„Ingenieure sollten den Impact ihrer Technologien ermessen können“

Viennet

Thibault Viennet auf der Lindauer Tagung. Credit: privat

Sie waren im Juni 2017 auf der 67. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich für die Teilnahme zu bewerben?

Thibault Viennet: Unser Institutsleiter, Prof. Dieter Willbold, hat mich vorgeschlagen. Bis dahin kannte ich diese Veranstaltung gar nicht. Es hat dann aber sehr gut gepasst, weil die Tagung der Chemie gewidmet war und ich die Chance hatte, einen der führenden Forscher auf meinem Gebiet zu treffen: den Schweizer Chemiker Kurt Wüthrich.

 

Ihr Forschungsgebiet ist die Chemie?

Thibault Viennet: Ich habe Chemieingenieurwissenschaften studiert, in Chemie promoviert und bin zurzeit am Jülicher Institute of Complex Systems tätig. Hier untersuche ich die Struktur bestimmter Proteine; unter anderem geht es darum, die Interaktionen der Proteine mit ihrer Umgebung zu verfolgen, sei es mit anderen Proteinen, mit medizinischen Wirkstoffen oder auch mit biologischen Membranen. Im Ergebnis ist diese Forschung für das Verständnis der Parkinson-Krankheit relevant. Dabei verwende ich ein spezielles Verfahren, die kernmagnetische Resonanzspektroskopie, das für diesen Einsatzbereich – also zur Bestimmung der Struktur biologischer Makromoleküle – von Kurt Wüthrich entwickelt wurde; im Jahr 2002 erhielt er dafür gemeinsam mit zwei weiteren Forschern den Nobelpreis.

 

Hatten Sie auf der Tagung denn Gelegenheit, mit Kurt Wüthrich zu sprechen?

Thibault Viennet: Ja, und es war extrem interessant, von ihm Rückmeldung zu meiner Forschung zu bekommen. Ich habe in einer von ihm geleiteten Arbeitsgruppe ein kurzes Referat gehalten; im Vorfeld haben wir uns, zusammen mit den beiden anderen Vortragenden, zum Kaffee getroffen. Mehr noch als über wissenschaftliche Themen haben wir jedoch über unsere beruflichen Pläne gesprochen. Wüthrich hat uns geraten, mit der Bewerbung auf eine Stelle als Assistant Professor nicht lange zu warten und auf jeden Fall nach drei bis vier Jahren als Postdoc eine Juniorprofessur anzustreben. In der Schweiz werden solche Stellen nicht mehr an Kandidaten über 35 Jahren vergeben und in anderen Ländern ist das ähnlich.

 

Was bedeutet dieser Rat für Sie?

Thibault Viennet: Ich fühle mich in dem bestätigt, was ich sowieso vorhabe. Es war gut, von einem Nobelpreisträger zu hören, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich befinde mich im Moment in einer Übergangsphase zwischen Promotion und Postdoc; im November 2017 werde ich nach Harvard gehen und im Bereich der Strukturbiologie in der Krebsforschung
arbeiten. 

 

Nobelpreisträger Kurt Wüthrich während der Master Class, bei der Thibault Viennet: seine Arbeit präsentierte. Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Nobelpreisträger Kurt Wüthrich während der Master Class, bei der Thibault Viennet seine Arbeit präsentierte. Credit: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

 

Insgesamt hat die Tagung knapp eine Woche gedauert. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Thibault Viennet: Was mich am meisten beeindruckt hat, waren die Vorträge zu nichtwissenschaftlichen Themen, beispielsweise zu gesellschaftlicher Verantwortung. Es war inspirierend, Forscher zu erleben, die mit dem Nobelpreis den Gipfel ihrer Karriere erreicht haben, und nun ihre Prominenz dafür einsetzen, das Leben von Menschen zu verbessern, beispielsweise indem sie Krankenhäuser in benachteiligten Ländern bauen oder sich für Klimaschutz einsetzen.

 

Welches Fazit haben Sie für sich persönlich daraus gezogen? 

Thibault Viennet: Ich fühle mich bestärkt. Als Mitglied der französischen Organisation „Ingénieurs sans frontières“ – zu deutsch: „Ingenieure ohne Grenzen“ – bin ich in Aktivitäten involviert, in denen es darum geht, Forschung und Technologie für Menschen in Entwicklungsländern leichter zugänglich zu machen. So organisieren wir beispielsweise Online-Vorträge zu verschiedenen Themen, die für jeden offen und in leicht verständlicher Sprache gehalten sind. Außerdem sind wir im Gespräch mit dem französischen Bildungsministerium mit dem Ziel, ingenieurwissenschaftliche Studiengänge um soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Inhalte zu erweitern. Ingenieure sollten den Impact ermessen können, den ihre Technologien auf gesellschaftliche Zusammenhänge haben.

 

Das gesellschaftliche Engagement einiger Nobelpreisträger hat Vorbildfunktion; gab es noch weitere Aspekte, die Sie bemerkenswert fanden? 

Thibault Viennet: Interessant war der Lebenslauf mancher Wissenschaftler, insbesondere die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten. So hat ein Max-Planck-Direktor erzählt, wie seine Theorien im Bereich der Hochauflösenden Optischen Mikroskopie jahrelang auf Skepsis stießen – was dazu führte, dass er in Deutschland keine Stelle finden konnte und lange Zeit wenig Geld hatte. Schließlich gelang es ihm jedoch, den experimentellen Beweis zu erbringen und 2014 erhielt er dann den Nobelpreis. Sein Rat an uns bestand darin, an die eigenen Ideen zu glauben und seinen Weg auch angesichts von Widrigkeiten zu verfolgen.

 

Die Fragen stellte Kristin Mosch.

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