18 Nobelpreisträger setzen sich für Raif Badawi ein

Sie schrieben einen offenen Brief an den französischen Universitätspräsidenten der saudi-arabischen KAUST-Universität, um den verurteilten Blogger zu unterstützen.

Diese 18 Nobelpreisträger haben sicherlich intensiv diskutiert, an wen sie ihren Appell richten wollen. Ihre Wahl fiel auf Jean-Lou Chameau, Universitätspräsident an der King Abdullah University of Science and Technology in Dschidda. Sie schreiben, dass „das Gefüge der internationalen Forschungszusammenarbeit zerrissen werden könnte“, wenn die saudischen Forscher nicht bereit sind, dieses Themas anzugreifen. „Wir sind zuversichtlich, dass einflussreiche Stimmen der KAUST-Universität sich für die Meinungsfreiheit und die Freiheit des Widerspruchs einsetzen werden.“ Die arabische Regierung möchte KAUST gerne zu einem wichtigen internationalen Forschungsstandort machen – deshalb berühren solch kaum verhüllte Drohungen möglicherweise einen wunden Punkt.

Badawi war im letzten Jahr zu tausend Peitschenhieben, zehn Jahren Gefängnis und einer hohen Geldstrafe verurteilt worden, weil er eine Website betrieb, die sich für Meinungsfreiheit im autoritär regierten Königreich einsetzte. Am 9. Januar war seine erste öffentliche Auspeitschung mit 50 Peitschenhieben, eine Woche später sollten die nächsten 50 folgen. Der Gefängnisarzt schob diese jedoch auf, weil die Wunden des Gefangenen noch nicht verheilt waren. Diese Logik macht die brutale Absurdität der Prügelstrafe deutlich: Der Verurteilte muss erst genesen, bevor er wieder massiv verletzt werden kann.

Bild von Badawi auf dem Rücken eines Teilnehmers des Trauermarsches in Paris am 11. Januar 2015, der sich gegen den Anschlag auf Charlie-Hebdo richtete und für Meinungsfreiheit eintrat. Foto: Alvaro, Wikimedia

Bild von Badawi auf dem Rücken eines Teilnehmers des Trauermarsches in Paris am 11. Januar 2015, der sich gegen den Anschlag auf Charlie-Hebdo richtete und für Meinungsfreiheit eintrat. Foto: Alvaro, Wikimedia

Als Vertreter der saudi-arabischen Regierung am Pariser Trauermarsch am 11. Januar teilnahmen, der den Anschlag auf das Magazin Charlie-Hebdo verurteilte und gleichzeitig die Meinungsfreiheit hervorhob, ging ein Aufschrei durch die westliche Welt: Dieselbe Regierung, die in Paris marschierte, unterstützt weiterhin das ungerechte Urteil gegen einen prominenten Vertreter der Meinungsfreiheit, nämlich Raif Badawi. Umgekehrt führte die neueste Mohammed-Karikatur in Charlie-Hebdo zu einem Aufschrei in der arabischen Welt – viele wollen in Saudi-Arabien jetzt erst recht nicht mehr über Badawi sprechen. Eine klassische Pattsituation. Hoffentlich können die Nobelpreisträger mit ihrem Brief etwas erreichen. Und jeder von uns kann die Petition von Amnesty International hier unterschreiben.

Der offene Brief der Nobelpreisträger im Original
Dear Professor Chameau,

When the new ‘King Abdullah University of Science and Technology’ was inaugurated in 2009 it was recognised as a visionary attempt to ‘rekindle science in the Islamic world’. To mark the significance of the occasion, His Majesty King Abdullah of Saudi Arabia invited heads of state and Nobel laureates to participate. The undersigned continue to take a profound and sympathetic interest in this visionary undertaking.

As members of the international scientific and scholarly community we owe it to KAUST to assist it in becoming a leading institution for education and research. All such academies have the right to assistance from others, world-wide, and everyone is heavily dependent on receiving that assistance.

We write out of concern that the fabric of international cooperation may be torn apart by dismay at the severe restrictions on freedom of thought and expression still being applied to Saudi Arabian society. We have no doubt that members of KAUST share that concern, aware that the cruel sentence passed, for example, on Mr. Raif Badawi who established a forum for open discussion, sent a shock around the world. We take real hope from the fact that the government of Saudi Arabia, responding to international outcry, is re-considering that sentence.

It is in this context of a new willingness to listen to pleas on behalf of tolerance that we write to you today. We are confident that influential voices in KAUST will be heard arguing for the freedom to dissent, without which no institution of higher learning can be viable. The time is ripe for new thinking after millions in Paris, supported by the government of Saudi Arabia, demonstrated on behalf of minority views. We are aware that change comes by degrees, but we write at this time since it seems, a mere five years into KAUST’s history, to be a crucial time for KAUST. The undersigned friends of KAUST will be there to support you in asserting the values of freedom that we are all agreed are essential to the future of a University in this twenty first century, and that will determine the success of the extraordinary venture which you lead.

Sincerely,

Martin Chalfie, Nobel Laureate, Chemistry, US
John Coetzee, Nobel Laureate, Literature, Australia/South Africa
Claude Cohen-Tannoudji, Nobel Laureate, Physics, France
Richard Ernst, Nobel Laureate, Chemistry, Switzerland
Gerhard Ertl, Nobel Laureate, Chemistry, Germany
Shelly Glashow, Nobel Laureate, Physics, US
Dudley Herschbach, Nobel Laureate, Chemistry, US
Roald Hoffmann, Nobel Laureate, Chemistry, US
Brian Josephson, Nobel Laureate, Physics, UK
Martin Karplus, Nobel Laureate, Chemistry, US
Harold Kroto, Nobel Laureate, Chemistry, UK/US
Yuan Lee, Nobel Laureate, Chemistry, Taiwan/US
Rudy Marcus, Nobel Laureate, Chemistry, Canada/US
John Polanyi, Nobel Laureate, Chemistry, Canada
Richard Roberts, Nobel Laureate, Physiology or Medicine, US
John Sulston, Nobel Laureate, Physiology or Medicine, UK
Jack Szostak, Nobel Laureate, Physiology or Medicine, US
Eric Wieschaus, Nobel Laureate, Physiology or Medicine, US

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Unter den 18 Nobelpreisträgern, die den Brief unterzeichnet haben, gibt es viele, die regelmäßig nach Lindau kommen. Darunter (v.l.n.r.) Richard Ernst, Jack Szostak, Dudley Herschbach (oben), Brian Josephson, Martin Chalfie und Harry Kroto (unten).


 

Image in slider graphic: dreamwhile @ FlickR (CC BY-NC-ND 2.0)

Susanne Dambeck

About Susanne Dambeck

Susanne Dambeck is a science writer in English and German, and author of several nonfiction childrens' books. A political scientist by training, she has worked in politics, television and as a biographer. Apart from scientific findings, she is interested in people and in storytelling in different languages.

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One comment on “18 Nobelpreisträger setzen sich für Raif Badawi ein

  • Ein sehr lobenswertes Engagement! Nebst dem diplomatischen und medialen Druck haben sicherlich auch solche Initiativen dazu geführt, dass das saudische Regime das Auspeitschen Raif Badawis vorerst ausgesetzt hat. Das ist immerhin ein erster kleiner Erfolg.

    Möge der Brief der Nobelpreisträger dazu beitragen, dass Badawi und sein ebenfalls inhaftierter Anwalt freikommen. Denn sie haben sich nur für das eingesetzt, was für die Wissenschaft zwingende Voraussetzung ist: die Möglichkeit, eigene Positionen zu vertreten und Bestehendes in Frage zu stellen.

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