Auf geht’s! Oder: Woran man Japaner im Zug erkennt

Im Grunde fängt die Tagung schon einige hundert Kilometer vor Lindau an, wenn man weiß, worauf man achten muss. Wer mit der Bahn anreist, und das tun quasi alle, die noch keinen Nobelpreis haben, muss quasi zwangsweise den Zug nach Lindau in Ulm erwischen. Ich vertreibe mir die Zeit während der Fahrt mit Nachwuchwissenschaftler-Raten. Ein Asiate in Anzug und Krawatte macht es mir leicht, er hat das Tagungsprogramm offen vor sich liegen. Er ist wahrscheinlich Japaner, die Krawatte verrät ihn – Jungforscher aus anderen Ländern rennen meist etwas legerer rum.

Er ist keineswegs der Einzige mit dem gleichen Ziel wie ich. In meinem Waggon gibt es noch eine Reihe anderer aussichtsreicher Kandidatinnen, die dann auch wirklich mit mir in Ulm umsteigen. Auf dem Weg zum Hotel teile ich mir dann ein Taxi mit drei Nachwuchsforscherinnen. Eine Dame aus Mexiko, eine Spanierin und ein weiterer aus einem spanischsprachigen Land. Dann geht es zur Inselhalle – zu Fuß, vorerst: Der Fahrradverleih hat schon zu.

Dort kommen derweil schubweise die Geladenen an, geordnet nach Bus- und Bahnladungen. An der Anmeldung kriegen sie ihre roten Taschen, und danach geht es zum Fototermin vor dem Inselhallen-Foyer. Zum Anzug sehen die Tagungstaschen dann auch echt super aus. Vorteil Japan. In der Lindau-Tasche sind neben dem Programm auch die Einladungen zu den jeweiligen Veranstaltungen rund um den Kern der Tagung und natürlich die Namensschilder am grauen Band, das sie als geladenen Jungwissenschaftler kennzeichnet. Die Nobelpreisträger haben hellblaue Bänder, und die der Journalisten und Blogger sind leuchtend gelb, damit die Nobelpreisträger uns schon von weitem kommen sehen und sich rechtzeitig verstecken können.

Die Eröffnungsfeier der Lindauer Tagungen hat das Problem aller Eröffungsfeiern überall: Sie ist einfach nicht das, weswegen die Leute da hin fahren. Gemessen daran ist sie eigentlich jedes mal sehr unterhaltsam, besonders weil die Honoratioren sich löblich kurz fassen. Vielleicht stecken ihnen die Organisatoren Elektroschocker unters Hemd, die nach der festgesetzten Redezeit… So würde ich das als Konferenz-Gastgeber jedenfalls machen. Vermutlich haben die Lindauer aber zivilisiertere Methoden.

Die Gräfin Bettina Bernadotte hat als langjährige Gastgeberin aber auch schon Übung mit der Begrüßung. Bis 2011 war sie unter anderem für ihre kuriosen Hutkreationen bekannt, bevor sie letztes Jahr die versammelte Bloggergemeinde durch ungewohnte Hutlosigkeit schockierte. Diesmal erschien sie aber wieder kopfbedeckt, betonte aber trotzdem den informellen Charakter der Tagung. Erfahrungsgemäß dauert es aber ein Bisschen, biss sich der Nachwuchs wirklich an die Nobelpreisträger rantraut. Zum Inhalt der Wortbeiträge konsultiert ihr am besten die offiziellen Pressemitteilungen, es sei aber gesagt, dass die frisch eingeführten Neumitglieder des Stiftungssenats, Gunnar Stålsett und Klaus Tschira, die kurzweiligsten Redner waren. Und Stiftungs-Chairman Wolfgang Schürer kriegt eine honorary mention für Chemiecontent:

Tja, und jetzt geht sie richtig los, die 63. Ausgabe der Lindauer Nobelpreisträgertagungen.

About Lars Fischer

View All Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *