Zukunft braucht Geschichte:
Das Thema Nachhaltigkeit auf der 60. Tagung der Nobelpreisträger
Lindau, 8. Juni 2010. „Junge Menschen sollten sich der Relevanz von Wissenschaft und der Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Fortschritts bewusst sein. Gehen wir diesen Weg nicht weiter, droht das Ende der Menschheit.“ Diese Worte, mit denen sich die Grand Dame der Wissenschaften, Rita Levi-Montalcini (101), im Jahr 1992 direkt an ihre Zuhörer wandte, sind eine Art Leitmotiv der Lindauer Nobelpreisträgertagungen, die in diesem Jahr zum 60. Mal stattfindet. Die Treffen bieten beständig eine einzigartige Plattform für einen intensiven Dialog zwischen Nobelpreisträgern und hochbegabten jungen Forschern über die drängenden Fragen unserer Erde – vom Wachstum der Weltbevölkerung bis zur Friedenssicherung, von der Bioethik zur Biodiversität, von Umweltverschmutzung bis zum Klimawandel. Dieser Dialog, dessen frühe und heutige Schwerpunkte dank der Lindauer Mediathek online repetiert werden können, wird in diesem Jahr noch intensiver und interdisziplinär geführt werden.
61 Nobelpreisträger der Physik, Chemie und Physiologie oder Medizin sowie 650 Nachwuchsforscher aus 70 Ländern werden am Bodensee vom 27. Juni bis 2. Juli erwartet. Die Nobelpreisträger geben Einblicke in ihre aktuelle Forschung, beschreiben ihren Werdegang und widmen sich Themen, die ihnen am Herzen liegen. Neben den Vorträgen geschieht dies nicht zuletzt in den Diskussionen mit den Nachwuchsforschern an den Nachmittagen, die ein herausragendes Merkmal der Lindauer Tagungen sind.
Seit dem ersten Treffen 1951 kennzeichnen die Offenheit in den wissenschaftlichen Debatten und die gemeinsame Suche nach Lösungen den spezifischen Geist von Lindau. Bereits im Jahr 1955 hatten beispielsweise 18 Nobelpreisträger die sogenannte Mainauer Kundgebung unterzeichnet, mit der sie gegen einen potenziellen Einsatz atomarer Waffen votierten. Und nicht zuletzt eröffnete der Mitbegründer und Wegbereiter der jährlichen Konferenz, Graf Lennart Bernadotte (†2004), das Treffen im Jahr 1970 mit einem Appell an alle Wissenschaftler der Welt: „Machen Sie beim Wiederaufbau, bei der Pflege und Erhaltung einer gesunden und menschengerechten Umwelt mit“. Auch in diesem Jahr stehen zahlreiche Vorträge und Diskussionen im Zeichen der Nachhaltigkeit, was schließlich in dem die Tagung abschließenden hochkarätigem Forum zu "Energy and Sustainability" am 2. Juli auf der Insel Mainau gipfeln wird.
Energie und Nachhaltigkeit
Die Verantwortung der Wissenschaftler für eine nachhaltige Welt wurde auch von Dennis Gabor (Physiknobelpreis 1971) in seinem Lindauer Vortrag von 1973 "The predicament of mankind" hervorgehoben. Gabor war ein Mitglied des Club of Rome und Co-Autor der Studie „Die Grenzen des Wachstums“. Der Bericht basierte auf einem Computermodell zur Hochrechnung fünf voneinander unabhängiger Variablen bis zum Jahr 2100 – Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung. Laut Gabor erfordert die Zwickmühle, in der die Menschheit zwischen Wachstum und Selbsterhaltung steckt, nicht zuletzt dringend die Suche nach neuen Energieformen und einen Wandel im Energieverbrauch. Er analysierte diverse Energiequellen und drückte seine Hoffnung aus: „Wir Wissenschaftler und Techniker müssen eine neue Technik entwickeln, eine, die ausschließlich unerschöpfliche und sich selbst erneuernde Ressourcen nutzt.“ Seither haben zahlreiche Laureaten diese Thematik aufgegriffen und die Potenziale und Grenzen verschiedener Energiequellen in Lindau diskutiert. Ein spezieller Fokus richtete sich in den jüngsten Jahren auf erneuerbare Energien. 2007 etwa widmete sich Hartmut Michel (Chemienobelpreis 1988) den Biotreibstoffen: „Biofuels – sense or nonsense“; und 2009 beschrieb Walter Kohn (Chemienobelpreis 1998) "An earth powered predominantly by solar and wind energy".
Wissenschaft für die Menschheit
Rita Levi-Montalcini (Medizinnobelpreis 1986) forderte in Lindau 1993 von ihren Zuhörern deren Einsatz zum Schutz der Biosphäre sowie für eine gerechte Welt und skizzierte eine Magna Charta of Duties. Dabei unterstrich sie die Notwendigkeit, dass Industriestaaten Soforthilfe für die armen Länder leisten und sie plädierte für eine Welt völliger Egalität. Da wissenschaftliche Kriterien Entscheidungen wesentlich untermauern können, sei es laut Levi-Montalcine eine besondere Pflicht junger Wissenschaftler, ihrer Deklaration Taten folgen zu lassen. Ihr großartiger Vortrag inspiriert bis heute Nobelpreisträger, die nach Lindau kommen. In diesem Jahr lädt etwa Richard Ernst (Chemienobelpreis 1991) die Nachwuchsforscher ein, "Concepts for a beneficial global future" zu entwickeln; Robert B. Laughlin (Physiknobelpreis 1998) diskutiert, was passiert, "When coal is gone"; und Leland H. Hartwell (Medizinnobelpreis 2001) wird über "Science for humanity" sprechen.
Ein Klima des Wandels
Vor 25 Jahren, 1985, hatten Jonathan Shanklin und Kollegen das Ozonloch entdeckt und damit für Furore gesorgt. Immerhin schirmt die Ozonschicht der oberen Atmosphäre rund 90 Prozent der ultravioletten Sonnenstrahlung vor der Erde ab. Ein wachsendes Loch könnte fatale Folgen haben. Ohne der Entdeckung der Reaktionen von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKWs) und anderer Substanzen mit Ozon aus den 1970er Jahren durch die Chemiker Paul Crutzen, Mario José Molina und Frank Sherwood Rowland (Chemienobelpreise 1995) hätte es wohl nicht so schnell eine Möglichkeit gegeben, das kontinuierliche Wachstum des Ozonlochs einzudämmen. Es waren ihre Entdeckungen, die zum Montreal Protokoll des Jahres 1987 führten. Heute haben 196 Staaten das Protokoll unterzeichnet und damit zahlreiche Chemikalien strikt verboten, die potenziell die Ozonschicht schädigen. Hochrechnungen gehen davon aus, dass bei Einhaltung der Verbote die Ozonschicht über der Antarktis bis 2080 wieder das Niveau der 1950er-Jahre erreichen wird. Vor dem Hintergrund der einmaligen Erfolgsgeschichte, mit der in ihrem Fall wissenschaftliche Erkenntnis schnell zu effektiven Lösungen geführt hat, werden diese drei Nobelpreisträger, die bereits mehrmals in Lindau waren, in diesem Jahr über den Treibhauseffekt, den Klimawandel und die Chancen nachhaltiger Entwicklung in einer von Menschenhand geprägten Welt diskutieren.
Weitere Informationen:
Audiomitschnitt des Vortrags "Magna Charta of Duties" von Rita Levi-Montalcini (Nobelpreis für Medizin oder Physiologie 1986) in Lindau 1993 Zitate aus dem Vortrag: 20:52 "Scientists we believe are henceforth obligated to pay a third of their knowledge by sacrificing a portion of their careers in order to make an informative contribution to the public debate on wider issues of our times on which depends the survival of mankind."
23:04 "The main thesis is something rather new - that is just for young people: The stipulation of a new moral contract between the older and the younger generations based on the principle of the total equality and not as presently based on a paternalistic or hierarchical system and on a worldwide resolution to uphold this contract in view of the above mentioned obligation."
38:20 "Young people here should be well aware of the importance of science and the necessity of science to go on. We cannot stop it unless we want to kill homo sapiens themselves."
Audiomitschnitt des Vortrags "The predicament of mankind " von Dennis Gabor (Physiknobelpreis 1971) in Lindau 1973 Zitate aus dem Vortrag: 9:08 "So what we scientists and technologists must create is a new technology. One which uses only unexhaustible or selve renewing resources."
38:37 "We must realize we are living on an earth which is now becoming too small for us. Applied scientists and technologists must radically reverse their priorities. The first priority is to get our civilization going and not to continue with this irresponsible waisting of energy and material resources."
Vorträge der Nobelpreisträgertagung 2009 als Video on Demand
Christian Rapp
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