Die Welt zu Hause in Lindau

Schon seit neun Jahren sind Gastfamilien aus Lindau und Umgebung fester Bestandteil der Lindauer Nobelpreisträgertagungen. Durch ihr Engagement erhalten die Nachwuchswissenschaftler die einzigartige Chance, Lindau und seine Menschen im persönlichen Umfeld kennenzulernen und mehr über Leben und Kultur in Deutschland aus erster Hand zu erfahren.

 

Wiedersehen nach sechs Jahren – Gastfamilie Trojan

Brigitte Trojan und Hans Schweickert nehmen schon seit 2011 an den Lindauer Tagungen als Gastfamilie teil. Seitdem haben sie schon sieben Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt (aus Ägypten, Japan, Georgien, Chile, dem Iran, dem Libanon und dem Togo) bei sich zu Hause aufgenommen. Ihr erster Gast war 2011 Elom Aglago aus dem Togo. Seitdem sind sie in Kontakt geblieben und in diesem Jahr ist Elom nach Lindau zurückgekehrt, um seine Gastfamilie wiederzusehen.

 

Elom Aglago und seine Gastfamilie in Lindau. Credit: Christoph Schumacher/Lindau Nobel Laureate Meetings

Elom Aglago und seine Gastfamilie in Lindau. Credit: Christoph Schumacher/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Warum sind Sie eine Gastfamilie geworden?

Gastfamilie Trojan: Wir waren gerade frisch nach Lindau in ein neues Haus mit Garten umgezogen, als wir darüber nachdachten, einen Gastwissenschaftler aufzunehmen. Wir lieben es, hier zu Hause in Lindau zu sein, aber wir sind auch offen für neue Kulturen und Sichtweisen. Außerdem sind wir begeistert von den Lindauer Nobelpreisträgertagungen. Für uns war es darum die perfekte Möglichkeit, Menschen aus der ganzen Welt zu begegnen. Zusätzlich ist es ein wirklich gutes Training und nebenbei verbessern wir unser Englisch.

Für uns war es die perfekte Möglichkeit, Menschen aus der ganzen Welt zu begegnen

Wie war es, als Elom 2011 zu Ihnen kam?

GF: Wir waren glücklich und gesegnet als wir Elom 2011 hier hatten. Wir haben jeden Morgen gemeinsam gefrühstückt und über das tägliche Programm gesprochen. Und wenn er zurückkam, haben wir immer ein abendliches Briefing bekommen und über den Tag bei der Tagung gesprochen. Wir haben jede Menge Inspiration von ihm bekommen; er hat einen wunderbaren Sinn für Humor, ist ruhig und sehr pragmatisch. Und er liebte es, die unterschiedlichsten Themen mit uns zu diskutieren – das ist etwas, das wir wirklich sehr wertschätzen.

 

Wie sind Sie all die Jahre in Kontakt geblieben?

GF: Wir hatten hin und wieder E-Mailkontakt. Und an Weihnachten haben wir uns beispielsweise immer gegenseitig frohe Weihnachten gewünscht. Er bekam Neuigkeiten aus Lindau, wir haben ihm zum Beispiel von den neuen Nachwuchswissenschaftlern berichtet. Gleichzeitig schrieb Elom uns aus dem Togo, Marokko oder aus Frankreich – je nachdem, wo er gerade war –, wenn es bei ihm etwas Neues gab. Er hat seine wissenschaftliche Laufbahn mit uns geteilt, die Forschungsarbeiten, die er veröffentlicht hat und seine wichtigsten Ergebnisse. Vor zwei Jahren hatten wir die Idee, dass er uns wieder besuchen könnte; im Dezember letzten Jahres haben wir dann für den Sommer geplant – und jetzt sitzt er uns gegenüber!

 

Wie war es, einander wiederzusehen?

GF: Wir haben uns am Bahnhof getroffen und waren sehr glücklich, uns wieder zu sehen. Es war sofort wieder diese besondere Wärme und Frische im Raum. Wir haben direkt wieder begonnen, über Unterschiede und unsere Philosophien zu diskutieren, über die unterschiedlichen Rollen von Eltern und der Familie in unseren Kulturen und so weiter. Wir haben ihn sehr vermisst… unsere Katze hat ihn auch sehr vermisst.

 

Elom at the Bavarian Evening during the Lindau Meeting 2011. Photo/Credit: Courtesy of Elom Algago

Elom während des Bayerischen Abends auf der Lindauer Tagung 2011. Credit: Elom Algago

Ist er, wie Sie ihn in Erinnerung hatten?

GF: Ja und nein. Er wirkt noch genauso frisch und jung wie damals – aber auch ein bisschen seriöser. Es scheint, als habe er seinen Platz gefunden.

Elom Aglago: Ich glaube, ich bin etwas weiser geworden. Ich bin nicht mehr so kindlich. Ich denke, dass meine Gastfamilie hier in Lindau daran ihren Anteil hat. Sie haben mir geholfen, kulturelle Unterschiede zu verstehen, andere Kulturen zu respektieren und von ihnen zu lernen. Ich glaube, das hat alles mit der Lindauer Tagung angefangen. Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass wir alle unterschiedlich, aber vor allen Dingen alle individuell, besonders sind. Und das müssen wir jederzeit berücksichtigen.

 

Sind Sie näher dran, einen Nobelpreis zu bekommen als vor sechs Jahren?

EA: Im Moment steht der Nobelpreis nicht auf meiner persönlichen Agenda (lacht). Ich würde gerne administrative Verantwortlichkeiten übernehmen, um den Transfer von Wissen, Technologien und auch Verantwortung nach Afrika zu verbessern. Viele Afrikaner verlieren sich in ihrem Ehrgeiz und sind sich der Mechanismen nicht bewusst, wie sie ihre Ambitionen in die Tat umsetzen können. Ich möchte dabei helfen und plane eine Mischung aus diesen persönlichen Zielen und der Weiterführung meiner derzeitigen Forschung.

 

Haben Sie immer so gute Erfahrungen mit den Nachwuchswissenschaftlern gemacht wie mit Elom?

GF: Es ist immer wieder eine tolle Möglichkeit, Menschen zu treffen, die die Welt nach vorne bringen können. Alle Nachwuchswissenschaftler waren sehr höflich und haben sich an die Situation angepasst. Sie waren immer sehr dankbar und begierig, in Kontakt zu treten und jede Information in sich auf zu nehmen.

Der erste Zugang zur Welt – Gastfamilie Ober

Gastfamilie Ober nimmt seit 2013 Nachwuchswissenschaftler bei sich auf. Bisher waren immer junge Forscherinnen und Forscher aus Asien bei ihnen, zum Beispiel aus Korea, Taiwan oder Thailand. Häufig kommen zwei Nachwuchswissenschaftler gleichzeitig: Sie können in der Ferienwohnung übernachten. Sohn David (9) genießt die Anwesenheit der ‘fremden’ Gäste und hilft seinen Eltern als Gastgeber.

 

Gastfamilie Ober mit ihren zwei Nachwuchswissenschaftlern Nopphon Weeranoppanant („Nop“, links), Cholpisit Kiattisewee („Ice“, zweiter von rechts) und ihr Gast Pree-Cha Kiatkirakajorn („Joe“ rechts). Credit: Courtesy of Catharina Ober

Gastfamilie Ober mit ihren zwei Nachwuchswissenschaftlern Nopphon Weeranoppanant („Nop“, links), Cholpisit Kiattisewee („Ice“, zweiter von rechts) und ihrem Gast Pree-Cha Kiatkirakajorn („Joe“ rechts). Credit: Catharina Ober

 

Warum sind Sie Gastfamilie geworden?

Cathrin Ober: Meine Nichte Theresa hat damals vorgeschlagen, dass wir Nachwuchswissenschaftler bei uns aufnehmen. Wir waren eher unbedarft und haben gar nicht darüber nachgedacht, Gastfamilie zu werden. Theresa war definitiv die treibende Kraft hinter der Entscheidung. Sie hat schon vor fünf Jahren, als sie erst 14 Jahre alt war, gewusst, dass sie Physik studieren will und ist ganz begeistert von den Lindauer Nobelpreisträgertagungen. Sie war damals auch schon bei einigen Veranstaltungen mit dabei – beim Grill & Chill zum Beispiel und bei den Matinees. Sie hat uns überzeugt, Nachwuchswissenschaftler bei uns aufzunehmen und hat versprochen, sich während der Tagung um sie zu kümmern. Als dann die ersten Nachwuchswissenschaftler bei uns waren, war unser Sohn David ganz begeistert von unserem ‘fremden’ Besuch. Er hat zum Beispiel jeden Morgen das Frühstück für sie vorbereitet. Er war damals erst fünf Jahre alt! Wenn er nicht so engagiert gewesen wäre, hätten wir das vielleicht nicht weiter gemacht, nachdem meine Nichte von Lindau weggezogen ist. Die Lindauer Nobelpreisträgertagungen sind für uns als Stadt natürlich eine tolle Sache. Und dass alles so gut funktioniert, liegt eben auch daran, dass jeder mitmacht. Wir finden es gut, unseren Teil beizutragen.

Unser Sohn war ganz begeistert von unserem ‘fremden’ Besuch

Wie ist es, Gastfamilie während der Lindauer Tagungen zu sein, vor allem mit einem Kind?

CO: Es ist immer ein großer Spaß. Uns kommt zu Gute, dass die Wissenschaftler so ein volles Programm haben. Mein Mann und ich sind beide voll berufstätig und machen das Ganze nebenher. Obwohl wir nicht super viel Zeit haben, waren alle Nachwuchswissenschaftler immer sehr dankbar. Am einzigen freien Abend kochen wir für sie ein typisch deutsches Essen. Dieses Jahr gab es Kässpätzle mit geschwenkten Zwiebeln und Sauerkraut für unsere zwei thailändischen Gäste Nop und Ice. Unsere diesjährigen Nachwuchswissenschaftler waren bisher die lustigsten Gäste. Es war der Hit mit ihnen! Sie waren glücklich um jeden Kontakt. Sie haben sich sehr um David bemüht, haben zum Beispiel Tischkicker mit ihm gespielt und wild durcheinander geschwatzt. Vor ein paar Jahren konnte er ja noch kein Englisch sprechen, da ging alles mit Zeichensprache. Jetzt kann er schon ein paar Worte Englisch und probiert es aus. Das finde ich natürlich sehr gut; das ist eine tolle Sache für die Kinder in Gastfamilien. Es ist ein Öffnen zur Welt, sein erster Zugang zur Welt. Er war bei allem mit dabei und genießt jeden Moment. Es ist auch immer er, der die Nachwuchswissenschaftler beim ersten Treffen am Bahnhof als erster findet. David studiert ihre Fotos im Vorhinein und sucht die richtigen Nachwuchswissenschaftler dann am Bahnhof heraus (lacht).

Während des Interviews kommt Sohn David mit seinem Pullover mit der Aufschrift “Time to go and change the world“ herein. Auf die Frage, wie er es findet, dass jedes Jahr Nachwuchswissenschaftler zu Besuch kommen, sagt er: „Schon cool!“

 

Sind sie mit den Nachwuchswissenschaftlern in Kontakt geblieben, die bei Ihnen zu Gast waren?

CO: Wir sind bisher mit keinem unserer Gäste in Kontakt geblieben. Ich denke, dass es wirklich schwer ist, wenn man einander nur für eine Woche kennengelernt hat. Aber wenn wir wieder Kontakt aufnehmen wollten, dann wäre das sicher mit allen möglich. Unsere Nachwuchswissenschaftler dieses Jahr haben uns sehr direkt gesagt, dass die Hölle losbrechen würde, wenn wir einen Fuß auf Thailand setzen, ohne dass wir uns bei ihnen melden (lacht). Wir zeigen ihnen, wie schön Lindau ist und das war es dann. Wir sind auch nicht so versiert in den Naturwissenschaften. Mit keinem haben wir jemals wirklich über sein Fachgebiet gesprochen. Wir sprechen eher über die Länder und Sitten und die Schwerpunkte im Leben der Nachwuchswissenschaftler.

Ice und Nop waren ebenfalls begeistert von der „tollen Erfahrung“ (Ice) bei ihrer „wundervollen Gastfamilie“ (Nop). Besonders gut gefallen hat beiden der Austausch zu den kulturellen Unterschieden. Die Gespräche beim gemeinsamen Essen waren für Nop ein „sehr wichtiger Teil meiner Erinnerungen an Lindau. Und Spätzle war mein absoluter Favorit!“ (Nop).

 

Eine Familie fürs Leben in Lindau – Gastfamilie Heller

Herr und Frau Heller engagieren sich als Gastfamilie seit 2012. Seitdem haben sie jedes Jahr mindestens einen Nachwuchswissenschaftler während der Lindauer Nobelpreisträgertagungen bei sich zu Hause begrüßt.

 

Gastfamilie Heller und Nachwuchswissenschaftlerin Dissaya aus Thailand. Credit: Courtesy of Dissaya Pornpattananangkul

Gastfamilie Heller und Nachwuchswissenschaftlerin Dissaya aus Thailand. Credit: Dissaya Pornpattananangkul

 

Warum haben Sie sich entschieden, Nachwuchswissenschaftler bei sich aufzunehmen?

Herr Heller: Ich habe zehn Jahre im Ausland gelebt und weiß deshalb, dass es schön ist, wenn man Zugang zu Locals bekommt, und bei Bedarf auf ihre Unterstützung zählen kann. Jeder möchte gerne Gastfreundschaft genießen; was im Umkehrschluss dann heißt, diese auch selbst anzubieten. In gewisser Weise kann man so, auch ohne in ein Flugzeug zu steigen, die Welt etwas besser kennenlernen und verstehen. Schließlich bin ich an Wissenschaft im Allgemeinen interessiert, im Besonderen an Astrophysik, Medizin und an Ökonomie.

In gewisser Weise kann man so, auch ohne in ein Flugzeug zu steigen, die Welt etwas besser kennenlernen und verstehen

 Wie ist es, während der Lindauer Tagungen Gastfamilie zu sein?

H: Es bedeutet tolerant und offen zu sein, Rücksicht zu nehmen und einer fremden Person einen Vertrauensbonus entgegen zu bringen. Es ist auf jeden Fall immer spannend, wenn ein völlig unbekannter Mensch ankommt und von einer Minute auf die andere zum Familienmitglied auf Zeit wird. Grundsätzlich ist es eine Bereicherung mit diesen Gästen Zeit zu verbringen und sich auszutauschen und damit ist es die kleinen Anstrengungen auf jeden Fall wert. Die Nachwuchswissenschaftler, die nach Lindau kommen, sind eine globale Elite. So ist es nicht überraschend, dass es angenehme, interessante, fähige und letztlich auch erstaunlich reife Persönlichkeiten sind. Leider ist es uns noch nicht gelungen, einen der Gäste dazu zu bewegen sich hier beruflich nieder zu lassen, obwohl jeder dieser Wissenschaftler ein Gewinn für Deutschland wäre.

 

Sie hatten schon viele Nachwuchswissenschaftler aus verschiedenen Ländern zu Gast. Gab es große Unterschiede zwischen ihnen?

H: Unsere Beobachtung ist, dass sich die jüngere und mobile Generation in der globalisierten Welt immer weiter annähert. Die Träume und Wünsche sind, trotz aller tradierten kulturellen Unterschiede, die gleichen: Sie möchten eine Familie gründen, sich beruflich entfalten, ein Haus besitzen, reisen sowie in einem gewissen Wohlstand, in Frieden und in Sicherheit leben. Vielleicht bedeutet diese globale Annäherung eine Reduktion kultureller Vielfalt, aber aus meiner Sicht überwiegen die positiven Auswirkungen, da Homogenität wie zum Beispiel das Sprechen der gleichen Sprache verbindend wirkt.

 

Können Sie sich an besondere Schlüsselmomente mit den Nachwuchswissenschaftlern erinnern, die Ihnen im Kopf geblieben sind?

H: 2013 hatten wir eine Nachwuchswissenschaftlerin aus Thailand zu Gast: Dissaya. Mit ihr hatten wir von Beginn an direkt einen sehr guten Draht. Sie ist zu einer Freundin geworden und wir haben mit ihr eine dauerhafte Verbindung, obwohl uns tausende von Kilometern trennen. Während der Tagung hatten wir einige tiefgehende Gespräche bei einem Glas Rotwein. Wir haben über wichtige Dinge des Lebens gesprochen: was es bedeutet, älter zu werden, um eines zu nennen. Das waren berührende Momente. Ich habe sie auch auf eine Motorradtour mitgenommen und ihr die Umgebung gezeigt. Nach ihrem Besuch bei uns, kam Dissaya nach ein paar Monaten sogar noch einmal zurück, um zwei Wochen Urlaub bei uns zu machen. Sie hat uns auch zu ihrer Hochzeit eingeladen, leider haben wir es nicht geschafft, dabei zu sein.

 

Lindau Alumna Dissaya aus Thailand schrieb uns zu ihrer Erfahrung in der Gastfamilie.

Dissaya Pornpattananangkul: Vor dem ersten Treffen mit meiner Gastfamilie erwartete ich nur, Erfahrungen mit den Menschen vor Ort auszutauschen. Als ich dann das erste Mal in Lindau ankam, wartete Herr Heller dort auf mich, um mich abzuholen. Von diesem Moment an hat sich meine Gastfamilie wirklich rührend um mich gekümmert. Sie haben mir viele Orte in Lindau gezeigt. Es war eine der wertvollsten Erfahrungen, die ich im Ausland gemacht habe. Durch sie habe ich für das ganze Leben eine Familie in Lindau bekommen. […] Jeder Moment hier war wirklich sehr besonders. Herr Heller hat mich einmal auf eine Motorradtour in die Berge mitgenommen. Die Sicht war fantastisch. Das war wirklich eine der schönsten Szenerien, die ich je gesehen habe.

 

Alumna Dissaya at the motorcycle tour. Photo/Credit: Courtesy of Mr. Heller

Lindau Alumna Dissaya bei ihrer Motorradtour mit Herrn Heller. Credit: Heller

Wir danken den drei Gastfamilien herzlich für Ihr Engagement, Ihre Offenheit und die interessanten Gespräche.

Antibiotika und multiresistente Erreger: ein erbitterter Wettlauf

Antibiotika sind ein wesentlicher Bestandteil der modernen Medizin, und zwar nicht nur zur Behandlung hartnäckiger Hals- oder Ohrenentzündungen – sie spielen auch eine wichtige Rolle bei Routineoperationen wie Kaiserschnitten und Blinddarmoperationen, ebenso im Rahmen von Chemotherapien.

Wenn heute ein Antibiotikum verschrieben wird, ist es meist ein Präparat aus dem 20. Jahrhundert. Und da „Bakterien leben wollen, aber klüger sind als wir“, wie Nobelpreisträgerin Ada Yonath so treffend bemerkt, haben viele Krankeitserreger bereits Resistenzen gegen die häufigsten Antibiotika entwickelt. Im September wandte sich deshalb die Weltgesundheitsorganisation WHO mit einem eindringlichen Appell an Regierungen und Pharmahersteller, sie sollten dringend die Ausgaben für die Antiobitikaforschung erhöhen: Es gäbe einfach zu wenig neue Mittel, an denen zurzeit geforscht würde, um die wachsende Zahl multiresistenter Keime zu bekämpfen. Jedes Jahr sterben geschätzte 700 000 Patienten an den Folgen einer Infektion mit einem solchen Keim, und diese Zahl wird eher wachsen als schrumpfen.

Allein eine Viertelmillion Todesfälle gehen auf multiresistente Tuberkulose-Erreger zurück, weshalb diese Erreger den Experten besonders viele Sorgen bereiten. Wenn man einen solchen Erreger mit den verfügbaren Mitteln besiegen möchte, muss die Therapie konsequent über bis zu 20 Monate durchgehalten werden – in ärmeren Ländern oder auch in Haftanstalten wird die Behandlung aber häufig abgebrochen. Das Ergebnis sind neue Resistenzen (siehe Grafik am Ende des Artikels).

Kopfzerbrechen bereitet den Experten auch das mulitresistente Bakterium Neisseria gonorrhoea, das die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe verursacht. Diese Bakterien sind gramnegativ, das bedeutet, dass ihre Oberflächen keine Gram-Färbung annehmen. Diese widerspenstige Oberfläche ist auch der Hauptgrund, weshalb solche Bakterien schwer zu behandeln sind, auch ohne Resistenzen. In den letzten Monaten gab es weltweit mehrere Gonorrhoe-Ausbrüche, für die resistente Keime verantwortlich sind.

 

Antibiotikaresistenz-Tests: Ein Bakterienstamm wird in ein Kulturmedium eingebracht. Die Bakterienkultur in der linken Schale ist gegenüber allen getesteten Antibiotika empfindlich, während die Kultur in der rechten Schale nur gegenüber drei der sieben getesteten Antibiotika empfindlich ist. Foto: Dr. Graham Beards, 2011, CC BY-SA 4.0

Antibiotikaresistenz-Tests: Ein Bakterienstamm wird in ein Kulturmedium eingebracht. Die Bakterienkultur in der linken Schale ist gegenüber allen getesteten Antibiotika empfindlich, während die Kultur auf der rechten Seite nur gegenüber drei der sieben getesteten Antibiotika empfindlich ist. Foto: Dr. Graham Beards, 2011, CC BY-SA 4.0

 

Solche Ausbrüche beleuchten ein weiteres Problem: Resistente Keime reisen schnell. Ganz egal, wo auf der Erde sich die Resistenzen entwickeln, durch moderne Verkehrsmittel wie Langstreckenflüge kann sich ein resistentes Bakterium innerhalb weniger Tage weltweit verbreiten. Die WHO hat eine aktuelle Liste mit 12 resistenten Bakterienstämmen erstellt, die als besonders gefährlich gelten. Diese Liste enthält nicht nur die Gonorrhoe-Erreger, sondern auch den gefürchteten Krankenhauskeim MRSA (die Abkürzung steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus).

 

Abhilfe durch bildgebende Verfahren?

Lösungsvorschläge werden möglicherweise von unerwarteter Seite kommen, zum Beispiel von Forschern, die mit Kryo-Elektronenmikroskopie arbeiten, kurz Kryo-EM. Der Chemienobelpreis 2017 würdigt diese Entwicklung. Mit Hilfe dieser Methode erhalten die Forscher eine derart hohe Auflösung des Zellgeschehens, dass sie sogar diejenigen Proteine beobachten können, die Resistenzen gegen Antiobitika weitergeben. Kryo-EM baut auf den Erfahrungen der Kristallstrukturanalyse auf, sowie auf der Methode der klassischen Elektronenmikroskopie.

Das Beobachten von Vorgängen ist in der Wissenschaft häufig der erste Schritt zu einem tiefgreifenden Verständnis, das erklärt die große Bedeutung von bildgebenden Verfahren für die Lebenswissenschaften. Wenn nämlich die Forscher Proteine ‘sehen’ können, die Resistenzen weitergeben, dann kann dies der Startpunkt für die Entwicklung von Medikamenten sein, die dieses Geschehen unterdrücken. Nun eignet sich die Kryo-EM besonders gut für Oberflächenproteine, sie stellt also genau jene Orte gut dar, an denen Infektionen oder Gentransfers ihren Anfang nehmen.

Gleichzeitig entwickelt sich auch die optische Mikroskopie immer weiter, mittlerweile kann man ‘live’ beobachten, wie Proteine in einer Zelle synthetisiert werden. Der Chemienobelpreis 2014 war ganz der Überwindung der Auflösungsgrenze in der Lichtmikroskopie gewidmet: Stefan Hell erhielt ihn für die Entwicklung seiner STED-Mikroskopie, der amerikanische Physiker Eric Betzig entwickelte die PALM-Methode, William E. Moerner war der dritte Preisträger 2014. Kurz nachdem er den Nobelpreis erhalten hatte, erfand Hell die MINFLUX-Mikroskopie, eine Kombination aus STED und PALM. Damit kann er nun erstmals kleine Filme erstellen, die zeigen, wie Proteine tatsächlich innerhalb von Zellen gebildet werden.
Alle diese Methoden zusammen führen zu einer „Auflösungs-Revolution“, die helfen wird, neue Antibiotika zu entwickeln.

 

Chemienobelpreisträgerin Ada Yonath bei einer Diskussionsveranstaltung mit Nachwuchsforschern auf der Lindauer Nobelpreisträgertagung 2016. Yonath erforscht seit Jahren die Ribosomen resistenter Bakterien. Foto: LNLM/Christian Flemming

Chemienobelpreisträgerin Ada Yonath bei einer Diskussionsveranstaltung mit Nachwuchsforschern auf der Lindauer Nobelpreisträgertagung 2016. Yonath erforscht seit Jahren die Ribosomen resistenter Bakterien. Foto: LNLM/Christian Flemming

 

Die Nobelpreisträgerin Ada Yonath, die den Chemienobelpreis 2009 für die Struktur des Ribosoms herhalten hatte, arbeitet bereits an neuartigen Antibiotika, und zwar an solchen, die nur gegen jeweils einen bestimmten Bakterienstamm wirken sollen, das nennt man ‘speziesspezifisch’. Ihr Ansatzpunkt sind die Ribosomen, also „die zellulären Maschinen, die Gene in Proteine umsetzen“, weil viele der bekannten Antibiotika die Aktivität der Ribosomen unterbinden. Zunächst studierte sie die Ribosomen ‘guter’, also harmloser Bakterien, inzwischen arbeitet sie mit MRSA-Keimen. Würde es gelingen, auf diesem Weg einen Wirkstoff zu finden, der alle Krankheitserreger abtötet, aber alle anderen Bakterien schont, wäre nicht nur die Behandlung wesentlich verträglicher – es würden auch deutlich weniger Resistenzen entstehen, unter anderem, weil deutlich weniger Bakterien überhaupt von einem solchen Wirkstoff betroffen wären.

 

Wirkstoff wird resistenter gegen Resistenzen

Eine weitere Strategie ist, an Orten nach neuen Wirkstoffklassen zu suchen, die in der Vergangenheit wenig aussichtsreich erschienen. Am Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie in Jena wurde beispielsweise ein Stoff isoliert, der sich im Labor bereits erfolgreich bei der Bekämpfung von MRSA erwies, weshalb Closthioamid 2014 zum Leibniz-Wirkstoff des Jahres gewählt wurde. Der Wirkstoff stammt von einem anaeroben Bakterium, nämlich Clostridium cellulolyticum. Diese Kategorie ist bei der Suche nach neuen Antibiotika bislang eher vernachlässigt worden. „Durch unsere Arbeit wird klar, dass das Potential einer riesigen Organismengruppe bislang völlig übersehen wurde“, so Christian Hertweck, stellvertretender Direktor des Leibniz-Instituts und Arbeitsgruppenleiter. Erst kürzlich konnten Forscher des Imperial College London, zusammen mit einem Team der ‘London School of Hygiene and Tropical Medicine’, mulitresistente Gonorrhoe-Bakterien mit Hilfe von Closthioamid abtöten. In der Petrischale reichten bereits kleine Mengen, klinische Studien sollen folgen.

In einer weiteren Strategie versucht man, existierende Antibiotika im Labor so zu verändern, dass sie ‘resistenter’ gegen Resistenzbildung werden. So brauchten Bakterien erstaunliche 60 Jahre, um gegen das Antibiotikum Vancomycin resistent zu werden. Nun haben Forscher am Scripps Research Institut (TSRI) eine verbesserte Variante dieses Wirkstoffs entwickelt, der nun Bakterien von drei Seiten gleichzeitig angreift. Das verbesserte Mittel wurde bereits erfolgreich an Enterokokken getestet, die gegen das klassische Vancomycin resistent waren. Studienleiter Dale Boger kommentiert, dass diese TSRI-Entwicklung das erste Antbiotikum sei, dass drei unabhängige Wirkmechanismen hätte, um Bakterien auszuschalten. „Dieses Merkmal wird dazu führen, die Lebensdauer des Wirkstoffs deutlich zu verlängern“, gemeint ist die Zeitspanne, in der das Mittel erfolgreich eingesetzt werden kann. „Mikroorganismen schaffen es einfach nicht, sich gleichzeitig an drei verschiedenen Fronten zu wehren. Selbst wenn sie es schnell schaffen, einen Wirkmechanismus auszuschalten, bleiben immer noch zwei übrig, die sie schließlich abtöten werden.“

 

Resistenzen ‘springen’ von einem Erreger zum anderen

Leider sind an diesem fulminanten Wettlauf nicht nur Forscher und Erreger beteiligt – eine solche Konstellation wäre noch halbwegs überschaubar. Doch die Tatsache, dass mulitresistente Keime heute sowohl unsere Umwelt als auch unsere Nahrung besiedeln, macht die Lage erst bedrohlich. Ein Beispiel hierfür ist das Antiobitikum Colistin: Bereits in den 1950er Jahren entwickelt, wurde es nie auf breiter Front gegen Infektionen beim Menschen eingesetzt, weil es zu starke Nebenwirkungen hat. Doch in den letzten Jahren ist es genau aus diesem Grund als Reserveantibiotikum interessant geworden. Da es sich aber um einen alten Wirkstoff handelt, ist der Patentschutz lange abgelaufen, die Produktion ist also preiswert – und deshalb wird es in China in großen Mengen in der Schweinemast eingesetzt.

Wie nicht anders zu erwarten, haben sich in diesen Schweinen Colistin-resistente Bakterienstämme entwickelt, deren Entdeckung erst 2015 publiziert wurde. Diese speziellen Resistenzen haben es in sich: Weil sich die Resistenz-Gene in einem Plasmid befinden, Bakterien jedoch sehr leicht Plasmide untereinander austauschen können, sind sie somit auch ein der Lage, praktisch mühelos Resistenzen auszutauschen, auch von einem Bakterienstamm zum nächsten. Bereits 2015 wurde das verantwortliche Gen namens mcr-1 in chinesischen Supermärkten entdeckt, ebenso in vereinzelten Patientenproben von dortigen Krankenhäusern. Nur 18 Monate später konnten in einem Viertel aller Krankenhauspatienten in bestimmten Regionen Chinas nun Bakterien mit diesem Resistenz-Gen nachgewiesen werden. Das Fazit lautet: Resistenzen breiten sich mittlerweile in einem beispiellosen Tempo aus.

Ein weiteres Beispiel für die Umweltverschmutzung sind große Mengen moderner Antiobitika und Antimykotika, also Anti-Pilzmittel, die in den Abwässern indischer Pharmahersteller gefunden wurden. In warmen Abwässern finden Bakterien ideale Lebensbedingungen – und wenn es dort Antibiotika gibt, werden sie sich anpassen und Resistenzen entwickeln. Schon heute haben Indienreisende bei ihrer Rückkehr häufig mulitresistente Keime im Gepäck, von denen sie meist nichts wissen, die ihnen jedoch bei einer späteren Erkrankung zum Verhängnis werden können – oder anderen Patienten.

Der erbitterte Kampf zwischen Bakterien auf der einen und Antibiotika auf der anderen Seite tobt jetzt seit 90 Jahren, seitdem Nobelpreisträger Alexander Fleming das Penicillin entdeckte. Dieser Kampf wird in Krankenhäusern, Forschungslaboren und Arztpraxen geführt. Die erwähnten Beispiele der Schweinemastbetriebe und der Abwässer von Pharmaherstellern stellen die Verantwortlichen jedoch vor völlig neue Herausforderungen, denen mit innovativen und vielseitigen Strategien begegnet werden muss. Erst vergangene Woche traf sich eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen in Berlin, um diese Fragen zu erörtern. Denn eins ist klar: Die meisten von uns leben zwar nicht an indischen Abwasserkanälen, aber die Mirkoben von dort erreichen uns alle.

 

Schautafel der US-Gesundheitsbehörde CDC über die Entstehung von Resistenzen. Das Problem der verseuchten Abwässer ist hier nicht berücksichtigt. Copyright: Centers for Disease Control and Prevention, 2013 Public Domain

Schautafel der US-Gesundheitsbehörde CDC über die Entstehung von Resistenzen. Das Problem der verseuchten Abwässer ist hier allerdings nicht berücksichtigt. Copyright: Centers for Disease Control and Prevention, 2013 Public Domain

„Ingenieure sollten den Impact ihrer Technologien ermessen können“

Viennet

Thibault Viennet auf der Lindauer Tagung. Credit: privat

Sie waren im Juni 2017 auf der 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich für die Teilnahme zu bewerben?

Thibault Viennet: Unser Institutsleiter, Prof. Dieter Willbold, hat mich vorgeschlagen. Bis dahin kannte ich diese Veranstaltung gar nicht. Es hat dann aber sehr gut gepasst, weil die Tagung der Chemie gewidmet war und ich die Chance hatte, einen der führenden Forscher auf meinem Gebiet zu treffen: den Schweizer Chemiker Kurt Wüthrich.

 

Ihr Forschungsgebiet ist die Chemie?

Thibault Viennet: Ich habe Chemieingenieurwissenschaften studiert, in Chemie promoviert und bin zurzeit am Jülicher Institute of Complex Systems tätig. Hier untersuche ich die Struktur bestimmter Proteine; unter anderem geht es darum, die Interaktionen der Proteine mit ihrer Umgebung zu verfolgen, sei es mit anderen Proteinen, mit medizinischen Wirkstoffen oder auch mit biologischen Membranen. Im Ergebnis ist diese Forschung für das Verständnis der Parkinson-Krankheit relevant. Dabei verwende ich ein spezielles Verfahren, die kernmagnetische Resonanzspektroskopie, das für diesen Einsatzbereich – also zur Bestimmung der Struktur biologischer Makromoleküle – von Kurt Wüthrich entwickelt wurde; im Jahr 2002 erhielt er dafür gemeinsam mit zwei weiteren Forschern den Nobelpreis.

 

Hatten Sie auf der Tagung denn Gelegenheit, mit Kurt Wüthrich zu sprechen?

Thibault Viennet: Ja, und es war extrem interessant, von ihm Rückmeldung zu meiner Forschung zu bekommen. Ich habe in einer von ihm geleiteten Arbeitsgruppe ein kurzes Referat gehalten; im Vorfeld haben wir uns, zusammen mit den beiden anderen Vortragenden, zum Kaffee getroffen. Mehr noch als über wissenschaftliche Themen haben wir jedoch über unsere beruflichen Pläne gesprochen. Wüthrich hat uns geraten, mit der Bewerbung auf eine Stelle als Assistant Professor nicht lange zu warten und auf jeden Fall nach drei bis vier Jahren als Postdoc eine Juniorprofessur anzustreben. In der Schweiz werden solche Stellen nicht mehr an Kandidaten über 35 Jahren vergeben und in anderen Ländern ist das ähnlich.

 

Was bedeutet dieser Rat für Sie?

Thibault Viennet: Ich fühle mich in dem bestätigt, was ich sowieso vorhabe. Es war gut, von einem Nobelpreisträger zu hören, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich befinde mich im Moment in einer Übergangsphase zwischen Promotion und Postdoc; im November 2017 werde ich nach Harvard gehen und im Bereich der Strukturbiologie in der Krebsforschung
arbeiten. 

 

Nobelpreisträger Kurt Wüthrich während der Master Class, bei der Thibault Viennet: seine Arbeit präsentierte. Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Nobelpreisträger Kurt Wüthrich während der Master Class, bei der Thibault Viennet seine Arbeit präsentierte. Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Insgesamt hat die Tagung knapp eine Woche gedauert. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Thibault Viennet: Was mich am meisten beeindruckt hat, waren die Vorträge zu nichtwissenschaftlichen Themen, beispielsweise zu gesellschaftlicher Verantwortung. Es war inspirierend, Forscher zu erleben, die mit dem Nobelpreis den Gipfel ihrer Karriere erreicht haben, und nun ihre Prominenz dafür einsetzen, das Leben von Menschen zu verbessern, beispielsweise indem sie Krankenhäuser in benachteiligten Ländern bauen oder sich für Klimaschutz einsetzen.

 

Welches Fazit haben Sie für sich persönlich daraus gezogen? 

Thibault Viennet: Ich fühle mich bestärkt. Als Mitglied der französischen Organisation „Ingénieurs sans frontières“ – zu deutsch: „Ingenieure ohne Grenzen“ – bin ich in Aktivitäten involviert, in denen es darum geht, Forschung und Technologie für Menschen in Entwicklungsländern leichter zugänglich zu machen. So organisieren wir beispielsweise Online-Vorträge zu verschiedenen Themen, die für jeden offen und in leicht verständlicher Sprache gehalten sind. Außerdem sind wir im Gespräch mit dem französischen Bildungsministerium mit dem Ziel, ingenieurwissenschaftliche Studiengänge um soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Inhalte zu erweitern. Ingenieure sollten den Impact ermessen können, den ihre Technologien auf gesellschaftliche Zusammenhänge haben.

 

Das gesellschaftliche Engagement einiger Nobelpreisträger hat Vorbildfunktion; gab es noch weitere Aspekte, die Sie bemerkenswert fanden? 

Thibault Viennet: Interessant war der Lebenslauf mancher Wissenschaftler, insbesondere die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten. So hat ein Max-Planck-Direktor erzählt, wie seine Theorien im Bereich der Hochauflösenden Optischen Mikroskopie jahrelang auf Skepsis stießen – was dazu führte, dass er in Deutschland keine Stelle finden konnte und lange Zeit wenig Geld hatte. Schließlich gelang es ihm jedoch, den experimentellen Beweis zu erbringen und 2014 erhielt er dann den Nobelpreis. Sein Rat an uns bestand darin, an die eigenen Ideen zu glauben und seinen Weg auch angesichts von Widrigkeiten zu verfolgen.

 

Die Fragen stellte Kristin Mosch.

Der Mythos von der unabhängigen Zentralbank

In der heutigen Welt des Fiatgeldes hat Geld keinen ‘inneren‘ Wert. Menschen messen ihm einen Wert bei, weil andere Menschen das ebenfalls tun. Solange sich alle einig sind, dass Fiatgeld Wert hat, hat es Wert. Sobald sich aber genügend Menschen plötzlich entscheiden, ungedecktes Papiergeld für wertlos zu halten, wird es wertlos.

In Hochinflationsepisoden verflüchtigt sich das Vertrauen in eine Fiatwährung und versuchen alle, sie zugunsten von Sachgütern, Rohstoffen und sogar anderen Fiatwährungen loszuwerden. Das Anschmeißen der Druckerpresse macht die Sache nur noch schlimmer.

Makroökonomische Modelle mit (Fiat-)Geld sind also naturgemäß Modelle mit multiplen Gleichgewichten. Während der Wert des Geldes in einem bestimmten Gleichgewicht stabil ist, entwickelt sich in einem anderen eine unkontrollierbare Inflationsdynamik mit der Folge, dass das Geld entweder wertlos (Hyperinflation) oder unendlich wertvoll (Fisher-‚Schuldendeflation‘) wird.

In solchen Modellen kann die Wirtschaft plötzlich in ein explosionsartig inflatorisches Gleichgewicht umspringen. Praktisch impliziert das die mögliche Auslösung eines ‘Runs auf die Zentralbank’.

Theoretisch können Zentralbanken natürlich die Nachfrage nach ihrer eigenen Währung immer durch eine Geldschöpfung ex nihilo decken. Wenn aber ständig das Risiko eines plötzlichen Umspringens auf ein explosionsartig inflatorisches oder deflatorisches Gleichgewicht besteht, können sie den Wert nicht garantieren.

Nobelpreisträger Professor Christopher Sims argumentiert, dass es die Fiskalpolitik ist, die den Wert von Fiatgeld garantiert. Deshalb kann es keine regierungsunabhängigen Zentralbanken geben. Die ‘unabhängige Zentralbank’ ist ein Mythos.

Aber was ist mit der Europäischen Zentralbank (EZB), deren Unabhängigkeit von den Regierungen per Abkommen garantiert wird? Das ursprüngliche Konzept des Eurosystems setzt eine strenge Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik voraus und geht davon aus, dass die Geldpolitik keinen Anlass zu fiskalischen Transfers gibt.

Heute wissen wir, dass alle geldpolitischen Maßnahmen fiskalpolitische Konsequenzen haben: So sorgen beispielsweise Zinserhöhungen dafür, dass sich der Wohlstand aus stärker verschuldeten Ländern auf Länder mit weniger Schulden verlagert. Der Aufkauf von Staatsanleihen nach einem ‘Kapitalzeichnungsschlüssel’ reduziert die Kosten für die Geldaufnahme größerer und reicherer Länder.

Die Existenz des Euro war durch eine finanzielle Schieflage in einigen Ländern der Eurozone bedroht. Darauf musste die EZB gezwungenermaßen reagieren. Also ist auch die EZB mit den Regierungen verflochten.

Notenbanken sind nicht nur nicht von Regierungen unabhängig, sondern zudem auf eine angemessene und plausible antizyklische Finanzpolitik der Regierungen angewiesen. Wie Professor Sims es formuliert: “Wenn die Menschen verstehen, dass die Finanzpolitik in Zeiten starker Inflation die Ausuferung staatlicher Defizite einzudämmen versucht und in Zeiten, in denen sich die Zinsen an oder in der Nähe der unteren Grenze bewegen, die Defizite ausweiten wird, sind Sonnenflecken-Fluktuationen und multiple Gleichgewichte eliminiert.“

Die ‘Fiskaltheorie des Preisniveaus’ (fiscal theory of the price level) besagt, dass die Fiskalpolitik den realen Wert öffentlicher Schulden langfristig aufrechterhalten muss, um den Wert von Fiatgeld stabil zu halten und ein Umspringen auf eine instabile inflatorische Dynamik zu verhindern. Der Fiatgeld-‚Schwindel‘, wonach es – wie bei Tinkerbell – solange Wert hat, wie die Menschen daran glauben, hängt also genauso stark von der Glaubwürdigkeit der Fiskalpolitik wie der Geldpolitik ab.

Die Fähigkeit der Zentralbanken, in einer Krise als Kreditgeber letzter Instanz zu fungieren, ist auf ihre fiskalische Rückendeckung angewiesen. Wenn eine Zentralbank aktiv Vermögenswerte aufkauft, ist ihre technische Insolvenz möglich, wenn diese Vermögenswerte an Wert verlieren. Mehrere Zentralbanken in der Welt weisen derzeit ein negatives Eigenkapital entsprechend der Marktpreisbewertung aus, darunter einige (wie die chilenische Zentralbank) über einen längeren Zeitraum.

Es ist heftig debattiert worden, ob die Solvabilität von Zentralbanken Auswirkungen auf ihre Glaubwürdigkeit als Kreditgeber letzter Instanz oder ihre Fähigkeit zur Inflationsbekämpfung hat. Das scheint wohl nicht der Fall zu sein – vorausgesetzt, dass die Fiskalbehörden sie unterstützen können.

Oft reicht der Nettobarwert der künftigen Seigniorage aus, um Inkongruenzen zwischen Aktiva und Passiva entsprechend der Marktpreisbewertung abzudecken. Reicht die Seigniorage aber nicht aus, werden Steuereinnahmen benötigt, um die Lücken zu schließen. In der Praxis heißt das, dass der Nettobarwert der prognostizierten künftigen Primärüberschüsse ausreichen muss, um die Zentralbank ohne Erhöhung der Staatsverschuldung zu rekapitalisieren.

Was passiert, wenn die Fiskalbehörde nicht zur Rekapitalisierung ihrer Zentralbank bereit ist? In Ländern wie den USA wäre das undenkbar, da die Währung dort durch das ‚volle Vertrauen‘ der US-Regierung gestützt wird.

 

Laureate Christopher Sims during his lecture at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Christopher Sims während seines Vortags auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Aber in der Eurozone ist die Zentralbank nicht nur völlig unabhängig von der Regierung, sondern hat es zudem mit 19 Regierungen unterschiedlich starker finanzpolitischer Glaubwürdigkeit zu tun. Die Aufrechterhaltung der Euro-Stabilität hängt von der Bereitschaft all dieser Regierungen ab, für eine Rekapitalisierung der EZB zu sorgen.

Und ihre Bereitschaft wurde, um ehrlich zu sein, bereits auf den Prüfstand gestellt. Seit den ‘Whatever it takes’-Bemerkungen von EZB-Präsident Mario Draghi auf dem Höhepunkt der Euro-Krise 2012 hat die EZB in gewissem Sinne die Rolle einer fiskalischen Institution übernommen, die aktiv öffentliche Schulden von Ländern der Eurozone aufkauft, um die Anleihezinsen niedrig zu halten.

Hätte sie nicht so gehandelt, wären einige dieser Länder zweifelsohne aus der Eurozone gedrängt worden. Dies geschah wohl auf Kosten ihrer eigenen Solvabilität. Ein ‘Run auf die EZB’, wie unter dem Eindruck der Märkte, dass die finanzielle Unterstützung für die EZB auf sich warten lässt, zu erwarten gewesen wäre, hat jedoch nicht stattgefunden.

Aber die EZB könnte nach wie vor gezwungen sein, die öffentlichen Schulden von Ländern mit ‘unverantwortlicher’ Finanzpolitik aufzukaufen, wenn ansonsten ein partieller Einbruch des Euro zu befürchten wäre. Einige Länder der Eurozone könnten davor zurückschrecken, eine Zentralbank zu rekapitalisieren, die ihrer Ansicht nach aktiv Regierungen unterstützt hat, die gegen finanzpolitische Vorschriften verstoßen haben – insbesondere, da es der EZB an einer demokratischen Legitimation für solche Entscheidungen fehlt.

Die Eurozone lebt also weiterhin in einer Welt multipler Gleichgewichte, wenn auch momentan ein plötzliches Umspringen auf eine unkontrollierbare Inflationsdynamik wenig wahrscheinlich erscheint.

Professor Sims sagt, es wäre besser, wenn es eine demokratisch kontrollierbare finanzpolitische Institution für den gesamten Euroraum mit der Befugnis zur Steuererhöhung gäbe, die den An- und Verkauf (oder die Emission) von Staatsanleihen übernehmen könnte. „Aber ich weiß auch nicht, wie man das organisieren sollte“, schloss er seine Ausführungen.

In den Vereinigten Staaten weiß man, wie man so etwas angeht. Sie nennen eine solche Institution ‘Federal Government’. Leider scheinen wir von der Einführung einer solchen Einrichtung im Euroraum weit entfernt zu sein. So werden multiple Gleichgewichte und Sonnenflecken-Fluktuationen wohl noch viele Jahre zur Tagesordnung gehören.

‘Homo oeconomicus’ neu gedacht

Ökonomen leben in einer ideologischen Phantasiewelt. Sie betrachten die Menschen als eine Ansammlung von verlässlich rational handelnden, auf Nutzenmaximierung ausgerichteten, berechnenden Maschinen.

Diese ‘Ökons’ – deren Verhalten von den Ökonomen untersucht wird – machen niemals Fehler. Deshalb lassen sich ihre Verhaltensweisen bei ihren Interaktionen in den freien Märkten zuverlässig mit Hilfe einer Handvoll Gleichungen modellieren, die im Wesentlichen auf die 250 Jahre alten Erkenntnisse von Adam Smith oder anderen klassischen Ökonomen zurückgehen.

Das ist zumindest eine der verbreiteten Vorstellungen darüber, was Ökonomen tun.

Aber einige Tage auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften zeigen schnell, dass dieses Bild eine bloße Karikatur des Berufsstands wäre.

Daniel McFadden von der University of California, Berkeley, Nobelpreisträger von 2000, nutzte seinen Vortrag dazu, die Probleme einer Anwendung vereinfachender Modelle wie die von Adam Smith und David Ricardo auf jedes Problem zu verdeutlichen.

„Wir zollen dem, was sie gemacht haben, Anerkennung. Dennoch sollten wir immer hinterfragen, ob es anwendbar ist“, warnte er.

 

Daniel McFadden during his lecture at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Daniel McFadden während seines Vortrags auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftwissenschaften. Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Peter Diamond vom MIT, einer der Laureaten des Jahres 2010, gab sich keinen Illusionen hin, dass Menschen immer Entscheidungen treffen, die in ihrem eigenen langfristigen Interesse sind und führte dazu die Versäumnisse in der privaten Altersvorsorge an.

„Die Menschen sparen einfach nicht genug, wenn man das ihrer eigenen Regie überlässt“, machte er den Nachwuchsökonomen klar und verwies dabei auf das Ergebnis einer bemerkenswerten Befragung von US-Babyboomern, bei der fast 80 % eine einfache Frage nach Zinseszinsen falsch beantworteten.

Also keine Rechenmaschinen in Sicht.

Diamond beschäftigte sich in seinem Vortrag damit, was wir aus internationalen Erfahrungen für die Ausgestaltung staatlicher und privater Pensionssysteme lernen können. Seine Beispiele reichten von der Entstaatlichung des öffentlichen Rentensystems in Chile bis hin zu kostengünstigen und effizienten Mitteln der Altersversorgung, die rund drei Millionen US-Staatsbediensteten zur Verfügung stehen.

Simple Wirtschaftsmodelle, so die Argumentation von Diamond, sind eine schlechte Grundlage für politische Richtungsentscheidungen. „Modelle sind schon definitionsgemäß unvollständig”, sagte er, “sie eins-zu-eins in die Praxis umzusetzen, wäre also ein schwerer Fehler.“

Sir James Mirrlees von der Chinesischen Universität Hongkong und Mit-Nobelpreisträger 1996 sprach in seinem Vortrag über unsere „eingeschränkte Rationalität“ als Menschen. Er zeigte auf, dass die Entscheidungen, die wir treffen, nicht durchgängig von unserem auf Eigeninteressen beruhenden Kalkül, sondern durch äußere Faktoren wie Erziehung, Werbung oder Erfahrung beeinflusst werden.

Von ihm durchgeführte Modellierungen zeigten, dass unter bestimmten Umständen bessere Ergebnisse erzielt werden können, wenn man den Menschen keine Entscheidungsmöglichkeiten lässt, sondern einfach vorgibt, was zu tun ist. „In der Wirtschaftswelt ist es ungewöhnlich, eine Theorie zu vertreten, die die Freiheit minimieren will“, merkte er an.

 

Sir James Mirrlees talking to young economists after his lecture at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Sir James Mirrlees im Gespräch mit Nachwuchsökonomen während der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Robert Aumann von der Hebräischen Universität Jerusalem, der im Jahr 2005 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, verpasste dem vereinfachenden Konzept von Menschen als nutzenmaximierenden Maschinen aus einem ganz anderen Blickwinkel einen Seitenhieb.

Das zentrale Argument im Vortrag des Spieltheoretikers über ‚Mechanismus-Design-Design‘ war die Forderung, klare Vorstellungen über Anreize und Motivationen zu entwickeln.

Wir essen nicht, wie Aumann betonte, weil wir Nahrungsmittel verdauen möchten, um uns so Lebensenergie zuzuführen (die Art von Fehler, die ein an die Berechenbarkeit von ‚Ökons‘ glaubender Ökonom in Bezug auf menschliche Anreize machen könnte), sondern wir essen, weil wir hungrig sind.

Genauso, wie wir wohl in der Regel nicht deswegen Sex haben, weil wir den Fortbestand der Menschheit sichern wollen, sondern einfach, weil es sich gut anfühlt.

Wenn wir solche unmittelbaren Beweggründe übersehen, könnten wir missverstehen, was menschlichen Verhaltensweisen zugrunde liegt – und somit Ökonomie selbst falsch verstehen.

Warum Finanzminister CO2-Steuern befürworten

“In Deutschland gibt es einen gewaltigen Investitionsstau”, warnt Joachim Käppner von der Sueddeutschen Zeitung. In seinem Artikel prangert er die “[maroden] Schulen, Straßen und Brücken” an, und dass in “der Bundesrepublik (…) Investitionen von mehr als 100 Milliarden Euro” fehlen. Die Ökonomen Pedro Bom und Jenny Ligthart bestätigen Käppners pessimistische Sicht. In einer ihrer Studien zeigen sie, dass fast überall auf der Welt zu wenig in Infrastruktur investiert wird.

Was ist der Grund für diese Unterversorgung? Eine mögliche Erklärung liegt in den notorisch knappen Budgets in den Finanzministerien. Regierungen sind in ihrem finanziellen Handlungsspielraum oft nicht nur durch sehr hohe Staatsschulden eingeschränkt. Sie stehen zusätzlich unter Druck, die Unternehmenssteuern zu senken, um zu verhindern, dass privates Kapital – und damit auch Arbeitsplätze – ins Ausland abwandern.

Unter der immer stärkeren Integration globaler Märkte führt dieser Druck dazu, dass Staaten in einem schädlichen Steuerwettbewerb zueinander stehen. Dem Problem maroder Schulen, Straßen und Brücken steht also ein zweites Problem gegenüber: Es fehlen öffentliche Gelder, um bestehende Infrastruktur zu erhalten und Investitionen in neue Infrastruktur zu tätigen.

 

Photo/Credit: yio/iStock.com

Photo/Credit: yio/iStock.com

 

 

Ein CO2-Preis kann helfen, die Probleme des Steuerwettbewerbs und der Unterversorgung öffentlicher Güter zu lösen

Eine unkonventionelle Lösung für die beiden Probleme findet sich in einer meiner Studien, die ein fiskalisches Argument für einen CO2-Preis liefert. Meine Koautoren und ich untersuchen, wie ökonomisch rational agierende Regierungen ihre Steuersysteme reformieren, wenn sie im Wettbewerb um international mobiles Kapital stehen und die Staatskasse klamm ist, aber die öffentliche Infrastruktur dennoch irgendwie finanziert werden muss.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass das effizienteste Steuersystem durch die Einführung eines CO2-Preises erreicht werden kann. Um die zusätzlichen Einnahmen klug einzusetzen, gilt es, ein gutes Maß zwischen Steuererleichterungen für die Unternehmensseite einerseits, und der Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur andererseits zu finden. Gelingt dies, profitieren Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes. Der Schutz der Umwelt und die Belebung der Wirtschaft können gleichzeitig gelingen.

Wie lässt sich unser Resultat begründen? Auf den ersten Blick scheint es doch so, als würden sowohl eine CO2– als auch eine Unternehmenssteuer die Wirtschaft gleichermaßen belasten. Beide Instrumente erhöhen die Kosten für Unternehmen, was dazu führen könnte, dass diese ihre Aktivität zumindest teilweise ins Ausland verlagern.

Ein CO2-Preis hat jedoch den entscheidenden Vorteil, dass die Steuerlast nicht auf Unternehmen fällt, die Güter und Dienstleistungen anbieten, sondern auf die Besitzer fossiler Ressourcen wie Öl oder Gas. Auf diese Weise schöpft ein CO2-Preis die “Ressourcen-Rente” ab – der Anteil des Profits der Ressourcenbesitzer, der über die Kosten hinausgeht, die entstanden, um die Ressource zu extrahieren und auf den Markt zu bringen. (Der Economist erklärt das Konzept der Renten anhand eines anderen Beispiels, nämlich das des Einkommens eines Profi-Fußballers.)

Das Potential der Unternehmensbesteuerung, Renten abzuschöpfen, ist weitaus geringer. Unternehmen, die kein Monopol haben, sondern stark miteinander im Wettbewerb stehen, können kaum Renten-Einkommen, also Einnahmen, die über ihre Produktionskosten hinausgehen, vorweisen. Gelänge es einem Unternehmen, außergewöhnlich hohe Einnahmen zu erwirtschaften, würde der Wettbewerb automatisch dazu führen, dass die Konkurrenz alle Anstrengungen unternimmt, um ähnliche Einnahmen zu erzielen. In der Folge fallen solche hohen Einnahmen wieder.

Ein nationaler CO2-Preis schöpft zwar die Ressourcen-Renten ab, aber im Prinzip kann er so gestaltet werden, dass er das effiziente Funktionieren der Märkte nicht beeinträchtigt, d.h. dass er die Preissignale privater Marktteilnehmer nicht verzerrt – im Gegensatz zu Unternehmenssteuern, die sich negativ auf private Investitionen auswirken. Ein Grund mehr, weshalb ein CO2-Preis ein effizientes Instrument darstellt, um öffentliche Einnahmen zu generieren.

 

Selbst wenn ein CO2-Preis nur zur Finanzierung des Staatshaushalts eingeführt wird, hilft er, gefährlichen Klimawandel zu vermeiden

Nehmen wir nun an, dass Finanzminister tatsächlich die vorgeschlagene Steuerreform durchführen und den Staatshaushalt sanieren können. Besteht nun nicht die Gefahr, dass die Besitzer fossiler Ressourcen stetig steigende CO2-Preise erwarten und aus Angst vor der zukünftig niedrigeren Nachfrage erst recht viele Ressourcen abbauen und den Markt mit billigem Öl und Gas fluten? Dann hätte ein CO2-Preis die paradoxe Wirkung, genau das Gegenteil dessen zu erreichen, wozu er ursprünglich gedacht war. Vor einer derart widersprüchlichen Situation hatte Hans-Werner Sinn in seinem Buch “Das grüne Paradoxon” bereits gewarnt.

Die Antwort ist jedoch ein klares Nein: Wird ein CO2-Preis verwendet, um Infrastruktur-Investitionen zu finanzieren, wirkt sich dies sowohl auf das Angebot, als auch die Nachfrage nach fossilen Ressourcen aus. Auf der Angebotsseite wird weder mehr, noch schneller extrahiert, da der CO2-Preis lediglich die Ressourcen-Rente abschöpft, aber die Märkte – und damit die Entscheidungen privater Marktteilnehmer – nicht verzerrt. Daher bestimmt die Nachfrageseite vollständig, wann und wieviel der fossilen Ressourcen abgebaut werden. Käufer sehen durch den CO2-Preis höhere Kosten, was die Nachfrage reduziert und schließlich den Abbau fossiler Ressourcen reduziert.

All dies bedeutet nicht, dass globale Kooperation nicht nötig ist, um das Klima zu retten. Eine unilaterale Steuerreform, die einen CO2-Preis beinhaltet wird nicht ausreichen. Aber wenn Politiker, und insbesondere die Finanzminister, verstehen, dass eine ökologische Steuerreform der ganzen Wirtschaft nützt, dann können fiskalische Motive tatsächlich einen Einstieg in ambitionierteren Klimaschutz darstellen.

This blog post is based on research reported in ‘Why Finance Ministers Favor Carbon Taxes, Even If They Do Not Take Climate Change into Account’ by Max Franks, Ottmar Edenhofer and Kai Lessmann, published in Environmental and Resource Economics in 2015. The study was recognised as the ‘best overall paper’ at the third annual conference of the Green Growth Knowledge Platform, hosted in partnership with the United Nations Environment Programme (UNEP), the OECD and the World Bank.

Europa: Gefahr in Verzug?

Die Erholung der Eurozone gestaltet sich fragil und Europa steht weiterhin vor zahlreichen wirtschaftlichen Herausforderungen, so der Nobelpreisträger Sir Christopher Pissarides bei einem Pressegespräch auf der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften am Mittwoch, den 23. August 2017.

Die Weigerung Deutschlands, trotz riesiger Haushalts- und Handelsbilanzüberschüsse mehr zu investieren, hemmt das Wachstum in anderen Ländern der Eurozone, argumentierte er. Seiner Ansicht nach sind die Entscheidungen der deutschen Politik ausschließlich von den Interessen der deutschen Wirtschaft und nicht der Eurozone geleitet. Noch immer überschattet Austerität die wirtschaftliche Wiederbelebung.

Und weitere Gefahren liegen laut Professor Pissarides vor uns. Dazu zählen Risiken für den Finanzsektor, die darauf zurückzuführen sind, dass die Eurozone ihre Reformen im Bankensektor nicht zum Abschluss gebracht hat, und die Tatsache, dass Europa im Produktivitätswachstum hinter seinen Konkurrenten aus den Vereinigten Staaten und Fernost hinterherhinkt.

 

Press Talk at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Pressegespräch während der 6. Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften: Veronika Stolbova, Lenka Fiala, Eric Maskin, Romesh Vaitilingam, Chris Pissarides und Frances Coppola (von links). Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Im Bankwesen bleibt trotz Einführung eines neuen Abwicklungsverfahrens unklar, wer für die Rettung einer Großbank, deren Zusammenbruch droht, aufkommen würde. Die Fragilität des gesamten Bankensektors bereitet weiterhin Sorgen und hat übermäßige Regulierungen zur Folge.

Laut Professor Pissarides hängt das langfristige Wachstum in Europa von angebotsorientierten Reformen ab, die zu Infrastrukturinvestitionen ermuntern – und zwar nicht nur in Straßen und Brücken, sondern auch in innovationsfördernde digitale Technologien. Optimistischer fiel seine Einschätzung der in einigen Ländern zu beobachtenden Veränderungen in den Arbeitsmärkten aus, die seines Erachtens langfristig zur Verringerung der Arbeitslosigkeit beitragen. Allerdings könnte es mehrere Jahre dauern, bis sich die Reformen bemerkbar machen.

Eine radikale strukturelle Änderung schlug Nobelpreisträger Eric Maskin in der Diskussionsrunde vor. Sie soll die Entkopplung der europäischen Geldpolitik, die für die Eurozone als Ganzes festgelegt wird, von der auf nationaler Ebene geregelten Finanzpolitik adressieren. Durch Einrichtung eines unabhängigen Finanzrates nach dem Modell der Europäischen Zentralbank, so meinte er, ließe sich die Einflussnahme der Politiker ausklammern.

 

Eric Maskin during the Press Talk at the 6th Lindau Meeting on Economic Sciences. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

Eric Maskin während des Pressegesprächs. Picture/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

 

Im Rahmen einer solchen Regelung würden Experten, die von den europäischen Regierungen ernannt werden, aber nicht deren Kontrolle unterliegen, künftig unter Beachtung eines vereinbarten Regelwerks für jedes Land Haushaltsüberschuss- oder -defizitziele festlegen. Den einzelnen Ländern würde dann die Entscheidung überlassen, wie sie diese Ziele erreichen wollen und welche Gewichtung zwischen Besteuerung und öffentlichen Ausgaben sie wählen. Professor Maskin räumte allerdings ein, dass es wohl eine enorme Herausforderung darstellen würde, Deutschland von der Umsetzung solcher Maßnahmen zu überzeugen.

Die Journalistin Frances Coppola brachte die deutsche Handlungsweise mit einer weiteren enormen Problematik für Europa in Zusammenhang: der rasanten Bevölkerungsalterung und der somit notwendigen Vorsorge für eine Wirtschaft mit weniger Erwerbstätigen als Nichterwerbstätigen. Die Reaktion Deutschlands auf den eigenen Haushaltsüberschuss sei vor diesem Hintergrund vernünftig, sagt Coppola.

Veronika Stolbova, eine der Nachwuchsökonomen, die an der Lindauer Tagung teilnehmen, wies auf eine weitere langfristige Gefahr für die Eurozone hin: die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels. Ihre eigenen Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Erträge von institutionellen Anlegern, beispielsweise Investmentfonds und Pensionsfonds, unter Investitionen in Industrien, die von den negativen Folgen des Klimawandels betroffen sind, leiden könnten.

Auch die Frage nach der politischen Führungsrolle spielte stark in die Diskussion über die künftige Richtung der Eurozone hinein. Professor Pissarides argumentierte, dass auf europäischer Ebene kein hochrangiges politisches Forum existiert, das sich um langfristige Wirtschaftsfragen kümmern könnte. Die Eurogruppe, so führte er aus, sei nur auf kurzfristige Krisenlösungen konzentriert.

Professor Maskin und Professor Pissarides waren sich einig, dass Veränderungen nur erreicht werden könnten, wenn Führungspersönlichkeiten mit einer großen Vision, die nationale Grenzen überwindet, auf der Bildfläche erscheinen – wie in der Vergangenheit ein Jean Monnet, Wegbereiter der EU, oder ein General George Marshall, dessen Marshall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wirtschaftsaufschwung in Europa führte. Solange solche Führungspersönlichkeiten ausbleiben, werden sich die langfristigen strukturellen Probleme der europäischen Wirtschaft in absehbarer Zeit nicht lösen lassen.

Glücklicher denn je

Zufriedenheit ist ein spannendes Thema für Wissenschaftler und Politiker gleichermaßen. Die Messung von Lebenszufriedenheit bereichert die Diskussion darüber, was ein gutes Leben ausmacht.

Früher galt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maßstab für Wohlstand und ein gutes Leben einer Volkswirtschaft. Das BIP wird jedoch zunehmend als nicht ausreichend kritisiert, erstens weil viele Faktoren, wie zum Beispiel der Wert von Arbeitsplätzen und guter Gesundheit, unterschätzt werden, und zweitens weil andere Faktoren, wie die Einkommensungleichheit, die Qualität von Bildung, der Umweltzustand, ehrenamtliches Engagement oder Hausarbeit, nicht miteingerechnet werden.

 

Menschen am Strand von St.Peter-Ording. Photo/Credit: Jan-Otto/iStock.com

Menschen am Strand von St.Peter-Ording. Photo/Credit: Jan-Otto/iStock.com

 

Messung von Zufriedenheit

Für eine sorgfältige Analyse der allgemeinen Lebenszufriedenheit eignen sich repräsentative Langzeitumfragen, die auch soziodemografische, ökonomische und persönliche Eigenschaften abfragen. Häufig wird dabei die Frage gestellt: Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben? Bitte antworten Sie auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 ganz und gar unzufrieden und 10 ganz und gar zufrieden bedeutet.

Diese Skala wird von dem sozio-ökonomischen Panel (SOEP) und auch dem World Values Survey (WVS) so abgefragt. Die 11-stufige Skala wird oft auch in drei Kategorien transformiert: hohe Zufriedenheit (8, 9 oder 10 Punkte), mittlere Zufriedenheit (3-7 Punkte) und Unzufriedenheit (0,1 oder 2 Punkte). Diese Vereinfachung ergibt eine symmetrische Skala, die meine Kollegen und ich nutzen.

 

Wie zufrieden sind die Deutschen?

Die allgemeine Lebenszufriedenheit in Deutschland ist auf dem höchsten Stand seit der Wiedervereinigung im Jahr 1999. In der letzten repräsentativen Umfrage des SOEP aus dem Jahr 2015 gaben 55 Prozent der befragten Bürger in Deutschland eine hohe Lebenszufriedenheit an. Nur zwei Prozent gaben an, unzufrieden zu sein und die übrigen 43 Prozent gaben eine mittlere Zufriedenheit an. Im Durchschnitt lag die allgemeine Lebenszufriedenheit bei 7,28 von 10 Punkten im Jahr 2015. Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2005, lag sie bei 6,84 Punkten und im Jahr 1995 bei 6,86 Punkten. Dieser positive Trend ist darauf zurückzuführen, dass deutlich weniger Befragte angaben, dass sie unzufrieden sind. Gleichzeitig bleibt aber der Anteil an den Deutschen, die sich als besonders zufrieden einschätzen, konstant. Diese positive Verschiebung ergibt eine geringere Varianz, also eine geringere Ungleichheit in der Verteilung der allgemeinen Lebenszufriedenheit.

 

Die Gründe: wirtschaftliche und soziale Verbesserungen

Zwischen 2005 und 2015 ist die allgemeine Lebenszufriedenheit um 6,4 Prozent gestiegen. Was hat zu diesem positiven Trend geführt? Die drei wichtigsten Faktoren für hohe Zufriedenheit sind Erwerbstätigkeit, Gesundheit und soziale Kontakte. Und tatsächlich kam es auf allen drei Ebenen in den letzten Jahrzehnten zu Verbesserungen: Die Arbeitslosenrate ist auf einem Rekord-Tiefstand seit der Wiedervereinigung – 2,5 Millionen Menschen sind derzeit in Deutschland auf der Suche nach Arbeit. Im Jahr 2005 waren es mit fünf Millionen Arbeitslosen noch doppelt so viele. Außerdem ist die Lebenserwartung gestiegen – auch bei Geringverdienern. Durch die Digitalisierung werden soziale Interaktionen vereinfacht. Außerdem ist die Scheidungsrate ist gesunken.

 

Korrelationen – keine Kausalität

Bei der Erforschung von Lebenszufriedenheit ist es wichtig, zu verstehen, dass es sich größtenteils um Korrelationen handelt und nicht um kausale Ergebnisse. Zum Beispiel ist es nicht möglich, herauszufinden, ob eine Heirat die Eheleute tatsächlich glücklicher macht.

Es gibt zwei alternative Erklärungen dafür, warum verheiratete Menschen zufriedener zu sein scheinen: Glücklichere Menschen finden eher einen Ehepartner oder die Ehe an sich verbessert die Lebenszufriedenheit. Es ist jedoch schwierig, Beweise zu finden, die eine der Erklärungen ausschließen.

Für die Wissenschaft einstehen, bis es “klick” macht

Die 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung neigt sich dem Ende zu. Die aktuellen politischen Ereignisse hinterlassen ihre Spuren, doch die Laureaten ermuntern die Nachwuchswissenschaftler zu Durchhaltevermögen und Leidenschaft für die Forschung.

Passend zum Abschluss der letzten Veranstaltung im Saal des großen Stadttheaters ertönt ein heftiges Gewitterdonnern – wie als Warnung an die Teilnehmer, sie mögen doch bitte wirklich all die neuen Forschungsfakten, sowie Vor- und Ratschläge verinnerlichen und mit nach Hause nehmen. Tag 4 und damit der letzte reguläre Programmtag der Lindauer Nobelpreisträgertagung neigt sich dem Ende zu. 

 

Nachwuchswissenschaftler unterhalten sich mit Nobelpreisträger Martin Chalfie während der 67. Lindauer Tagung, Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Nachwuchswissenschaftler mit Nobelpreisträger Martin Chalfie während der 67. Lindauer Tagung, Picture/Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Die Woche war vollgepackt und doch viel zu kurz: die ersten Veranstaltungen, die sogenannten Science Breakfasts, behandelten Kernthemen wie Circular Economy, CO2 Recycling oder die Chemie des Geschmacks, und begannen bereits um 7 Uhr morgens. Und doch reichte die Zeit kaum aus, sich mit allen Teilnehmern über die neuesten Forschungsergebnisse, die (wissenschafts-) politischen Entwicklungen weltweit, oder einfach ihre eigene interessante internationale Geschichte auszutauschen. Denn genau das ist das erklärte Ziel der Lindauer Woche: der Austausch zwischen Nachwuchswissenschaftlern und Preisträgern sowie zwischen allen anderen Teilnehmern – je weiter entfernt des anderen Expertise von der eigenen, umso wertvoller ist der Gedankenaustausch.

Interessanterweise kam bei so einem Austausch ein Raum von etwa 50 Chemikern während des Circular Economy Science Breakfast mit dem Gastgeber BASF zu einer eher sozial-ökonomischen Erkenntnis, die Walter Gilbert von der Harvard Universität auf den Punkt brachte: „Die Wissenschaft kann Lösungen bieten – umgesetzt werden müssen diese aber von allen zusammen.“ Er bezog sich hierbei vor allem auf neue umweltschonende Technologien, die zwar von der Grundlagenforschung her bereits durchaus realisierbar sind, aber von den Konsumenten noch nicht angenommen werden. Er und die Teilnehmer sahen hier vor allem die Forschung in der Pflicht, die Vorteile der neuen Entwicklungen so lange zu erklären, zu verdeutlichen und anzupreisen, bis sie tatsächlich in das Allgemeinverständnis und den Alltag übergegangen sind.

 

Nachwuchswissenschaftler unterhalten sich mit Nobelrpreisträger Robert Huber beim BASF Science Breakfast.  Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Nachwuchswissenschaftler unterhalten sich mit Nobelrpreisträger Robert Huber beim BASF Science Breakfast. Credit: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Neben der exzellenten Forschung schlängelte sich auch die zur Zeit international schwierige Situation der Forschung durch die Veranstaltung. Vor allem die Nachwuchsforscher sehen sich inzwischen vielfach extrem wissenschaftsfeindlicher Einstellungen ausgesetzt, und suchen Rat, wie sie am besten damit umgehen sollen. Die nahezu einhellige Meinung der Laureaten: den Mund aufmachen und für die Forschung und wissenschaftliche Fakten einstehen.

Dazu gehört eine fundierte, sachliche, aber auch beherzte Wissenschaftskommunikation, die neue Erkenntnisse nicht nur unter Wissenschaftlern, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Weder die Forscher noch die Wissenschaftsjournalisten sollten sich hierzu hinter Fachjargon oder Plattitüden verstecken. Und in der Panel Discussion Science Careers rief Sir John E. Walker die Nachwuchswissenschaftler sogar zu einer Karriere als Politiker oder Politikberater auf: „Die Politiker können nur fundierte Entscheidungen treffen, wenn sie gut informiert sind und die Materie verstehen. Dazu brauchen sie euch!“ Er und seine Panelmitstreiter May Shana’a (Beiersdorf AG), Dan Shechtman (Nobelpreiträger am Weizmann Institut), Wiltrud Treffenfeldt (Dow Europe GmbH) und Thomas Gianetti (ETH Zürich) sehen es schlicht als Pflicht der Wissenschaftler an, für die Forschung und deren Ergebnisse einzustehen.

 

Podiumsdiskussion zum Thema

Podiumsdiskussion zum Thema “Science Careers”, Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Außerdem forderten die Laureaten die jungen Forscher vielfach dazu auf, auch abseits der bekannten und bequemen Pfade zu forschen, um so wieder große Durchbrüche zu schaffen. Martin Chalfie und viele andere erzählen Anekdoten, wie wahrlich neue Erkenntnisse oft durch Fehlversuche zu Stande kamen. Anstatt die Fehlversuche als Versagen zu werten, sollten die Nachwuchswissenschaftler die Freude an der Forschung nicht verlieren, und unerwartete Ergebnisse zu schätzen lernen. Ein High-Impact-Paper sei schließlich kein Garant für spätere Erfolge. Solange die Forscher aber mit echter Leidenschaft an einem Thema arbeiten, hätten sie ausgezeichnete Chancen für eine erfolgreiche Zukunft, so Dan Shechtman. Ohnehin, seien mindestens die Hälfte der naturwissenschaftlichen Arbeiten, die später mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, in vergleichsweise kleinen Journals mit eher niedrigem Impact-Factor publiziert worden, sagt Martin Chalfie.

Am letzten Tag der Veranstaltung findet noch die traditionelle Bootsfahrt zur Insel Mainau statt. Dort werden Bettina Gräfin Bernadotte und Björn Graf Bernadotte noch einmal die Tagung Revue passieren lassen, und dort wird auch die letzte Panel Discussion zum Thema Ethics in Science abgehalten. Ich bin mir sicher, dass auch hier die Nachwuchswissenschaftler noch einmal aufgefordert werden „alternative Fakten“ nicht einfach stillschweigend hinzunehmen, sondern so lange für die Forschung zu werben, bis auch der letzte Kritiker überzeugt ist.

Schnellerer Fortschritt für alle

Martin Chalfie setzt sich für Preprint-Archive für biologische Forschungsarbeiten ein: Dadurch können neue Ergebnisse und Erkenntnisse wesentlich früher einem deutlich größerem Publikum zugänglich gemacht werden.  

 

Credit: exdez/iStock.com

Credit: exdez/iStock.com

 

Wichtige Fragen, die während der Lindauer Nobelpreisträgertagung immer wieder gestellt wurden, sind die, wie die Zukunft der Forschung aussehen kann und wird und, wie man den status quo verbessern kann. Neben den bereits vielfach angesprochenen politischen Ereignissen und Einflüssen auf die Wissenschaft, ist ein weiteres großes Thema eher ein intrinsisches Problem: die Publikationsmaschinerie und die Bedeutung des Impact Factors. Kurz vor der Tagung haben sich etliche Nobelpreisträger bereits öffentlich gegen diese Methode des Journal-Rankings ausgesprochen. Und während der 67. Lindauer Tagung sprach sich auch Martin Chalfie dafür aus, wissenschaftliche Publikationen wieder mehr auf Grund ihrer tatsächlichen Qualität zu beurteilen, und weniger danach, in welchem Journal sie letztlich publiziert werden. Ich fragte ihn, was er sich denn als Alternative vorstelle, und welche Schritte er womöglich selbst schon unternommen habe. Seine Lösung lautete: ASAPbio.org – Accelerating Science and Publication in Biology.

ASAPbio ist eine Interessengemeinschaft gegründet von Ron Vale – einer Initiative von Wissenschaftlern für Wissenschaftler, um neue Erkenntnisse in den biologischen Wissenschaften einem breiteren Publikum schneller zugänglich zu machen. Gemeinsam mit Harold Varmus, Daniel Colón-Ramos und Jessica Polka, inzwischen Direktorin der Initiative, rief Chalfie die Plattform Anfang 2016 ins Leben. „Wir wollten ein Preprint-Archiv für die biologische Forschung entwickeln – in der Physik gibt es so etwas schon seit mindestens 25 Jahren.“ Sobald Forscher also bereit sind, ihre Arbeit und Ergebnisse der Welt mitzuteilen, so Chalfie weiter, können sie ihren Artikel auf einer Preprint-Plattform hochladen, wo er dann von anderen Wissenschaftlern, aber auch von der breiten Öffentlichkeit gelesen und kommentiert werden kann. Die größte biologisch-fokussierte Preprint-Plattform ist bisher bioRxiv. ASAPbio will in Zukunft als eine Sammelstelle für alle Preprints aus den biologischen Wissenschaften fungieren. „Dadurch verändert sich die gesamte Publikationsdynamik“, sagt Chalfie. Denn der konventionelle Publikationsweg sieht anders aus: eine wissenschaftliche Arbeit wird bei einem fachlich passenden Journal eingereicht, dort entscheiden in einem ersten Schritt ein oder mehrere Editoren, ob die Arbeit überhaupt zu dem Journal passt. Falls sich die Editoren dafür entscheiden, wird es an ein paar wenige Experten aus dem Fachgebiet weiter geleitet. Diese machen sich dann ebenfalls ein Bild von der Arbeit, und können sie gegebenenfalls als nicht-ausreichend ablehnen, oder zusätzliche Experimente verlangen. In einem solchen Fall haben die Autoren dann einige Monate Zeit um die gewünschten Änderungen zu erbringen, bevor es zu einer endgültigen Entscheidung kommt – die auch nach den Änderungen noch ein „Nein“ sein kann. Alles in Allem kann so ein Entscheidungsprozess mehrere Monate oder gar bis zu einem Jahr dauern – und wird die Arbeit am Ende tatsächlich abgelehnt, müssen die Forscher diese von Neuem bei einem anderen Journal einreichen. Dadurch verlieren nicht nur sie wertvolle Zeit, sondern auch die Forschungsgemeinschaft sowie die breite Öffentlichkeit, die während dem Entscheidungsprozess keinen Zugriff auf die neuen Erkenntnisse haben. „Preprint-Archive hingegen machen neue Erkenntnisse und Forschungsfortschritte sofort zugänglich für alle – egal ob Wissenschaftler oder Schüler, und ohne dass dafür gezahlt werden muss“, fasst Chalfie die Vorteile zusammen.

Zudem bekommt jede Arbeit automatisch bei der Einstellung ein festes Erstellungsdatum, auf das sich die Autoren berufen können, sollte zeitnah eine ähnliche Arbeit veröffentlicht werden.

Chalfie betont aber: „Es geht hier nicht darum, frühzeitig die eigenen Rohdaten zu veröffentlichen.“ Vielmehr sollte die Arbeit praktisch zeitgleich mit der ersten Journaleinreichung auf eine Archiv-Plattform gestellt werden, und dann entsprechend des Journal-Feedbacks oder der Kommentare, die über die Plattform eingereicht werden, sukzessive überarbeitet werden.

 

Martin Chalfie talking to young scientists during the 67th Lindau Nobel Laureate Meeting,  Photo/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

Martin Chalfie mit Nachwuchswissenschaftlern während der 67. Lindauer Tagung, Photo/Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meeting

 

„Bereits bei einem der ersten organisatorischen Treffen sprachen wir auch darüber, wie wohl die etablierten Journals auf die Plattformen und die zentrale Sammelstelle reagieren würden. Glücklicherweise haben sich die großen Journals wie Science, Nature oder die Professional Society Journals, aber auch viele andere, allesamt für Preprint-Archive ausgesprochen“, erklärt Chalfie. Die Journals haben also kein Problem damit, wenn die Autoren ihre Arbeit gleichzeitig bei ihnen einreichen und auf einer Plattform zugänglich machen – viele ermöglichen inzwischen sogar „Joint Submissions“: Die Journals fragen bei der Einreichung einer Studie mittlerweile, ob die Autoren die Arbeit auch gleichzeitig auf einem Archiv-Server zugänglich machen möchten.

Ein weiteres Zeichen, dass dieses neue Vorveröffentlichungssystem sich auf lange Sicht etablieren wird, ist die Aufnahme solch pre-archivierter Arbeiten als Kriterium für Beförderungen, die Vergabe von Projektgeldern und ähnlicher Auswahlverfahren. Stolz berichtet Chalfie: „Das Howard Hughes Medical Institute, die NIH, Wellcome Trust und viele Universitäten beziehen Arbeiten aus Preprint-Archiven bereits in ihre Bewertungen von Bewerbern mit ein.“

Obwohl die Preprint-Archive für die biologische Forschung im Gegensatz zur Physik noch in den Kinderschuhen stecken und von vielen Wissenschaftlern erst noch entdeckt werden müssen, ist das Konzept dennoch bereits bei großen Forschungsinstituten und renommierten Journals angekommen und wird akzeptiert. Die Initiative von ASAPBio bietet somit eine ausgezeichnete Möglichkeit, die festgefahrene Publikationssituation in den Lebenswissenschaften in eine neue Richtung zu lenken und die tatsächliche Qualität der Forschungsarbeit anstelle eines Impact Factors wieder in den Vordergrund zu stellen.