner Interaktion mit den damaligen jungen Nachwuchswissenschaftlern hören, und wenn schon keine Mitschnitte, dann zumindest Schilderungen: Vielleicht meldet sich ja ein Alumnus, der damals dabei war und Näheres weiß?

War Dirac tatsächlich der große Nicht-Kommunikator? Letztlich muss Lindau Dirac gefallen haben, denn er besuchte jedes der ersten zehn Lindauer Treffen, die der Physik gewidmet waren — und das dürfte bedeuten, dass er auch dem Kernelement der Treffen, der lebhaften Diskussion mit Nachwuchswissenschaftlern, etwas abgewann. Auch seine Vorträge sind, den Mitschnitten nach, die Vorträge eines Mannes, der sich durchaus Gedanken dazu gemacht hat, wie er sein Thema für seine Zuhörer verständlich darstellen kann (in die gleiche Kerbe schlägt das von ihm verfasste Quantenmechanik-Buch). Allerdings sind es, auch das muss man sagen, todernste Vorträge. Diracs Bemerkungen (im ersten Vortrag ab 23:30) zu den Hemmungen, die Physiker früher hatten, neue Teilchen zu postulieren (in seinem Falle: das Anteiteilchen des Elektrons) und zu der Bereitwilligkeit, mit der Physiker zur Zeit seines Vortrags quasi bei der geringsten Provokation neue Teilchen einführten, könnten unter Umständen knochentrockener Humor sein; im Zusammenhang denke ich aber, auch sie sind ernst gemeint. 

Von der anderen Seite kommend muss ich an Erfahrungen mit einigen anderen Kollegen aus der theoretischen Physik denken, die Außenstehenden vielleicht ansatzweise so fremdartig erscheinen wie Dirac einer Reihe seiner Zeitgenossen, mit denen ich aber hochinteressante (und keineswegs besonders “abgehobene”) Fachgespräche geführt habe. Insgesamt hege ich die komplett unwissenschaftliche, irrelevante, unüberprüfbare Hoffnung: Vielleicht würde sich, hätte ich auf magische Weise die Gelegenheit, mich mit Dirac über Quantenmechanik zu unterhalten, ja doch ein anregendes Gespräch ergeben.

 


 

P.S.: Der zweite verfügbare Vortrag “Does the Gravitational Constant vary?” dürfte von weniger allgemeinem Interesse sein, obwohl auch er eine durchaus interessante, weniger bekannte Dirac-Idee betrifft: Die Möglichkeit, dass die Gravitationskonstante — vereinfacht: die intrinsische Stärke der Gravitationskraft — mit der Zeit variieren und mit Ausdehnung und Masse des gesamten (beobachtbaren) Universums zusammenhängen könnte. Einen Überblick über die Theorien, um die es geht, haben wir übrigens gerade auf Einstein Online veröffentlicht: Varying Newton’s constant, verfasst von Carl Brans, einem der Wissenschaftler, die diese Idee Diracs weiterverfolgt haben.

Historische Vorträge II: Werner Arber über Evolution

Gespannt warte ich darauf, live vor Ort in Lindau diversen Nobelpreisträgern zuzuhören. Dennoch wird es nicht das erste Mal sein, dass ich Vorlesungen, die dort gehalten werden, sehe. Denn es gibt ein umfangreiches Videoarchiv, in dem die Lindauer Vorträge online abrufbar sind. Von 1952 an gibt es Aufzeichnungen, erst nur Ton, später dann natürlich auch mit Video gepaart. Für Wissenschaftshistoriker eine wahre Schatztruhe. Beatrice hatte hier bereits über Rita Levi-Montalcinis Vortrag von 1993 geschwärmt. Und auch ich habe mich mal ein wenig durch das Archiv durchgeklickt. Und bin dabei an der Vorlesung »Darwinian evolution as understood by scientists of the 21st century« von Werner Arber aus dem Jahr 2007 hängen geblieben.

Werner Arber 2007 

Werner Arber, 2007 – 57th Meeting of Nobel Laureates
Darwinian evolution as understood by scientists of the 21st century

Arber bekam 1978 zusammen mit Daniel Nathans und Hamilton O. Smith den Nobelpreis in der Kategorie Physiologie/Medizin für die Entdeckung der Restriktionsenzyme und wie man sie praktisch in der Molekulargenetik anwenden kann. Restriktionsenzyme erkennen bestimmte DNA-Sequenzen und schneiden an diesen Stellen. Verschiedene Restriktionsenzyme haben dabei verschiedene Sequenzen, die sie erkennen können. Mittlerweile lassen sich die Enzyme aus den wenigsten Laboren wegdenken. Denn mit ihnen kann man recht simpel anhand sogenannter Restriktionskarten DNA-Fragmente über ihre Länge identifizieren.

Außerdem bieten sie sich hervorragend dafür an, DNA-Fragmente aneinander zu koppeln: Zuerst schneidet man einen DNA-Strang gezielt mithilfe des Restriktionsenzyms auseinander. Weil man die so entstehenden Bruchstücke kennt, kann man nun mit einem passendem, zweiten DNA-Fragment den geöffneten Strang wieder verschliessen. Und schon hat man relativ simpel ein Stück DNA in ein anderes Stück eingebaut. Aber darauf ging Werner Arber in seinem damals bereits siebten Vortrag in Lindau schon längst nicht mehr ein, sondern er widmete sich der Evolution.

Und wie passt das zusammen? Nun, viele Dinge, die wir auf einem molekularen Level nachbauen können und im Labor auch tun, sind nicht viel anderes als das Nachspielen von evolutionären Ereignissen – so die Begründung von Arber. Seine Vorlesung fängt daher auch relativ historisch an: Mit Charles Darwin und Gregor Mendel.

Beide haben fast gleichzeitig ihre Entdeckungen gemacht. Darwin veröffentlichte 1859 das Werk, das die Evolution als biologische Disziplin eröffnen sollte: On the Origin of Species by Means of Natural Selection. Gregor Mendel veröffentlichte die Ergebnisse seiner Studien mit Erbsen 1866. Und begründete damit die Genetik. Leider haben sich beide nie kennengelernt, um ihre Ergebnisse auszutauschen. Für Darwin war klar, dass Eigenschaften in der einen oder anderen Form vererbt werden müssen, von den in der Reproduktion erfolgreichen Eltern auf die Nachkommen. Mit seinen Kreuzungsversuchen zeigte wiederum Mendel auf, nach welchen Basis-Regeln Vererbung funktioniert.

Irgendwann hat man gesehen, dass die Mechanismen, die im Rahmen der Evolution wirken, die gleichen sind, die auch schon bei Mendel für die Formen und Farben der Erbsen verantwortlich waren. Da man allerdings immer noch nicht wusste, welcher Mechanismus dafür sorgt, vergingen noch ein paar Jahre. Johannes Miescher entdeckte die Nukleinsäuren und 1953 konnten James Watson und Francis Crick die Struktur von DNA nachweisen und begründeten damit mehr oder weniger die moderne Molekular-Genetik.

Arber geht dann weiter auf Grundlagen der Evolutionsbiologie ein: Vererbung und genetische Variabilität. Ohne Vererbung gibt es keine Grundlage an der Evolution ansetzen kann und ohne Variabilität gäbe es keine Selektion. Als Mikrobiologe erklärt er natürlich auch, was die Vorteile von Bakterien als Versuchsgegenstand sind: Kurze Generationszeiten machen es einfach, schnell Ergebnisse zu sehen.

Arber präsentiert die Evolutionsbiologie in seinem Vortrag bravourös kurzweilig und lässt kaum etwas aus – Wie wirken sich Mutationen aus? Was sind positive Mutationen? Was negative? Was neutrale? Wie kann man Einblick in molekulare Evolution bekommen?. Er streift Grundzüge der Genetik – Was sind Gene? Was sind Mutationen?. Zudem geht Arber auf, für das Verständnis von Evolution wichtige Teile der Mikrobiologie ein – Was ist horizontaler Gentransfer? Wie funktioniert die Aufnahme von DNA in Mikroorganismen?. Und natürlich lässt er die Molekularbiologie nicht aus. Das schöne ist, dass er das alles ohne langweilige Powerpoint-Slides macht, die einem schon zum Hals raushängen. Sondern er präsentiert ganz traditionell mit handgemalten Folien. 

Zum Ende schlägt Arber noch die Brücke zum Thema Umweltschutz und dem Verlust von Biodiversität. An dem wir in vielen Fällen ja nicht ganz unschuldig sind. Nicht nur durch das aktive Ausrotten von Arten in der Vergangenheit, sondern auch durch die menschlichen Einflüsse auf die Natur. Für mich steht es außer Frage, dass wir unsere Umwelt beeinflussen. Wer daran zweifeln mag, der möge nur mal in den Golf von Mexiko schauen. Immerhin zeigte sich Arber aber in seinem Vortrag vor drei Jahren nicht als fatalistisch denkender Pessimist. Seiner Meinung nach sorge die Evolution weiterhin dafür, dass Arten entstehen. Nicht in dem unbedeutenden Zeitraum, den wir überschauen können, sondern «in the long range».

Wer also der englischen Sprache mächtig ist und noch einmal eine Auffrischung benötigt, was diese Teilbereiche der Biologie angeht: Ihr solltet euch die 3/4 Stunde für Arbers Vortrag nehmen. Und falls Biologie nicht so euer Fach ist: Auch für die Chemiker, Physiker und all die anderen tollen Wissenschaftsdisziplinen ist spannendes Material dabei.

Werner Arber wird in diesem Jahr übrigens bereits zum zehnten Mal in Lindau dabei sein. Offenbar ist ihm der Lindauer Dialog der Generationen ans Herz gewachsen. Das belegt auch sein Interview, das er dem Lindauer Blog 2009 gab. Auch hier empfehle ich, reinzuhören.

Lindau 2009 – Festivalfeeling im Zeichen der Chemie

Vorigen Sommer in Lindau. Ein so kleiner Ort, eine Woche lang überschwemmt mit Trägern der damals blauen Tasche. Das Nobelpreisträgertreffen ist wahrlich eine einzigartige Veranstaltung – und müsste korrekt natürlich “Treffen für Nobelpreisträger und junge Wissenschaftler” heißen – die tragen nämlich viel zum Geist dieser Veranstaltung bei. Es ist wohl gerade die Mischung aus geballten Forschungsthemen, die in den Sessions diskutiert werden und dem festivalähnlichen Gefühl, das sich nunmal einstellt, wenn ein paar hundert junge Leute eine Woche gemeinsam am Bodensee verbringen. Ich frage mich ja, wie die Lindauer selbst diese Tagung im Vergleich zum anderen Konferenzhighlight, der jährlichen Psychotherapeutentagung, wahrnehmen. Es würde mich nicht überraschen, wenn unsere Tagung die unverkrampftere ist.

Aber zurück auf Anfang. Im letzten Jahr drehte sich alles in Lindau um die Chemie – Aaron Ciechanover war da, Sir Harold Kroto, Gerhard Ertl und Theodor Hänsch, um nur ein paar Namen zu nennen. Der besondere Charme der Vorträge liegt aber eben nicht nur darin, endlich einmal an diesen Quellen des Wissens zu sitzen, sondern einen so nahen und ganz persönlichen Eindruck der Nobelpreisträger bekommen zu können. Einer meiner Highlight-Vorträge war so etwa der des Richard R. Ernst, der über seine Leidenschaften jenseits der Wissenschaft sprach – ein interessanter Einblick in das Handeln und Denken eines Vollblutwissenschaftlers! Mindestens ebenso spannend muss aber auch der Diavortrag Peter Agres gewesen sein – der sich als passionierter Kanute entpuppte. Und dann war da noch Theodor Hänschs Ausflug in einen lokalen Kindergarten, gemeinsam mit der thailändischen Prinzessin – ein ausgesprochen niedlicher Weg, den Nachwuchs zu fördern.

Besonders die Abschlussveranstaltung – ein Panel zum Klimawandel – wird wohl auch noch allen Teilnehmern des Vorjahres gut im Gedächtnis sein, brannte die Sonne doch passend besonders gnadenlos auf die Insel Mainau. Auf der anschließenden Bootsfahrt schlich sich schon langsam die Traurigkeit ein, dass das diesjährige Treffen nun ein Ende findet – und doch war es mit Schnittchen und Kaltgetränken doch ein ausgesprochen heiterer Trip mit wunderbar unkomplizierten Wissenschaftlern. Die Nobelpreisträgertagung ist wiegesagt einzigartig – und ich freue mich darauf, sie in zwei Wochen wieder zu erleben. 

Historische Vorträge I: Rita Levi-Montalcini

Ich zähle zu den glücklichen Menschen, welche die Lindauer Nobelpreisträgertagung mehrmals miterleben dürfen (bereits zum dritten Mal). Doch gerade, weil ich weiß, in welcher Atmosphäre in Lindau vorgetragen und diskutiert wird, bin ich umso trauriger, dass ich nicht schon früher und noch viel früher dort war. In diesem Jahr feiern die Lindauer Treffen ihren 60. Geburtstag und die Liste der Preisträger und Vorträge in der Geschichte des Meetings ist beeindruckend. Wen hätte ich nicht gerne gehört, gesehen, gefragt. Eine der besonders Herausragenden in dieser Reihe ist für mich die Grand Dame der Naturwissenschaften Rita Levi-Montalcini (101).

Wunderbarerweise haben die Lindauer aus ihren Archiven viele ihrer Goldschätze auf ihre Online-Plattform gehoben und so kann man den Vortrag Rita Levi-Montalcinis aus dem Jahr 1993 hören. Insgesamt befinden sich in dieser Mediathek aktuell, wenn ich richtig gezählt habe, 130 Vorträge im Videoformat (ab 2004) oder Originalton mit Bildern. Nur um einige zu erwähnen, denen man lauschen kann: Otto Hahn, Werner Heisenberg, Sir Chandrasekhara Raman, William Bragg, Paul Dirac…. Sie merken schon, es wird schwierig, sich für einen Vortrag zu entscheiden.

Deshalb bin ich so freundlich und stelle Ihnen in loser Folge, an dieser Stelle einige meiner persönlichen Lieblingsvorträge vor, beginnend eben mit jener Grand Dame, die ich so verehre: Rita Levi-Montalcini

Ich verehre die heute 101 Jahre alte Medizinerin

  • wegen ihrer Leistungen – der Nobelpreis für Medizin, der ihr 1986 zusammen mit Stanley Cohen für die Bestimmung von Wachstumsfaktoren verliehen wurde, ist nur ein Beispiel –,
  • wegen ihres starken Willens – zuerst hatte sie Mühe durchzusetzen, dass sie studieren konnte und später wurde ihr unter Mussolini als ‚Nicht-Arierin’ der Zugang zur Akademie verweigert, sie gab aber nicht auf, sondern forschte weiter -,
  • wegen ihres Einsatzes für andere und vielem mehr. Zur Nachlese über ihr Leben empfehle ich dieses Spezial anlässlich ihres 100. Geburtstags von Nature.
  • Und ich verehre sie nicht zuletzt wegen dieses Vortrags, indem sie die Menschheit in die Pflicht nimmt: „The Magna Charta of Duties“.

Levi-Montalcini bezieht sich in ihrem Vortrag auf verschiedene Deklarationen wie etwa die Stockholmer Erklärung von 1972 der Vereinten Nationen „on the Human Environment“ und fordert vor allem von der jungen Forschergeneration ein, sich ihrer Verantwortung für das Überleben der Menschheit und der Wahrung der Umwelt bewusst zu sein. Ich sage, es ist eine Pflicht, diesen Vortrag zu hören und ihren Appellen zu folgen.

Levi-Montalcini 1993

The Magna Charta of Duties 

Rita Levi-Montalcini, 1993 – 43th Meeting of Nobel Laureates

 

Appetizers:

38:20: Young people here should be well aware of the importance of science and the necessity of science to go on. We cannot stop it unless we want to kill homo sapiens themselves

23:04 The main thesis is something rather new – that is just for young people: The stipulation of a new moral contract between the older and the younger generations based on the principle of the total equality and not as presently based on a paternalistic or hierarchical system and on a worldwide resolution to uphold this contract in view of the above mentioned obligation.

20:52 Scientists we believe are henceforth obligated to pay a third of their knowledge by sacrificing a portion of their careers in order to make an informative contribution to the public debate on wider issues of our times on which depends the survival of mankind.

Gedanken zur Nobelstadt von Ashutosh im englischen Blog

Dieser Artikel erschien im Original im englischsprachigen Nobel-Blog bei Ashutosh Jogalekar. Ich war mal so frei, ihn frei zu übersetzen:


Städte haben, ebenso wie Menschen, ihren eigenen Charakter. Dieser Charakter definiert sich oft ebenso über kleine Besonderheiten wie über große. New York ist beispielweise der „Big Apple“, Paris die Stadt der Mode, Sydney die Stadt mit der Oper und Rio de Janeiro die Stadt des Karnevals. Kleine Städte sind auch für ihre eigenen Errungenschaften bekannt. So war ich zum Beispiel letztes Jahr im deutschen Städtchen Magdeburg, das durch Otto von Guericke bekannt wurde – den Mann, der die Physik des Vakuums mittels eines bekannten Experiments mit Pferden begründete.

Eine weitere deutsche Kleinstadt ist für die Mengen an Intellekt bekannt, die sich dort ein Mal im Jahr versammeln. Eine Masse, die wahrscheinlich mit keinem weiteren Ort in der Welt konkurriert. Das ist das Städtchen Lindau, gelegen am schönen Bodensee. Wenn Lindau je einen anderen Namen bekommen sollte, wäre es wohl Nobelstadt. Ja, ich weiß, die Nobelpreise werden in Stockholm vergeben und eigentlich trägt diese Stadt schon den Spitznamen. Aber es gibt einen Unterschied. Während in Stockholm nur die aktuellen Nobelpreisträger gemeinsam mit ein paar wenigen, geladenen Laureaten zusammenkommen, kann sich Lindau jedes Jahr mit mehreren Dutzend Nobelpreisträgern am selben Fleck brüsten. Es ist unmöglich, während dieser Tage durch die Stadt zu spazieren und dabei keinen Laureaten zu entdecken. Letztes Jahr waren etwa 40 da. Dieses Jahr werden es über 60. Aber gibt eine weitere Besonderheit an Lindau: Um des Wissen dieser Überflieger aufzusaugen reisen über 600 hochtalentierte Studenten aus der ganzen Welt an. Chemiker werden verstehen wenn ich sage: In so einem konzentrierten Milieu ist die Kollisionswahrscheinlichkeit sehr hoch und ertragreiche Reaktionen damit reichlich vorhanden.

Letztes Jahr hatte ich das Privileg diesem einmaligen, intellektuellen Festival beizuwohnen. Ich werde diese Erfahrung nie vergessen und möchte die Neugier einiger Neueinsteiger gerne mit ein paar bescheidenen Beobachtungen stillen.

Was dir als erstes auffallen wird ist der kleiner Kreisverkehr vor der Brücke, wenn du, mit dem Rad vielleicht, von oder zu deinem Hotel fährst. Im Kreisverkehr prangt eine große Portraitgalerie der Nobelpreisträger, deren übergroße Gesichter dich ansehen. Ich bezweifle, dass irgendwo anders ein vergleichbarer Kreisverkehr existiert und für mich definiert er die Nobelwoche in Lindau.

Wenn du das Kongresszentrum am schönen Bodensee erreichst, wirst du auf zwei Dinge treffen: Gespannte Gesichter der Studenten aller möglichen Nationen und dem allgemeinen Enthusiasmus, der an diesem Ort spürbar ist. Die Studenten wissen, dass sie unter tausenden auserwählt wurden, über Nominierungen und einen sehr strengen Selektionsprozess. Sie wissen, dass sie das Beste aus der einzigartigen Zeit herausholen müssen. Und ihre Köpfe sind auf das Wissen geschärft, das sie hier in der nächsten Woche mitnehmen können.

Nachdem du die ersten Minuten dieser Szenerie verdaut hast, wirst du zweifelsohne mit den lächelnden Gesichtern einiger außergewöhnlich freundlicher Menschen belohnt. Die wahrscheinlich schönste Erfahrung für mich in Lindau war die Zusammenkunft mit einem großartigen Autorenteam und Leuten, die ich sehr gerne wiedertreffen möchte. All diese Damen und Herren werden dich schlagartig wohlfühlen lassen. Und es werden ethanolhaltige Getränke und Schnittchen geboten, um deine Nerven zu beruhigen.

Dann siehst du die Laureaten. Oder doch nicht? Entgegen der weitläufigen Meinung tragen Nobel Laureaten keinen Heiligenscheint und falls du erwartet hast, Funken aus dem Kopf der Laureaten sprühen zu sehen, während er oder sie auf dich zugeht, wirst du enttäuscht sein. Diese Tatsache führt dich zu der nächsten wichtigen Beobachtung der nächsten Tage. Es mag für manche schockierend sein und das ist es mit Sicherheit vor allem für die jüngeren Studenten, aber Nobelpreisträger sind ganz normale Menschen. Das sollte zwar nicht überraschen, tut es aber. Und auf vielfältige Art und Weise wird diese Entdeckung in den nächsten Tagen sogar noch übertroffen. Letztendlich wirst du durch diesen Prozess einen neuentdeckten Respekt und ein anderes Verständnis für die Nobel Laureaten entwickeln.

Wenn du dich ein bißchen eingelebt hast, solltest du herumspazieren und die allgemeine Stimmung des Ortes abtasten. Wiegesagt werden dir überall Nobel Laureaten begegnen. Vielleicht hörst du Peter Agre (C03) den „Elements Song“ singen, wie er es ganz entzückend beim Dinner letztes Jahr getan hat. Oder du hörst Aaron Ciechanovers (C04) leidenschaftliche Ausführungen zu ziemlich jedem wissenschaftlichen oder politischen Thema. Oder vielleicht Sir Harold Krotos (C96) makellosen englischen Akzent und seine provokativen Äußerungen zu Wissenschaft und Religion. Dies nur als kleine Erinnerung an das, was du in den nächsten paar Tagen hören könntest. Der Anpfiff für das Treffen im letzten Jahr gab ein großzügiges Bankett mit Essen, Tanz und Festlichkeiten. Darin inbegriffen war ein besonderer Tanz, bei dem jeder, inklusive der Nobel Laureaten einem zufällig erwählten Angehörigen des jeweils anderen Geschlechts eine Rose schenken musste. Ich kann dazu nur sagen: Das ist eine großartige Gelegenheit, Leute kennenzulernen.

Nun zu den erhellenden Vorlesungen selbst. Sie werden sich in einem erstaunlich breiten Themenspektrum bewegen. Einige Nobelpreisträger werden über ihre ausgezeichnete Arbeit berichten. Andere sprechen über aktuelle Forschung in ihren Labors. Wiederum andere werden persönliche Erfahrungen mit euch teilen, ganz unabhängig von Wissenschaft. Beispielsweise erzählte Peter Agre letztes Jahr von seinen Erfahrungen in der Arktis, während Richard Ernst (C91) davon berichtete, wie er Spektroskopie nutzt, um eine seiner Leidenschaften zu betrachten: Östliche Kunst. Die Vorträge werfen ein anderes Licht auf die Laureaten und werden obendrein überraschende und eigentümliche Tatsachen enthüllen: Große Wissenschaftler sind nicht immer große Erzähler. In der Tat ist ja eine der weniger geliebten Seiten der akademischen Forschung die der Lehre und Wissenschaftskommunikation. Und diese ist nicht weniger schwierig wenn nicht sogar schwieriger als die Forschung selbst. Die Menschen, die du auf der Bühne sehen wirst, wurden mehrfach für ihre Forschungsergebnisse ausgezeichnet, aber nicht als besonders herausragende Ideen-Vermittler. Darum schwanken ihre Fähigkeiten was öffentliche Reden betrifft auch in einer Bandbreite von hervorragend bis mittelmäßig. Worauf du dich also konzentrieren solltest, ist die Kernaussage ihrer Vorträge. So oder so wird dir diese Erfahrung zeigen, dass Erfolg auf dem einen Gebiet nicht automatisch zu Erfolg in anderen Gebieten führt. Unter den hervorragenden Erzählern des letzten Jahres erinnere ich mich besonders an Ciechanover, Kroto, Roger Tsien (C08) und Richard Ernst. In jedem Fall wirst du überrascht sein, wie viel eloquenter sich viele von ihnen im Privaten ausdrücken als in der Öffentlichkeit. Geht uns das nicht allen so?

Einer der großen Vorteile, die Laureaten sprechen zu hören ist, dass sie uns hinter den Vorhang schauen lassen und uns so die unterschätzten Aspekte wissenschaftlicher Entdeckungen zeigen. Beispielsweise werden sie über ihre Frustrationen erzählen, die Sackgassen, in denen sie gelandet sind und die unerwarteten Beobachtungen, die mitunter zu Entdeckungen geführt haben. Oft geraten Fehler und Zufallsentdeckungen in Vergessenheit, wenn die finale Entdeckung veröffentlicht wird. Wissenschaft ist ein menschliches Bestreben wie alle anderen auch. Forschung geht mit denselben Denkfehlern, Vorurteilen, systematischen Fehlern und blanker Faulheit einher, die auch anderes menschliches Tun plagen. Das Gute daran ist nur, dass wissenschaftliche Entdeckungen trotz all dieser Fallgruben erzielt werden. Die Berichte der Laureaten werden nebst ihrer spezifischen Aussagen vor allem ihre Entschlossenheit zeigen, Dinge zu Ende zu bringen und ihre Fähigkeit, sich über Frustrationen hinweg zu setzen. Wenn es eine Aussage gibt, die wir alle, inklusive der Studenten mit nach Hause nehmen sollten, ist es die Verbissenheit, die für die wissenschaftliche Forschung unabdingbar ist. Und natürlich, während der Spürsinn ein allmächtiger Faktor in der Forschung ist, werden die meisten Vorträge auch den „Alexander-Fleming-Faktor“ hervorheben: Ein vorbereiteter Verstand wird Zufälle im Zweifelsfall schneller entdecken und einordnen.

Neben den Vorträgen solltest du versuchen, jede Gelegenheit zu nutzen um mit den anderen Studenten und Laureaten zu interagieren. Versuch doch einen Interviewtermin mit ein oder zwei Laureaten zu bekommen. Es wird sehr informativ und erhellend. Ich hatte das Glück, letztes Jahr ein tolles Interview mit Peter Agre zu kriegen. Falls du ein Interview führst, mach lieber einen großen Bogen um die Standardfrage „Wie fühlt es sich an, einen Nobelpreis zu bekommen?“ Die Nobelpreisträger haben diese Frage mit Sicherheit schon mehrere tausend Male gehört und ihre Antwort wird deinen Wissensstand auch nicht voranbringen. Frag doch stattdessen lieber noch einmal nach den unerwarteten Sackgassen und Frustrationen, mit denen Wissenschaftler auf ihrem Weg oft konfrontiert werden. Frag sie, was sie momentan am meisten interessiert und frag nach einem Rat für junge Wissenschaftler. Frag sie nach Sachen, die wichtig sind. Lass dich nicht von ihrem Status einschüchtern. Es ist keine schlechte Idee, sie nach aktuellen Ereignissen zu fragen, am besten an Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft oder Politik, wie etwa „Kontroversen“ zum Klimawandel oder dem Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion. Du wirst feststellen, dass einige Laureaten etwas spannendes und neues zu diesen Themen zu sagen haben, manchmal sogar mit Bezug zu persönlichen Erfahrungen. Es gibt auch Vorbehalte beim Interviewen von Wissenschaftlern – manche von ihnen sind den Medien und Journalisten gegenüber extrem vorsichtig. Um ihr Misstrauen zu überwinden, ist es wichtig, dass du Nachforschungen über ihre Herkunft und ihre Forschung anstellst und ihnen so authentisch Fragen zu ihrer Arbeit stellen kannst. Wenn sie das Gefühl kriegen, dass du tatsächlich Ahnung hast und ehrlich interessiert an ihren Aussagen bist, werden sie dir sehr viel offener antworten. Und natürlich solltest du die goldene Regel eines jeden guten Interviews nicht vergessen: Lass sie den Großteil des Redens übernehmen.

Mit den Studenten zu sprechen ist auch eine Gelegenheit, die du dich ganz klar nicht entgehen lassen solltest. In gewisser Weise sind sie und nicht die Laureaten die wahren Stars der Konferenz. Tatsächlich ist ja auch der Wissenstransfer zwischen den Generationen die Absicht der Tagung und es sind schließlich die jungen Leute, die die Spitzenforschung der nächsten Jahrzehnte betreiben werden. Auch wenn du nicht viele Studenten interviewen möchtest, misch dich einfach unters Volk und du wirst beeindruckt sein, wie Wissenschaft Brücken über kulturelle Unterschiede schlägt. Studenten aus China, Azerbaijan, Australien, Deutschland, Indien, Russland und Nigeria werden alle Grenzen überwinden, um sich gegenseitig zu erzählen, was sie an Forschung fasziniert. Für mich war es der motivierendste Aspekt an Lindau, so viele junge Wissenschaftler sprachliche und kulturelle Barrieren überwinden zu sehen, um über Wissenschaft zu sprechen. Es übertraf sogar den Gedanken, dass Wissenschaft ein wahrlich internationales Bestreben ist, ähnlich wie Musik oder Kunst, und dass sie einer der kleinsten gemeinsamen Nenner ist, die die Menschheit zusammenhalten.

Als Blogger wirst du wahrscheinlich nicht zu einer der geschlossenen Sessions zwischen Nobelpreisträgern und Studenten eingeladen. Und das aus gutem Grund. Die Tagung gehört den Studenten und sie haben nunmal Priorität im Umgang mit ihren Vorbildern. Aber vielleicht gehörst du ja zu den Glücklichen, die an einem Dinner mit den Nobel Laureaten und einer kleinen Studentengruppe teilnehmen dürfen. Wenn du diese Chance haben solltest, ist das wahrscheinlich der beste Weg, sich eine Nahaufnahme eines Laureaten zu verschaffen und direkt mit ihm oder ihr zu plaudern. In meinem Fall lag der besondere Anreiz darin, an einem Dinner mit Aaron Ciechanover teilzunehmen, einem leidenschaftlichen Denker, der zu vielen Themen eine klare Meinung hat. Zusätzlich saß Peter Agre am Nebentisch. Ich war entzückt, beim Dinner mit Ciechanover sprechen zu können. Bei solchen Dinnern bestätigt sich auch sehr gut, was ich weiter vorn im Text schon anmerkte: Nobel Laureaten sind auch nur Menschen. Wir aßen lange und ausgiebig in einem exzellenten Restaurant in Lindau. Meine Begleiter waren ein paar aufgeweckte Wissenschaftler aus Norwegen, Schweden und Russland. Das Dinner was ausgesprochen anregend und wir sprachen über diverse Themen, wie etwa Reisen und Ciechanovers Forschung. Das Highlight aber erwartete uns, als es um Politik ging. Ciechanover hatte eine starke Meinung zur Politik des Mittleren Osten, was einige Studenten mit Sicherheit überraschte, zumal sie seinen Standpunkt nicht teilten. Und warum auch? Das ist ja genau der Punkt: Ciechanover ist ein brillanter Biochemiker, aber er ist wahrscheinlich nicht geeigneter über Politik zu sprechen als manch anderer blutiger Laie. Für einen kurzen Moment vergaßen wir, dass wir mit einem Nobel Laureaten sprachen und plauderten einfach mit einem klugen Mann über seine politischen Ansichten. Letztendlich lenkte Peter Agre wunderbar von der Diskussion ab, indem er den „Elements Song“ sang und Witze darüber machte, dass er und Ciechanover zwar den Preis für Chemie bekommen hätten, obwohl sie eigentlich beide Mediziner seien. Ich denke, das Dinner war eine aufschlussreiche Erfahrung, die uns gezeigt hat, dass auch Nobelpreisträger sich nicht mit allem auskennen (wobei natürlich die Frage übrig bleibt, ob man überhaupt ein Experte in Politik sein kann, wie man es im naturwissenschaftlichen Sinn sein kann, aber das ist ein anderes Thema…) Und genau so sollte es auch sein. Wie der verstorbene Richard Feynman scherzte: „Wenn Sie mich zu einem nicht-wissenschaftlichen Thema befragen bin ich genauso doof wie mein Nebenmann.“

Nach den Dinners, Interviews und Vorträgen erreicht diese wunderbare Erfahrung ihren Höhepunkt: Einen Trip zur schönen Insel Mainau im Bodensee. Ein besonderes und solarbetriebenes Schiff brachte uns zu dieser wunderschönen Insel auf der eine beeindruckenden Vielfalt an Blumen, Vögeln und Schmetterlingen zu finden ist. Es war heiß und wir waren ausgelassen. Der Höhepunkt dieses Trips war das Panel zum Klimawandel, über das ich hier bereits berichtete. Auch daran nahmen Nobel Laureaten teil, unter anderem Rajendra Pachauri (P07), Vorsitzender des IPCC und Bjorn Lomborg, der bekannte Klimaskeptiker. Die Debatte während dieser Session zeigte uns ein weiteres Mal, wie sehr Wissenschaftler auseinander driften können, wenn es um wirtschaftliche oder politische Belange geht. Lomborg bildete zugegeben eine Minderheit und zwischen ihm und anderen Panelteilnehmen flogen die Fetzen. Es ist ja klar, dass auch Nobelpreisträger ein solches Thema nicht allumfassend klären können und dass wir gemeinsam auf internationalem Niveau und interdisziplinär solche komplexen Zukunftsfragen lösen müssen. Der internationale Geist der Wissenschaft eignet sich aber ideal, ob ein solches Vorhaben in Angriff zu nehmen.

Auch nach einer Woche dieses einzigartigen und hyper-dynamisch intellektuellen Anreizes und dem zwischenmenschlichen Austausch, möchte niemand nach Hause fahren. Aber du kannst dir sicher sein, dass die Erfahrung, die du in Lindau gemacht hast, dich noch lange nach deiner Abreise vom Bodensee begleiten wird. Du wirst die offene und universelle Natur der Wissenschaft als ein Instrument für Diskurse, Aufregung, Kommunikation und Fortschritt wahrnehmen. Du wirst verstehen, dass Nobel Laureaten großartige Männer und Frauen sind, die jedoch denselben Vorurteilen und Denkfehlern unterliegen wie wir alle. Vor allem aber wirst du begreifen, dass es beim Nobelpreisträgertreffen paradoxerweise nicht um den Nobelpreis geht. Jeder einzelne der anwesenden Laureaten wird dir bestätigen, dass er oder sie nie auf einen solchen Preis hingearbeitet hat und dass die Auszeichnung höchstens ein angenehmer Nebeneffekt ihrer natürlichen Neugierde und Leidenschaft ist, die sie zu ihren Entdeckungen geführt haben. Das fasst, wie ich in diesem Post vom letzten Jahr schon erwähnte, die Kernaussage des Treffens für mich zusammen. Es geht letztendlich um schiere Neugierde. Wie Robert Oppenheimer einmal sagte, „Die großen Entdeckungen in der Wissenschaft wurden nicht gemacht, weil sie nützlich sind – sie wurden gefunden, weil es möglich war.“

Ich wünsche dir viel Spaß bei deinem Aufenthalt in Lindau.

Lindau am Bodensee: Ein kurzer Survival-Guide

Lindau am Bodensee – ein Ortsname aus dem das pure Abenteuer spricht. Bevor du, tollkühner Nachwuchswissenschaftler, oder du, furchtloser Berichterstatter, oder Sie, weiser Nobelpreisträger sich jedoch ins Schwäbische begeben, gilt es diese fünf Sicherheitshinweise zu beachten.

1. Pack den Imkeranzug ein

Oder schütze dich auf andere Art vor hungrigem Fliegengetier. Lindau liegt am Bodensee und die Inselhalle direkt am Wasser. Im letzten Jahr verließ ich die Konferenz nach fünf Tagen mit den Beinen des Elefantenmenschen, nachdem eine Mückenfamilie sich an meinem Blut sattgetrunken hatte. Ich empfehle ja Mückenschutzmittel für Kinder – die riechen gut und sind meist sogar noch günstiger als das Pendant für Erwachsene. Falls du einen Spaziergang durch Wald und Wiesen machst, solltest du dich außerdem vor Zecken in Acht nehmen – die Bodenseeregion gehört zu den FSME-Risikogebieten! 

2. Vergewissere dich, ob du pollenallergisch bist

Falls ja, packe lieber eine Familienpackung Taschentücher ein. Am See ist der Pollenflug zwar nicht so stark, aber die Hotels, in denen wir alle untergebracht werden, liegen mitunter ein Stück weit in der Natur. Will sagen: Ende Juni fliegen noch Gräser- und Roggenpollen durch die Luft und von dort gegebenenfalls in deine Nase. Und die Augen. Und das nervt.

3. Lege dir einen Twitteraccount an

Es soll schon Konferenzteilnehmer gegeben haben, die im Anschluss an die Tagung eine Hypothek auf ihre Wohnung aufnehmen mussten, weil auch das knappgehaltenste Telefonat, wenn es denn transatlantik und zurück ist, die Handyrechnung sprengt. Auch in diesem Jahr werden 683 Teilnehmer aus 70 Ländern erwartet und es empfiehlt sich, eher über das lokale W-Lan in Kontakt zu bleiben, denn über Mobilfunk. Unter twitter.com/lindaunobel erfährst Du immer das Neueste.

4. Führe stets ein Handtuch bei dir!

Und das aus gleich mehreren Gründen. Zum einen natürlich Douglas Adams zu Ehren. Außerdem aber, weil der Bodensee bei gutem Wetter zum sonnen und schwimmen einlädt. Schwimm aber bitte nicht so weit raus – auch wenn der Bodensee so lieb und harmlos aussieht, kann er bei Sturm Wellen von bis zu drei Metern produzieren. Und es wäre ein Jammer dich, tollkühner Nachwuchswissenschaftler, oder dich, furchtloser Berichterstatter, oder ganz besonders Sie, altersweiser Nobelpreisträger in den Fluten untergehen zu sehen.

Übrigens: Viele Hotels in Lindau sind nicht mit Klimaanlagen ausgestattet, darum ist ein Handtuch, mit kaltem Wasser getränkt und auf den matten Leib gelegt, auch hier sehr praktisch.

5. Geh nicht zur Rush Hour essen

Es gibt wirklich keinen Grund für Futterneid – die Mittagspause dauert zwei Stunden und es empfiehlt sich, diese zu nutzen. Das heißt, es ist günstiger nicht direkt um 12.30 Uhr geifernd in Richtung Buffet zu rennen, weil dann bereits 27.897 weitere, hungrige Wissenschaftler dort stehen. Warte lieber eine halbe Stunde, dann ist immer noch genügend Nahrung da.

Ein letzter Tipp noch: Radl mitnehmen lohnt sich! Wer mit dem Zug anreist, sollte doch sein Fahrrad mitbringen – Lindau lässt sich damit wunderbar erkunden und die frische Brise auf dem morgendlichen Weg zur Inselhalle ist doch ein wundervoller Start in den Tag!

Lindau, das Testament, und überhaupt

Manchmal sind Menschen doch einigermaßen berechenbar. So fühlte ich mich jedenfalls, nachdem ich für meinen ersten Beitrag als einer der “Blogger in residence” beim diesjährigen Lindauer Nobelpreisträgertreffen begonnen hatte, meine Gedanken niederzuschreiben: Meine Erwartungen. Glamour; seine Rolle in der Wissenschaft; die besondere Glamourträchtigkeit von Nobelpreisen. Die automatische kritische Frage, warum man ein Treffen entlang dieses Nobelpreisglamours organisiert, obwohl man dabei einige interessante Wissenschaftsgebiete ganz oder teilweise ausklammert — die Biologie, die auf dem Umweg über Chemie und Medizin quasi nur durch den Nebeneingang zugelassen ist, oder die Mathematik, oder interessante Themen aus der Informatik.

Dann schaute ich, was die Blogger des Vorjahres eigentlich so geschrieben haben, und fand, dass das meiste von dem, was ich mir zusammengereimt hatte — und einiges mehr etwa zur Vorgeschichte der Lindauer Treffen — dort schon viel ausführlicher und netter bebloggt worden war.

Was macht der moderne Mensch in einer solchen Situation? Er geht erst einmal spazieren, und sei es virtuell im WWW. Und wie einem ja gelegentlich auch bei einem physischen Spaziergang das Unbewusste die Schritte lenkt, fand ich mich früher als erwartet auf www.nobelprize.org wieder, und kurz darauf bei dem Dokument, mit dem alles begonnen hatte: Alfred Nobels Testament und letzter Wille.

Nach einigen Schlaglichtern auf das Privatleben des Stifters (von ehemaligem Gärtner und ehemaligem Diener, die jeweils Pensionen erhalten, bis hin zu einer Reihe namentlich genannter Verwandter und Bekannter sind dort zuerst die Personen aufgeführt, denen Nobel persönlich eine Hinterlassenschaft zugedacht hatte) folgt der Absatz, der die Medaillen ins Rollen brachte. Und es folgt eine Überraschung, zumindest für mich, denn dort werden Preise gestiftet, die jährlich diejenigen Wissenschaftler aus Physik, Chemie und Medizin auszeichnen sollen, deren Entdeckungen im Vorjahr der Menschheit den größten Nutzen beschert haben. Als an der Teilchenphysik interessierter Mensch habe ich in den letzten Jahren verfolgt, wie das Physik-Preiskomitee seine Sammlung von Pionieren des Standardmodells der Elementarteilchenphysik (das inzwischen auch 30-40 Jahre auf dem Buckel hat) vervollständigt hat. Mir war also durchaus bewusst, dass Nobelpreise in der Regel allenfalls für Arbeiten aus dem Vor-Jahrzehnt vergeben werden, und meistens mit noch deutlich größerem zeitlichen Abstand. Wikipedia führt aus, dass die Preisverleiher sich nach (mindestens) einer etwas zweifelhaften, da übereilten Verleihung entschlossen hatten, zwischen Forschung und Nobelpreis deutlich mehr Zeit verstreichen zu lassen, um nur solche Leistungen zu ehren, deren Bedeutung auch auf lange Sicht Bestand hat.

Ralf Pettersson, ehemaliger Vorsitzender des Nobelpreiskomitees für Physiologie/Medizin, erklärt dazu in diesem Interview, in der heute gültigen Interpretation sei “das Vorjahr” zu verstehen als “das Jahr, in dem der Einfluss der Entdeckung offensichtlich wurde” (“the year when the full impact of the discovery has become evident”). Das scheint mir arg bemüht. Dann lieber ehrlich zugeben: Was zählt ist, was draus geworden ist. Und in diesem Falle hat die Abkehr von des Stifters Vorjahres-Regel und die Konzentration auf langfristig wichtige Ergebnisse wesentlich zum guten Ruf der Preise beigetragen. Und da schließt sich der Kreis zu meinem vorbereitenden Nachdenken über das Lindauer Treffen, und ich lege meine Gedanken zu Motivation und Konzeption des Treffens erst einmal ad acta. Was zählt ist, was draus geworden ist. Und das ist, nach allem, was man hört und liest: ein Treffen vieler an Wissenschaft interessierter Menschen (einige davon mit Nobelpreis), ein anregendes Umfeld, stimulierende Vorträge. Ich bin gespannt!