„Ingenieure sollten den Impact ihrer Technologien ermessen können“

Viennet

Thibault Viennet auf der Lindauer Tagung. Credit: privat

Sie waren im Juni 2017 auf der 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich für die Teilnahme zu bewerben?

Thibault Viennet: Unser Institutsleiter, Prof. Dieter Willbold, hat mich vorgeschlagen. Bis dahin kannte ich diese Veranstaltung gar nicht. Es hat dann aber sehr gut gepasst, weil die Tagung der Chemie gewidmet war und ich die Chance hatte, einen der führenden Forscher auf meinem Gebiet zu treffen: den Schweizer Chemiker Kurt Wüthrich.

 

Ihr Forschungsgebiet ist die Chemie?

Thibault Viennet: Ich habe Chemieingenieurwissenschaften studiert, in Chemie promoviert und bin zurzeit am Jülicher Institute of Complex Systems tätig. Hier untersuche ich die Struktur bestimmter Proteine; unter anderem geht es darum, die Interaktionen der Proteine mit ihrer Umgebung zu verfolgen, sei es mit anderen Proteinen, mit medizinischen Wirkstoffen oder auch mit biologischen Membranen. Im Ergebnis ist diese Forschung für das Verständnis der Parkinson-Krankheit relevant. Dabei verwende ich ein spezielles Verfahren, die kernmagnetische Resonanzspektroskopie, das für diesen Einsatzbereich – also zur Bestimmung der Struktur biologischer Makromoleküle – von Kurt Wüthrich entwickelt wurde; im Jahr 2002 erhielt er dafür gemeinsam mit zwei weiteren Forschern den Nobelpreis.

 

Hatten Sie auf der Tagung denn Gelegenheit, mit Kurt Wüthrich zu sprechen?

Thibault Viennet: Ja, und es war extrem interessant, von ihm Rückmeldung zu meiner Forschung zu bekommen. Ich habe in einer von ihm geleiteten Arbeitsgruppe ein kurzes Referat gehalten; im Vorfeld haben wir uns, zusammen mit den beiden anderen Vortragenden, zum Kaffee getroffen. Mehr noch als über wissenschaftliche Themen haben wir jedoch über unsere beruflichen Pläne gesprochen. Wüthrich hat uns geraten, mit der Bewerbung auf eine Stelle als Assistant Professor nicht lange zu warten und auf jeden Fall nach drei bis vier Jahren als Postdoc eine Juniorprofessur anzustreben. In der Schweiz werden solche Stellen nicht mehr an Kandidaten über 35 Jahren vergeben und in anderen Ländern ist das ähnlich.

 

Was bedeutet dieser Rat für Sie?

Thibault Viennet: Ich fühle mich in dem bestätigt, was ich sowieso vorhabe. Es war gut, von einem Nobelpreisträger zu hören, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich befinde mich im Moment in einer Übergangsphase zwischen Promotion und Postdoc; im November 2017 werde ich nach Harvard gehen und im Bereich der Strukturbiologie in der Krebsforschung
arbeiten. 

 

Nobelpreisträger Kurt Wüthrich während der Master Class, bei der Thibault Viennet: seine Arbeit präsentierte. Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Nobelpreisträger Kurt Wüthrich während der Master Class, bei der Thibault Viennet seine Arbeit präsentierte. Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Insgesamt hat die Tagung knapp eine Woche gedauert. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Thibault Viennet: Was mich am meisten beeindruckt hat, waren die Vorträge zu nichtwissenschaftlichen Themen, beispielsweise zu gesellschaftlicher Verantwortung. Es war inspirierend, Forscher zu erleben, die mit dem Nobelpreis den Gipfel ihrer Karriere erreicht haben, und nun ihre Prominenz dafür einsetzen, das Leben von Menschen zu verbessern, beispielsweise indem sie Krankenhäuser in benachteiligten Ländern bauen oder sich für Klimaschutz einsetzen.

 

Welches Fazit haben Sie für sich persönlich daraus gezogen? 

Thibault Viennet: Ich fühle mich bestärkt. Als Mitglied der französischen Organisation „Ingénieurs sans frontières“ – zu deutsch: „Ingenieure ohne Grenzen“ – bin ich in Aktivitäten involviert, in denen es darum geht, Forschung und Technologie für Menschen in Entwicklungsländern leichter zugänglich zu machen. So organisieren wir beispielsweise Online-Vorträge zu verschiedenen Themen, die für jeden offen und in leicht verständlicher Sprache gehalten sind. Außerdem sind wir im Gespräch mit dem französischen Bildungsministerium mit dem Ziel, ingenieurwissenschaftliche Studiengänge um soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Inhalte zu erweitern. Ingenieure sollten den Impact ermessen können, den ihre Technologien auf gesellschaftliche Zusammenhänge haben.

 

Das gesellschaftliche Engagement einiger Nobelpreisträger hat Vorbildfunktion; gab es noch weitere Aspekte, die Sie bemerkenswert fanden? 

Thibault Viennet: Interessant war der Lebenslauf mancher Wissenschaftler, insbesondere die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten. So hat ein Max-Planck-Direktor erzählt, wie seine Theorien im Bereich der Hochauflösenden Optischen Mikroskopie jahrelang auf Skepsis stießen – was dazu führte, dass er in Deutschland keine Stelle finden konnte und lange Zeit wenig Geld hatte. Schließlich gelang es ihm jedoch, den experimentellen Beweis zu erbringen und 2014 erhielt er dann den Nobelpreis. Sein Rat an uns bestand darin, an die eigenen Ideen zu glauben und seinen Weg auch angesichts von Widrigkeiten zu verfolgen.

 

Die Fragen stellte Kristin Mosch.

Der Mythos von der unabhängigen Zentralbank

In der heutigen Welt des Fiatgeldes hat Geld keinen ‘inneren‘ Wert. Menschen messen ihm einen Wert bei, weil andere Menschen das ebenfalls tun. Solange sich alle einig sind, dass Fiatgeld Wert hat, hat es Wert. Sobald sich aber genügend Menschen plötzlich entscheiden, ungedecktes Papiergeld für wertlos zu halten, wird es wertlos.

In Hochinflationsepisoden verflüchtigt sich das Vertrauen in eine Fiatwährung und versuchen alle, sie zugunsten von Sachgütern, Rohstoffen und sogar anderen Fiatwährungen loszuwerden. Das Anschmeißen der Druckerpresse macht die Sache nur noch schlimmer.

Makroökonomische Modelle mit (Fiat-)Geld sind also naturgemäß Modelle mit multiplen Gleichgewichten. Während der Wert des Geldes in einem bestimmten Gleichgewicht stabil ist, entwickelt sich in einem anderen eine unkontrollierbare Inflationsdynamik mit der Folge, dass das Geld entweder wertlos (Hyperinflation) oder unendlich wertvoll (Fisher-‚Schuldendeflation‘) wird.

In solchen Modellen kann die Wirtschaft plötzlich in ein explosionsartig inflatorisches Gleichgewicht umspringen. Praktisch impliziert das die mögliche Auslösung eines ‘Runs auf die Zentralbank’.

Theoretisch können Zentralbanken natürlich die Nachfrage nach ihrer eigenen Währung immer durch eine Geldschöpfung ex nihilo decken. Wenn aber ständig das Risiko eines plötzlichen Umspringens auf ein explosionsartig inflatorisches oder deflatorisches Gleichgewicht besteht, können sie den Wert nicht garantieren.

Nobelpreisträger Professor Christopher Sims argumentiert, dass es die Fiskalpolitik ist, die den Wert von Fiatgeld garantiert. Deshalb kann es keine regierungsunabhängigen Zentralbanken geben. Die ‘unabhängige Zentralbank’ ist ein Mythos.

Aber was ist mit der Europäischen Zentralbank (EZB), deren Unabhängigkeit von den Regierungen per Abkommen garantiert wird? Das ursprüngliche Konzept des Eurosystems setzt eine strenge Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik voraus und geht davon aus, dass die Geldpolitik keinen Anlass zu fiskalischen Transfers gibt.

Heute wissen wir, dass alle geldpolitischen Maßnahmen fiskalpolitische Konsequenzen haben: So sorgen beispielsweise Zinserhöhungen dafür, dass sich der Wohlstand aus stärker verschuldeten Ländern auf Länder mit weniger Schulden verlagert. Der Aufkauf von Staatsanleihen nach einem ‘Kapitalzeichnungsschlüssel’ reduziert die Kosten für die Geldaufnahme größerer und reicherer Länder.

Die Existenz des Euro war durch eine finanzielle Schieflage in einigen Ländern der Eurozone bedroht. Darauf musste die EZB gezwungenermaßen reagieren. Also ist auch die EZB mit den Regierungen verflochten.

Notenbanken sind nicht nur nicht von Regierungen unabhängig, sondern zudem auf eine angemessene und plausible antizyklische Finanzpolitik der Regierungen angewiesen. Wie Professor Sims es formuliert: “Wenn die Menschen verstehen, dass die Finanzpolitik in Zeiten starker Inflation die Ausuferung staatlicher Defizite einzudämmen versucht und in Zeiten, in denen sich die Zinsen an oder in der Nähe der unteren Grenze bewegen, die Defizite ausweiten wird, sind Sonnenflecken-Fluktuationen und multiple Gleichgewichte eliminiert.“

Die ‘Fiskaltheorie des Preisniveaus’ (fiscal theory of the price level) besagt, dass die Fiskalpolitik den realen Wert öffentlicher Schulden langfristig aufrechterhalten muss, um den Wert von Fiatgeld stabil zu halten und ein Umspringen auf eine instabile inflatorische Dynamik zu verhindern. Der Fiatgeld-‚Schwindel‘, wonach es – wie bei Tinkerbell – solange Wert hat, wie die Menschen daran glauben, hängt also genauso stark von der Glaubwürdigkeit der Fiskalpolitik wie der Geldpolitik ab.

Die Fähigkeit der Zentralbanken, in einer Krise als Kreditgeber letzter Instanz zu fungieren, ist auf ihre fiskalische Rückendeckung angewiesen. Wenn eine Zentralbank aktiv Vermögenswerte aufkauft, ist ihre technische Insolvenz möglich, wenn diese Vermögenswerte an Wert verlieren. Mehrere Zentralbanken in der Welt weisen derzeit ein negatives Eigenkapital entsprechend der Marktpreisbewertung aus, darunter einige (wie die chilenische Zentralbank) über einen längeren Zeitraum.

Es ist heftig debattiert worden, ob die Solvabilität von Zentralbanken Auswirkungen auf ihre Glaubwürdigkeit als Kreditgeber letzter Instanz oder ihre Fähigkeit zur Inflationsbekämpfung hat. Das scheint wohl nicht der Fall zu sein – vorausgesetzt, dass die Fiskalbehörden sie unterstützen können.

Oft reicht der Nettobarwert der künftigen Seigniorage aus, um Inkongruenzen zwischen Aktiva und Passiva entsprechend der Marktpreisbewertung abzudecken. Reicht die Seigniorage aber nicht aus, werden Steuereinnahmen benötigt, um die Lücken zu schließen. In der Praxis heißt das, dass der Nettobarwert der prognostizierten künftigen Primärüberschüsse ausreichen muss, um die Zentralbank ohne Erhöhung der Staatsverschuldung zu rekapitalisieren.

Was passiert, wenn die Fiskalbehörde nicht zur Rekapitalisierung ihrer Zentralbank bereit ist? In Ländern wie den USA wäre das undenkbar, da die Währung dort durch das ‚volle Vertrauen‘ der US-Regierung gestützt wird.

 

Laureate Christopher Sims during his lecture at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Christopher Sims während seines Vortags auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Aber in der Eurozone ist die Zentralbank nicht nur völlig unabhängig von der Regierung, sondern hat es zudem mit 19 Regierungen unterschiedlich starker finanzpolitischer Glaubwürdigkeit zu tun. Die Aufrechterhaltung der Euro-Stabilität hängt von der Bereitschaft all dieser Regierungen ab, für eine Rekapitalisierung der EZB zu sorgen.

Und ihre Bereitschaft wurde, um ehrlich zu sein, bereits auf den Prüfstand gestellt. Seit den ‘Whatever it takes’-Bemerkungen von EZB-Präsident Mario Draghi auf dem Höhepunkt der Euro-Krise 2012 hat die EZB in gewissem Sinne die Rolle einer fiskalischen Institution übernommen, die aktiv öffentliche Schulden von Ländern der Eurozone aufkauft, um die Anleihezinsen niedrig zu halten.

Hätte sie nicht so gehandelt, wären einige dieser Länder zweifelsohne aus der Eurozone gedrängt worden. Dies geschah wohl auf Kosten ihrer eigenen Solvabilität. Ein ‘Run auf die EZB’, wie unter dem Eindruck der Märkte, dass die finanzielle Unterstützung für die EZB auf sich warten lässt, zu erwarten gewesen wäre, hat jedoch nicht stattgefunden.

Aber die EZB könnte nach wie vor gezwungen sein, die öffentlichen Schulden von Ländern mit ‘unverantwortlicher’ Finanzpolitik aufzukaufen, wenn ansonsten ein partieller Einbruch des Euro zu befürchten wäre. Einige Länder der Eurozone könnten davor zurückschrecken, eine Zentralbank zu rekapitalisieren, die ihrer Ansicht nach aktiv Regierungen unterstützt hat, die gegen finanzpolitische Vorschriften verstoßen haben – insbesondere, da es der EZB an einer demokratischen Legitimation für solche Entscheidungen fehlt.

Die Eurozone lebt also weiterhin in einer Welt multipler Gleichgewichte, wenn auch momentan ein plötzliches Umspringen auf eine unkontrollierbare Inflationsdynamik wenig wahrscheinlich erscheint.

Professor Sims sagt, es wäre besser, wenn es eine demokratisch kontrollierbare finanzpolitische Institution für den gesamten Euroraum mit der Befugnis zur Steuererhöhung gäbe, die den An- und Verkauf (oder die Emission) von Staatsanleihen übernehmen könnte. „Aber ich weiß auch nicht, wie man das organisieren sollte“, schloss er seine Ausführungen.

In den Vereinigten Staaten weiß man, wie man so etwas angeht. Sie nennen eine solche Institution ‘Federal Government’. Leider scheinen wir von der Einführung einer solchen Einrichtung im Euroraum weit entfernt zu sein. So werden multiple Gleichgewichte und Sonnenflecken-Fluktuationen wohl noch viele Jahre zur Tagesordnung gehören.

‘Homo oeconomicus’ neu gedacht

Ökonomen leben in einer ideologischen Phantasiewelt. Sie betrachten die Menschen als eine Ansammlung von verlässlich rational handelnden, auf Nutzenmaximierung ausgerichteten, berechnenden Maschinen.

Diese ‘Ökons’ – deren Verhalten von den Ökonomen untersucht wird – machen niemals Fehler. Deshalb lassen sich ihre Verhaltensweisen bei ihren Interaktionen in den freien Märkten zuverlässig mit Hilfe einer Handvoll Gleichungen modellieren, die im Wesentlichen auf die 250 Jahre alten Erkenntnisse von Adam Smith oder anderen klassischen Ökonomen zurückgehen.

Das ist zumindest eine der verbreiteten Vorstellungen darüber, was Ökonomen tun.

Aber einige Tage auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften zeigen schnell, dass dieses Bild eine bloße Karikatur des Berufsstands wäre.

Daniel McFadden von der University of California, Berkeley, Nobelpreisträger von 2000, nutzte seinen Vortrag dazu, die Probleme einer Anwendung vereinfachender Modelle wie die von Adam Smith und David Ricardo auf jedes Problem zu verdeutlichen.

„Wir zollen dem, was sie gemacht haben, Anerkennung. Dennoch sollten wir immer hinterfragen, ob es anwendbar ist“, warnte er.

 

Daniel McFadden during his lecture at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Daniel McFadden während seines Vortrags auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftwissenschaften. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Peter Diamond vom MIT, einer der Laureaten des Jahres 2010, gab sich keinen Illusionen hin, dass Menschen immer Entscheidungen treffen, die in ihrem eigenen langfristigen Interesse sind und führte dazu die Versäumnisse in der privaten Altersvorsorge an.

„Die Menschen sparen einfach nicht genug, wenn man das ihrer eigenen Regie überlässt“, machte er den Nachwuchsökonomen klar und verwies dabei auf das Ergebnis einer bemerkenswerten Befragung von US-Babyboomern, bei der fast 80 % eine einfache Frage nach Zinseszinsen falsch beantworteten.

Also keine Rechenmaschinen in Sicht.

Diamond beschäftigte sich in seinem Vortrag damit, was wir aus internationalen Erfahrungen für die Ausgestaltung staatlicher und privater Pensionssysteme lernen können. Seine Beispiele reichten von der Entstaatlichung des öffentlichen Rentensystems in Chile bis hin zu kostengünstigen und effizienten Mitteln der Altersversorgung, die rund drei Millionen US-Staatsbediensteten zur Verfügung stehen.

Simple Wirtschaftsmodelle, so die Argumentation von Diamond, sind eine schlechte Grundlage für politische Richtungsentscheidungen. „Modelle sind schon definitionsgemäß unvollständig”, sagte er, “sie eins-zu-eins in die Praxis umzusetzen, wäre also ein schwerer Fehler.“

Sir James Mirrlees von der Chinesischen Universität Hongkong und Mit-Nobelpreisträger 1996 sprach in seinem Vortrag über unsere „eingeschränkte Rationalität“ als Menschen. Er zeigte auf, dass die Entscheidungen, die wir treffen, nicht durchgängig von unserem auf Eigeninteressen beruhenden Kalkül, sondern durch äußere Faktoren wie Erziehung, Werbung oder Erfahrung beeinflusst werden.

Von ihm durchgeführte Modellierungen zeigten, dass unter bestimmten Umständen bessere Ergebnisse erzielt werden können, wenn man den Menschen keine Entscheidungsmöglichkeiten lässt, sondern einfach vorgibt, was zu tun ist. „In der Wirtschaftswelt ist es ungewöhnlich, eine Theorie zu vertreten, die die Freiheit minimieren will“, merkte er an.

 

Sir James Mirrlees talking to young economists after his lecture at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Sir James Mirrlees im Gespräch mit Nachwuchsökonomen während der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Robert Aumann von der Hebräischen Universität Jerusalem, der im Jahr 2005 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, verpasste dem vereinfachenden Konzept von Menschen als nutzenmaximierenden Maschinen aus einem ganz anderen Blickwinkel einen Seitenhieb.

Das zentrale Argument im Vortrag des Spieltheoretikers über ‚Mechanismus-Design-Design‘ war die Forderung, klare Vorstellungen über Anreize und Motivationen zu entwickeln.

Wir essen nicht, wie Aumann betonte, weil wir Nahrungsmittel verdauen möchten, um uns so Lebensenergie zuzuführen (die Art von Fehler, die ein an die Berechenbarkeit von ‚Ökons‘ glaubender Ökonom in Bezug auf menschliche Anreize machen könnte), sondern wir essen, weil wir hungrig sind.

Genauso, wie wir wohl in der Regel nicht deswegen Sex haben, weil wir den Fortbestand der Menschheit sichern wollen, sondern einfach, weil es sich gut anfühlt.

Wenn wir solche unmittelbaren Beweggründe übersehen, könnten wir missverstehen, was menschlichen Verhaltensweisen zugrunde liegt – und somit Ökonomie selbst falsch verstehen.

Warum Finanzminister CO2-Steuern befürworten

“In Deutschland gibt es einen gewaltigen Investitionsstau”, warnt Joachim Käppner von der Sueddeutschen Zeitung. In seinem Artikel prangert er die “[maroden] Schulen, Straßen und Brücken” an, und dass in “der Bundesrepublik (…) Investitionen von mehr als 100 Milliarden Euro” fehlen. Die Ökonomen Pedro Bom und Jenny Ligthart bestätigen Käppners pessimistische Sicht. In einer ihrer Studien zeigen sie, dass fast überall auf der Welt zu wenig in Infrastruktur investiert wird.

Was ist der Grund für diese Unterversorgung? Eine mögliche Erklärung liegt in den notorisch knappen Budgets in den Finanzministerien. Regierungen sind in ihrem finanziellen Handlungsspielraum oft nicht nur durch sehr hohe Staatsschulden eingeschränkt. Sie stehen zusätzlich unter Druck, die Unternehmenssteuern zu senken, um zu verhindern, dass privates Kapital – und damit auch Arbeitsplätze – ins Ausland abwandern.

Unter der immer stärkeren Integration globaler Märkte führt dieser Druck dazu, dass Staaten in einem schädlichen Steuerwettbewerb zueinander stehen. Dem Problem maroder Schulen, Straßen und Brücken steht also ein zweites Problem gegenüber: Es fehlen öffentliche Gelder, um bestehende Infrastruktur zu erhalten und Investitionen in neue Infrastruktur zu tätigen.

 

Photo/Credit: yio/iStock.com

Photo/Credit: yio/iStock.com

 

 

Ein CO2-Preis kann helfen, die Probleme des Steuerwettbewerbs und der Unterversorgung öffentlicher Güter zu lösen

Eine unkonventionelle Lösung für die beiden Probleme findet sich in einer meiner Studien, die ein fiskalisches Argument für einen CO2-Preis liefert. Meine Koautoren und ich untersuchen, wie ökonomisch rational agierende Regierungen ihre Steuersysteme reformieren, wenn sie im Wettbewerb um international mobiles Kapital stehen und die Staatskasse klamm ist, aber die öffentliche Infrastruktur dennoch irgendwie finanziert werden muss.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass das effizienteste Steuersystem durch die Einführung eines CO2-Preises erreicht werden kann. Um die zusätzlichen Einnahmen klug einzusetzen, gilt es, ein gutes Maß zwischen Steuererleichterungen für die Unternehmensseite einerseits, und der Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur andererseits zu finden. Gelingt dies, profitieren Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes. Der Schutz der Umwelt und die Belebung der Wirtschaft können gleichzeitig gelingen.

Wie lässt sich unser Resultat begründen? Auf den ersten Blick scheint es doch so, als würden sowohl eine CO2– als auch eine Unternehmenssteuer die Wirtschaft gleichermaßen belasten. Beide Instrumente erhöhen die Kosten für Unternehmen, was dazu führen könnte, dass diese ihre Aktivität zumindest teilweise ins Ausland verlagern.

Ein CO2-Preis hat jedoch den entscheidenden Vorteil, dass die Steuerlast nicht auf Unternehmen fällt, die Güter und Dienstleistungen anbieten, sondern auf die Besitzer fossiler Ressourcen wie Öl oder Gas. Auf diese Weise schöpft ein CO2-Preis die “Ressourcen-Rente” ab – der Anteil des Profits der Ressourcenbesitzer, der über die Kosten hinausgeht, die entstanden, um die Ressource zu extrahieren und auf den Markt zu bringen. (Der Economist erklärt das Konzept der Renten anhand eines anderen Beispiels, nämlich das des Einkommens eines Profi-Fußballers.)

Das Potential der Unternehmensbesteuerung, Renten abzuschöpfen, ist weitaus geringer. Unternehmen, die kein Monopol haben, sondern stark miteinander im Wettbewerb stehen, können kaum Renten-Einkommen, also Einnahmen, die über ihre Produktionskosten hinausgehen, vorweisen. Gelänge es einem Unternehmen, außergewöhnlich hohe Einnahmen zu erwirtschaften, würde der Wettbewerb automatisch dazu führen, dass die Konkurrenz alle Anstrengungen unternimmt, um ähnliche Einnahmen zu erzielen. In der Folge fallen solche hohen Einnahmen wieder.

Ein nationaler CO2-Preis schöpft zwar die Ressourcen-Renten ab, aber im Prinzip kann er so gestaltet werden, dass er das effiziente Funktionieren der Märkte nicht beeinträchtigt, d.h. dass er die Preissignale privater Marktteilnehmer nicht verzerrt – im Gegensatz zu Unternehmenssteuern, die sich negativ auf private Investitionen auswirken. Ein Grund mehr, weshalb ein CO2-Preis ein effizientes Instrument darstellt, um öffentliche Einnahmen zu generieren.

 

Selbst wenn ein CO2-Preis nur zur Finanzierung des Staatshaushalts eingeführt wird, hilft er, gefährlichen Klimawandel zu vermeiden

Nehmen wir nun an, dass Finanzminister tatsächlich die vorgeschlagene Steuerreform durchführen und den Staatshaushalt sanieren können. Besteht nun nicht die Gefahr, dass die Besitzer fossiler Ressourcen stetig steigende CO2-Preise erwarten und aus Angst vor der zukünftig niedrigeren Nachfrage erst recht viele Ressourcen abbauen und den Markt mit billigem Öl und Gas fluten? Dann hätte ein CO2-Preis die paradoxe Wirkung, genau das Gegenteil dessen zu erreichen, wozu er ursprünglich gedacht war. Vor einer derart widersprüchlichen Situation hatte Hans-Werner Sinn in seinem Buch “Das grüne Paradoxon” bereits gewarnt.

Die Antwort ist jedoch ein klares Nein: Wird ein CO2-Preis verwendet, um Infrastruktur-Investitionen zu finanzieren, wirkt sich dies sowohl auf das Angebot, als auch die Nachfrage nach fossilen Ressourcen aus. Auf der Angebotsseite wird weder mehr, noch schneller extrahiert, da der CO2-Preis lediglich die Ressourcen-Rente abschöpft, aber die Märkte – und damit die Entscheidungen privater Marktteilnehmer – nicht verzerrt. Daher bestimmt die Nachfrageseite vollständig, wann und wieviel der fossilen Ressourcen abgebaut werden. Käufer sehen durch den CO2-Preis höhere Kosten, was die Nachfrage reduziert und schließlich den Abbau fossiler Ressourcen reduziert.

All dies bedeutet nicht, dass globale Kooperation nicht nötig ist, um das Klima zu retten. Eine unilaterale Steuerreform, die einen CO2-Preis beinhaltet wird nicht ausreichen. Aber wenn Politiker, und insbesondere die Finanzminister, verstehen, dass eine ökologische Steuerreform der ganzen Wirtschaft nützt, dann können fiskalische Motive tatsächlich einen Einstieg in ambitionierteren Klimaschutz darstellen.

This blog post is based on research reported in ‘Why Finance Ministers Favor Carbon Taxes, Even If They Do Not Take Climate Change into Account’ by Max Franks, Ottmar Edenhofer and Kai Lessmann, published in Environmental and Resource Economics in 2015. The study was recognised as the ‘best overall paper’ at the third annual conference of the Green Growth Knowledge Platform, hosted in partnership with the United Nations Environment Programme (UNEP), the OECD and the World Bank.

Europa: Gefahr in Verzug?

Die Erholung der Eurozone gestaltet sich fragil und Europa steht weiterhin vor zahlreichen wirtschaftlichen Herausforderungen, so der Nobelpreisträger Sir Christopher Pissarides bei einem Pressegespräch auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften am Mittwoch, den 23. August 2017.

Die Weigerung Deutschlands, trotz riesiger Haushalts- und Handelsbilanzüberschüsse mehr zu investieren, hemmt das Wachstum in anderen Ländern der Eurozone, argumentierte er. Seiner Ansicht nach sind die Entscheidungen der deutschen Politik ausschließlich von den Interessen der deutschen Wirtschaft und nicht der Eurozone geleitet. Noch immer überschattet Austerität die wirtschaftliche Wiederbelebung.

Und weitere Gefahren liegen laut Professor Pissarides vor uns. Dazu zählen Risiken für den Finanzsektor, die darauf zurückzuführen sind, dass die Eurozone ihre Reformen im Bankensektor nicht zum Abschluss gebracht hat, und die Tatsache, dass Europa im Produktivitätswachstum hinter seinen Konkurrenten aus den Vereinigten Staaten und Fernost hinterherhinkt.

 

Press Talk at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Pressegespräch während der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften: Veronika Stolbova, Lenka Fiala, Eric Maskin, Romesh Vaitilingam, Chris Pissarides und Frances Coppola (von links). Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Im Bankwesen bleibt trotz Einführung eines neuen Abwicklungsverfahrens unklar, wer für die Rettung einer Großbank, deren Zusammenbruch droht, aufkommen würde. Die Fragilität des gesamten Bankensektors bereitet weiterhin Sorgen und hat übermäßige Regulierungen zur Folge.

Laut Professor Pissarides hängt das langfristige Wachstum in Europa von angebotsorientierten Reformen ab, die zu Infrastrukturinvestitionen ermuntern – und zwar nicht nur in Straßen und Brücken, sondern auch in innovationsfördernde digitale Technologien. Optimistischer fiel seine Einschätzung der in einigen Ländern zu beobachtenden Veränderungen in den Arbeitsmärkten aus, die seines Erachtens langfristig zur Verringerung der Arbeitslosigkeit beitragen. Allerdings könnte es mehrere Jahre dauern, bis sich die Reformen bemerkbar machen.

Eine radikale strukturelle Änderung schlug Nobelpreisträger Eric Maskin in der Diskussionsrunde vor. Sie soll die Entkopplung der europäischen Geldpolitik, die für die Eurozone als Ganzes festgelegt wird, von der auf nationaler Ebene geregelten Finanzpolitik adressieren. Durch Einrichtung eines unabhängigen Finanzrates nach dem Modell der Europäischen Zentralbank, so meinte er, ließe sich die Einflussnahme der Politiker ausklammern.

 

Eric Maskin during the Press Talk at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

Eric Maskin während des Pressegesprächs. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

 

Im Rahmen einer solchen Regelung würden Experten, die von den europäischen Regierungen ernannt werden, aber nicht deren Kontrolle unterliegen, künftig unter Beachtung eines vereinbarten Regelwerks für jedes Land Haushaltsüberschuss- oder -defizitziele festlegen. Den einzelnen Ländern würde dann die Entscheidung überlassen, wie sie diese Ziele erreichen wollen und welche Gewichtung zwischen Besteuerung und öffentlichen Ausgaben sie wählen. Professor Maskin räumte allerdings ein, dass es wohl eine enorme Herausforderung darstellen würde, Deutschland von der Umsetzung solcher Maßnahmen zu überzeugen.

Die Journalistin Frances Coppola brachte die deutsche Handlungsweise mit einer weiteren enormen Problematik für Europa in Zusammenhang: der rasanten Bevölkerungsalterung und der somit notwendigen Vorsorge für eine Wirtschaft mit weniger Erwerbstätigen als Nichterwerbstätigen. Die Reaktion Deutschlands auf den eigenen Haushaltsüberschuss sei vor diesem Hintergrund vernünftig, sagt Coppola.

Veronika Stolbova, eine der Nachwuchsökonomen, die an der Lindauer Tagung teilnehmen, wies auf eine weitere langfristige Gefahr für die Eurozone hin: die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels. Ihre eigenen Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Erträge von institutionellen Anlegern, beispielsweise Investmentfonds und Pensionsfonds, unter Investitionen in Industrien, die von den negativen Folgen des Klimawandels betroffen sind, leiden könnten.

Auch die Frage nach der politischen Führungsrolle spielte stark in die Diskussion über die künftige Richtung der Eurozone hinein. Professor Pissarides argumentierte, dass auf europäischer Ebene kein hochrangiges politisches Forum existiert, das sich um langfristige Wirtschaftsfragen kümmern könnte. Die Eurogruppe, so führte er aus, sei nur auf kurzfristige Krisenlösungen konzentriert.

Professor Maskin und Professor Pissarides waren sich einig, dass Veränderungen nur erreicht werden könnten, wenn Führungspersönlichkeiten mit einer großen Vision, die nationale Grenzen überwindet, auf der Bildfläche erscheinen – wie in der Vergangenheit ein Jean Monnet, Wegbereiter der EU, oder ein General George Marshall, dessen Marshall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wirtschaftsaufschwung in Europa führte. Solange solche Führungspersönlichkeiten ausbleiben, werden sich die langfristigen strukturellen Probleme der europäischen Wirtschaft in absehbarer Zeit nicht lösen lassen.

Glücklicher denn je

Zufriedenheit ist ein spannendes Thema für Wissenschaftler und Politiker gleichermaßen. Die Messung von Lebenszufriedenheit bereichert die Diskussion darüber, was ein gutes Leben ausmacht.

Früher galt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maßstab für Wohlstand und ein gutes Leben einer Volkswirtschaft. Das BIP wird jedoch zunehmend als nicht ausreichend kritisiert, erstens weil viele Faktoren, wie zum Beispiel der Wert von Arbeitsplätzen und guter Gesundheit, unterschätzt werden, und zweitens weil andere Faktoren, wie die Einkommensungleichheit, die Qualität von Bildung, der Umweltzustand, ehrenamtliches Engagement oder Hausarbeit, nicht miteingerechnet werden.

 

Menschen am Strand von St.Peter-Ording. Photo/Credit: Jan-Otto/iStock.com

Menschen am Strand von St.Peter-Ording. Photo/Credit: Jan-Otto/iStock.com

 

Messung von Zufriedenheit

Für eine sorgfältige Analyse der allgemeinen Lebenszufriedenheit eignen sich repräsentative Langzeitumfragen, die auch soziodemografische, ökonomische und persönliche Eigenschaften abfragen. Häufig wird dabei die Frage gestellt: Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben? Bitte antworten Sie auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 ganz und gar unzufrieden und 10 ganz und gar zufrieden bedeutet.

Diese Skala wird von dem sozio-ökonomischen Panel (SOEP) und auch dem World Values Survey (WVS) so abgefragt. Die 11-stufige Skala wird oft auch in drei Kategorien transformiert: hohe Zufriedenheit (8, 9 oder 10 Punkte), mittlere Zufriedenheit (3-7 Punkte) und Unzufriedenheit (0,1 oder 2 Punkte). Diese Vereinfachung ergibt eine symmetrische Skala, die meine Kollegen und ich nutzen.

 

Wie zufrieden sind die Deutschen?

Die allgemeine Lebenszufriedenheit in Deutschland ist auf dem höchsten Stand seit der Wiedervereinigung im Jahr 1999. In der letzten repräsentativen Umfrage des SOEP aus dem Jahr 2015 gaben 55 Prozent der befragten Bürger in Deutschland eine hohe Lebenszufriedenheit an. Nur zwei Prozent gaben an, unzufrieden zu sein und die übrigen 43 Prozent gaben eine mittlere Zufriedenheit an. Im Durchschnitt lag die allgemeine Lebenszufriedenheit bei 7,28 von 10 Punkten im Jahr 2015. Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2005, lag sie bei 6,84 Punkten und im Jahr 1995 bei 6,86 Punkten. Dieser positive Trend ist darauf zurückzuführen, dass deutlich weniger Befragte angaben, dass sie unzufrieden sind. Gleichzeitig bleibt aber der Anteil an den Deutschen, die sich als besonders zufrieden einschätzen, konstant. Diese positive Verschiebung ergibt eine geringere Varianz, also eine geringere Ungleichheit in der Verteilung der allgemeinen Lebenszufriedenheit.

 

Die Gründe: wirtschaftliche und soziale Verbesserungen

Zwischen 2005 und 2015 ist die allgemeine Lebenszufriedenheit um 6,4 Prozent gestiegen. Was hat zu diesem positiven Trend geführt? Die drei wichtigsten Faktoren für hohe Zufriedenheit sind Erwerbstätigkeit, Gesundheit und soziale Kontakte. Und tatsächlich kam es auf allen drei Ebenen in den letzten Jahrzehnten zu Verbesserungen: Die Arbeitslosenrate ist auf einem Rekord-Tiefstand seit der Wiedervereinigung – 2,5 Millionen Menschen sind derzeit in Deutschland auf der Suche nach Arbeit. Im Jahr 2005 waren es mit fünf Millionen Arbeitslosen noch doppelt so viele. Außerdem ist die Lebenserwartung gestiegen – auch bei Geringverdienern. Durch die Digitalisierung werden soziale Interaktionen vereinfacht. Außerdem ist die Scheidungsrate ist gesunken.

 

Korrelationen – keine Kausalität

Bei der Erforschung von Lebenszufriedenheit ist es wichtig, zu verstehen, dass es sich größtenteils um Korrelationen handelt und nicht um kausale Ergebnisse. Zum Beispiel ist es nicht möglich, herauszufinden, ob eine Heirat die Eheleute tatsächlich glücklicher macht.

Es gibt zwei alternative Erklärungen dafür, warum verheiratete Menschen zufriedener zu sein scheinen: Glücklichere Menschen finden eher einen Ehepartner oder die Ehe an sich verbessert die Lebenszufriedenheit. Es ist jedoch schwierig, Beweise zu finden, die eine der Erklärungen ausschließen.

Für die Wissenschaft einstehen, bis es “klick” macht

Die 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung neigt sich dem Ende zu. Die aktuellen politischen Ereignisse hinterlassen ihre Spuren, doch die Laureaten ermuntern die Nachwuchswissenschaftler zu Durchhaltevermögen und Leidenschaft für die Forschung.

Passend zum Abschluss der letzten Veranstaltung im Saal des großen Stadttheaters ertönt ein heftiges Gewitterdonnern – wie als Warnung an die Teilnehmer, sie mögen doch bitte wirklich all die neuen Forschungsfakten, sowie Vor- und Ratschläge verinnerlichen und mit nach Hause nehmen. Tag 4 und damit der letzte reguläre Programmtag der Lindauer Nobelpreisträgertagung neigt sich dem Ende zu. 

 

Nachwuchswissenschaftler unterhalten sich mit Nobelpreisträger Martin Chalfie während der 67. Lindauer Tagung, Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Nachwuchswissenschaftler mit Nobelpreisträger Martin Chalfie während der 67. Lindauer Tagung, Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Die Woche war vollgepackt und doch viel zu kurz: die ersten Veranstaltungen, die sogenannten Science Breakfasts, behandelten Kernthemen wie Circular Economy, CO2 Recycling oder die Chemie des Geschmacks, und begannen bereits um 7 Uhr morgens. Und doch reichte die Zeit kaum aus, sich mit allen Teilnehmern über die neuesten Forschungsergebnisse, die (wissenschafts-) politischen Entwicklungen weltweit, oder einfach ihre eigene interessante internationale Geschichte auszutauschen. Denn genau das ist das erklärte Ziel der Lindauer Woche: der Austausch zwischen Nachwuchswissenschaftlern und Preisträgern sowie zwischen allen anderen Teilnehmern – je weiter entfernt des anderen Expertise von der eigenen, umso wertvoller ist der Gedankenaustausch.

Interessanterweise kam bei so einem Austausch ein Raum von etwa 50 Chemikern während des Circular Economy Science Breakfast mit dem Gastgeber BASF zu einer eher sozial-ökonomischen Erkenntnis, die Walter Gilbert von der Harvard Universität auf den Punkt brachte: „Die Wissenschaft kann Lösungen bieten – umgesetzt werden müssen diese aber von allen zusammen.“ Er bezog sich hierbei vor allem auf neue umweltschonende Technologien, die zwar von der Grundlagenforschung her bereits durchaus realisierbar sind, aber von den Konsumenten noch nicht angenommen werden. Er und die Teilnehmer sahen hier vor allem die Forschung in der Pflicht, die Vorteile der neuen Entwicklungen so lange zu erklären, zu verdeutlichen und anzupreisen, bis sie tatsächlich in das Allgemeinverständnis und den Alltag übergegangen sind.

 

Nachwuchswissenschaftler unterhalten sich mit Nobelrpreisträger Robert Huber beim BASF Science Breakfast.  Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Nachwuchswissenschaftler unterhalten sich mit Nobelrpreisträger Robert Huber beim BASF Science Breakfast. Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Neben der exzellenten Forschung schlängelte sich auch die zur Zeit international schwierige Situation der Forschung durch die Veranstaltung. Vor allem die Nachwuchsforscher sehen sich inzwischen vielfach extrem wissenschaftsfeindlicher Einstellungen ausgesetzt, und suchen Rat, wie sie am besten damit umgehen sollen. Die nahezu einhellige Meinung der Laureaten: den Mund aufmachen und für die Forschung und wissenschaftliche Fakten einstehen.

Dazu gehört eine fundierte, sachliche, aber auch beherzte Wissenschaftskommunikation, die neue Erkenntnisse nicht nur unter Wissenschaftlern, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Weder die Forscher noch die Wissenschaftsjournalisten sollten sich hierzu hinter Fachjargon oder Plattitüden verstecken. Und in der Panel Discussion Science Careers rief Sir John E. Walker die Nachwuchswissenschaftler sogar zu einer Karriere als Politiker oder Politikberater auf: „Die Politiker können nur fundierte Entscheidungen treffen, wenn sie gut informiert sind und die Materie verstehen. Dazu brauchen sie euch!“ Er und seine Panelmitstreiter May Shana’a (Beiersdorf AG), Dan Shechtman (Nobelpreiträger am Weizmann Institut), Wiltrud Treffenfeldt (Dow Europe GmbH) und Thomas Gianetti (ETH Zürich) sehen es schlicht als Pflicht der Wissenschaftler an, für die Forschung und deren Ergebnisse einzustehen.

 

Podiumsdiskussion zum Thema

Podiumsdiskussion zum Thema “Science Careers”, Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Außerdem forderten die Laureaten die jungen Forscher vielfach dazu auf, auch abseits der bekannten und bequemen Pfade zu forschen, um so wieder große Durchbrüche zu schaffen. Martin Chalfie und viele andere erzählen Anekdoten, wie wahrlich neue Erkenntnisse oft durch Fehlversuche zu Stande kamen. Anstatt die Fehlversuche als Versagen zu werten, sollten die Nachwuchswissenschaftler die Freude an der Forschung nicht verlieren, und unerwartete Ergebnisse zu schätzen lernen. Ein High-Impact-Paper sei schließlich kein Garant für spätere Erfolge. Solange die Forscher aber mit echter Leidenschaft an einem Thema arbeiten, hätten sie ausgezeichnete Chancen für eine erfolgreiche Zukunft, so Dan Shechtman. Ohnehin, seien mindestens die Hälfte der naturwissenschaftlichen Arbeiten, die später mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, in vergleichsweise kleinen Journals mit eher niedrigem Impact-Factor publiziert worden, sagt Martin Chalfie.

Am letzten Tag der Veranstaltung findet noch die traditionelle Bootsfahrt zur Insel Mainau statt. Dort werden Bettina Gräfin Bernadotte und Björn Graf Bernadotte noch einmal die Tagung Revue passieren lassen, und dort wird auch die letzte Panel Discussion zum Thema Ethics in Science abgehalten. Ich bin mir sicher, dass auch hier die Nachwuchswissenschaftler noch einmal aufgefordert werden „alternative Fakten“ nicht einfach stillschweigend hinzunehmen, sondern so lange für die Forschung zu werben, bis auch der letzte Kritiker überzeugt ist.

Schnellerer Fortschritt für alle

Martin Chalfie setzt sich für Preprint-Archive für biologische Forschungsarbeiten ein: Dadurch können neue Ergebnisse und Erkenntnisse wesentlich früher einem deutlich größerem Publikum zugänglich gemacht werden.  

 

Credit: exdez/iStock.com

Credit: exdez/iStock.com

 

Wichtige Fragen, die während der Lindauer Nobelpreisträgertagung immer wieder gestellt wurden, sind die, wie die Zukunft der Forschung aussehen kann und wird und, wie man den status quo verbessern kann. Neben den bereits vielfach angesprochenen politischen Ereignissen und Einflüssen auf die Wissenschaft, ist ein weiteres großes Thema eher ein intrinsisches Problem: die Publikationsmaschinerie und die Bedeutung des Impact Factors. Kurz vor der Tagung haben sich etliche Nobelpreisträger bereits öffentlich gegen diese Methode des Journal-Rankings ausgesprochen. Und während der 67. Lindauer Tagung sprach sich auch Martin Chalfie dafür aus, wissenschaftliche Publikationen wieder mehr auf Grund ihrer tatsächlichen Qualität zu beurteilen, und weniger danach, in welchem Journal sie letztlich publiziert werden. Ich fragte ihn, was er sich denn als Alternative vorstelle, und welche Schritte er womöglich selbst schon unternommen habe. Seine Lösung lautete: ASAPbio.org – Accelerating Science and Publication in Biology.

ASAPbio ist eine Interessengemeinschaft gegründet von Ron Vale – einer Initiative von Wissenschaftlern für Wissenschaftler, um neue Erkenntnisse in den biologischen Wissenschaften einem breiteren Publikum schneller zugänglich zu machen. Gemeinsam mit Harold Varmus, Daniel Colón-Ramos und Jessica Polka, inzwischen Direktorin der Initiative, rief Chalfie die Plattform Anfang 2016 ins Leben. „Wir wollten ein Preprint-Archiv für die biologische Forschung entwickeln – in der Physik gibt es so etwas schon seit mindestens 25 Jahren.“ Sobald Forscher also bereit sind, ihre Arbeit und Ergebnisse der Welt mitzuteilen, so Chalfie weiter, können sie ihren Artikel auf einer Preprint-Plattform hochladen, wo er dann von anderen Wissenschaftlern, aber auch von der breiten Öffentlichkeit gelesen und kommentiert werden kann. Die größte biologisch-fokussierte Preprint-Plattform ist bisher bioRxiv. ASAPbio will in Zukunft als eine Sammelstelle für alle Preprints aus den biologischen Wissenschaften fungieren. „Dadurch verändert sich die gesamte Publikationsdynamik“, sagt Chalfie. Denn der konventionelle Publikationsweg sieht anders aus: eine wissenschaftliche Arbeit wird bei einem fachlich passenden Journal eingereicht, dort entscheiden in einem ersten Schritt ein oder mehrere Editoren, ob die Arbeit überhaupt zu dem Journal passt. Falls sich die Editoren dafür entscheiden, wird es an ein paar wenige Experten aus dem Fachgebiet weiter geleitet. Diese machen sich dann ebenfalls ein Bild von der Arbeit, und können sie gegebenenfalls als nicht-ausreichend ablehnen, oder zusätzliche Experimente verlangen. In einem solchen Fall haben die Autoren dann einige Monate Zeit um die gewünschten Änderungen zu erbringen, bevor es zu einer endgültigen Entscheidung kommt – die auch nach den Änderungen noch ein „Nein“ sein kann. Alles in Allem kann so ein Entscheidungsprozess mehrere Monate oder gar bis zu einem Jahr dauern – und wird die Arbeit am Ende tatsächlich abgelehnt, müssen die Forscher diese von Neuem bei einem anderen Journal einreichen. Dadurch verlieren nicht nur sie wertvolle Zeit, sondern auch die Forschungsgemeinschaft sowie die breite Öffentlichkeit, die während dem Entscheidungsprozess keinen Zugriff auf die neuen Erkenntnisse haben. „Preprint-Archive hingegen machen neue Erkenntnisse und Forschungsfortschritte sofort zugänglich für alle – egal ob Wissenschaftler oder Schüler, und ohne dass dafür gezahlt werden muss“, fasst Chalfie die Vorteile zusammen.

Zudem bekommt jede Arbeit automatisch bei der Einstellung ein festes Erstellungsdatum, auf das sich die Autoren berufen können, sollte zeitnah eine ähnliche Arbeit veröffentlicht werden.

Chalfie betont aber: „Es geht hier nicht darum, frühzeitig die eigenen Rohdaten zu veröffentlichen.“ Vielmehr sollte die Arbeit praktisch zeitgleich mit der ersten Journaleinreichung auf eine Archiv-Plattform gestellt werden, und dann entsprechend des Journal-Feedbacks oder der Kommentare, die über die Plattform eingereicht werden, sukzessive überarbeitet werden.

 

Martin Chalfie talking to young scientists during the 67th Lindau Nobel Laureate Meeting,  Photo/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

Martin Chalfie mit Nachwuchswissenschaftlern während der 67. Lindauer Tagung, Photo/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

 

„Bereits bei einem der ersten organisatorischen Treffen sprachen wir auch darüber, wie wohl die etablierten Journals auf die Plattformen und die zentrale Sammelstelle reagieren würden. Glücklicherweise haben sich die großen Journals wie Science, Nature oder die Professional Society Journals, aber auch viele andere, allesamt für Preprint-Archive ausgesprochen“, erklärt Chalfie. Die Journals haben also kein Problem damit, wenn die Autoren ihre Arbeit gleichzeitig bei ihnen einreichen und auf einer Plattform zugänglich machen – viele ermöglichen inzwischen sogar „Joint Submissions“: Die Journals fragen bei der Einreichung einer Studie mittlerweile, ob die Autoren die Arbeit auch gleichzeitig auf einem Archiv-Server zugänglich machen möchten.

Ein weiteres Zeichen, dass dieses neue Vorveröffentlichungssystem sich auf lange Sicht etablieren wird, ist die Aufnahme solch pre-archivierter Arbeiten als Kriterium für Beförderungen, die Vergabe von Projektgeldern und ähnlicher Auswahlverfahren. Stolz berichtet Chalfie: „Das Howard Hughes Medical Institute, die NIH, Wellcome Trust und viele Universitäten beziehen Arbeiten aus Preprint-Archiven bereits in ihre Bewertungen von Bewerbern mit ein.“

Obwohl die Preprint-Archive für die biologische Forschung im Gegensatz zur Physik noch in den Kinderschuhen stecken und von vielen Wissenschaftlern erst noch entdeckt werden müssen, ist das Konzept dennoch bereits bei großen Forschungsinstituten und renommierten Journals angekommen und wird akzeptiert. Die Initiative von ASAPBio bietet somit eine ausgezeichnete Möglichkeit, die festgefahrene Publikationssituation in den Lebenswissenschaften in eine neue Richtung zu lenken und die tatsächliche Qualität der Forschungsarbeit anstelle eines Impact Factors wieder in den Vordergrund zu stellen.

Wissenschaft ist weder gut noch böse, sie versorgt uns mit Fakten – Mario Molina

Der zweite volle Programmtag der Lindauer Nobelpreisträgertagung ermutigt vor allem die Nachwuchswissenschaftler sich auf frischen Forschungspfaden zu bewegen, und für ihre Ergebnisse einzustehen.

Die aktuelle politische Debatte um den Klimawandel und den Rückzug der US aus dem „Paris Climate Accord“ griff Mario Molina in seinem Vortrag am Vormittag auf. Molina, ursprünglich aus dem Gastgeberland des diesjährigen International Day Mexiko, erhielt 1995 den Nobelpreis für die Entdeckung und das Verständnis  der Entwicklung des Ozonlochs. Er war außerdem als wissenschaftlicher Berater für die Obama-Administration tätig, und steht der aktuellen Haltung der US-Regierung daher voller Unverständnis gegenüber. Er betonte deswegen noch einmal ausdrücklich: „Die Wissenschaft ist weder gut noch böse. Wir erhalten Daten und Fakten durch die Forschung und können dadurch präzise Vorhersagen berechnen.“ Erst wenn die Wirtschaft und die Politik sich einschalten, so Molina weiter, wird die Forschungs- zur Gewissensfrage. Dann müsse man als Wissenschaftler aber auch für das Bild, das die Daten zeichnen, einstehen, und sich der Faktenignoranz entgegenstellen.

 

67th Lindau Nobel Laureate Meeting, 27.06.2017, Lindau, Germany, Credit: Julia Nimke / 67th Lindau Nobel Laureate Meeting, Lecture Molina

Mario Molina während seines Vortrags auf der 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Im Gegensatz dazu sieht es Ada Yonath nicht unbedingt als die Pflicht der Wissenschaftler an, sich öffentlich gegen die Erderwärmung auszusprechen. Vielmehr sieht sie die Pflicht der Forschung darin, Möglichkeiten zu schaffen, um weniger Luftverschmutzung zu erzeugen. Yonath erhielt 2009 den Nobelpreis in Chemie – als erst vierte Frau insgesamt – für die Entschlüsselung der Funktion von Ribosomen. Diese bauen aus den Aminosäuren, die vom genetischen Code abgelesen werden, die Proteine zusammen, welche wiederum die Grundbausteine unseres Organismus sind: ohne funktionierende Ribosomen gäbe es keinen gesunden Organismus. Abgesehen von der zunehmenden Politisierung wissenschaftlicher Ergebnisse sieht Yonath aber noch weitere große Probleme in der heutigen Forschungslandschaft: „Heute braucht jeder ein bestimmtes Vorbild, dem er unbedingt nacheifern möchte. Niemand will mehr widersprechen – der Pioniergeist fehlt.“ Dadurch würden kreative Ideen unterdrückt, und es kämen keine echten Innovationen mehr zu Stande. Zudem, so Yonath, würde heute zuviel Wert auf translationale und angewandte Forschung gelegt. Doch diese sei zwar gut für Industrie und Wirtschaft, bringe aber  keinen echten Fortschritt mehr mit sich. Stattdessen wirbt sie im Interview dafür, sich an der Forschung wieder mehr nur der Forschung und des Wissensgewinnes zuliebe zu beteiligen und zu erfreuen. „Alles was wir heute wissen und verstehen, aber gestern noch nicht verstanden haben, ist bereits unglaublich wertvoll für das Wissen der Menschheit.“ Sie illustriert diese Idee mit einem sehr anschaulichen Beispiel: „Wenn alle sich immer nur mit der Besserung der Brennleistung und Haltbarkeit von Kerzen befasst hätten, gäbe es heute immer noch keinen Strom oder Glühbirnen. Nur wenn es Leute gibt, die abseits der bekannten Pfade forschen, ergeben sich echte Neuerungen.“

 

Schülergespräch mit Harald zur Hausen, 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung, 27.06.2017. Foto: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Schülergespräch mit Harald zur Hausen, 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung, 27.06.2017. Foto: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Beharrlichkeit und innovatives Denken nannte auch Professor Harald zur Hausen als die Kernmerkmale erfolgreicher Wissenschaftler. Im Rahmen der Lindauer Nobelpreistagung werden auch Satellitenveranstaltungen angeboten, bei der Nobelpreisträger häufig mit Kindern und Jugendlichen über ihre Forschung sprechen. Dieses Jahr sprach Harald zur Hausen vor etwa 100 Oberstufen-Gymnasiasten aus Lindau, Friedrichshafen und Bregenz. Zur Hausen wurde 2008 der Nobelpreis in Physiologie oder Medizin verliehen, für seine Entdeckung, dass Gebärmutterhalskrebs von Viren ausgelöst wird, sowie für seine Entwicklung eines Impfstoffes gegen den Erreger. Er erzählte über 90 Minuten hinweg von seinem Werdegang von der klinischen Medizin zur Forschung und wie sein fester Glaube, dass bestimmte Krebsarten von Viren ausgelöst werden, ihn schließlich zu seiner bahnbrechenden Entdeckung und Entwicklung gebracht hat. Er betonte, wie er an seiner Überzeugung auf Grund vorläufiger Daten festhielt, und sich immer wieder gegen skeptische Kollegen oder Journalisten durchsetzte. Die Schüler hörten die ganze Zeit über gebannt zu und stellten viele interessierte Fragen. Der Austausch zeigt einmal mehr wie wertvoll die Kommunikation von Wissenschaftlern mit der Öffentlichkeit ist. Auch zur Hausen liegt dieses Thema sehr am Herzen, denn „Prävention ist immer besser als Heilung. Wenn wir bei solchen Veranstaltungen Verständnis und Interesse für die Forschung gewinnen können, haben wir Großes geschafft.“

Ähnlich wie Ada Yonath sieht auch zur Hausen einige Entwicklungen in der Wissenschaft durchaus kritisch. „Es herrscht viel zu oft noch ein dogmatisches Klima in den Laboren. Junge Wissenschaftler müssen wieder mehr hinterfragen und die Äußerungen ihrer Mentoren nicht als Gebote hinnehmen.“ Er wünscht sich stattdessen, dass sie sich auch auf neuen Forschungsgebieten austoben, und sich vermehrt mit fachfremden Kollegen austauschen.

“Wir sind nur wegen Euch hier” – Martin Chalfie

Der erste volle Programmtag der Lindauer Nobelpreisträgertagung startet mit blauem Himmel, Nanorobotern von übermorgen, und der Frage nach der richtigen Kommunikation untereinander und mit der Öffentlichkeit.

Nach dem großen Sommerfest einschließlich Feuerwerk am Samstagabend, und der feierlichen Eröffnung mit Reden von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, Bettina Gräfin Bernadotte und Steven Chu – gehalten von William Moerner – am Sonntagnachmittag, begann am Montag das reguläre Programm der Lindauer-Nobelpreisträger-Woche. Bereits während dem gesamten Wochenende vibrierten die verwobenen und verwunschenen Gassen der malerischen Lindauer Altstadt mit Vorfreude und Leidenschaft für die Wissenschaft – sowohl von Seiten der Preisträger, als auch der talentierten und speziell ausgewählten 420 Nachwuchsforscher: aus allen Cafes und Restaurants konnte man Unterhaltungsfetzen über die Wissenschaft in den verschiedensten Sprachen aufschnappen.

Ben Feringa am 26. Juni 2017 in Lindau während seines Vortrags 'The Joy of Discovery'. Foto: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings Lecture Bernard Feringa

Ben Feringa am 26. Juni 2017 in Lindau während seines Vortrags ‘The Joy of Discovery’. Foto: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Den ersten Vortrag am Montagmorgen dann hielt Bernard L. Feringa, Nobelpreisträger aus dem letzten Jahr (2016) für seine Entwicklung molekularer Motoren. Über deren Entstehungsgeschichte berichtete er auch voller Begeisterung; doch noch viel mehr als der enorme Erkenntnissgewinn seiner Forschung, stand die Freude an seiner Arbeit im Mittelpunkt seines Vortrages – passenderweise betitelt „Die Freude der Entdeckung“. Und genau die vermittelte er auch dem internationalen Publikum. Und trotz seines hochkomplexen Forschungsgebietes von lichtreaktiven Molekülen, die ihre Konformation ändern und dadurch als Mini-Motoren eingesetzt werden können, sprang der Funke sofort über. Aber vermutlich war der wichtigste Rat, den er den gebannten Nachwuchswissenschaftlern mit auf den Weg gab: „Findet Euer Gleichgewicht, seid Euch im Klaren womit Eure Neugier gespeist wird, und woraus ihr Eure Energie beziehen könnt.“ Denn, so Feringa, zu jedem produktiven Forscherleben gehöre auch ein Freizeitausgleich, sei es das Mitfiebern bei wichtigen Fußballspielen oder Schlittschuhlaufen im Winter. Erst durch diesen für die Forscher so wichtigen Ausgleich, hätten sie überhaupt erst die mentalen Kapazitäten, um beispielsweise Nanoroboter schon bald Wirklichkeit werden zu lassen. Ein Nobelpreisträger, der für Work-Life Balance wirbt – sicherlich eine der hervorragenden Besonderheiten der Lindauer Nobelpreisträgertagung.

Martin Chalfie in seiner Lecture, 67. Nobelpreisträgertagung (Chemie), Foto: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Martin Chalfie während seines Vortags auf der 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung (Chemie), Foto: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Und auch der nächste Vortrag von Martin Chalfie griff die besondere Stimmung der Lindau-Woche auf und forderte die Teilnehmer heraus, den Nobelpreisträgern möglichst viele und komplizierte Fragen zu stellen – schließlich seien diese alle wegen der Nachwuchswissenschaftler hier. Aber Chalfie lag zusätzlich zu seiner Forschung und der persönlichen Interaktion mit dem Publikum noch ein weiteres und sehr aktuelles Thema am Herzen: die Publikationen und das Publikationssystem. In Forschung und Wissenschaft gibt es kaum ein mehr diskutiert und debattiertes Thema – erst letzte Woche veröffentlichte die Nobel Foundation ein Video, in dem sie sich gegen den Hype um den Impactfator der Journals aussprach, und eine Rückbesinnung auf die tatsächliche Qualität der Forschung forderte.

Die Frage der „richtigen“ Kommunikation zwischen Wissenschaftlern untereinander, aber auch verstärkt zwischen Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit wurde am Nachmittag auch noch einmal im „Press Talk“ angesprochen. Organisiert von Deutsche Welle und moderiert von Zulfikar Abbany, diskutierten Nobelpreisträger William E. Moerner, Vizepräsdentin des Kuratoriums der Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau, Helga Nowotny, Vertreter der Mexikanischen Gastgeber Arturo Borja, und die Nachwuchswissenschaftlerinnen Marian Nkansah und Melania Zauri darüber, wie und was „alternativen Fakten“ entgegengesetzt werden kann. „Wir sind selbst für unsere Welt und unsere Umwelt verantwortlich“, so beginnt Zulfikar. Und auch wenn hier noch alle Teilnehmer und Zuhörer zustimmen, offenbaren sich doch bald große Diskrepanzen in dem kleinen Raum. Während Moerner und Nowotny tiefstes Vertrauen in die „Scientific Method“ pflegen, und das auch von Politikern und der Öffentlichkeit fordern, wünschen sich die anwesenden Journalisten etwas mehr Mut und Wut, wenn es darum geht „alternative Fakten“ in ihre Schranken zu weisen. Zurück bleibt die Gewissheit, dass mehr und besser kommuniziert werden muss – zwischen Wissenschaftlern, sei es Nachwuchs oder etabliert; zwischen Wissenschaftlern und Journalisten, und zwischen Journalisten und der Öffentlichkeit. Und alle Parteien tragen die große Verantwortung der faktenbasierten Wahrheit.

Yolanda Salinas presenting her research at the Poster Flashes, 67th Lindau Nobel Laureate Meeting (Chemistry), 25.06.2017 - 30.06.2017, Lindau, Germany, Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Yolanda Salinas präsentiert ihre Forschung bei den Poster Flashes, 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung (Chemie), Foto: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Der letzte offizielle Programmpunkt des ersten Tages der 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung sind Poster-Blitz-Vorträge der Nachwuchswissenschaftler. Ausgewählte Teilnehmer haben zwei Minuten Zeit, ihre neuesten Ergebnisse einem gemischten Publikum aus demselben Fachgebiet oder naheliegenden Forschungsgebieten zu präsentieren und qualifizierte Rückmeldungen zu erhalten. Der sogenannte „Elevator-pitch“ mit dem ein komplexes Projekt innerhalb weniger Minuten einem breiten Publikum vorgestellt wird, ist eine ausgezeichnete Übung für die Wissenschaftskommunikation – vielleicht lernen die jungen Wissenschaftler gerade nicht nur, wie sie die Roboter der Zukunft herstellen können, sondern auch, wie sie die neue Technik einem breiten Publikum schmackhaft machen können.

Früh übt sich, wer sich seine Zukunft selber bauen will – und heute war ja erst Tag 1.